Qualitative Sozialforschung

Vorwort

Herzlich Willkommen zum Reader „Grundlagen der qualitativen Sozialforschung". Der hier dargestellte Lehrtext wurde in dieser Form von der Professur für Mediendidaktik, Universität Augsburg, zusammengestellt und soll interessierten Studierenden sowie Externen einen Einblick in die Begrifflichkeiten, Erhebungs- und Auswertungsmethoden sowie Untersuchungsdesigns qualitativer Forschung geben. Im Detail behandelt der Kurs die Thematik anhand folgender Bausteine:

Aufbau QSF-Kurs

 

Neben diesem Text zum Selbststudium gibt es für Studierende bayerischer Hochschulen die Möglichkeit, kostenlos das Online-Seminar zur qualitativen Sozialforschung über die vhb (Virtuelle Hochschule Bayern; www.vhb.org) zu belegen. In Absprache mit der jeweils zuständigen Studienkanzlei kann das Seminar an vielen bayerischen Hochschulen für ein sozialwissenschaftliches oder pädagogisches Studium angerechnet werden. Partnerhochschule in der Entwicklung dieses Kursangebots war die Universität Regesburg. Hier wird der Studiengang in pädagogischen Studiengängen (Bachelor Erziehungswissenschaften / Diplom- & Magisterstudiengänge Pädagogik) anerkannt.

Wenn Sie nähere Informationen zum Kurs „Grundlagen der qualitativen Sozialforschung" wünschen, so finden Sie diese über den Info-Block "Informationen zum Kurs" links in der Navigation sowie im Vorlesungsverzeichnis der vhb (URL).

Baustein I: Grundzüge qualitativen Forschens

Ziel dieses Bausteins ist es, einen Einblick in die Grundzüge qualitativen Forschens zu erhalten. In einem ersten Schritt werden grundsätzliche Aussagen zum Empiriebegriff zusammengetragen, um dann in einem zweiten Schritt Kenntnisse zu folgenden Fragen der qualitativen Sozialforschung zu erarbeiten: An welche Grenzen stößt die quantitative Forschung? Aus welchen Denktraditionen sind das qualitative Forschen und Denken entstanden? Was sind die wichtigsten Grundlagen der qualitativen Forschung? Mit wel­chen Gütekriterien lassen sich qualitative Forschungsvorhaben wissenschaftlich ab­sichern? Dieser Baustein soll Ihnen damit das Verständnis darüber erleichtern, was man unter qualitativer Forschung versteht und wo ihre Unterschiede zur quantitativen Forschung liegen. Diese Informationen sind eine notwendige Grundvoraussetzung, wenn wir uns in den folgenden Bausteinen mit Erhebungs- und Auswertungsmethoden sowie Untersuchungsdesigns qualitativer Forschung befassen.

 

I: 1. Der Empiriebegriff

Allgemeine Informationen

Definition von Empirie

Der Begriff Empirie (griech. empeiria = Erfahrung) bezeichnet sowohl eine philosophische Strömung (Empirismus) als auch ein bestimmtes Alltags- und Wissenschaftsverständnis. Dabei werden in der Empirie und im Empirismus alle Erkenntnisse allein auf die Beobachtung, also auf gemachte Erfahrungen zurückgeführt. Im Kern gibt es keinen grundlegenden Unterschied zwischen alltäglicher und wissenschaft­licher Erfahrung (Komrey, 2000).1 Unterschiede aber gibt es in der Systematik und in der Zielsetzung: Die Alltagserfahrung ist eher situ­ationsorientiert und zielt meist auf konkretes Handeln ab. Zudem sammelt man Erfahrungen im Alltag eher unsystematisch und Alltags­erlebnisse (Alltagstheorien) bleiben meist implizit. Wissenschaftliche Erfahrung dagegen ist erkenntnisorientiert und zielt auf Verallgemei­nerungen ab, die z.B. durch Abstraktion oder Induktion gewonnen werden. Das Vorgehen, Erfahrungen zu sammeln, unterliegt strengen Regeln. Die durch wissenschaftliche Erfahrungen entstandenen Theo­rien werden grundsätzlich expliziert (vgl. Schubert & Klein, 2001).2

Empiriker

Bekannte Empiristen (oder Empiriker) und Philosophen, die den Empi­rismus in der Antike vertraten, waren Aristoteles und Epikur. In der Neuzeit lassen sich unter anderem folgende Personen als Empiriker bezeichnen: Francis Bacon, Thomas Hobbes, John Locke, George Berkeley, David Hume und John Stuart Mill.

Empirische Wissenschaft

Nach Früh (2001)3 ist die empirische Wissenschaft die systematische und intersubjektiv nachvollziehbare Sammlung, Kritik und Kontrolle von Erfahrungen, womit die Kernelemente noch einmal zusammenge­fasst sind. Empirie ist also der wissenschaftliche Begriff für Forschung im Gegensatz zum rein theoretischen Vorgehen.

Ziel empirischer Wissenschaften

Empirische Wissenschaften machen Aussagen über die Realität, indem sie aus der Beobachtung heraus Theorien ableiten und diese dann wiederum etwa durch Beobachtungen oder Experimente überprüfen. Empirische Wissenschaften wollen Aussagen über die Realität erhalten. Der Erkenntnisgewinn liegt jeder Wissenschaft als Zielset­zung zugrunde. Wissenschaften benötigen stets Theorien (Beschrei­bungen und Erklärungen), Empirie (Tatsachen, Beobachtungen) und Kommunikation (die intersubjektive Überprüfung). Wissenschaftliche Vorgehensweisen zum Erkenntnisgewinn sind dennoch nicht einheit­lich, sondern vielseitig. Insbesondere geht der Empiriker anders vor als der Theoretiker (Stangl 2004).4 „Empirische Wissenschaft soll nicht Glaubenssicherheit vermitteln, sondern die Welt, - so wie sie ist - beschreiben und erklären, soll die Augen für den kritischen Blick auf die Realität öffnen."(Komrey, 2000, S. 15) 5

 

  1. 1. Kromrey, H. (2000).  Empirische Sozialforschung.
  2. 2. Schubert, K., & Klein M. (2006).  Empirie, empirisch, Empirismus.. Das Politiklexikon.
  3. 3. Früh, W. (2001).  Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis.
  4. 4. Stangl, W. (2004).  Grundbegriffe des Empirismus.
  5. 5. Kromrey, H. (2000).  Empirische Sozialforschung.

Zentrale Begriffe & Merkmale

Induktion versus Deduktion

Vereinfacht gesprochen, geht der Empiriker davon aus, dass er nur genügend Einzelbeobachtungen zusammentragen muss, um ein kom­plexes Beziehungsgefüge zwischen den Gegenständen erkennen zu können. Er schließt also vom Besonderen mittels Induktion auf das Allgemeine, ohne bereits Beziehungen oder Erkenntnisannahmen vor­wegzunehmen. Der Theoretiker dagegen geht von seinem theore­tischen Bezugssystem aus und lässt sich danach deduktiv in seinem Forschungsprozess leiten (Deduktion: vom Allgemeinen auf das Be­sondere und von der Theorie zur Empirie). (Stangl, 2004)1

Wissenschaftliche Erkenntnis als Kreismodell

In der Forschungspraxis ist der Erkenntnisfortschritt in den empi­rischen Wissenschaften eher ein Wechselspiel

von Theorie und Em­pirie. Rost (2002)2 beschreibt dabei den Weg der theoretischen Kon­zeptionen hin zu einer empirischen Beobachtung als Deduktion und in Ergänzung dazu den Weg von der Empirie hin zu einer Theorie als Induktion. Das sinnvolle Zusammenspiel im Rahmen des Kreismodells nach Rost löst den philosophischen Disput zwischen den Positionen des Empirismus und Rationalismus auf und erkennt die praktizierten Asymmetrien zwischen induktiven und deduktiven Prozessen an.

Kreislaufmodell

 

 

  1. 1. Stangl, W. (2004).  Grundbegriffe des Empirismus.
  2. 2. Rost, J. (2002).  Zeitgeist und Moden Empirischer Analysemethoden. Von Generation zu Generation. 8, 21-30.

Zwei Grundkonzepte

Tatsächlich gibt es in der aktuellen Diskussion eine Vielfalt von Empirie-Begriffen in der Literatur (vgl Hug, 2001).1 Allerdings lassen sich dabei grob zwei Grundkonzepte oder Strömungen unterscheiden: das Landkartenmodell und das Beobachtermodell.

Das Landkartenmodell

Beim Landkartenmodell wird von einer existierenden Wirklichkeit ausgegangen, in der der Forschungsprozess, ähnlich der Entdeckung fremder Kontinente, sukzessiv erforscht wird. Dabei ist bereits ein Teilwissen über Ausschnitte des Gebiets vorhanden, die Forschung kümmert sich um die bislang unerforschten „weißen Flecken" des Gesamtgebietes (König & Bentler, 1997, zit. nach Hug, 2001).2 Daten und Fakten der Forschung sind unabhängig (intersubjektiv) vom Wissenschaftler vorhanden; es geht darum, die an sich vorhandenen Objekte oder Teilwirklichkeiten zu entdecken, zu erklären und zu verstehen.

Das Beobachtermodell

Dem Beobachtermodell zufolge sind Daten und Fakten im Forschungs­gegenstand nicht „an sich gegeben", sondern werden erst im Licht spezifischer historischer, kultureller oder gesellschaftlicher Kontexte von einem wissenschaftlich Forschenden realisiert. Aus dieser Perspektive wird Forschen zu einer Form der Wirklichkeitskonstruktion - im Gegensatz zum Versuch des Landkartenmodells, die Wirklichkeit möglichst real und naturgetreu aufzuzeigen (vgl. Hug, 2001).3

 

  1. 1. vgl.Hug, T. (2001).  Erhebung und Auswertung empirischer Daten. Wie kommt Wissenschaft zu Wissen?. 11-29.
  2. 2. König & Bentler, 1997, zit. nachHug, T. (2001).  Erhebung und Auswertung empirischer Daten. Wie kommt Wissenschaft zu Wissen?. 11-29.
  3. 3. vgl.Hug, T. (2001).  Erhebung und Auswertung empirischer Daten. Wie kommt Wissenschaft zu Wissen?. 11-29.

Vor- & Nachteile

Vorzüge und Grenzen der empirischen Wissenschaft

Der entscheidende Vorzug der Empirie ist, dass jegliche Erkenntnis aus unmittelbar gewonnen Eindrücken abgeleitet wird. Gleiche Erfah­rungen und Gegebenheiten hinterlassen allerdings bei unterschied­lichen Menschen oft einen unterschiedlichen Eindruck. Demnach bein­halten Erfahrungen offensichtlich auch eine subjektive Komponente. Die Erfahrung mit einer Begebenheit oder einem Gegenstand wird von verschiedenen Menschen in unterschiedlicher Weise erlebt und inter­pretiert. Durch diese subjektive Komponente ergeben sich Grenzen der empirischen Wissenschaft, die es anzuerkennen gilt.

Anforderungen an empirische Wissenschaft

Im Forschungsprozess selbst sollte man deshalb mittels geeigneter Methoden eine systematische und nachvollziehbare Erfahrungssitua­tion herbeiführen und das Vorwissen des Wissenschaftlers ausreichend explizieren und offen legen. Das Erkenntnisinteresse, die Frage­stellung und der Untersuchungsprozess, also der Erkenntnisgewinn, müssen exakt dargestellt werden.

 

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Vorgestellt wurde der Empiriebegriff als philosophische Strömung und als Wissenschafts- und Alltagsverständnis. Das Hauptmerkmal der empirischen Forschung liegt darin, dass alle Erkenntnisse auf ge­machte Erfahrungen zurückzuführen sind. Hierin ist der Vorteil und die Besonderheit der empirischen Forschung und zugleich die Grenze zu sehen. Das Ziel empirischer Wissenschaft ist es, die Welt zu erklären und zu beschreiben. Ein empirisch vorgehender Wissenschaftler schließt mittels Induktion vom beobachteten Einzelfall auf allgemeine Erkenntnisse. Ein Theoretiker dagegen wählt den umgekehrten Weg und nähert sich über allgemein gültige Aussagen an das Besondere an. Beide Erkenntniswege lassen sich in einem Kreismodell verbinden. Exemplarisch für eine Vielzahl der Empirie-Begriffe wurde das Land­karten- und das Beobachtermodell unterschieden. Die Grenzen quali­tativer Forschung werden durch die subjektive Komponente der Beo­bachtungen gekennzeichnet. Mittels geeigneter Methoden (Explikation des Vorwissens, exakte Dokumentationen) sollte eine systematische und nachvollziehbare Erfahrungssituation im Forschungsprozess sichergestellt werden.

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  • Atteslander, P.. (1991). Methoden der empirischen Sozialforschung (S. 16 - 18). Berlin, New York: Walter de Gruyter.

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I: 2. Grenzen der quantitativen Forschung

Quantitative Forschung

Quantitative Forschung zielt auf objektive Erkenntnisse ab, die am besten durch experimentelle Studien bzw. durch Beobachtung und Messung gewonnen werden. Ziel quantitativer Forschung ist es, ver­allgemeinernde Erklärungen und allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten zu liefern. Dabei sollen „Phänomene in ihrer Häufigkeit und Verteilung bestimmt werden" (Flick, 1995, S. 11).1 Bei quantitativer Forschung werden subjektive Aspekte seitens des Forschers und des „Be­forschten" weitgehend ausgeklammert. Im Folgenden werden Grenzen quantitativer Sozialforschung kurz dargestellt.

  1. 1. Flick, U. (1995).  Qualitative Forschung.

Grenzen quantitativer Forschung

Eine Grenze quantitativer Forschung liegt in der globalen Betrachtung einer möglichst großen Zahl von Fällen. Individuelle Besonderheiten werden dabei zugunsten genereller Tendenzen vernachlässigt. Insge­samt zielt die quantitative Forschung darauf ab, Aussagen über bereits bestehende Strukturen zu ermöglichen, die aus durchgeführten Mes­sungen, Numerisierungen und Kategorisierungen gewonnen werden.

Forschungsfrage versus Hypothese

Die quantitative Forschung beginnt stets mit einer Hypothese, also einer aus der Fragestellung abgeleiteten Annahme, die man unmittel­bar untersuchen (operationalisieren) kann. Qualitative Forschung da­gegen kann auch mit weniger präzisierten Fragen beginnen - z.B. dann, wenn eine Studie eher explorativen Charakter hat. Es muss jedenfalls keine Hypothese im Sinne der quantitativen (oder experi­mentellen) Forschung vorliegen - wohl aber eine Forschungsfrage.

Subjektivität

Trotz aller methodischer Kontrollen ist es für die quantitative For­schung nicht möglich, sich von Interessen oder kulturellen und sozialen Hintergründen vollständig zu befreien. Bei der Formulierung von Fragestellungen und Hypothesen ist die Interpretation von Zu­sammenhängen und Daten durch den Forscher niemals völlig aus­geklammert (Flick, 1995).1 Dies bedeutet, dass bei quantitativer Forschung Subjektivität als „Störfaktor" gesehen wird. Die qualitative Forschung dagegen berücksichtigt genau diese subjektive Perspektive als wichtigen Bestandteil des Forschungsprozesses.

 

  1. 1. Flick, U. (1995).  Qualitative Forschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Infoblock 2 zeigt die Grenzen quantitativer Forschung auf: Während quantitative Forschung auf umfassende Erkenntnisse abzielt, beschäftigt sich qualitative Forschung gezielt mit Einzelphänomenen. Ein weiterer begrenzender Faktor stellt die Subjektivität des Forschers und des Forschungsgegenstandes dar.

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  • Diekmann, A. (2004). Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

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I: 3. Geschichte qualitativen Denkens und der qualitativen Forschung

Qualitatives Denken

Qualitative Sozialforschung sucht den Sinn der Dinge, deren inneres Wesen, zu erfassen und zu verstehen. Die Wurzeln dieser qualitativen Denktradition reichen bis zu Aristoteles zurück, der als der Urvater qualitativen Denkens bezeichnet wird. Auch Gianbattista Vico gilt als ein Vorläufer der qualitativen Denkweise. Ein ganzer wissenschaft­licher Strang qualitativer Denktradition ist zudem in der Hermeneutik und deren zahlreichen Vertreter von Spinoza bis Dilthey zu finden. Grundsätzlich lassen sich zwei Traditionen in der qualitativen Denk­weise unterscheiden: die galileische und die aristotelische Tradition.

Derzeitige Position der qualitativen Forschung

In der geschichtlichen Entwicklung der qualitativen Forschung kam es bereits in den Anfängen des 20. Jahrhunderts in Deutschland zu ersten Studien. Nach Diskussionen bezüglich der qualitativen Forschung in den 1970er Jahren folgte eine Entwicklung eigener Methoden in der qualitativen Forschung, die schließlich zu einer Konsolidierung von Verfahrensfragen führte. Seit den 1980er Jahren gehört die qualitative Forschung zum festen Bestandteil der empirischen Sozialforschung (Flick, 2002, S. 26).1

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Wurzeln qualitativen Denkens

Aristoteles

Während sich die Denktradition nach Galileo Galilei (1564 - 1642) ganz auf die allgemeinen Naturgesetze stützt und sich auch bei Descartes (1596 - 1650) diese Gedanken finden, sucht Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) den Sinn, die innere Bedeutung der Dinge zu erfassen. So lässt sich das Wissenschaftsverhältnis nach Aristoteles durch folgende Sichtweise beschreiben: Alle Forschungsgegenstände sind historischen Gegebenheiten ausgesetzt, unter denen sie Ver­änderungen und Entwicklungen durchlaufen. Aristoteles nennt dies das Werden und Vergehen.

Grundlage für Einzelfallanalysen

Nach Aristoteles sind auch Werturteile in einer wissenschaftlichen Analyse möglich. Sowohl die deduktive Herangehensweise, also die Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen, als auch die In­duktion sind im aristotelischen Wissenschaftsverständnis erlaubt. Nur durch die Akzeptanz des induktiven Vorgehens, also des Schließens vom Besonderen auf das Allgemeine, ist die Grundlage für sinnvolle Einzelfallanalysen gegeben (vgl. Mayring, 2002).1 Mit Aristoteles wird deutlich, dass die Erforschung des Menschen bzw. der menschlichen Seele nur über qualitative Vorgehensweisen möglich ist. Andere Vor­gehensweisen sind dabei weder zielführend noch ausreichend, aber durchaus zur Ergänzung (im Sinne einer Verschränkung oder Misch­form der qualitativen und quantitativen Forschung) einsetzbar.

Vico

Ebenfalls als Vorläufer des qualitativen Denkens ist Gianbattista Vico (1668 - 1744) zu nennen. Vico geht davon aus, dass das Praktisch-Wahre keine allgemeine (universale) Gültigkeit besitzt und sich auch nicht aus „ersten Wahrheiten" deduzieren lässt. Darüber hinaus gelten räumliche und zeitliche Einschränkungen; das Handeln hängt von wechselnden und unbegrenzten Handlungszusammenhängen ab. Vico formuliert 1725 das Programm einer „neuen Wissenschaft", in dem er die Grundlagen für ein geisteswissenschaftliches, verstehendes, histo­risches und auf den Einzelfall orientiertes Denken vorstellt. Dieses Denken zielt nicht auf die Formulierung gültiger Naturgesetze ab, sondern auf die Differenzierung spezifischer praktischer Regeln.

Hermeneutik

Als eine weitere Wurzel für das qualitative Denken und damit auch für die qualitative Sozialforschung ist die Hermeneutik anzuführen. Die „Kunst der Auslegung" findet man beispielsweise in der Theologie (Auslegung der heiligen Schrift) und in der Rechtswissenschaft (Inter­pretation von Gesetzestexten). In der Hermeneutik geht man davon aus, dass alles was von Menschen hervorgebracht wird (Texte, Musik, Kunstgegenstände, Filme etc.) immer mit subjektiven Bedeutungs­mustern und subjektiven Sinnkonstruktionen verbunden ist. Eine reine Betrachtung von außen führt daher nicht zu einem Verstehen des Gegenstandes. Nur über die Interpretation lässt sich der subjektive Sinn Stück für Stück im Forschungsprozess erschließen. „Das Verstehen und Deuten ist die Methode, welche die Geisteswissenschaft erfüllt. Alle Funktionen vereinigen sich in ihm. Es enthält alle geis­teswissenschaftlichen Wahrheiten in sich. An jedem Punkt öffnet das Verstehen eine Welt" (Dilthey, 1985, zit. nach Mayring, 2002, S. 14).2

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Dilthey, 1985, zit. nach Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Qualitatives Denken ist keine neue Erfindung, sondern reicht weit in die Geschichte zurück. Die Wurzeln des qualitativen Denkens zeichnen sich insgesamt durch ein geisteswissenschaftliches, verstehendes, historisches, einzelfallorientiertes und differenzierendes Denken aus. Ausgehend von Aristoteles sind diese Merkmale auch bei Vico und den Vertretern der Hermeneutik zu finden.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Wenturis, N. (1992). Methodologie der Sozialwissenschaften. Tübingen: Francke.

 

 

I: 4. Grundlagen qualitativen Denkens und Forschens

Grundlagen qualitativen Denkens

Aus den qualitativen Forschungsansätzen nach Mayring (2002)1 lassen sich fünf Postulate ableiten, welche die Grundlagen der qualitativen Denkweise auf einen gemeinsamen Nenner bringen und das Grund­gerüst qualitativen Denkens darstellen. Nach Mayring sollen diese Postulate zu einem verstärkten Einsatz qualitativen Denkens im Forschungs- und Erkenntnisprozess beitragen.

Postulat 1: Subjekt

Der Forschungsgegenstand der Sozialwissenschaften ist immer der Mensch als Subjekt. Das Untersuchungsvorhaben muss seinen Ausgangspunkt und sein Ziel bei den betroffenen Personen haben. Ein direkter und offener Zugang zu den von der Forschung betroffenen Personen ist die beste Garantie, um mögliche Abweichungen vom Subjekt sofort zu bemerken. Die Subjektorientierung ist eine zentrale Forderung qualitativen Denkens.

Postulat 2: Deskription

Vor der Analyse und/oder Erklärung eines Forschungsgegenstandes sollte dieser immer erst genau und umfassend beschrieben werden (Deskription). Auf diesem Wege wird auch der Kontext der Forschung dargestellt.

Postulat 3: Interpretation

Ein Untersuchungsgegenstand ist nie völlig offengelegt, wenn er nicht auch interpretiert wird. Diese Interpretationsleistung steht in einem engen Zusammenhang mit dem hermeneutischen Sinnverstehen. Die tiefere Bedeutung eines Forschungsbereichs wird also erst durch eine Interpretation erschlossen.

Postulat 4: Alltag

Ausgehend von der Erkenntnis, dass Menschen in konstruierten und im Labor stattfindenden Versuchssituationen anders reagieren als in ihrer täglichen Lebenssituation, sollten Untersuchungen in weitgehend natürlichen Arbeits- oder Alltagssituationen erfolgen. Allerdings bringt selbst dieser Zugang Verzerrungen mit sich. Die natürliche Situation ist dadurch gegeben, das z.B. ein Interview in der Wohnung des Interviewpartners stattfindet. Wird das Interview allerdings auf Video aufgezeichnet, so kann die ungewohnte Anwesenheit der Kamera den Befragten in seinen Äußerungen hemmen oder einschüchtern.

Postulat 5: Verallgemeinerungsprozess

Der Verallgemeinerungsprozess im Anschluss an eine Untersuchung, in der von erarbeiteten Ergebnissen auf allgemeine Erkenntnisse geschlossen wird, muss argumentativ begründet werden; d.h. es muss erörtert werden, warum diese Ergebnisse auch für andere Situationen und Zeiten gelten sollen. Oder es muss deutlich gemacht werden, in welchem Fall, für welche Situation und in welcher Zeit die Ergebnisse Gültigkeit besitzen.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

13 Säulen des qualitativen Denkens

Um diese Postulate zu konkretisieren und für den Forschungsprozess handhabbar zu machen, erweitert Mayring (2002)1 die fünf Postulate der Theorieebene zu 13 Säulen qualitativer Forschung. Diese lauten wie folgt:

(1) Einzelfallbezogenheit

Ergebnisse und Verfahrensweisen können sich von einzelnen Fällen wegbewegen, sie müssen aber immer wieder auf Einzelfälle bezogen werden. Dies sollte auch bei größeren Stichproben geschehen; an ihnen wird immer wieder die Adäquatheit der Verfahrensweisen und die Ergebnisinterpretation überprüft. Einzelfallanalysen können eigene Fragestellungen verfolgen. Es können anhand einzelner Fälle Theorien widerlegt, Alternativerklärungen verglichen und Interaktions- und Kontextannahmen überprüft werden.

(2) Offenheit

Falls der Gegenstand der Forschung eine Neufassung, Ergänzung oder gar Revision erfordert (bezogen auf theoretische Strukturierung, Fragestellungen oder Methoden), so muss dies möglich sein. Der For­schungsprozess sollte also dem Gegenstand gegenüber so offen ge­halten werden, dass notwendige Änderungen problemlos möglich sind.

(3) Methodenkontrolle

Um das Ergebnis nachvollziehbar zu machen, muss man den Weg, der zum Ergebnis geführt hat, offen legen. Das Vorgehen muss zum einen expliziert werden und zum anderen begründeten Regeln folgen. Dabei gilt: Je offener das Verfahren, desto genauer muss jeder einzelne Schritt des Vorgehens im Forschungsprozess beschrieben werden. Offene Verfahren werden abgesichert, indem sie nach einer syste­matischen Prozedur ablaufen.

(4) Vorverständnis

Humanwissenschaftliche Gegenstände müssen immer interpretiert werden, wobei diese Interpretationen nie voraussetzungslos möglich sind. Das Vorverständnis des Forschers beeinflusst die Analyse. Um den Einfluss des Vorverständnisses auf den Forschungsprozess über­prüfbar zu machen, ist die Offenlegung des Vorverständnisses notwendig; erst danach kann es sich am Forschungsgegenstand selbst weiterentwickeln und überprüfbar sein. Dieses Vorgehen ist als „hermeneutischer Zirkel" oder „hermeneutische Spirale" bekannt.

(5) Introspektion

Introspektion bedeutet die Analyse des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Die Anerkennung introspektiver Daten ist ein möglicher Zugang zu bestimmten Phänomenen, wird aber bezüglich seiner Gültigkeit für die Forschung als wissenschaftliche Methode kontrovers diskutiert. In der qualitativen Sozialforschung ist die Introspektion unerlässlich, da sonst die Explikation des Vorverständnisses und die Interpretation eines Gegenstandes nicht möglich wären. Bei der Analyse werden auch introspektive Daten als Informationsquelle zugelassen. Sie müssen jedoch als solche ausgewiesen, begründet und überprüft werden.

(6) Forscher-Gegenstands-Interaktion

Forscher und Forschungsgegenstand verändern sich durch den For­schungsprozess, der als Interaktion zu begreifen ist. In der So­zialforschung handelt es sich um auf Forschung reagierende, sich verändernde Subjekte. Daten gewinnt man nur durch Kommunika­tionsprozesse, die immer auch subjektive Deutungen sind und in Dia­logform ablaufen.

(7) Ganzheit

Eine analytische Trennung in menschliche Funktions- bzw. Lebens­bereiche kann während eines Forschungsprozesses sinnvoll sein, sie muss aber immer wieder zusammengeführt und in einer ganzheit­lichen Betrachtung interpretiert und korrigiert werden. Die einzelnen menschlichen Funktionsbereiche (Denken, Fühlen, Handeln) und Le­bensbereiche (Gesellschaft, Beruf, Familie, Freundeskreis) sind nur als analytische Differenzierungen zu betrachten, die stets auf das Ganze zurückbezogen werden müssen.

(8) Historizität

Humanwissenschaftliche Gegenstände haben eine Geschichte und können sich verändern. Um einem Gegenstand gerecht zu werden, muss dieser nach dem qualitativen Denkmuster immer auch historisch betrachtet werden. Verallgemeinerungen, die historische Kontexte ganz oder teilweise ausblenden, müssen sorgfältig überprüft werden, um keine Fehldeutungen zu leisten.

(9) Problemorientierung

Humanwissenschaftliche Untersuchungen sollen direkt an praktischen Problemstellungen des Forschungsbereichs ansetzen und schließlich deren Ergebnisse auch wieder auf diese Praxis beziehen.

(10) Argumentative Verallgemeinerung

Bei der Verallgemeinerung der Ergebnisse humanwissenschaftlicher Forschung muss expliziert und begründet werden, welche Ergebnisse auf welche Situationen, Bereiche und Zeiten generalisiert werden können.

(11) Induktion

Im qualitativen Denken wird induktives Vorgehen explizit eingesetzt, um zu Ergebnissen zu gelangen. Die Ergebnisse sind aufgrund der Offenlegung des Forschungsprozesses überprüfbar und kontrollierbar. In sozialwissenschaftlichen Untersuchungen spielen induktive Verfah­ren zur Stützung und Verallgemeinerung der Ergebnisse eine zentrale Rolle.

(12) Regelbegriff

Anders als die Naturgesetze in den Naturwissenschaften wird das menschliche Denken, Fühlen und Handeln vom Menschen selbst hervorgerufen. Dabei sind unterschiedliche oder gegensätzliche Be­wertungen von Empfindungen durchaus möglich und wahrscheinlich, auch wenn sich dabei gewisse Regelmäßigkeiten erkennen lassen. Im humanwissenschaftlichen Gegenstandsbereich werden daher Gleich­förmigkeiten nicht mit allgemeingültigen Gesetzen, sondern besser mit kontextgebundenen Regeln abgebildet.

(13) Quantifizierbarkeit

Qualitativ orientierte Untersuchungen können die Voraussetzung darstellen für sinnvolle Quantifizierungen der Ergebnisse. Mit der Quantifizierung kann ein Schritt zur Absicherung und Verallgemeiner­barkeit der Ergebnisse geschaffen werden.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die aufgezeigten fünf Postulate der qualitativen Forschung sind folgende: Subjekt, Deskription, Interpretation, Alltag und Verallgemei­nerungsprozess. Diese fünf Postulate spiegeln die Grundlagen des qualitativen Denkens wieder. Um dieses Grundgerüst auch praktisch in die qualitative Forschung mit einbeziehen zu können, erweitert Mayring diese fünf Postulate und formuliert daraus die 13 Säulen qualitativen Denkens. Diese sollen im Forschungsprozess konkret handhabbar sein und gewährleisten, dass das qualitative Denken verstärkt in den Forschungs- und Erkenntnisprozess einfließt.

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  • Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung (S. 19 - 39). Weinheim: Beltz.

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I: 5. Gütekriterien der qualitativen Forschung

Bedeutung von Gütekriterien in der qualitativen Forschung

Um empirische Untersuchungen zu einem sinnvollen Abschluss zu bringen, wird die Qualität der Forschungsergebnisse insbesondere in qualitativ angelegten Forschungsprojekten mittels Gütekriterien abge­sichert. Die Gütekriterien müssen den Methoden angemessen sein.

Sechs allgemeine Gütekriterien

Aus den methodenspezifischen Gütekriterien lassen sich deutlich Überschneidungen erkennen, die sich in folgenden sechs allgemeinen Gütekriterien qualitativer Forschung zusammenfassen lassen: Ver­fahrensdokumentation, argumentative Interpretationsabsicherung, Regelgeleitetheit, Nähe zum Gegenstand, kommunikative Validierung, Triangulation. Diese sechs allgemeinen Gütekriterien werden im Folgenden näher erläutert (Mayring, 2002).

 

Verfahrensdokumentation

Ergebnisse ohne die Dokumentation, wie diese Ergebnisse gewonnen worden sind, sind aus wissenschaftlicher Sicht wertlos. Da in quan­titativer Forschung Techniken und Messinstrumente standardisiert vorgegeben sind, reicht meist der Hinweis auf die angewendete Technik und die genutzten Messinstrumente aus. In der qualitativen Forschung ist das Verfahren direkt auf den jeweiligen Gegenstand bezogen. Um also zu Ergebnissen zu kommen, werden teils eigene Methoden speziell für die Untersuchung entwickelt oder Methoden miteinander kombiniert. Um wissenschaftliche Ansprüche zu erfüllen, muss die angewandte Vorgehensweise im Detail dokumentiert wer­den, damit der Forschungsprozess für andere nachvollziehbar ist. Dokumentiert werden muss das Vorverständnis, die Zusammen­stellung des Analyseinstrumentariums und die praktische Umsetzung der Datenerhebung und -auswertung.

 

Argumentative Interpretationsabsicherung

Es wurde bereits mehrfach auf die Bedeutung der Interpretation im qualitativen Forschungsprozess hingewiesen. Der Zugang zum For­schungsgegenstand erfolgt über die Interpretation des Forschers. Anders als z.B. mathematische Lösungen lassen sich Interpretationen im engeren Sinn nicht überprüfen. Um die im Forschungsprozess angestellten Interpretationen dennoch bezüglich ihrer Qualität ein­schätzen zu können, gilt in der qualitativen Forschung folgende Regel: Interpretationen werden nicht gesetzt, sondern müssen argumentativ begründet werden. Bei der argumentativen Begründung muss zu­nächst das Vorverständnis adäquat mit der jeweiligen Interpretation übereinstimmen, damit deren Deutung theoriegeleitet ist. Des Weiteren muss die Interpretation in sich selbst schlüssig sein, mögliche Brüche müssen erklärt werden. Alternativdeutungen und deren Überprüfung tragen zu einer argumentativen Interpreta­tionsabsicherung bei. Auch Widerlegungen oder Negativdeutungen können die Interpretation absichern und zu deren Geltungsbegrün­dung beitragen.

Regelgeleitetheit

Die Offenheit und Variationsmöglichkeiten in der qualitativ orientierten Forschung dürfen weder willkürlich noch unsystematisch umgesetzt werden. Qualitative Forschung muss sich an bestimmte Vorgehens­weisen, Regeln und an ein systematisches Vorgehen halten. Für die Analyse bedeutet das, einzelne Analyseeinheiten festzulegen, die systematisch und schrittweise bearbeitet werden. Die Dokumentation dieser regelgeleiteten Vorgehensweise lässt sich über Ablauf- oder Prozessmodelle, welche den Forschungsprozess aufzeigen, sinnvoll erfüllen. Die Zerlegung des Gesamtprozesses in Einzelschritte ermög­licht das systematische Vorgehen. Entscheidend bei dem Vorgehen ist nicht, dass die vorgegebenen Regeln und Analyseeinheiten starr bei­behalten werden; wenn die Untersuchung eine Anpassung der Regeln, erfordert, so ist dies zu tun und zu dokumentieren.

Nähe zum Gegenstand

Eigentlich gilt für jede Art von Forschung der Grundgedanke, dass eine Nähe zum Gegenstand und damit eine Gegenstandsangemessenheit gegeben ist. Qualitative Forschung erfüllt diesen Anspruch, indem sie direkt in der Alltagswelt der untersuchten Personen ansetzt. Anstatt die „Forschungssubjekte" in ein Labor zu holen, begibt sich der Forscher selbst vor Ort in das natürliche Lebensfeld der Personen. Die gemeinsame Arbeit zwischen Forscher und Forschungssubjekt beruht auf einem gegenseitigen und offenen Verhältnis. Der Forscher legt seine Absichten offen und setzt nicht auf „Täuschung" der Personen, wie das z.B. bei Experimenten der Fall ist. Der Forscher und die beforschten Personen verfolgen ein gemeinsames Interesse, wodurch eine größtmögliche Nähe zum Gegenstand erreicht wird. Zum Abschluss einer Untersuchung ist immer noch einmal zu prüfen, inwieweit es gelungen ist, Forschung für die Betroffenen zu machen.

Kommunikative Validierung

Eine Möglichkeit, die Gültigkeit von Ergebnissen zu überprüfen, liegt in der kommunikativen Validierung. Damit ist die Rückspiegelung der Ergebnisse an die Betroffenen selbst gemeint. Die Ergebnisse werden überprüft, indem Forscher und Beforschter gemeinsam über die Er­gebnisse diskutieren. Bestätigen die Beforschten die erarbeiteten Ergebnisse und finden sich selbst darin wieder, kann man davon ausgehen, dass diese Ergebnisse eine gewisse Gültigkeit besitzen. Allerdings darf keine Analyse an dieser Stelle stehen bleiben, da sonst die subjektiven Bedeutungskonstruktionen der Befragten als allge­meingültig gelten würden. Weitere und ergänzende Interpretationen sind also wichtig. Die kommunikative Validierung macht deutlich, welche Rolle die beforschten Personen in diesem Kontext erhalten: Sie sind nicht nur Versuchsobjekte oder Datenlieferanten, sondern werden als Kompetenzträger und denkende Subjekte auf eine Ebene mit dem Forscher gestellt. Die Arbeit findet gemeinsam und im Dialog statt, aus dem wiederum wichtige Erkenntnisse zur Interpretation und Absicherung der Ergebnisse gewonnen werden können.

Triangulation

Durch die Verbindung mehrerer Analyseschritte kann die Qualität der qualitativen Forschung verbessert werden. „Triangulation meint immer, dass man versucht, für die Fragestellung unterschiedliche Lösungswege zu finden und die Ergebnisse zu vergleichen" (Mayring, 2002, S. 147)1. Es können also verschiedene Datenquellen verglichen werden, unterschiedliche Autoren, Meinungen, Theorieansätze oder Methoden, um zu möglichen Lösungen zu kommen. Das Ziel dabei ist nicht die Übereinstimmung, sondern die Möglichkeit, Stärken und Schwächen der jeweiligen Analysewege aufzuzeigen. Dabei ist die Ver­bindung von qualitativen und quantitativen Analyseverfahren möglich.

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Es lassen sich nicht für alle Forschungsvorhaben allgemeingültige Kriterien oder Maßstäbe definieren. Im Gegenteil. Die Maßstäbe müssen zum Vorgehen und dem angestrebten Ziel der Forschung passen, was wiederum flexible und in Prozessen der Begründung und Diskussion erarbeitete Kriterien verlangt. Dabei kommen sechs all­gemeine Gütekriterien zum Einsatz, nämlich die Verfahrensdoku­mentation, die argumentative Interpretationsabsicherung, die Regel­geleitetheit, die Nähe zum Gegenstand, die kommunikative Vali­dierung und die Triangulation. Bei der Entwicklung von qualitativen Forschungsdesigns sind diese ernst zu nehmen und zu beherzigen. Alle 6 Kriterien sollen einen Beitrag zur Absicherung des For­schungsvorhabens und dessen Ergebnis leisten.

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Baustein II: Erhebungsmethoden

Worum geht es in dem Baustein?

Ziel dieses Bausteins ist die Beschreibung von Methoden, die zur Informationsgewinnung (oder Datenbeschaffung) über Teil-Aspekte der Realität eingesetzt werden können. Sie konkretisieren sich durch bestimmte Datenerhebungsinstrumente wie mündliche Inter­views, Erzählungen, Gruppenverfahren, Beobachtungsverfahren, schriftliche Befragung und Dokumentenanalyse. Der Baustein soll deutlich machen, welche Erhebungsmethoden es gibt, welche dieser Methoden in welchen Situationen auszuwählen sind, und wie die einzelnen Methoden nach Datenart, Aufwand, Vorgehensweise, Vor- und Nachteile sowie Struktur beurteilt werden können. Es werden im Folgenden diejenigen Erhebungs­methoden beschrieben, die zu qualitativen Daten führen. Das heißt: Eine Reichhaltigkeit der Datenqualität ist gewährleistet, eine Perspektivenvielfalt ist möglich, eine Pluralität der Zugänge (Mehrdimensionalität) über verbalen-, nonverbalen- und paraverbalen Aus­druck etc. ist gegeben, der Forscher ist tief in den Prozess der Datenerhebung einge­bunden und eine Vertiefung im Datenerhebungsprozess z.B. über Nachfragen ist möglich. Erhebungsverfahren, die zu quantitativen Daten führen und für die statistische Auswer­tungsmethoden (z.B. Häufigkeiten, schließende Statistik) zur Anwendung kommen, wer­den nicht beschrieben.

II: 1. Interview

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Das qualitative Interview ermöglicht es, subjektive Sichtweisen von Akteuren zu ermitteln, z.B. über vergangene Ereignisse, Meinungen oder Erfahrungen. Die Besonderheit qualitativer Befragungstechniken liegt darin, dass der Gesprächsverlauf weniger vom Interviewer und dafür stärker vom Interviewten gesteuert und gestaltet wird, womit tiefere Einblicke möglich werden (Bortz & Döring, 1995, S. 283)1.

Die Rolle des Interviewers

Offene (qualitative) Befragungen sind nach Bortz und Döring (1995, S. 283)2 im eigentlich Sinne keine Interviews, da das typische Frage-Antwort-Muster fehlt. Dies ist jedoch eine Beurteilung aus der Sicht der quantitativen Forschung. Richtig allerdings ist, dass der Interviewer im qualitativen Interview nicht die Rolle des distanzierten „Befragers" innehat, sondern eher die eines engagierten, wohlwollenden und emo­tional beteiligten Gesprächspartners, der es versteht auf die Reaktio­nen seines Gegenübers einzugehen, und diese reflektiert. Der Forscher ist somit selbst „Erhebungsinstrument", d.h. seine Gefühle, Gedanken und Reaktionen werden gründlich notiert und können in den Analysen berücksichtigt werden.

 

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Standardisierungsgrade

Interviews können in unterschiedlichen Standardisierungsgraden durchgeführt werden, d.h. von nicht-standardisiert über halb-stan­dardisiert bis hin zu vollständig standardisiert. Zu den qualitativen Erhebungsverfahren zählen nur die beiden Erstgenannten. Entschei­dend ist, dass keine Antwortvorgaben vorliegen, d.h. der Befragte immer frei auf eine gestellte Frage antworten kann. Dies kann auch eine Ja/Nein Antwort sein, beinhaltet aber immer die Möglichkeit, die Antwort zu ergänzen.

Nicht-standardisiertes Interview

Beim nicht-standardisierten (offenen) Interview ist keine Fragenabfolge festgelegt, das heißt: Sowohl die Frageformulierung als auch die Ab­folge der Fragen werden dem Interviewer überlassen. Es wird nur ein Rahmenthema vorgegeben und der Befragte soll möglichst ohne Ein­flussnahme sprechen.

Halb-standardisiertes Interview

Beim halb-standardisierten Interview ist die Frageformulierung festge­legt, nicht aber, wann die Fragen gestellt werden müssen. Man nennt dies auch ein Leitfadeninterview (Bortz & Döring, 1995, S. 289).1 Hier besteht die Möglichkeit, die Fragen so zu stellen, dass sie in den sich entwickelnden Gesprächsverlauf passen.

Standardisiertes Interview

Beim standardisierten Interview sind die Formulierung der Fragen, ihre Reihenfolge sowie die Antwortmöglichkeiten und das Interviewerver­halten genau festgelegt. Diese Dimension ist für die Differenzierung zwischen qualitativen und quantitativen Formen der Befragung konsti­tutiv. Durch den Aspekt der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten erhält man quantitative Daten. Aus diesem Grund wird dies nicht weiter aus­geführt.

 

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Weitere Dimensionen zur Definition

Schriftlich oder mündlich?

Qualitative Befragungen werden selten schriftlich durchgeführt, da Untersuchungs-teilnehmer eher zu mündlichen Äußerungen bereit sind als zum Anfertigen von schriftlichen Ausarbeitungen. Schriftliche Äuße­rungen sind zwar weniger spontan, dafür aber oft besser durchdacht und erschöpfender. Sie werden aber vom Probanden als anstrengender und schwieriger erlebt. Entscheidend bei dieser Frage ist auch, zu welchem Thema ein Interview durchgeführt wird. So kann es bei einem Thema, welches ein Antwortverhalten im Sinne der „sozialen Er­wünschtheit" erwarten lässt, sinnvoller sein, ein Interview schriftlich durchzuführen (Bortz & Döring, 1995, S. 283).1 Der fehlende direkte Kontakt mit dem Interviewer vermittelt bei der schriftlichen Befragung ein Gefühl der Anonymität, sodass auch „sozial unerwünschte" Aussagen gemacht werden können.

Differenzierung nach Kriterien

Aufgrund der Vielzahl von Varianten qualitativer Interviews ist es wich­tig, je nach Untersuchungsfall eine Technik auszuwählen. Als erstes ist zu klären, ob der interessierende Sachverhalt überhaupt im subjektiven Erleben repräsentiert ist bzw. mit welchem kognitiven Aufwand für die Befragten ein Interview verbunden ist. Manche Ereignisse und Erfahrungen sind schwer erinnerbar (z.B. Traumata), schwer erklärbar oder unbewusst. Es sollte auch bedacht werden, dass der Zeitaufwand, die Rollenverteilung und die Rahmenbedingungen des Interviews für den Befragten akzeptabel sind. Folgende sechs Punkte sind für die Auswahl der Interviewform von Bedeutung:

  • Realitätsbezug (Phantasien vs. Beschreibungen)
  • Zeitdimension (Erinnerung vs. Zukunftspläne)
  • Reichweite (Tagesablauf vs. Lebensgeschichte)
  • Komplexität (einfache Beschreibung vs. Charakterisierung)
  • Gewissheit (Vermutungen vs. Erfahrungswissen)
  • Strukturierungsgrad (freie Assoziation vs. Erklärungen)

Erfahrungsgestalten

Zudem lassen sich fünf zentrale „Erfahrungsgestalten" im Interview unterscheiden: Episoden (Dramen), Konzeptstrukturen, Geschehens­typen, Verlaufsstrukturen und Theorien (mentale Modelle). Je nach Art der Erfahrung wird das Interview unterschiedlich strukturiert und ge­staltet, um an die gewünschten Informationen zu gelangen (Bortz & Döring, 1995, S. 283f).2

Bestimmung der Interviewform

Die Begründung für eine bestimmte Interviewform ist von verschiede­nen Aspekten abhängig:

  • Welche Personen werden befragt (Interview mit Laien oder Exper­ten? Einzel- oder Gruppeninterviews)?
  • Welches Thema wird behandelt (Dilemma oder biographisches Interview)?
  • Ist eine bestimmte Technik des Fragens (narratives oder assozia­tives Interview) sinnvoll für das Thema?

Je nach Interviewform können bestimmte Aspekte des subjektiven Er­lebens besser erfasst werden. Zum Beispiel lassen sich Verlaufsstruk­turen mit Hilfe der Methode des lauten Denkens, mit der Verhaltens­analyse oder der Lebenslaufanalyse ermitteln (vgl. Bortz & Döring, 1995, S. 288f.).3

Verschiedene Arten von Fragen

Grundsätzlich gibt es offene und geschlossene Fragen, wobei nur die offenen Fragen für ein (qualitatives) Interview relevant sind. Dies sind Fragen, bei denen keine Antwortalternative vorgegeben ist. Der Be­fragte wird nicht in eine bestimmte Richtung gelenkt. Er hat die Mög­lichkeit, eine Antwort zu geben, die seiner Denkweise und Einstellung bzw. Meinung entspricht. Dies setzt jedoch eine gewisse Artikulations­fähigkeit des Befragten voraus (s.o.). Die offene Frage stellt somit höhere Anforderungen als die geschlossene Frage - auch an den In­terviewer: Dieser muss die Antwort „richtig" verstehen, sie protokollie­ren (oder aufzeichnen), muss Wesentliches von Unwesentlichem (z.B. Wiederholungen, schmückende Beiwörter) trennen, also die eigentliche Botschaft herausfiltern. Dies ist nicht in völlig objektiver Weise möglich (Stier, 1999, S. 175).4 Bei sogenannten Satzergänzungsaufgaben sollen Sätze vervollständigt und im Folgenden weitere Aussagen fortgeführt werden (Bortz & Döring, 1995, S. 283).5

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  4. 4. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  5. 5. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Durchführen eines Interviews

Die Durchführung eines Interviews verlangt höchste Konzentration vom Interviewer. Er muss dem Befragten in seinen Antworten folgen und gleichzeitig sein Interesse, welches er mit seinen Fragen vertieft, im Blick behalten. Es gilt, sich auf unterschiedliche Menschen einzustellen und allen offen und ehrlich zu begegnen.

Inhaltliche Vorbereitung

Bereits im Vorfeld muss sich der Interviewer überlegen: Was soll das Befragungsthema sein? Mit wem wird das Interview durchgeführt? Ist diese Person als sprachlich gewandt einzuschätzen oder muss davon ausgegangen werden, dass die Kommunikations­fähigkeit nicht stark ausgeprägt ist? Die Befragungstechnik muss nach den oben beschriebenen Kriterien ausgewählt werden. Am Ende der Überlegungen sollte feststehen: Wozu soll wer, wie, wann und wo interviewt werden?

Organisatorische Vorbereitung

Auch organisatorische Vorbereitungen müssen getroffen werden. Hier­zu zählt vor allem die Zusammenstellung des Interviewmaterials: Ton­bandgerät (kurz vor der Aufnahme unbedingt noch einmal testen), Kassetten, Ersatzbatterien, Interviewleitfaden etc.

Gesprächsbeginn

Grundsätzlich ist es immer hilfreich, wenn ein Interview durch einen Datenträger aufgezeichnet wird. Dies setzt jedoch immer das Ein­verständnis des Befragten voraus. Bereits kurz nach der Begrüßung sollte eine Zusicherung der Anonymität erfolgen und dann die Frage gestellt werden, ob das Gespräch aufgezeichnet werden darf. Dann folgt eine kurze Phase des „Small Talk", was auch als Aufwärmphase bezeichnet wird. Darauffolgend stellt der Interviewer das Unter­suchungsanliegen vor und erklärt den Ablauf der Befragung.

Während des Interviews

Hauptaufgabe des Interviewers ist die Kontrolle und Steuerung des Gesprächsverlaufs, d.h. nonverbale Reaktionen des Befragten als auch eigene Reaktionen sollten aufmerksam verfolgt werden. Mit Kontrolle und Steuerung ist nicht gemeint, dass der Interviewer Vorgaben oder Bewertungen hinsichtlich der Aussagen des Interviewten macht. Die Kunst der Interviewführung liegt darin, den Interviewten frei erzählen zu lassen, ihn durch Fragen jedoch geschickt zu lenken, ohne ihn in eine Ecke zu drängen. Der Interviewer muss flexibel auf verschieden­artige Personen reagieren und mit ihnen „arbeiten" können.

Gesprächsende und Verabschiedung

Das Interviewende wird meist durch das Abschalten des Aufnahme­geräts markiert. Meist schließt sich eine Phase des informellen Ge­sprächs an. Der Interviewer sollte hier sehr aufmerksam sein, da Be­fragte oftmals nach Abschluss des eigentlichen Interviews wichtige oder persönliche Aussagen machen. Am Ende des Interviews sollte die Gewährleistung der Anonymität der Ergebnisse noch einmal erwähnt und ein Dank für die gegebene Zeit ausgesprochen werden. Zudem sollte der weitere Verlauf des Kontaktes, z.B. die Übermittlung der Auswertungsergebnisse, besprochen werden. Es kann bei manchen Themen hilfreich für die Befragten sein, eine Nachbetreuung (z.B. Be­ratungsgespräch) anzubieten (bspw. nach einem Interview zum Thema „Trauma").

Gesprächsnotizen

Gesprächsnotizen sollten sofort nach Beendigung des Interviews auf­geschrieben werden. Sie beinhalten Aspekte, die z.B. durch die Ton­bandaufnahme nicht erfasst werden, wie: äußere Erscheinung, Räum­lichkeiten, Unterbrechungen, Uhrzeit, Datum, nonverbale Auffällig­keiten, z.B. roter Kopf etc. (Bortz & Döring, 1995, S. 285f).1

Kompetenzen eines Interviewers

Die (Daten-)Qualität eines Interviews ist stark von den Fähigkeiten des Interviewers abhängig, z.B. von seiner Erfahrung in der Durchführung von Interviews, von der persönlichen Ausstrahlung, von einer geschick­ten und überzeugenden Einführung, von der Kontakt- und Verarbei­tungsfähigkeit, von der Fähigkeit zuhören zu können (aktives Zuhö­rens), von Empathiefähigkeit und Ambiguitätstoleranz. Zudem benötigt ein Interviewer ein gutes Gespür für den Gesprächsverlauf, er muss das Gespräch auch leiten, erweitern, eingrenzen können, um seine Fragen zu geeigneten Zeitpunkten zu stellen, ohne den Gesprächsfluss abrupt abbrechen zu lassen (Stier, 1999, S. 189).2

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Besondere Interview-Formen

(a)         Leitfaden- (halbstrukturiertes) Interview

Beschreibung

Unter einem Interviewleitfaden versteht man eine Interviewanweisung bzw. eine schriftlich festgelegte Richtlinie, nach denen der Interviewer in der Interaktion mit dem Interviewten vorzugehen hat. Der Umfang ist variabel und reicht von einer groben Skizzierung des Interviewzieles bis zur detaillierten Festlegung aller einzelnen Handlungs- und Frage­schritte (Beispiel siehe Bortz & Döring, 1995, S. 289).1

Einsatzfeld

Leitfadeninterviews werden vor allem explorativ eingesetzt, zur Hypo­thesengewinnung oder als Pretest bei der Entwicklung eines standardi­sierten Fragebogens (in Kombination mit quantitativer Forschung) oder zur qualitativen Analyse kleinerer Gruppen bzw. von Einzelfällen (Stier, 1999, S. 189).2 Der Leitfaden dient als Gerüst für die Datener­hebung und macht so die Ergebnisse unterschiedlicher Interviews vergleichbar (Bortz & Döring, 1995, S. 289).3

Besonderheiten

Grundlage für ein Leitfadeninterview ist ein Stichwort-Katalog bzw. Gesprächsleitfaden, der alle zu stellenden Fragen beinhaltet. Damit ist eine gewisse Vergleichbarkeit der Interviewergebnisse gewährleistet. Es gibt sogenannte „Schlüsselfragen", die in jedem Interview zu stellen sind, und sogenannte „Eventualfragen", die je nach Gesprächsverlauf relevant werden. Die genaue Formulierung der Fragen, ihre Reihen­folge und die Reihenfolge einzelner Themen ist dem Interviewer über­lassen und sollte vom Gesprächsfluss abhängen (Stier, 1999, S. 188).4

Vor- & Nachteile

Der Vorteil des Leitfadeninterviews ist, dass dem Interviewten genü­gend Raum für eigene Formulierungen gegeben wird. Aus der Freiheit, die Fragen je nach Gesprächsverlauf zu stellen und dem Gespräch anzupassen, resultiert aber auch die eingeschränkte Vergleichbarkeit.

(b)         Fokussiertes Interview

Entstehung

Entstanden ist diese Form des qualitativen Interviews im Zusammen­hang mit der Kommunikationsforschung und Propagandaanalyse. Sol­che Studien wurden erstmals in den 1940er Jahren durchgeführt, wobei Untersuchungspersonen bspw. zu ihren Eindrücken von zuvor präsentierten Propagandamitteln (Reden, Filme, etc.) befragt wurden.

Beschreibung

Das Charakteristische an fokussierten Interviews ist die Konzentration auf einen vorab bestimmten Gesprächsgegenstand oder -anreiz. Dies kann beispielsweise ein Film sein, den der Befragte gesehen hat, oder eine soziale Situation, die er durchlebt hat. Im anschließenden fo­kussierten Interview werden dann, auf der Basis eines Gesprächsleit­fadens, die Reaktionen und Interpretationen des Befragten bezüglich des zuvor festgelegten Fokus in relativ offener Form festgehalten. Be­sonders hervorzuheben ist, dass in fokussierten Interviews den Befrag­ten die Chance gegeben werden soll, sich frei und auch zu nicht-antizi­pierten Aspekten zu äußern. So werden z. B. assoziative Stellungnah­men der Befragten zum Gesprächsgegenstand berücksichtigt. Das fo­kussierte Interview sollte somit non-direktiv (ohne Anweisung) und situationsspezifisch sein, unerwarteten Reaktionen Raum lassen und tiefgründig geführt werden (Bortz & Döring, 1995, S. 291f).5

(c)         Problemzentriertes Interview

Mit diesem Begriff bezeichnet man eine Interview-Variante, die eine lockere Bindung an einen knappen, der thematischen Orientierung die­nenden Leitfaden mit dem Versuch verbindet, den Befragten weit­gehende Artikulationschancen einzuräumen und ihn zu freien Erzäh­lungen anzuregen. Das Vorgehen entspricht im Prinzip dem fokussierten Interview, Hauptunterschied ist die geringere Standardisierung der Befragung: Problemzentrierte Interviews werden  oft als Kompromiss zwischen leitfadenorientierten und narrativen (erzählenden) Gesprächsformen angesehen (Bortz & Döring, 1995).6

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  3. 3. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  4. 4. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  5. 5. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  6. 6. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Vor- & Nachteile

Vorteile von Interviews

Zu den wichtigsten Vorteilen gehört die Anpassungsfähigkeit dieser Methode. Anpassungen und kontrollierend lenkende Eingriffe durch den Interviewer sind im Gegensatz zur schriftlichen Befragung fast jeder­zeit möglich. Durch die typische Spontanität, wie sie in der mündlichen Kommunikation möglich ist, und durch den direkten, verzögerungs­freien Kontakt ist eine andere Befragungstiefe möglich. Durch münd­liche Erhebung gewonnene Informationen sind rascher erhoben, un­mittelbarer und ermöglichen Reaktionen wie Reflexion, kommunikative Validierung, usw.

Nachteile von Interviews

Interviews sind anfällig für subjektive Verzerrung und Beeinflussung:

  • Neben der grundlegenden Abhängigkeit von der Antwortbereit­schaft der angesprochenen Person ist es wichtig, das Interview als reaktives Messverfahren zu sehen. Die damit verbundenen Risiken stellen die hauptsächliche Kritik am Interview dar. Dies sind mög­liche Verzerrungseffekte und Beeinflussung durch den Interviewer, hervorgerufen durch die Interaktion zwischen Interviewer und Befragtem oder durch Unterschiede im Geschlecht, in der Nationa­lität, in der Sprache, in der Kleidung, im Auftreten oder in der Schichtzugehörigkeit (Stier, 1999, S. 185f).1
  • Ein weiterer Einwand ergibt sich durch die notwendige Transkription der mündlichen in schriftliche Informationen, da diese je nach Strukturierungsgrad sehr aufwändig ist. Die Möglichkeiten der Computerauswertung sind mit Ausnahme des standardisierten Interviews begrenzt und es ist somit sowohl bei der Vor- wie auch bei der Nachbearbeitung mit erhöhtem Zeitbe­darf zu rechnen.
  • Der Aspekt „Zuverlässigkeit" ist eher kritisch zu betrachten, da das Interview ein Erhebungsverfahren ist, das auf direktem zwischen­menschlichem Kontakt - wie es für die mündliche Sprache üblich ist - beruht. Das heißt, dass nicht davon ausgegangen werden kann, „dass dasselbe Interview bei derselben Person zu einem anderen Zeitpunkt durchgeführt, oder dass dasselbe Interview bei derselben Person von einem anderen Interviewer durchgeführt, das gleiche Ergebnis bringen würde" (Kromrey, 1995, S. 301).2
  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Kromrey, H. (2000).  Empirische Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

Das qualitative Interview kann anhand fester Kriterien verschiedenen Interviewformen zugeordnet werden, wobei die Übergänge fließend sind. Einige Interviewformen werden auch der Erzählung zugeordnet und im Infoblock II 2 beschrieben. Für ein gutes Interview ist es hilfreich, sechs Schritte zu beachten: Die inhaltliche Vorbereitung, die organisatorische Vorbereitung, den Gesprächsbeginn, das Interview selbst, das Gesprächsende und die Verabschiedung sowie Gesprächs­notizen nach dem Interview. Die Anforderungen an die Person des Interviewers sind vielfältig. So benötigt er eine ausgeprägte Persön­lichkeit und Erfahrung im Umgang mit Menschen. Bei der Erarbeitung eines Interviewleitfadens sollte auf die Feinheit der Fragen geachtet werden und darauf, wie viel Abweichung möglich ist, um noch eine Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten. Interviews bewegen sich somit im Spannungsfeld zwischen: so offen wie möglich (um Tiefe zu erreichen) und so standardisiert wie nötig (um vergleichen zu können). Schulung und Training in Gesprächsführung sowie Kenntnisse über Intervieweffekte können die Qualität eines Interviews erhöhen.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Bortz, J. & Döring, N. (1995). Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer. (Ab S. 217: Die mündliche Befragung. Vertiefende Darstellung. Ab S. 283: Qualitative Befragung. Konzentrierte übersichtliche Beschreibung.)
  • Lamnek, S. (2002). Qualitative Interviews. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl., (S. 157-193). Weinheim: Beltz. (Gibt eine gute Übersicht über Merkmale verschiedener Interview-Formen und deren Durchführung.)

Symbol Maus Linktipp

 

 

II: 2. Erzählung

Der folgende Abschnitt befasst sich mit Erhebungsmethoden, die stark durch narrative Elemente gekennzeichnet sind. Eine Narration, also Erzählung, ist grundsätzlich eng verwandt mit dem Interview - das zeigen auch die Bezeichnungen der verschiedenen Unterformen. Dennoch soll die Trennung zwischen Erzählung und Interview in diesem Lehrtext beibehalten werden, um deren unterschiedliche Facetten deutlich zu machen.

 

Narratives Interview

Allgemeine Informationen

Vorbemerkung

Das narrative Interview könnte auch dem Abschnitt 1 „Interview" zugeordnet werden. Der entscheidende Wirkmechanismus jedoch, dessen man sich beim narrativen Interview bedient, ist eindeutig ein „Erzählerischer" - er manifestiert sich in den weiter unten erklärten Zugzwängen von Erzählsituationen, die in oben genannten Interviewformen keine Rolle spielen. Daher ist das narrative Interview hier den „Erzählungen" zugeordnet.

Beschreibung

„Im narrativen Interview wird der Informant gebeten, die Geschichte eines Gegenstandsbereichs, an der der Interviewte teilgenommen hat, in einer Stegreiferzählung darzustellen" (Hermanns 1995, S. 183)1. Der Interviewer ist bestrebt, die Erzählsituation so zu moderieren, dass der Interviewte eine „zusammenhängende Geschichte" (Hermanns, 1995, S. 183)2 erzählt. Nach der Begrüßung und einer kurzen Orientierung über Ziel und Zeit der Befragung („Anwerbephase" oder „Erklärungs­phase") fordert der Interviewer den Befragten auf, mit seiner Er­zählung zu beginnen. Im Anschluss an die Erzählung erfolgt die Phase des narrativen Nachfragens (Wie-Fragen). Die „Bilanzierungsphase" als letzter Abschnitt des narrativen Interviews, dient dazu, den Informan­ten als „Experten und Theoretiker seiner selbst" (Hermanns, 1995, S. 184)3 die Möglichkeit zu geben, weitere Reflektionen über das Erzählte auszudrücken (Warum-Fragen).

Einsatzfeld

Dieses Erhebungsverfahren eignet sich zur Theoriebildung in der Bio­graphie- und Lebenslaufforschung. In der Regel liefert das Verfahren Typologien von biographischen Verläufen. Nicht zu vernachlässigen ist, dass diese Methoden riesige Transkripte liefern, die zu Auswertungsproblemen führen können. Daher lohnt es sich, sich genau zu fragen, ob man für die Fragestellung wirklich Verlaufsdaten braucht oder ob man nicht mit einem z.B. thematisch gesteuerten Leitfaden-Interview effektiver arbeiten kann.

Ablauf eines narrativen Interviews

Erzählaufforderung

narratives Interview beginnt mit einer thematisch breiten Ein­gangsfrage, die aber so spezifisch formuliert wird, dass darin der für die Untersuchung relevante Lebensabschnitt anvisiert wird. Z.B.: „Nun erzählen Sie bitte einmal, wie die ersten beiden Jahre nach Ihrer Pensionierung waren." Der Interviewstil ist neutral bis weich (Lamnek, 1995, S. 72)4. Eine Vertrauensatmosphäre ist unabdingbar. Die Erzähl­aufforderung der Eingangsfrage könnte auch noch die „explizite Bitte um Erzählung und um deren ausführliche Detaillierung enthalten" (Flick, 2002, S. 148).5 Unpräzise Erzählaufforderungen und ungenügen­de „Anwerbephasen" führen dazu, dass Erzählungen sprunghaft wer­den oder thematisch irrelevant bleiben.

Durchführung

Wichtig ist für den Interviewer, keine die Qualität der Daten beeinflus­sende, direkte oder bewertende Interventionsfragen zu stellen wie z.B.: „Hätte man nicht anders vorgehen können?" oder „Das haben Sie aber gut gemacht, damals!" Der Einsatz von Signalen des Interesses (aktives Zuhören) ist aber zu empfehlen, z.B.: Nicken bei Verstehen, „Hms" etc.

Nachfragen

In der Regel wird das Ende einer Geschichte seitens des Informanten mit abschließenden Worten wie z.B. „Soweit, das war´s" signalisiert. Nun beginnt die Phase des narrativen Nachfragens. Ziel dieser Phase ist es, Unklarheiten oder Widersprüchlichkeiten erklärt zu bekommen. In der „Bilanzierungsphase", die das Interview abschließt, werden dann vermehrt Warum-Fragen gestellt, die auf Erklärungen abzielen.

Vor- & Nachteile

Besonderheiten des Erzählens

Erzählen unterscheidet sich vom Beschreiben qualitativ durch einen systemimmanenten „Zugzwang" (Flick, 2002, S. 150)6, der zu umfang­reicheren Daten führt. Damit ist gemeint, dass der Erzählende, sobald er sich auf das Erzählen eingelassen hat (also nicht nur beschreibt),

  • das Ganze zu Ende bringen muss (Gestaltschließungszwang),
  • so strukturiert erzählen muss, dass der Interviewer der Erzäh­lung auch folgen kann (Kondensierungszwang) und letztlich
  • alles erzählen muss, damit der andere die Geschichte versteht (Detaillierungszwang).

So werden auch Ereignisse ausgesprochen, die der Informant „be­schreibend" wohl eher verschwiegen hätte (Schütze, 1976, S. 225)7. Hier sind im Einzelfall auch forschungsethische Prüfungen angebracht.

Nachteile

Obschon Erzählen als Alltagskompetenz gilt, so kann man im Grunde nicht davon ausgehen, dass „jeder Befragte zur erzählenden Dar­stellung seiner Lebensgeschichte in der Lage ist" (Fuchs, 1984, S. 249).8 Dazu kommt, dass eine Gesprächssituation, in der der eine im­mer spricht und der andere nur zuhört, eine systematische Gesprächs­rollenverletzung bedeutet. Abhilfe schaffen hier Interviewtrainings, in denen der Interviewer lernt, Interventionsfragen zu unterlassen, gleichzeitig aber Techniken des aktiven Zuhörens anzuwenden, um die Beziehung zum Informanten aufrecht zu erhalten. Des Weiteren ist problematisch, dass Erinnerung ein subjektives Konstrukt ist, der Interviewer sich daher nicht sicher sein kann, dass er die tatsächlichen Ereignisse erzählt bekommt. Daraus ergibt sich ein Validitätsproblem, da der Interviewer u.U. nicht mit Fakten konfrontiert wird, sondern mit Interpretationen des Informanten, die z.B. der Bewältigung des Erleb­ten dienen und über deren Entwicklung er sich selbst nicht bewusst ist.

  1. 1. Herrmanns, H. (1995).  Narratives Interview. Qualitative Forschung. Ein Handbuch.
  2. 2. Herrmanns, H. (1995).  Narratives Interview. Qualitative Forschung. Ein Handbuch.
  3. 3. Herrmanns, H. (1995).  Narratives Interview. Qualitative Forschung. Ein Handbuch.
  4. 4. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.
  5. 5. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  6. 6. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  7. 7. Schütze, F. (1976).  Zur Hervorlockung und Analyse von Erzählungen thematisch relevanter Geschichten im Rahmen soziologischer Feldforschung. Kommunikative Sozialforschung. S. 159 - 260.
  8. 8. Fuchs, A. (1984).  Erzählen in der Schule und spontanes Erzählen. Erzählen in der Schule. S. 176 - 200.

Episodisches Interview

Allgemeine Informationen

Unterschied zum narrativen Interview

Im Grunde besteht ein episodisches Interview abwechselnd aus offe­nen Erzählaufforderungen (hier fördert man episodisches Wissen zu Tage) und präzisierenden, semantisch-argumentativ orientierten Befra­gungen (hier geht es um semantisches Wissen). Die Erzählaufforde­rungen visieren in der Regel einen kleineren Ausschnitt aus dem Leben des Befragten an bzw. grenzen das Befragungsthema stärker ein, als es das oben vorgestellte narrative Interview tut.

Beschreibung

Das episodische Interview gibt Raum für kontextbezogene Darstellun­gen in Form von Erzählungen, z.B. „Erzählen Sie mir bitte, wie es dazu kam, dass Sie die gesamte Energieversorgung Ihres Hauses auf Sonnenenergie umgestellt haben". Zudem wird im episodischen Inter­view semantisches Wissen erhoben. Die Erhebung von konkret-seman­tischem Wissen (z.B.: Wie funktionieren Kollektoren?) kann in eine ar­gumentativ-theoretische Darstellung führen, wohingegen die Erzählung nur in eine kontextbezogene-interpretative Darstellung münden kann. Damit verbindet das episodische Interview die Vorteile des narrativen Interviews mit den Vorteilen des Leitfaden-Interviews. Man könnte sogar von einer Zugangs-Triangulation sprechen.

Einsatzfeld

Grundsätzlich geben Erzählungen den Befragten mehr Raum zur Dar­stellung eigener Sichtweisen als Befragungsverfahren, die konkrete Themen und die Struktur zur Behandlung derselben vorgeben. Welche Form der Befragung, narrativ oder episodisch, Einsatz finden sollte, lässt sich nur im Einzelfall in Abhängigkeit des Forschungsinteresses bestimmen. Um dem Fall vorzubeugen, dass der Befragte im Erzähl­fluss Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr trennen kann, lohnt es sich, dialogisch vorzugehen (wie im episodischen Interview) bzw. „soziale Kontrolle" einzuführen, wie sie z.B. beim familiengeschichtlichen Erzäh­len zu finden ist.

Vor- & Nachteile

Günstige Kommunikationssituation

Die Kommunikationssituation im episodischen Interview ist natürlicher als im narrativen Interview: Sie gleicht mehr einer echten Kommuni­kation zwischen Interviewer und Befragtem, da die Erzählabschnitte kürzer sind und rascher nachgefragt werden kann.

Nachteile

Wie im narrativen Interview kann nicht davon ausgegangen werden, dass jeder Proband in der Lage ist, spontan zusammenhängend zu erzählen. Dies relativiert sich jedoch, da es im episodischen Interview nicht um große Erzählungen geht, sondern um kleinere umgrenzte Erzählungen. Die Kompetenzanforderungen an die Interviewer sind hoch, weswegen hohe Fallzahlen u.U. mit erheblichem Aufwand an Interviewertraining einhergehen.

 

Familiengeschichtliches Erzählen (Gemeinsames Erzählen)

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Familiengeschichtliches Erzählen erfolgt vor allem im Rahmen von Fa­milienstudien. Es können aber auch andere Institutionen/Teams/Ge­meinschaften mit dieser Methode analysiert werden.

Durchführung

Alle in einem Haushalt lebenden Familienmitglieder werden in ihrem Zuhause gebeten, aus ihrem Familienleben zu erzählen. Auf metho­disch angeleitete Interventionen verzichtet das Beobachterteam, so­dass sich die Familie in ihrer Kommunikation nicht beeinträchtigt fühlt. Im Anschluss an die gemeinsame Erzählung werden, ähnlich wie im narrativen Interview, Verständnis- und Konkretisierungsfragen anhand einer Kontrollliste gestellt. Diese Methode erfordert die Erstellung ausführlicher Beobachtungsprotokolle (Gesprächsinteraktion, Lebens­zusammenhang der Familie, Einrichtung des Hauses etc.).

Vor- Nachteile

Besonderheiten

Das gemeinsame Erzählen ermöglicht neben der Analyse der Erzählung auch eine Interaktionsanalyse. Sie liefert neben den Gesprächsergeb­nissen auch Daten, aus denen hervorgeht, wie Familien Wirklichkeit für sich und für den Beobachter konstruieren und dadurch zu diesen Er­gebnissen kommen. Damit wird diese Methode für die Familienfor­schung hochrelevant.

Nachteile

Gemeinschaftliches Erzählen liefert neben Ergebnisdaten zusätzlich In­teraktionsdaten und Begleitdaten (Wohnungseinrichtung etc.). Eine Vorstrukturierung dieser Daten ist durch den Verzicht auf Interven­tionen nicht möglich. Damit potenziert sich der Ressourcenbedarf für die Anwendung. Hohe Fallzahlen sind für den „Einzelforscher" fast aus­geschlossen.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

In diesem Abschnitt wurden Erhebungsmethoden vorgestellt, die als Datensorte „Erzählungen" produzieren. Neben der Betrachtung des narrativen Interviews wurde das episodische Interview wie auch die familiengeschichtliche Erzählung beschrieben. Alle hier beschriebenen Erhebungsmethoden haben die Beschreibung der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit in Form von Erfahrungswissen vor Augen. Damit geht ein Validitätsproblem einher. Auf der anderen Seite liefern „er­zählerischen" Methoden reichhaltigere Daten, die eine ganzheitlichere Sichtweise auf den Forschungsgegenstand ermöglichen als es bei standardisierteren Verfahren der Fall ist.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Lamnek, S. (1995). Qualitative Sozialforschung - Band II. München: Psychologie Verlags Union. (ausführlich mit Zusammenfassungen)

 

 

II: 3. Die Gruppendiskussion als Gruppenverfahren

Allgemeine Informationen

Entstehung

Die Gruppendiskussion hat ihren Ursprung in den 1950er Jahren in den USA. Dort wurde sie in sozialpsychologischen Kleingruppenexperi­menten eingesetzt (Lewin, 1936; Cartwrigth & Zander, 1953)1, bei denen Gruppenprozesse im Vordergrund standen. Diese relativ junge Methode fasste dann - vor allem in der kommerziellen Markt- und Meinungs­forschung - als „Focus-Group" rasch Fuß, z.B. zur Vorbereitung von Befragungen, Untersuchung von Motivationsstrukturen etc. (vgl. Bortz & Döring, 1995, S. 294).2

Beschreibung

Die Gruppendiskussion ist eng verwandt mit der Methode der Befra­gung und kann als „eine spezifische Form des Gruppeninterviews" (Lamnek, 1995, S. 125)3 gesehen werden; also als ein Gespräch unter „Laborbedingungen", in dem mehrere Personen zu einem Thema, das ein Diskussionsleiter benennt, Auskunft geben. Es kann „vermittelnde" wie auch „ermittelnde" Ausprägungen haben. Im ersten Fall dienen Gruppendiskussionen dazu, Gruppen- und somit Aushandlungsprozesse aufzudecken, im zweiten Fall interessiert man sich mehr für Informationen als inhaltliche Ergebnisse der Diskussion. In der sozialwissenschaftlichen Forschung handelt es sich in der Regel um „ermittelnde" Verfahren (Lamnek, 1995, S. 134).4

Ziele

Folgende typische Ziele können einer Gruppendiskussion zugrunde liegen:

  • Meinungen und Einstellungen einzelner Teilnehmer einer Gruppe erheben;
  • die Meinung der Gruppe als größere soziale Einheit erheben (Stich­wort: informelle Gruppenmeinung);
  • Bewusstseinsstrukturen, die Meinungen und Einstellungen zugrunde liegen, erheben;
  • gruppenspezifische Verhaltensweisen erforschen;
  • Gruppenprozesse, die allgemein meinungsbildend oder -verändernd sind, erforschen;
  • Problemlösungsprozesse in der Gruppe analysieren.

Zusammenfassend kann man sagen, dass einerseits Einzel- und Grup­penmeinungen erhoben werden, andererseits Aushandlungs- oder Pro­blemlösungsprozesse im Zielfeld des Erkenntnisinteresses liegen.

  1. 1. Cartwright, D. C., & Zander A. (1953).  Group dynamics: Reasearch and theory.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.
  4. 4. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.

Umsetzungshinweise

Durchführung

Im Grunde beginnt die Gruppendiskussion als Methode bereits mit der Auswahl der Teilnehmer. Die optimale Gruppengröße liegt zwischen 5 und 12 Teilnehmern. Sie werden in der Regel als „Realgruppe" gezielt ausgewählt, können aber auch als künstliche Gruppe auftreten (theore­tical sampling). Zunächst stellen sich Moderator und Teilnehmer vor; anschließend weist der Moderator darauf hin, dass die Teilnahme frei­willig ist, die Diskussion evtl. aufgezeichnet wird und die Ergebnisse anonymisiert werden (Explikation). Dem folgt die Präsentation eines „Grundreizes", der eine allgemeine Diskussion entfachen soll; wenn nö­tig werden provokante Thesen formuliert. Die Diskussion wird mode­rierend begleitet (nachfragen, paraphrasieren, kontrastieren etc.); die Diskussion wird aufgezeichnet (idealer Weise mit Video). Der Stil des Moderators ist zurückhaltend, also non-direktiv.

Auswertung

Die letzte Phase ist die Transkription und Auswertung der Protokolle. Die Auswertung kann sich vom jeweiligen Erkenntnisinteresse her un­terschiedlich gestalten. So empfiehlt es sich, bei einem „vermittelnden" Erkenntnisinteresse statistisch-quantitative Analyseverfahren einzuset­zen. Um jedoch die inhaltlichen Aspekte einer Diskussion herauszu­arbeiten (ermittelndes Erkenntnisinteresse) bieten sich interpretativ-reduktive Analysemethoden an. Generell gilt, den Analyseprozess so weit wie möglich zu dokumentieren und offen zu legen.

Rolle des Moderators

In wenigen Fällen überlässt der Diskussionsleiter die Gruppe ihrer Ei­gendynamik. In den meisten Fällen steuert er aus pragmatischen Ge­sichtspunkten die Diskussion. Man kann drei zentrale Leitungsaufgaben benennen (vgl. Flick, 2002, S. 174)1:

  • Formale Leitung: Führen der Rednerliste, Festlegen von Diskus­sionsbeginn, -ablauf und -ende.
  • Thematische Leitung: Lenken der Diskussion durch Fragen in Rich­tung des Erkenntnisinteresses.
  • Dynamische Leitung: Provokation der Teilnehmer, Polarisieren der Meinungen, gezielte Ansprache zurückhaltender Teilnehmer etc.

„Für die Aufgaben des Diskussionsleiters gilt generell, unter geringster Störung der Eigeninitiative den Teilnehmern möglichst freien Spielraum zu lassen, sodass die Diskussion in erster Linie durch den Austausch von Argumenten in Gang gehalten wird" (Flick, 2002, S. 174)2.

Sonderform: Focus Groups

Focus-Gruppen-Diskussionen sind eine Sonderform der Gruppendis­kussion und hauptsächlich in der Markt- und Meinungsforschung anzu­treffen. So werden z.B. neue Produkte präsentiert, über die anschießend in einer Gruppe von Testpersonen diskutiert wird. „Auch hier liegt der Akzent auf den interaktiven Aspekt der Datensammlung" (Flick, 2002, S. 180)3. Ihre Struktur und Grenzen sind mit der Gruppendiskussion zu vergleichen.

Focus-Groups sind nützlich um (vgl. Morgan 1988, S. 11)4,

  • Fragebögen zu entwickeln,
  • Interviewleitfäden zu entwickeln oder zu prüfen,
  • grundsätzliche Einschätzungen von Gruppen vorzunehmen und
  • grundsätzlich Orientierung im Feld zu erlangen.
  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  4. 4. Morgan, D. L. (1988).  Focus groups as qualitative research.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Der Vorteil der Gruppendiskussion ist, dass Meinungen (verbale Daten) in einen sozialen Kontext eingebettet werden können (Kontextualisie­rung). Die Meinungsäußerung erfolgt im Gruppenzusammenhang, ist damit Gegenstand eines Diskussionsprozesses und wird dadurch auch kommentiert.

Nachteile

Das Gesamtbild einer Diskussion kann leicht verzerrt werden, wenn einzelne Teilnehmer durch konträre Meinungsäußerungen verunsichert sind, wegen dominanten Teilnehmern nicht zu Wort kommen oder auf der Ebene „sozial erwünschter" Antworten bleiben, um sich nicht bloß­zustellen. Des Weiteren können sich offen gehaltene Diskussionen aus dem Zielfeld des Erkenntnisinteresse herausbewegen, was wiederum eine Intervention seitens des Moderators notwendig macht (die norma­lerweise vermieden werden sollte). Die scheinbare Effizienz der Metho­de (mehrer Befragungen an einem Termin plus Synergieeffekte) wird durch den höheren Organisations- und Auswertungsaufwand rasch re­lativiert. Die Eignung zur Hypothesenbildung durch diese Methode ist beschränkt, die Vergleichbarkeit der Daten (verschieden dynamische Gruppen) ist selten gegeben (vgl. Flick, 2002, S. 179)1. Die Theorie­bildung ist somit wichtigste Aufgabe der Gruppendiskussion.

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

Bei Gruppendiskussion als Datenerhebungsverfahren in der qualitativen Sozialforschung werden mehre Personen gleichzeitig in ein Gespräch verwickelt. Der Moderator lenkt das Gespräch möglichst ohne Beeinflussung des Diskussionsverlaufs. Ausgehend von den angloamerikanischen Wurzeln der Gruppenmethode lassen sich mehrere Ziele unterscheiden, die auf die Erhebung von Meinungen und Bewusstseinsstrukturen von Gruppen oder auf die Erfassung von gruppenspezifischen Prozessen hinauslaufen. Der typische Aufbau und Ablauf einer Gruppendiskussion sollten bei Einsatz der Methode bekannt sein.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Lamnek, S. (1995). Qualitative Sozialforschung - Band II. München: Psychologie Verlags Union. (Sehr ausführliche Beschreibung der Gruppendiskussion - mit vielen Beispielen)
  • Bortz, J. & Döring, N. (1995). Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer. (strukturierte, knappe und prägnante Beschreibung von Gruppenbefra­gungen, ab S. 293)

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II: 4. Beobachtungsverfahren

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Unter Beobachtung im engeren Sinne versteht man das Sammeln von Erfahrungen (Daten) in einem nicht kommunikativen Prozess mit Hilfe sämtlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten. Im Gegensatz zur Alltagsbeo­bachtung ist die wissenschaftliche Beobachtung stärker zielgerichtet, methodisch kontrolliert und intersubjektiv. Sie zeichnet sich durch Verwendung von Instrumenten aus, die die Selbstreflektion, Systema­tik und Nachvollziehbarkeit der Beobachtung gewährleisten und Gren­zen unseres Wahrnehmungsvermögens auszudehnen helfen. Mit Hilfe der Beobachtung können quantitative wie auch qualitative Daten pro­duziert werden; bei Letzterem erfolgt ein interpretativer Zugang zum beobachteten Geschehen (Bortz & Döring, 1995, S. 240)1.

Ziel der Beobachtung

Im Zentrum der Beobachtung steht die direkte Beobachtung mensch­licher Handlungen, sprachlicher Äußerungen, nonverbaler Reaktionen (Mimik, Gestik, Körpersprache) und sozialer Merkmale (Kleidung, Sym­bole, Gebräuche, etc.). Die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, den Ablauf und die Bedeutung einzelner Handlungen und Handlungszusam­menhänge sowie des Beziehungsgefüges zu erfassen. Keine andere Form der Datenerhebung erlaubt dem Forscher einen ähnlich tiefen Einblick in die Alltagsereignisse einer sozialen Gemeinschaft, die viel­fältigen Wertvorstellungen und Interessen der Erforschten sowie deren sozialen Kontext.

Selbst- und Fremdbeobachtung

Beobachtungen können sich auf die eigene Person richten (Selbst­beobachtung) oder auf andere Personen (Fremdbeobachtung).

  • Die Grundlage der Selbstbeobachtung ist Selbstaufmerksamkeit: Z.B. wird ein kleiner Bereich unseres täglichen Lebens herausge­griffen und für eine gewisse Zeit genauer beobachtet, um die Auf­merksamkeit und Wahrnehmung zu schärfen und Dinge auf eine neue Weise sehen zu lernen.
  • Zudem gibt es die sog. „Kontrollierte Introspektion", die syste­matische Berichte (lautes Denken) und sekundär auswertbare Aufzeichnungen verwendet, um innere Prozesse zugänglich zu ma­chen, die von außen nicht beobachtbar und von den betroffenen Personen selbst ebenfalls nur schwer wahrnehmbar oder verbali­sierbar sind.
  • Fremdbeobachtung ist ein planmäßiges, systematisches, struktu­riertes Betrachten eines Ereignisses außerhalb der eigenen Person.

Einsatzfeld

Die Datenerhebung per Beobachtung ist dann sinnvoll, wenn man

  • damit rechnen muss, dass verbale Selbstdarstellungen der Proban­den das interessierende Verhalten bewusst oder ungewollt verfäl­schen,
  • davon ausgehen kann, dass eine künstliche Situation das interes­sierende Verhalten beeinträchtigt,
  • für die Deutung einer Handlung das Ausdrucksgeschehen (Mi­mik, Gestik, etc.) des Handelnden heranziehen will (Bortz & Döring, 1995, S. 240)2.

Prinzipien der Beobachtung

Die Beobachtung sollte verhaltensorientiert ablaufen, d.h. es ist not­wendig, Verhaltensweisen zu protokollieren, um die Interpretationen und Bewertungen des Beobachters nachvollziehen zu können und für die Beteiligten nachvollziehbar zu machen. Das Prinzip der Transparenz besagt, dass die Beteiligten vorab über Umfang, Durchführung, Zeit­punkt und besonders über die Inhalte der Beobachtung zu informieren sind. Ein weiterer Aspekt, von dem die Qualität der Beobachtung ab­hängt, ist das Prinzip der kontrollierten Subjektivität. Damit ist ge­meint, dass die Beobachter mit dem Beobachtungssystem keine un­veränderlichen Erkenntnisse über das Verhalten der Personen fest­halten können.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Beobachtungstypen

Es gibt vier Grundtypen der Beobachtung (Bortz & Döring, 1995, S. 245)1:

(a)     Offene/verdeckte Beobachtung, je nach dem ob die beobachteten Personen wissen, dass sie beobachtet werden, oder nicht.

(b)     Teilnehmende/nicht-teilnehmende Beobachtung, je nachdem, ob der Beobachter am zu beobachtenden Geschehen aktiv teilnimmt oder nicht.

(c)     Beobachtung in natürlich/künstlicher Situation, je nachdem, ob sich die zu beobachtenden Personen in ihrem natürlichen Umfeld oder in einem „Labor" befinden.

(d)     Systematische/Unsystematische Beobachtung, je nachdem, ob ein ausformuliertes Beobachtungskategoriensystem vorliegt oder nicht.

Teilnehmende Beobachtung

Der Forscher steht bei der teilnehmenden Beobachtung (Feldbeobach­tung) nicht passiv außerhalb des Untersuchungsgegenstandes, sondern ist selbst Teil des beobachteten sozialen Systems (Mayring, 1993, S. 56)2. Es ist das Anliegen der teilnehmenden Beobachtung, Aussagen da­rüber zu treffen, wie sich Menschen in ihrer sozialen Umwelt verhalten, wenn kein Forscher sie direkt oder indirekt beeinflusst. Es ist jedoch nicht einfach, als teilnehmender Beobachter einerseits integriert zu werden und andererseits den natürlichen Ablauf des Geschehens nicht zu verändern. Da das gleichzeitige Beobachten und Protokollieren dem eigentlichen Sinn einer teilnehmenden Beobachtung zuwiderläuft, kann das Beobachtete erst nach Abschluss der Beobachtung schriftlich fixiert werden. Dass dabei Gedächtnislücken und subjektive Fehlinterpretatio­nen den Wert derartiger Protokolle in Frage stellen können, liegt auf der Hand (Bortz & Döring, 1995, S. 240f)3.

Unstandardisierte (qualitative) Beobachtung

Die unstandardisierte oder auch qualitative Beobachtung ähnelt sehr der Alltagsbeobachtungen und findet sich im Bereich der Organisa­tionsforschung, besonders in der Ethnographie, wieder, wobei eine umfassende Beobachtung fast gänzlich ohne methodische Einschrän­kungen durchgeführt wird und meist im natürlichen Umfeld stattfindet. Zudem erfolgt eine aktive Teilnahme des Beobachters am Geschehen, wodurch eine direkte Interaktion erfolgt und damit die Subjekt-Objekt-Trennung aufgehoben ist. Sie wird meist verwendet, um größere Ein­heiten, Systeme und Verhaltensmuster sowie subjektive Eindrücke des Beobachters, bspw. bei einem ersten Rundgang durch die Organisation zu sammeln oder um erste Hypothesen für das weitere Forschungsvor­gehen zu generieren. Dazu werden meist offene Beobachtungskatego­rien und/oder Fragestellungen als Hilfestellungen für den Beobachter verwendet (Bortz & Döring, 1995, S. 296f)4.

Systematische und unsystematische Beobachtung

Grundsätzlich kann bei der wissenschaftlichen Verhaltensbeobachtung zwischen unsystematischer (freier) und systematischer (standardisier­ter, strukturierter, kontrollierter) Vorgehensweise unterschieden wer­den, wobei die Gesamtheit der Aktionen und Reaktionen eines Menschen, also dessen Verhalten, wahrgenommen und erfasst wird.

Mischformen der Beobachtung

Zwischen den Polen systematisch/unsystematisch, nicht teilnehmend/ teilnehmend und offen/verdeckt sind viele Mischformen z.B. in Form einer halbstandardisierten Beobachtung denkbar, das heißt: Es kann sich je nach Objekt und Ziel der Beobachtung die Gestaltung der Beobachtungsvorgabe, des Ablaufs und der Einbettung verändern (Stier, 1999, S. 168)5. Beispiele sind: A) Teilnehmend/offen: Eine Be­triebspsychologin beteiligt sich an einem Mitarbeitergespräch. B) Nicht teilnehmend/verdeckt: Ein Entwicklungspsychologe beobachtet zwei Kinder durch eine Einwegschreibe (Bortz & Döring, 1995, S. 245)6. C) Nicht teilnehmend/offen: Ein Forscher beobachtet eine Schulklasse. Er sitzt im Klassenraum, beteiligt sich aber nicht am Unterrichtsgespräch.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Mayring, P. (1993).  Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (2. Auflage).
  3. 3. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  4. 4. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  5. 5. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  6. 6. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Umsetzungshinweise

Beobachtungsplan

Bei einer systematischen Vorgehensweise liegt in der Regel ein Beo­bachtungsplan vor, der den Gegenstand und für die Beobachtung un­wichtige Sachverhalte eingrenzt. Außerdem wird vorgegeben, wie die genaue Vorgehensweise auszusehen hat, in welchem zeitlichen und räumlichen Kontext die Daten zu erheben sind und wie protokolliert wird (Stier, 1999, S. 167)1. Damit kann die Beobachtung - in Grenzen - objektiviert oder gewährleistet werden, dass die Wahrnehmung und Registrierung des Verhaltens eines oder mehrerer Individuen metho­disch kontrolliert sind (Bortz & Döring, 1995, S. 241)2.

Erstellung eines Beobachtungssystems

Eine methodische Absicherung des Beobachtungssystems findet an­hand mehrerer Schritte statt (Stier, 1999, S. 169)3:

(1)  Festlegung von Untersuchungsziel und Verwendungszweck;

(2)  Festlegung der Beobachtungssituation: Soziales System (Team, einzelne Personen etc.), Situation (alltägliche Routinesituation, ein­malige oder besondere Situation), Zeitraum;

(3)  Festlegung der Beobachtungskategorien;

(4)  Auswahl der Beobachter: externe, aus dem sozialen System oder aus dem benachbarten System;

(5)  Festlegung der Rolle des Beobachters: offen vs. verdeckt;

(6)  Orientierung der Beteiligten über die Beobachtung: Zweck, Ergeb­nisverwertung, existierende Bedenken;

(7)  Beobachtertraining zum Erlernen der Anwendung des Verfahrens und zur Reduktion von Wahrnehmungsverzerrungen;

(8)  Dokumentation der Beobachtungsergebnisse: Videoaufzeichnung, Protokolle nach der Beobachtung, simultane Protokollerstellung.

 

Störvariablen

Da die Beobachtung eine visuelle Wahrnehmung ist, kann es zu Pro­blemen kommen, die gleichzeitig Gegenstand der Wahrnehmungspsy­chologie sind. In der Methodenlehre sind sie als Störvariablen bekannt.

Der Halo-Fehler

Der Halo-Fehler tritt auf, wenn das beobachtete Verhalten in Bezug auf ein bestimmtes Persönlichkeitsmuster interpretiert wird und zu einer Vereinfachung der Urteile führt; z.B.: Selbstbewusstes Auftreten wird mit Kompetenz gleichgesetzt. Dies kann vermieden werden, indem der gesamte Beobachtungszeitraum ausgenutzt wird, die Beobachtung auf der Verhaltensebene erfolgt und auf Interpretation (wo immer möglich) verzichtet wird.

Der Sympathiefehler

Der Sympathiefehler tritt auf, wenn wahrgenommene Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit dazu führt, dass bestimmte Verhaltensweisen zu positiv oder zu negativ eingeschätzt werden. Hierzu zählt auch der Milde­fehler, d.h. nachsichtige Beobachter verwenden nur mittlere Urteilsdi­mensionen. Beim Kontrastfehler werden entgegengesetzte Eigen­schaften negativer beurteilt und beim Ähnlichkeitsfehler werden ähn­liche Personen positiver beurteilt. Alle genannten Fehler können durch ein bewusstes Wahrnehmen der gefühlsmäßigen Einstellung zu ein­zelnen Personen vermieden oder zumindest reduziert werden.

Der Fehler des ersten und letzten Eindrucks

Der erste (primacy) und der letzte (recency) Eindruck bleiben haupt­sächlich in der Erinnerung von Personen erhalten. Ereignisse, die da­zwischen liegen, werden oft vergessen oder übersehen. Dadurch kann es zu einer Verzerrung des Gesamteindrucks kommen. Dem kann ent­gegengewirkt werden, indem der erste Eindruck, der zweite Eindruck und der letzten Eindruck, beispielsweise durch Markieren der Skalen­noten, notiert wird. Aufgrund dieser Verzerrungseffekte kann gesagt werden, dass eine Beobachtung so gut wie nie einer realitätstreuen Abbildung des zu Beobachtenden entspricht (Bortz & Döring, 1995, S. 171, S. 241)4.

Beobachtung vs. Bewertung vs. Interpretation

Die Unterscheidung zwischen Beobachtung und Bewertung von Ver­halten ist ein kritischer Punkt. Die Trennung der beiden Prozesse der Beobachtung und der anschließenden Bewertung ist in jedem Beobach­tungsprozess von Bedeutung und sollte methodisch überwacht werden. Es sollte in jeden Fall vor der Beobachtung eine Schulung durchlaufen werden, um ein Gefühl für den Unterschied zwischen Beobachtung und Bewertung zu erlangen. Die Beobachtung ist nur beschreibend, wir neigen jedoch sehr schnell zu einer Bewertung z.B. „das hat er gut gemacht" - meist ohne, dass uns das bewusst ist. Die Interpretation wurde oben bereits angesprochen. Bewertung und Interpretation hän­gen eng zusammen, denn meist liegt einer Interpretation eine Bewer­tung zu Grunde.

  1. 1. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  4. 4. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Vor- & Nachteile

Bei Verhaltensfragen, die z.B. in einem Interview oder Fragebogen gestellt werden, kann man nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Befragte in einer konkreten Situation dieses Verhalten auch zeigen wird. Es besteht also das Problem, aus Verhaltens- oder Einstellungs­fragen prognostische Aussagen zu machen. Aus diesem Grund ist „beobachtetes" Verhalten wesentlich informativer und überzeugender (Stier, 1999, S. 174)1. Insgesamt ist eine Beobachtung, wird sie wissenschaftlich durchgeführt, kosten- und zeitaufwändig. Zudem ist keine Wiederholbarkeit möglich.

  1. 1. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

Die Beobachtung ist als Datenerhebungsinstrument unverzichtbar, da mit ihr Daten gewonnen werden können, die (fast) unabhängig vom Probanden sind. Beobachtungen können in einer künstlichen Situation (Labor) durchgeführt werden, in besonderen Situationen wie Therapiegesprächen (strukturierte Beobachtung) oder es werden keine Vorgaben gemacht und die Probanden sind in ihrer Umgebung (natürliche Beobachtung). Beobachtungen können sich auf die eigene Person richten (Selbstbeobachtung) oder auf andere Personen (Fremdbeobachtung). Die Beobachtungsstile können in vier Kategorien eingeteilt werden; Mischformen sind möglich. Die häufigste Unterscheidung orientiert sich am Grad der Systematisierung und an der (Nicht-)Teilnahme des Beobachters. Da die Beobachtung ein visueller Prozess ist, unterliegt sie allen wahrnehmungs-psychologischen Gesetzmäßigkeiten und deren Verzerrungen. Eine gute Beobachtung setzt damit Kenntnis und Training voraus. Ob die Beobachtung für die Datenerhebung das richtige Instrument ist, entscheidet sich nicht nur anhand des Forschungsinteresses, sondern auch an der Durchführbarkeit und der Kostenstruktur.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Bortz, J. & Döring, N. (1995). Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler (2. Aufl.) Berlin: Springer. (S. 242 ist ein Beispiel eines Verhaltensprotokolls zu lesen und auf S. 247 ein Beobachtungsplan. S. 296f: Qualitative Beobachtung.)

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II: 5. Schriftliche Befragung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

„Wenn Untersuchungsteilnehmer schriftlich vorgelegte Fragen (Frage­bögen) selbständig schriftlich beantworten, spricht man von einer schriftlichen Befragung", definieren Bortz und Döring (1995, S. 253)1. Bei der postalischen Befragung, welche das wohl häufigste schriftliche Erhebungsverfahren darstellt, geschieht die Zustellung des Fragebo­gens per Post oder durch einen Boten (Bortz & Döring, 1995, S. 253)2.

Merkmal: offene Antworten

Bei der Datenerhebung per Fragebogen liegen die Fragen meist in standardisierter Form vor und es besteht häufig keine direkte Inter­aktion zwischen dem Befragten und dem Forschenden. Die Fragen werden alle in gleicher Form und in der gleichen Reihenfolge gestellt. Insbesondere ist im Gegensatz zum Interview zu betonen, dass die Antworten in der Regel auf einer Skala zu beantworten sind. Dies ist jedoch in der qualitativen Sozialforschung anders. Offene Fragen domi­nieren, um eine Befragungstiefe erreichen zu können. Natürlich kann ein Fragebogen auch mündlich „abgefragt" werden, wie dies z.B. bei Meinungsabfragen zur Politik getan wird. Entscheidend ist jedoch, dass die Fragen zwar standardisiert, die Antworten jedoch offen sind.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Arten von Fragen

Fragen können nach der Art der Information, die mit ihnen gewonnen werden soll, klassifiziert werden: Einstellungs- oder Meinungsfragen, Überzeugungsfragen, Verhaltensfragen oder Eigenschaftsfragen (vgl. hierzu Schnell, Hill & Esser, 1992, S. 333f)1.

Geschlossene und offene Fragen

Bei der Gestaltung von Fragen kann man grundsätzlich zwei Typen unterscheiden: Die geschlossene Frage (Statement), bei der Antwort­vorgaben vorgesehen sind, und die offene Frage, bei der in eigenen Worten geantwortet werden soll (Bortz & Döring, 1995, S. 194f)2. Auf Fragen mit geschlossenem Antwortformat wird im Weiteren nicht ein­gegangen, weil dies zu quantitativen Daten und statistischen Auswer­tungen führt.

Hybridfragen

Bei Hybridfragen handelt es sich um eine Kombination von offenen und geschlossenen Antwortvorgaben (Schnell, Hill & Esser, 1992, S. 340)3. Nach der Entscheidung für eine Antwort wird nach der Begründung für die Antwort gefragt, z.B.: Gehen Sie gerne ins Kino? Wenn ja, warum?

Direkte und indirekte Fragen

Wichtig bei der Formulierung von Fragen und Statements sind Wort­wahl und Satzbau. Weitere Empfehlungen sind (Stier, 1999, S. 178f)4:

  • Einfach Worte - keine Fachausdrücke (nur wenn nötig), keine Fremdwörter, keine Abkürzungen.
  • Fragen sollten kurz sein.
  • Anpassung an das Sprachniveau der Befragten.
  • Keine Suggestivfragen.
  • Fragen sollten neutral formuliert sein, nicht hypothetisch.
  • Fragen sollten sich auf einen Sachverhalt beziehen (Vermeidung von Mehrdimensionalität).
  • Keine doppelten Verneinungen.
  • Fragen sollten ausbalanciert sein, d.h. positive und negative Ant­wortmöglichkeiten sollten in einer Frage enthalten sein.
  • Eindeutige Worte, d.h. keine Worte verwenden wie: normalerweise, üblicherweise, häufig, oft, gelegentlich, manchmal.
  1. 1. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  4. 4. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Umsetzungshinweise

Das Anschreiben

Das Anschreiben wird unter dem Aspekt gestaltet, dass es für die Be­fragten motivierend wirkt und die Kooperationsbereitschaft erhöht. Die Anforderungen für die Gestaltung eines Anschreibens nach Bortz und Döring (1995, S. 235)1 sind:

  • Instruktion zum Ausfüllen des Fragebogens,
  • Dauer des Ausfüllens,
  • Angabe des letzten Rücksendedatums,
  • Rücksendungsmöglichkeiten,
  • Zusicherung der Anonymität,
  • Dank für die Mitarbeit.

Bereits im Ankündigungsschreiben wird erwähnt, dass der Fragebogen Grundlage für z.B. eine Forschungsarbeit ist. Nach Bortz und Döring (1995, S. 234)2 kann die Beschreibung des Forschungsvorhabens die Rücklaufquote erhöhen.

Gestaltung eines Fragebogens

Das Layout eines Fragebogens kann sich ebenfalls auf die Motivation, einen Fragebogen auszufüllen, auswirken. Zudem ist es wichtig, bereits während der Fragebogenkonstruktion bezüglich der Verortung von Fragen Überlegungen über bestimmte Effekte anzustellen. Empfehlun­gen sind:

  • Layout des Fragebogens (klare Gliederung, Übersichtlichkeit z.B. durch verschiedene Schriftarten) beachten.
  • Fragen zu einem Themenbereich zusammenfassen.
  • Auf die Fragesequenz achten.
  • Auf Ausstrahlungs- und Platzierungseffekte achten.
  • Filterfragen (z.B. „Wenn Sie bei Frage 1 mit ‚Ja' geantwortet haben, fahren Sie bitte mit Frage 5 fort.") einbauen.

Wozu ein Pretest?

Ein Pretest wird durchgeführt, um die Verständlichkeit, die Eindeutig­keit der Fragen und die Bearbeitungszeit zu prüfen (Mummendey, 1995, S. 62)3. Die Prüfung der Bearbeitungsdauer für den Fragebogen ist insofern von Bedeutung, als davon ausgegangen werden kann, dass die Motivation vermindert wird, wenn die Dauer zum Ausfüllen des Fragebogens 30 Minuten übersteigt (Krauth, 1995, S. 44)4.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Mummendey, H. D. (1995).  Die Fragebogen-Methode. Grundlagen und Anwendung in Persönlichkeits-, Einstellungs- und Selbstkonzeptforschung.
  4. 4. Krauth, J. (1995).  Testkonstruktion und Testtheorie.

Vor- & Nachteile

Allgemeine Vorteile des Fragebogens

Die Vorteile der postalischen Befragung sind bedeutend geringere Er­hebungskosten, die sich vor allem durch den geringeren Personalbe­darf gegenüber dem Interview ergeben (Bortz & Döring, 1995, S. 253, 2571; Stier,1999, S. 1982). Der Organisationsvorteil ist einerseits durch eine zeitlich straffere Planung als beim Interview begründet, ande­rerseits sind aber auch schnelle, flächendeckende Erhebungen möglich, welche bei einer mündlichen Erhebung deutlich mehr Zeit beanspru­chen würden. Hinzu kommt, dass aufwändige Terminabsprachen ent­fallen. Eine erhöhte Freiheit des Befragten wird ermöglicht durch die Zusicherung von Anonymität und durch die Gewährleistung einer zeit­lichen Freiheit bei der Beantwortung der Fragen. Bei schriftlichen Ver­fahren ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Interaktion infolge der Distanz korrekter, „objektiver" und emotionsloser ist. Man könnte schriftlich erhobene Daten daher tendenziell als genauer, reproduzier­barer und bewahrbarer bezeichnen. Sogenannte „Interviewer-Effekte" fallen weg (Stier, 1999, S. 198)3; es müssen „nur" mögliche Manipula­tionen durch die Frage- und Antwortformulierung eliminiert werden. Durch die bereits erwähnte Anonymität des Befragten tendiert dieser zusätzlich dazu, ehrlicher und sorgfältiger zu sein.

Vorteil eines Online-Fragebogens

Der Fragebogen kann so konzipiert werden, dass die Befragten den Fragebogen direkt an ihrem PC durch Mausklick ausfüllen können. Der Vorteil dieser Methode liegt in der schnelleren Bearbeitungszeit und darin, dass die Antworten der Befragten sofort als Text zur Verfügung stehen und bearbeitet werden können. Es entfällt somit die Eingabe der Daten per Hand, wenn der Fragebogen in Papierform vorliegt. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Entzifferung der (Hand-)Schrift entfällt.

Nachteile eines Fragebogens

Das Nachfragen, um z.B. eine Antwort zu vertiefen, ist nicht möglich und wenn, dann nur sehr eingeschränkt z.B. über die Formulierung „wenn ja, warum?" Diese Hybridfragen sind zwar grundsätzlich mög­lich, erzeugen jedoch, wenn sie zu häufig eingesetzt werden, beim Be­fragten mitunter Reaktanzverhalten, das heißt, er weigert sich nach einiger Zeit, diese zu beantworten. Ein Nachteil der postalischen Erhe­bung ist der zudem oft mangelhafte Rücklauf.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  3. 3. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die schriftliche Befragung hat gegenüber dem mündlichen Interview den Vorteil, dass es vergleichbarer, breiter einsetzbar und kosten­günstiger ist. In der qualitativen Sozialforschung birgt der Begriff „Fragebogen" eine Schwierigkeit, weil er meist mit dem standardi­sierten Interview assoziiert wird, was aber einer quantitativen Vorge­hensweise entspricht. Die Unterscheidung zwischen mündlicher und schriftlicher Befragung innerhalb der qualitativen Sozialforschung liegt also „lediglich" in der Form der Interaktion (bei der schriftlichen Befra­gung normalerweise nicht vorhanden) und in folgenden Punkten: Kos­ten, Möglichkeiten der Erfassung, Überprüfbarkeit, Beeinflussbarkeit, Erfassungstiefe und Freiheit beim Interviewten. Die Art der Fragen sind relativ ähnlich, wobei sie bei der schriftlichen Befragung exakter und besser durchdacht sein müssen, da kein Nachfragen möglich ist. Die Entscheidung, ob eine schriftliche oder mündliche Befragung durchge­führt wird, ist letztendlich von den beiden Hauptfaktoren Kosten und benötigte Interaktions- bzw. Informationstiefe abhängig.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Stier, W. (1999). Empirische Forschungsmethoden (2. verb. Aufl.). Berlin: Springer. (Ab S. 171f sehr gute, übersichtliche Darstellung, was bei einer Frage­bogenkonstruktion zu beachten ist. Leider beziehen sich die Beschrei­bungen vor allem auf quantitativ orientierte Fragebögen.)

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II: 6. Dokumentenanalyse

Allgemeine Informationen

Vorbemerkung

Die Dokumentenanalyse wird auch zu den quantitativen inhaltsana­lytischen Techniken gezählt (vgl. Lamnek, 1995, S. 193)1. Während aber die Dokumentenanalyse vorrangig der Datenerhebung dient und auf alle möglichen Gegenstände (Filme, Texte, Bilder, etc.) angewendet werden kann, ist die Inhaltsanalyse ein Verfahren, das zur Auswertung bereits erhobener Daten (z.B. Transkripten von Interviews) dient.

Gegenstand der Dokumentenanalyse

Gegenstand der Dokumentenanalyse in der qualitativen Forschung sind Bedeutungsträger aller Art, z.B. sprachliche Mitteilungen, Ton- oder Bilddokumente (Filme, Fernsehsendungen, Geschäftsbücher, Ar­beiterbibliothek, Tagebuch, Zeugnisse etc.), aber auch Gegenstände der bildenden Kunst wie Gemälde oder Skulpturen. Hauptanwen­dungsgebiet der Dokumentenanalyse sind Dokumente, die in schrift­licher (oder bildlicher) Form vorliegen und nach bestimmten Kriterien ausgewählt und analysiert werden. Der Forscher erschließt also Ma­terial, das nicht erst durch Datenerhebung gewonnen werden muss; die qualitative Interpretation des Materials ist entscheidend.

  1. 1. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.

Umsetzungshinweise

Kriterien für Dokumentenauswahl

Die Kriterien für die Auswahl von Dokumenten, die einer Dokumen­tenanalyse unterzogen werden sollen, sind:

  1. Art des Dokuments: Urkunden, Akten u.ä. sind zuverlässiger als Zeitungsartikel.
  2. Äußere Merkmale: (Erhaltungs-)Zustand und Materialbeschaffen­heit (z.B. noch gut zu lesen, oder schon vergilbt).
  3. Innere Merkmale: Inhalt (schriftlichen Quellen) und Aussagekraft (Gegenstände)
  4. Intendiertheit: Ursprüngliche Funktion des Dokuments (Vertrag, Fälschung, Gebrauchstext etc.).
  5. Gegenstandsnähe: zeitlich, räumlich, sozial (bzgl. Untersuchungs­interesse).
  6. Herkunft (Geschichte des Dokuments): Wo gefunden, woher stammt es, wie ist es überliefert worden?

Interpretierbarkeit und Aussagewert

Die ausgewählten Dokumente müssen Schlüsse auf menschliches Denken, Fühlen, Handeln zulassen, d.h. interpretierbar sein. Zudem ist eine genaue Definition des Ausgangsmaterials in Bezug auf die Fragestellung grundlegend. Der Aussagewert sollte explizit beurteilt werden. Es kann unter Umständen eine quantitative Erschließung bestimmter Anwendungsgebiete sinnvoll sein. Eine Dokumenten­analyse ist dann von Bedeutung, wenn kein direkter Zugang durch Befragen, Messen, Beobachten möglich, aber Material vorhanden ist.

Auswertung und Zielsetzung

Die Auswertung der ausgewählten Dokumente erfolgt in der quali­tativen Forschung nicht nach quantitativen Kriterien, wie beispiels­weise der Häufigkeit bestimmter Motive oder einzelner Textelemente, sondern sie orientiert sich am interpretativen Paradigma. So werden die ausgewählten Dokumente nicht anhand eines im voraus definier­ten Kategoriensystems systematisch analysiert, um festgelegte As­pekte aus den Dokumenten herauszufiltern, sondern in Anlehnung an die sozialwissenschaftlich-hermeneutische Paraphrase interpretativ und hermeneutisch gedeutet (Mayring, 1993, S. 82)1. Mischformen qualitativer und quantitativer Herangehensweise an Dokumente sind allerdings auch hier möglich. Entscheidend bei der Auswertung und Deutung des Materials ist das Vorverständnis des Forschers, das sich aus wissenschaftlichen Theorien und empirischen Erkenntnissen ent­wickelt hat. Das Ziel der Dokumentenanalyse liegt im Wesentlichen auf dem Verstehen des Sinns der Dokumente (Kromrey, 1994, S. 169)2.

  1. 1. Mayring, P. (1993).  Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (2. Auflage).
  2. 2. Kromrey, H. (2000).  Empirische Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Die Dokumentenanalyse hat den Vorteil, dass sie eher unproble­matisch (bezogen auf den Aufwand) durchzuführen ist. Die Doku­mentenanalyse erschließt Material, das in klassischen Methoden wie Tests und Verhaltensbeobachtungen nicht erfassbar ist. Die Daten sind bereits vorhanden, müssen nicht mehr erfragt, ertestet etc. werden. Die Dokumentenanalyse zählt somit zu den nonreaktiven Verfahren.

Nachteile

Nachteilig wirkt sich aus, dass der Untersuchungsgegenstand (das Dokument) nicht weiter „befragt" werden kann. Handelt es sich beim Dokument z.B. um Krankheitsdaten einer Personengruppe aus dem Mittelalter, so können Informationslücken, die die Ursachen für die Erkrankung aufdecken würden, nicht durch weitere Befragung er­hoben werden. Hinzu kommt, dass - um bei diesem Beispiel zu blei­ben - die Diagnose in den vorliegenden Dokumenten ungenau oder falsch sein kann.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

In diesem Abschnitt wurde die Dokumentenanalyse als ein qualitati­ves Verfahren vorgestellt, das existierende Dokumente/Gegenstände als Bedeutungsträger erkennt und ihnen damit eine Rolle im For­schungsprozess zuspricht. Dabei stehen, anders als in der quantita­tiven Forschung, interpretative Analysen im Vordergrund. Bei der Aus­wahl von Dokumenten sind bestimmte Kriterien zu beachten. Als non­reaktives Verfahren hat die Dokumentenanalyse einige Vorteile, aber auch den Nachteil, bei Unklarheiten nicht nachhaken zu können.

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II: Exkurs: Störquellen bei reaktiven Erhebungsmethoden

Reaktive Verfahren

Interviews und Gruppendiskussionen sind so genannte reaktive Verfahren, denn: die untersuchten Personen sind direkt mit dem Forscher konfrontiert und reagieren auf seine Anwesenheit. Daraus können sich Störquellen für die Datenerhebung ergeben. Einige dieser Probleme (z.B. soziale Erwünschtheit) treten auch bei der schriftlichen Befragung auf.

Die folgende Grafik nimmt eine grobe Zuordnung der vorgestellten Methoden hinsichtlich ihrer Reaktivität vor. Dies lässt allerdings kein Urteil bezüglich der generellen Qualität einer Methode zu.

Grafik Störquellen

Störquellen

Als die am meisten genannten Antwortverzerrungen gelten die Zustim­mungstendenz und Antworten in Richtung sozialer Erwünschtheit. Wichtige andere Verzerrungseffekte können als Spezialfälle dieser bei­den Effekte verstanden werden.

  • Unter der Zustimmungstendenz wird die Zustimmung zu einer Frage ohne Bezug zum Inhalt der Frage verstanden. Dies kann sich z.B. dadurch zeigen, dass von einem Befragten zwei Fragen mit genau entgegen gesetzten Inhalten mit Ja beantwortet werden.
  • Antworten, die der sozialen Erwünschtheit entsprechen, erfolgen beispielsweise bei Fragen nach Konsum von Suchtmitteln. Häufig verbirgt sich dahinter ein Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, oder der Befragte hat Angst davor, seine wirkliche Meinung unge­schminkt offen zu legen. Die Anwesenheit Dritter kann einen Effekt in diese Richtung beim Befragten auslösen (Schnell, Hill & Esser, 1992, S. 302, S. 363)1.

 

  1. 1. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.

Baustein III: Auswertungsmethoden

Im letzten Baustein haben Sie verschiedene Erhebungsmethoden der qualitativen Sozialforschung kennengelernt. Um die erhobenen Daten in irgendeiner Form „greifbar" und damit auch analysierbar und interpretierbar zu machen, müssen sie mit adäquaten Methoden ausgewertet werden.Ziel dieses Bausteins ist es deswegen, einen Überblick über unterschiedliche Auswertungsmethoden zu geben. In einem ersten Schritt geht es um die Dokumentation von Daten und deren Funktion sowie um Transkriptionsgrundsätze und Protokollierungstechniken. In einem zweiten Schritt wird die qualitative Inhaltsanalyse dargestellt. Diese kann bei Textmaterial eingesetzt werden und dient zur Interpretation und Erschließung der Bedeutung. Dabei bietet sich ein systematisches Ablaufmodell an. Als alternatives Verfahren wird auf die typologische Analyse eingegangen. Dies ist eine Auswertungsmethode, bei der in umfangreichem Datenmaterial möglichst prägnante Fälle identifiziert und typisiert werden. In einem dritten Schritt wird mit der gegenstandsbezogenen Theoriebildung eine Auswer­tungsmethode präsentiert, bei der eine Überschneidung von Auswertung und Erhebung des Datenmaterials (und somit auch der Theoriebildung) entsteht. Diese Methode verzichtet auf die Einhaltung zeitlicher Abfolgen und sukzessiver Vorgehensweisen. Im Gegensatz dazu werden im letzten Schritt mit den sequenziellen Analysen Auswertungs­methoden vorgestellt, die eine strenge sukzessive Vorgehensweise verlangen und eine Interpretation und Theoriebildung entlang der Struktur des Textes verfolgen.

III: 1. Dokumentation von Daten

Bedeutung der Dokumentation

Nach der Datenerhebung findet vor der eigentlichen Auswertung ein wichtiger Zwischenschritt statt: die Dokumentation und Aufbereitung der Daten. Es handelt sich hier also noch nicht um eine Interpretation oder Auswertung der Daten, sondern lediglich um deren formale Aufbereitung für die eigentliche Analyse. Dabei werden zumeist verbale Daten, aber auch Beobachtungsnotizen, Videoaufzeichnung etc. in Text überführt, wofür es unterschiedliche Vorgehensweisen gibt. Es kommt hier allerdings immer wieder zu Überschneidungen mit vor- und nachgelagerten Phasen des Forschungsprozesses.

Etappen der Dokumentation

Flick (2002)1 unterteilt die Dokumentation in drei Etappen:

  • Aufzeichnung der Daten
  • Aufbereitung (Transkription) der Daten
  • Konstruktion einer „neuen" Realität (durch Verschriftlichung)

Ähnlich geht Mayring (2002, S. 85)2 vor, indem er folgende Themen­kreise unter die Materialaufbereitung subsumiert:

  • Wahl der Darstellungsmittel
  • Protokollierungstechniken
  • Konstruktion deskriptiver Systeme

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Etappe 1 der Dokumentation

Entscheiden, was dokumentiert werden soll

Aufzeichnung der Daten

Bei den aufgezeichneten Daten kommen alle Arten von gewonnenem Erhebungsmaterial in Betracht, also Feldnotizen, Interviewprotokolle, Audio- oder Videoaufzeichnungen sowie sonstige Forschungsdaten. Moderne technische Hilfsmittel, insbesondere akustische und audio­visuelle Aufzeichnungsmöglichkeiten, haben zur optimistischen Annah­me geführt, naturalistische Daten zu gewinnen. Mittlerweile wird dies etwas skeptischer beurteilt, da die natürliche Situation durch die Aufzeichnung beeinflusst wird. Deshalb formuliert Flick eine sog. Sparsamkeitsregel (vgl. Flick, 2002)1:

  • nur aufzeichnen, was für die Forschungsfrage relevant ist,
  • technischen Aufwand theoretisch begründet beschränken,
  • Präsenz der Aufzeichnung minimieren,
  • Untersuchte über Sinn und Zweck möglichst aufklären.

Wahl der Darstellungsmittel

Daneben sind die Darstellungsmittel zu wählen. Entscheidend ist, dass sie gegenstandsangemessen und vielfältig sind (vgl. Mayring, 2002)2. Dabei können Texte zur Fixierung von Äußerungen oder Handlungen, aber auch Tabellen, Bilder und audiovisuelle sowie grafische Darstel­lungen zur Anreicherung des Datenmaterials verwendet werden.

 

 

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Etappe 2 der Dokumentation

Formen der Transkription / Protokollierung

Das klassische Medium der Aufzeichnung in der qualitativen Forschung sind Feldnotizen. Diese werden vom teilnehmenden Forscher möglichst direkt, gelegentlich auch nachträglich, niedergeschrieben, wobei eine einheitliche Notationskonvention, also definierte Regeln für die Notizen, verwendet werden sollte. Da diese Daten selektiv und subjektiv, zuweilen auch künstlich sind, bietet sich eine Anreicherung mit zusätzlichen Kontextinformationen an, indem weiteres Dokumentationsmaterial eingesetzt wird, z.B. Fotos, Diktiergeräte oder auch Forschungstagebücher. Insbesondere letzteres dient zur Reflexion und Relativierung, womit die Feldnotizen kontrastiert bzw. deren subjektive Färbung etwas reduziert werden kann. Daneben kann bei Interviews ein Dokumentationsbogen eingesetzt werden, der allgemeine Situations- und Kontextmerkmale festhält, z.B. Datum, Ort oder Alter und Beruf (vgl. Flick, 2002)1.

Techniken der Protokollierung

Wie im letzten Baustein gezeigt wurde, gibt es aber noch eine ganze weitere Reihe von Erhebungsmethoden, die z.B. zu Materialien in Audio- oder Videoform führen. Um die gewonnen Daten besser analysieren und interpretieren zu können, ist eine Protokollierung des Erhebungsmaterials notwendig. Hierbei können unterschiedliche Techniken angewandt werden:

  • wörtliche Transkription,
  • kommentierte Transkription,
  • zusammenfassendes Protokoll,
  • selektives Protokoll.

Insgesamt ist wichtig, das richtige Maß zwischen Aufwand, Detailliert­heit und Übersichtlichkeit der Transkription zu finden. Dabei sollte der Transkriptionsprozess handhabbar sowie das Resultat les- und inter­pretierbar sein (vgl. Flick, 2002)2. Im Folgenden werden unterschiedliche Transkriptionsvarianten im Detail dargestellt:

Wörtliche Transkription

Wenn Erhebungsmaterial ausführlich ausgewertet werden soll, so bietet sich eine wörtliche Transkription an, bei der eine vollständige Textfassung erstellt wird. Hierbei können unterschiedliche Verfahrens­weisen angewendet werden. So bietet das internationale phonetische Alphabet die Möglichkeit, Sprachfeinheiten wie Klangfärbungen abzu­bilden. Etwas weniger detailliert ist die literarische Umschrift, bei der Dialekt im gebräuchlichen Alphabet wiedergegeben wird. Am häufigs­ten wird die Übertragung in normales Schriftdeutsch gewählt, bei der u.a. Satzbaufehler bereinigt und der Stil geglättet werden. Zwar werden bei den ersten beiden Varianten die reichhaltigen Kontextinformationen weitestgehend beibehalten, der damit verbundene Aufwand aber ist sehr hoch, zudem leiden die Lesbarkeit und die weitere Bearbeitbarkeit (vgl. Mayring, 2002)3.

Kommentierte Transkription

In der kommentierten Transkription werden über das Wortprotokoll hinaus zusätzliche Detailinformationen mit aufgenommen. So können etwa Sprachauffälligkeiten wie Pausen, Betonungen oder Lachen durch Sonderzeichen dargestellt werden. Auch hier geht der Gewinn an Zu­satzinformationen zulasten der Lesbarkeit. Deshalb ist es auch alter­nativ möglich, in einer Spalte neben dem Protokoll Kommentare nach vorher festgelegten Kriterien niederzuschreiben (vgl. Mayring, 2002)4.

Zusammenfassendes Protokoll

Stehen bei der Auswertung weniger der konkrete Sprachkontext als vielmehr inhaltlich-thematische Aspekte im Vordergrund, so kann ein zusammenfassendes Protokoll erstellt werden. Des Weiteren kann es auch bei einer nicht anders zu bewältigenden Materialfülle eingesetzt werden. In einer systematischen Reduzierung wird das Allgemeinheits­niveau zunächst vereinheitlicht und dann der Abstraktionsgrad schritt­weise angehoben (vgl. Mayring, 2002)5. Nach Mayring ist hierbei fol­gendes Ablaufmodell für eine zusammenfassende Inhaltsanalyse denkbar (Mayring, 2002, S. 96)6:

Dokumentation von Daten Zusammenfassung

Selektives Protokoll

Vergleichbare Überlegungen stehen hinter dem selektiven Protokoll. Dieses macht vor allem dann Sinn, wenn eine große Materialfülle be­schränkt werden muss und überflüssige sowie abschweifende Passagen übergangen werden können. Hierzu sind genaue Auswahlkriterien festzulegen, um bei der selektiven Protokollierung nur die interessie­renden Aspekte herauszufiltern (vgl. Mayring, 2002)7.

Konstruktion deskriptiver Systeme

Die Konstruktion deskriptiver Systeme reicht bereits am weitesten in den Bereich der Auswertung hinein. Konstruktion deskriptiver Systeme meint die Einteilung des aufbereiteten Datenmaterials in verschiedene Kategorien anhand der zugrunde liegenden theoretischen Vorüberlegungen. Das Material wird also entsprechenden Oberbe­griffen zugeordnet und damit für die nachfolgende Auswertung vorstrukturiert. Dabei besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Empirie, denn: einerseits werden Kategorien theoriege­leitet entwickelt, gleichzeitig kann es im Verlauf der Datenaufbereitung notwendig werden, neue Kategorien zu entwickeln, die in den theoretischen Überlegungen nicht berücksichtigt waren (vgl. Mayring, 2002)8. In einer schematischen Darstellung ergibt sich folgendes Ablaufmodell (Mayring, 2002, S. 102)9:

Dokumentation Konstruktion deskriptiver Systeme

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  5. 5. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  6. 6. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  7. 7. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  8. 8. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  9. 9. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Etappe 3 der Dokumentation

Verschriftlichung führt zu neuer Realität

Zuletzt sei nochmals betont, dass durch die Verschriftlichung, so detailliert sie auch sein mag, eine andere Version des Geschehens entsteht. Zum einen wird der flüchtige und vergängliche Charakter der Beobachtungssituation in der Fixierung aufgelöst. Zum anderen können Prozesse und Strukturen zugänglich gemacht werden, die in alltäglichen Situationen unbemerkt ablaufen; somit können „neue" Realitäten geschaffen werden. Letztendlich führt dies in einer radikalen Position zu der Annahme, dass sich Interpretationen lediglich auf den Text, nicht auf die darin abgebildete Situation beziehen dürfen. Diesem Dilemma kann begegnet werden, indem möglichst vielfältiges und umfassendes Erhebungsmaterial gewonnen sowie dokumentiert wird.

 

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Um das gewonnene Datenmaterial auszuwerten, muss es zuvor doku­mentiert und fixiert werden. Dabei kommen unterschiedliche Protokol­lierungstechniken zum Einsatz, die verschiedene Schwerpunkte bei der Verschriftlichung des Ausgangsmaterials setzen. Zusätzlich sind schon bei der Erhebung der Daten Überlegungen anzustellen, welche Daten wie festgehalten werden; es sind also Darstellungsmittel und Aufzeich­nungsmodi theoretisch begründet auszuwählen.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (5. Auflage). Weinheim und Basel: Beltz.
    (Seiten 85-103: Ein sehr gut gegliedertes und leicht verständliches Kapitel. Der Autor führt viele Beispiele an und fasst wesentliche Inhalte in übersichtlichen Infofeldern zusammen).
  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung - Eine Einführung (6. Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. (Seiten 243-256: Dieses Kapitel bietet einen umfangreichen Überblick über die Thematik und ist relativ leicht zugänglich. Hierbei werden etwas seltener Beispiele zur Veranschaulichung eingesetzt).

 

 

III: 2. Qualitative Inhaltsanalyse

Allgemeine Informationen

Entstehung

In den USA wurde zur Erforschung der Massenmedien als kommunika­tionswissenschaftliche Technik die Inhaltsanalyse entwickelt. Bald jedoch wurde Kritik an deren Ergebnissen geübt, da zu wenig auf den Kontext von Textelementen, latente Sinnstrukturen, markante Einzel­fälle oder nicht Genanntes eingegangen wurde, weshalb eine quali­tative Ausformung entstand (vgl. Mayring, 2002)1.

Einsatzfeld

Die qualitative Inhaltsanalyse kann einerseits zur Interpretation von Forschungsmaterial eingesetzt werden, andererseits gleichzeitig als Entscheidungsgrundlage für weitere Datenerhebungen dienen. Deshalb ist das Vorgehen im qualitativen Forschungsprozess auch mehr ver­zahnt und weniger linear als im quantitativen Vorgehen. Die Interpretation von Texten ist in zwei Zielrichtungen denkbar: sie kann zur Ausweitung wie auch zur Verdichtung von Textmaterial dienen (vgl. Flick, 2002)2. Insgesamt sind manifeste Kommunikationsinhalte, also explizite und bewusste Äußerungen sowie subjektive Sichtweisen, häufig der Untersuchungsgegenstand - zumeist in der Form von Textmaterial. Dabei unterscheidet Lamnek (1993)3 zwei Ausprägungen:

  1. die eher an der quantitativen Vorgehensweise orientierte Technik, bei der systematisch und sukzessiv mit einem Kategorieschema ge­arbeitet wird, und
  2. eine weiter gefasste Auswahlstrategie, bei der keine vorher festge­legten Analysekriterien verwendet werden.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Lamnek, S. (1993).  Band I: Methodologie. Qualitative Sozialforschung.

Ablaufmodell nach Mayring

Im Folgenden soll das Ablaufmodell von Mayring näher dargestellt wer­den, welches auf eine Reduktion des Ausgangsmaterials angelegt ist und sich dementsprechend auch für große Materialmengen eignet. Somit ist dieses Vorgehen weniger zur explorativ-interpretativen Er­schließung geeignet, sondern eher zur systematischen Textbearbei­tung, indem schrittweise mit theoriegeleiteten als auch am Material entwickelten Kategorien gearbeitet wird (vgl. Mayring, 2002)1. Das Ab­laufmodell nach Mayring ist während eines Forschungsprojektes ent­standen, als Protokolle offener Interviews bearbeitet wurden. Dabei wird in neun Stufen vorgegangen, um das Ausgangsmaterial durch zergliedernde Kategorien analytisch zu fassen, wodurch der Einzelfall „zu einer Sammlung von Merkmalsausprägungen" (Lamnek, 1993, S. 207)2 wird.

Stufen der qualitativen Inhaltsanalyse

Die einzelnen Stufen der qualitativen Inhaltsanalyse sind (Mayring, 1989 zitiert nach Lamnek, 1993, S. 217)3:

  • Festlegung des Materials: Welches Material wird analysiert? Z.B. nur relevante Interviewabschnitte.
  • Analyse der Entstehungssituation: Wie ist die Situation zu kenn­zeichnen? Z.B. Auflistung anwesender Personen oder Betrachtung des soziokulturellen Rahmens.
  • Formale Charakterisierung des Materials: In welcher Form liegt das Material vor? Z.B. als wörtliche Transkription.
  • Richtung der Analyse: Worauf soll sich der Interpretationsfokus richten? Z.B. eher kognitive oder eher emotionale Aspekte be­trachten.
  • Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung: Nach welcher Forschungsfrage wird das Material untersucht?
  • Bestimmung der Analysetechnik: Welches Verfahren soll bei der Materialanalyse eingesetzt werden? Z.B. Zusammenfassung, Explikation oder Strukturierung (s.u.).
  • Definition der Analyseeinheit: Welche Kriterien werden bei der Auswahl und Kategorisierung von Textabschnitten angelegt? Dabei legt die Kodiereinheit den kleinsten und die Kontexteinheit den größten Materialbestandteil fest, welche noch in eine Kategorie fallen. Schließlich bestimmt die Auswertungseinheit die Abfolge bei der Bearbeitung der Textabschnitte (Flick, 2002, S. 280)4.
  • Analyse des Materials: eigentlicher Analysevorgang, bei dem eine oder mehrere der drei verfügbaren Techniken angewendet wird.
  • Interpretation, um abschließend in Richtung der Hauptfragestellung die einzelnen Fälle zu generalisieren.

Als Schaubild lässt sich dieses Ablaufmodell folgendermaßen dar­stellen, wobei hier zusätzlich als letzter Schritt inhaltsanalytische Gütekriterien auf die erzielten Ergebnisse angewendet werden (Mayring, 1989, S. 49, zitiert nach Lamnek, 1993, S. 217)5:

Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse

Analysetechniken der qualitativen Inhaltsanalyse

Im eigentlichen Analyseprozess können drei unterschiedliche Techni­ken angewendet werden: Zusammenfassung, Explikation und Struktu­rierung.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,
  3. 3. Mayring, P. (1993).  Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (2. Auflage).
  4. 4. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  5. 5. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,

Analysetechnik Zusammenfassung

Der Analyseschritt Zusammenfassung ist vergleichbar mit dem Vorgehen beim zusammenfassenden Protokoll und der gegenstandbe­zogenen Theoriebildung (s.u.). Ziel ist es, „dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, durch Abstraktion ein überschaubares Korpus zu schaffen, das immer noch ein Abbild des Grundmaterials ist" (Mayring, 2002, S. 115)1. In einem reduktiven Prozess wird versucht, zu einer induktiven Kategoriebildung, d.h. mit Hilfe des Materials gebildeter Kategorien, zu gelangen. Vorab jedoch sind deduktiv Selek­tionskriterien und Analyseziele aus der Theorie abzuleiten, um das Abstraktionsniveau und die Kategorisierungsdimension festzulegen. Damit wird das Material zeilenweise durchgearbeitet und entweder bereits bestehenden Kategorien zugeordnet, oder es werden neue entwickelt, indem möglichst Begriffe aus dem Material verwendet werden. Wenn sich ein Kategorienschema herauskristallisiert, so ist in einem zweiten Durchlauf zu überprüfen, ob Überlappungen auftreten. Schließlich kann anhand der gebildeten Kategorien eine Interpretation vorgenommen werden (vgl. Mayring, 2002)2. In einer schematischen Darstellung ergibt sich folgender Ablauf (Mayring, 2002, S. 116)3:

Analysetechnik Zusammenfassung

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Analysetechnik Explikation

Im Gegensatz zur Zusammenfassung geht es bei der Explikation um die Aufhellung unverständlicher, uneinheitlicher oder diskrepanter Passagen, indem weiteres Kontextmaterial mit einbezogen wird, um zu möglichst exakten Bestimmungen der entsprechenden Textstellen zu gelangen. Dabei meint die enge Kontextanalyse das direkte Textumfeld (also andere Textabschnitte), während in der weiten Kon­textanalyse auch zusätzliche Informationen, z.B. über den Autor oder den sozio-kulturellen Entstehungshintergrund, herangezogen werden. Schließlich wird eine explizierende Paraphrase bestimmt, welche in die jeweilige Textstelle eingesetzt wird (vgl. Flick, 2002)1. Daraus ergibt sich folgendes Ablaufmuster (vgl. Mayring, 2002, S. 118)2:

Analysetechnik Explikation

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Analysetechnik Strukturierung

Wie der Name schon sagt, will die strukturierende qualitative Inhalts­analyse aus dem Material eine bestimmte Struktur herausarbeiten. Dabei können unterschiedliche Aspekte im Vordergrund stehen, z.B. formale, inhaltliche, typisierende oder skalierende. Entscheidend ist die exakte Definition der Strukturierungsdimensionen zu einem klaren Kategoriesystem, damit einzelne Textstellen problemlos zuge­ordnet werden können. Dazu kann in drei Schritten vorgegangen werden:

  • Definition der Kategorien, indem genau festgelegt wird, welche Textbestandteile hierunter zu fassen sind.
  • Bereitstellung von Ankerbeispielen, die dies anhand konkreter Textstellen verdeutlichen und prototypische Funktion haben.
  • Festlegen von Kodierregeln, die Festlegen, welche Kategorien in Zweifelsfällen gewählt werden sollen (wenn eine Aussage z.B. mehreren Kategorien zugeordnet werden könnte).

Damit wird ein Kodierleitfaden erstellt, der im weiteren Verlauf modi­fiziert und erweitert werden kann, um schließlich das Material damit zu strukturieren (Mayring, 2002)1. Zusammengefasst ergibt sich nach­folgendes Ablaufmodell (Mayring, 2002, S. 120)2:

Analysetechnik Strukturierung

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Qualitative Sozialforschung betont den Zugang zur Realität über subjektive Deutungen, über interpretative Prozesse. Sie hat es dabei verstärkt mit verbalem Material zu tun und braucht darauf bezogene Auswertungstechniken. Der größte Vorteil der qualitativen Inhaltsanalyse ist ihre Systematik, das heißt das regelgeleitete, schrittweise Vorgehen nach vorher explizierten Techniken. Die Kernpunkte sind dabei das Arbeiten mit einem Kategoriensystem als Analyseinstrument und das Zerlegen des Materials in Bearbeitungseinheiten. Wo ein solches Verfahren dem Gegenstand angemessen erscheint, führt es im Gegensatz zu einer „freien" Textinterpretation zu entscheidend exakteren Ergebnissen, die auch leichter anhand von Gütekriterien überprüfbar sind. Auch können mit qualitativer Inhaltsanalyse größere Materialmengen bearbeitet werden.

Nachteile

Die qualitative Inhaltsanalyse gilt zuweilen als angreifbar, da eine an­geblich interpretative Beliebigkeit kaum intersubjektiv überprüfbar ist. Eine Möglichkeit, diese Beliebigkeit einzuschränken ist, die Auswertung in sich gegenseitig kontrollierenden Forscherteams vorzunehmen. Zudem wird eine „prinzipielle erkenntnislogische Ähnlichkeit von alltagsweltlichem Fremdverstehen und wissenschaftlich kontrolliertem Nachvollzug postuliert" (Lamnek, 1993, S. 204)1, also eine konträre Position zum quantitativen Ansatz eingenommen. Das Ablaufmodell nach Mayring birgt die Gefahr in sich, dass durch vorschnell gebildete Kategorien inhaltliche Nuancen verloren gehen. Des Weiteren ist ein Nachteil, dass im späteren Verlauf Paraphrasen und nicht der eigentliche Text zur Erklärung verwendet werden (vgl. Flick, 2002)2.

 

  1. 1. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die qualitative Inhaltsanalyse wird hauptsächlich zur Interpretation von Textmaterial eingesetzt. Wird eine systematische Vorgehensweise gewählt, so bietet sich ein von Mayring entwickeltes Ablaufmodell mit neun Stufen an, wobei im eigentlichen Analyseprozess drei unter­schiedliche Techniken angewendet werden können. Diese sind: Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung. Die dabei gewon­nenen Ergebnisse können dann zur Interpretation verwendet werden.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (5. Auflage). Weinheim und Basel: Beltz.
    (Seiten 114-121: In diesem Kapitel stellt der Autor sein Ablaufmodell vor. Anhand vieler übersichtlicher Schaubilder und mithilfe der gut verständlichen Ausführungen ist es leicht nachzuvollziehen).
  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung - Eine Einführung (6. Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. (Seiten 279-283: Der Autor befasst sich mit der Thematik relativ knapp. Er beschreibt die wesentlichen Aspekte und bezieht sich dabei stark auf Mayring, ordnet es aber auch in die allgemeine Methodendiskussion ein).
  • Groeben, N. & Rustemeyer, R. (2002). Inhaltsanalyse. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 233-258). Weinheim: Beltz.

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III: 3. Typologische Analyse

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Ein weiteres Verfahren zur Auswertung von qualitativem Datenma­terial ist die typologische Analyse, die auf ein Konzept des ideal­typischen Verstehens des Soziologen Max Weber zurückgeht. Dabei werden aus größeren Datenmengen typische Aspekte herausgefiltert und näher beleuchtet. Leitidee ist der Ansatz, durch Typenbildung das Material greifbar und handhabbar zu repräsentieren, dabei aber weniger Details zu verlieren als etwa in der Zusammenfassung. Erfolgt dieses Vorgehen gegenstandsadäquat, so sind anschauliche Aussagen zu machen, die auch für einen größeren Gegenstandbereich adaptier­bar sind. Nach Mayring (2002)1 sollte ein vorher festgelegtes Kriterium bestimmen, welche Bestandteile herausgefiltert und detailliert darge­stellt werden, um damit in besonderer Weise das Ausgangsmaterial repräsentieren zu können. Deshalb kommt diese Auswertungsmethode insbesondere dann in Betracht, „wenn in eine Fülle explorativen Ma­terials Ordnung gebracht werden soll, aber auf detaillierte Fallbe­schreibungen nicht verzichtet werden kann" (Mayring, 2002, S. 132)2.

Einsatzfeld

Die typologische Analyse kommt in mehreren Bereichen zum Einsatz. Bevorzugt angewendet wird sie unter anderem in der Lebenswelt­analyse, der Feldforschung, der qualitativen Marktforschung sowie der Gesundheitsforschung. Sie ist vor allem dann erfolgsversprechend, wenn bislang unbekannte Gebiete untersucht werden, um Ansatz­punkte für zukünftige Theoriemodelle und Konzeptionen zu gewinnen. Daneben lassen sich auch typische Verlaufsmuster mit dieser Metho­dik analysieren (vgl. Mayring, 2002)3. Lamneck (1993)4 führt die typologische Analyse im Zusammenhang mit der Biographieforschung an, da dort versucht wird, über den Einzelfall hinausgehende Aussagen zu treffen, indem Gemeinsamkeiten auf der Mikroebene zu soziokulturellen Erkenntnissen im Makrobereich führen können. Dies geschieht in einem zweistufigen Verfahren: Zunächst werden biographische Ereignisse samt deren subjektiver Bedeutung rekonstruiert, um daraus dann Muster zu konstruieren.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,

Ansätze & Vorgehensweise

Ansätze

Um einen kontrollierten Ablauf zu gewährleisten, sind nach der Be­stimmung von Fragestellung und Material Typisierungsdimension und Typisierungskriterium festzulegen. Die Typisierungsdimension be­stimmt den inhaltlichen Blickwinkel, indem entschieden wird, welche Materialbereiche typisierend untersucht werden sollen (z.B. Einstel­lungen, Emotionen, Lebensweise). Als Typisierungskriterium sind un­terschiedliche Ansätze verfügbar, etwa: Idealtypen, besonders häufige oder seltene aber auch extreme oder theoretisch interessante Fälle. Diese Entscheidungsschritte sind im Übrigen unabhängig davon, ob nun ein idealtypisches oder ein realtypisches Vorgehen gewählt wird. Idealtypisch bedeutet, basierend auf empirischem Material Idealtypen, d.h. Fälle mit markanten Eigenschaften, zu konstruieren. Realtypisch hingegen meint, tatsächliche Fälle als typisch zu identifizieren und detailliert wiederzugeben (vgl. Mayring, 2002).1

Vorgehensweise

Wird die typologische Analyse angewendet, so schlägt Mayring fol­gendes Ablaufschema vor (Mayring, 2002, S. 132)2:

Typologische Analyse

Wie bereits weiter oben angeführt, erfolgt nach Wahl der Forschungs­frage und der entsprechenden Materialbestimmung die Typenkons­truktion, indem Typisierungsdimension und -kriterium festgelegt wer­den. In einem zweiten Durchgang werden dann Aspekte aus dem Ma­terial herausgefiltert, die der Typendeskription dienen, wobei dieses Vorgehen mit einzelnen Abschnitten der qualitativen Inhaltsanalyse verzahnt bzw. kombiniert werden kann. Die solcherart gewonnenen Typenbeschreibungen sind abschließend anhand der Forschungsfrage und dem Material rückzuprüfen, um herauszufinden, ob die ange­strebten Kriterien mittels der gefundenen Typendeskriptionen verall­gemeinerbar sind (vgl. Mayring, 2002)3.

Alternative Vorgehensweisen

Eine vergleichbare Zielsetzung wie die typologische Analyse verfolgen die Fallkontrastierung und die Idealtypenbildung. So können verschiedene Fälle gegeneinander kontrastiert werden, sodass am Ende die Besonderheiten einzelner Fälle möglichst klar hervorgehen sollten. Dies erleichtert es dann, systematisch Einzelfälle verstehen zu können. Nach und nach können so übergeordnete Zusammenhänge deutlich werden, sodass schließlich fallübergreifende Einsichten gewonnen werden. Als wesentliche Instrumente kommen der minimale Vergleich ähnlicher Fälle und der maximale Vergleich unterschiedlicher Fälle auf gemeinsame und unterschiedliche Merkmale hin zum Einsatz (vgl. Flick, 2002)4. Bei Lamnek (1993)5 wird die Konstruktion von Typen als Methode der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung dargestellt, der zufolge durch kontrolliertes Fremdverstehen eine kommunikativ erhobene Handlungsfigur mittels Systematisierung in ein Handlungs­muster überführt wird. Beispiele wären z.B. der typische Arbeiter oder das typische Verhalten von Krebskranken.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  5. 5. Lamnek, S. (1993).  Band I: Methodologie. Qualitative Sozialforschung.
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Vor- & Nachteile

Vorteile

Die Konstruktion von Typen eignet sich z.B. gut als Auswertungsmethode, wenn z.B. die Zielsetzung einer Forschungsarbeit ist, Charakteristika verschiedener Personen(gruppen) herauszuarbeiten. Die Methode bietet die Chance, komplexe Alltagsbeobachtungen überschaubar zu machen und zu strukturieren. Gerade in der Marktforschung macht man sich dies bei der Definition von Zielgruppen zu nutze.

Nachteile

In der typologischen Analyse werden Typen konstruiert, die möglichst verallgemeinerbar sein sollten. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass unterschiedliche Abstraktionsgrade denkbar sind. Damit wird das Problem der Generalisierung qualitativer Forschung berührt, denn gerade aus dem engen Kontext- bzw. Einzelfallbezug ergibt diese ihre spezifische Aussagekraft. Dieses Dilemma kann teilweise behoben werden, indem die Aspekte Übertragbarkeit (transferability) und Passung (fittingness) berücksichtigt werden, wenn Erkenntnisse aus einem Kontext in andere Kontexte verallgemeinert werden sollen (vgl. Flick, 2002)1.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die typologische Analyse wird eingesetzt, wenn wesentliche Gesichts­punkte aus umfangreichem Erhebungsmaterial herausgefiltert und diese sowohl übersichtlich als auch detailliert veranschaulicht werden sollen. Dazu sind nach der Festlegung von Fragestellung und Material Typisierungsdimension und -kriterium zu bestimmen, um dann in den rückgekoppelten Materialdurchgängen zur Typenkonstruktion und -deskription zu gelangen.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (5. Auflage). Weinheim und Basel: Beltz.
    (Seiten 130-133: Recht knapp handelt der Autor die Thematik ab. Dabei beschreibt er leicht verständlich die Grundzüge dieses Verfahrens.)
  • Lamnek, S. (1993). Qualitative Sozialforschung - Band II: Methoden und Techniken (2. Auflage). Weinheim: Psychologie Verlags Union. (Seiten 352-368: Lamnek beschreibt die Konstruktion von Typen sehr ausführlich im Abschnitt zur sozialwissenschaftlichen Bibliographieforschung. Etwas später skizziert er hierbei auch kurz die typologische Analyse.)

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III: 4. Gegenstandsbezogene Theoriebildung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Der Begriff der „gegenstandsbezogenen Theoriebildung" hat sich im deutschsprachigen Raum als Übersetzung für die in den 1950er und 1960er Jahren in der amerikanischen Soziologie entwickelten soge­nannten „Grounded Theory" eingebürgert (vgl. Mayring, 2002)1. Die Me­thodik der Grounded Theory wurde von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss im Rahmen medizinsoziologischer Untersuchungen zum Sterben entwickelt (vgl. Legewie, 2004)2. Als „grounded" wird die entstehende Theorie deshalb bezeichnet, weil alle Interpretationsver­suche stets wieder an das im Forschungsprozess gesammelte Daten­material herangetragen und dadurch präzisiert, d.h. modifiziert oder be­stätigt werden. Durch diesen Prozess der fortwährenden Begründung (grounding) der Interpretationen aus den Daten soll gewährleistet werden, dass die Theorie sich weiterentwickelt und dabei stets einen Bezug zur Empirie aufweist (vgl. Muckel, 2004)3.

Theoretischer Hintergrund

„Die theoretische Grundlage der Grounded Theory ist der Symbolische Interaktionismus. Diese Herkunft findet ihren Niederschlag in der grund­legenden Annahme, dass im Mittelpunkt der Sozialforschung mensch­liches Handeln und menschliche Interaktionen stehen und dass Handeln und Interaktion nicht durch physikalische Umweltreize, sondern durch unsere symbolvermittelten Interpretationen bestimmt werden" (Legewie, 2004, S.12)4.

Einsatzfeld

Das klassische Anwendungsgebiet der „grounded theory" ist die Feldforschung, in die der Forscher, meist durch teilnehmende Beobachtung, selbst involviert ist (Mayring, 2002, S.106)5.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Legewie, H. (2004).  11. Vorlesung: Qualitative Forschung und der Ansatz der Grounded Theory.
  3. 3. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  4. 4. Legewie, H. (2004).  11. Vorlesung: Qualitative Forschung und der Ansatz der Grounded Theory.
  5. 5. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Vorgehensweise

Die gegenstandsbezogene Theorie lässt die Konzeptbildung während der Datenerhebung bewusst zu und will sie durchsichtig machen. Daten­erhebung und Auswertung finden gleichzeitig statt. Während der Daten­erhebung kristallisiert sich ein theoretischer Bezugsrahmen heraus, der schrittweise verändert und vervollständigt wird (vgl. Mayring, 2002)1. Parallel zum gesamten Forschungsprozess empfiehlt Strauss das Anfer­tigen sog. Memos (Muckel, 2004)2. Stößt der Forscher während der Feldarbeit auf zentrale Aspekte, so soll er stoppen und ein zugehöriges Memo verfassen (vgl. Mayring, 2002)3.

Memos

Memos (allgemein auch als „Erinnerungshilfe" bezeichnet) sind Merkzettel und bilden das zentrale Instrument der gegenstandsbezogenen Theoriebildung (vgl. Mayring, 2002)4. Alle Kodierungs-Bemühungen (siehe theoretisches Kodieren), Forschungsideen, Forschungspläne usw. werden in Form dieser Memos festgehalten und können entsprechend den verschiedenen Interpretations- und Forschungsanstrengungen verschiedene Inhalte haben (weiterführende Fragen, vorläufige Kategorie-Elaborationen, Dimensionen des gerade bearbeiteten Themas, Zusammenfassungen, Literaturexzerpte, Übertragungsphänomene ...) (vgl. Muckel, 2004)5. Im Folgenden ein Ablaufmodell gegenstandsbezogener Theoriebildung (Mayring, 2002, S. 106)6.

Gegenstandsbezogene Theoriebildung

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  5. 5. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  6. 6. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Theoretisches Kodieren

Die erstellten Memos werden anschließend durch theoretisches Kodieren analysiert. „Durch Kodieren werden einer Textstelle - dem Indikator - ein oder mehrere Kodes (Begriffe, Stichwörter, Konzepte) zugeordnet" (Legewie, 2004, S.15)1. Hierbei geht es darum, die Oberbegriffe für die Entwicklung einer Theorie festzustellen: Solange die Bedeutung der Oberbegriffe (Kategorien) für die Theorie ungewiss ist, spricht man von „Codes"; Codes kann man als vorläufige oder kleinere Kategorien, die bestimmte Aspekte der Daten interpretativ abbilden, verstehen (Muckel, 2004)2. Es gibt drei Codier-Arten:

  • Offenes Kodieren
  • Axiales Kodieren
  • Selektives Kodieren

Offenes Kodieren

Beim offenen Kodieren „werden einzelne Phänomene zu Konzepten und Konzepte zu Kategorien zusammengefasst" (Ellinger, 2004, S. 11)3. Die Daten werden also analytisch „aufgeschlüsselt". Für den Anfang wird empfohlen, einzelne, kurze Textpassagen (Zeile für Zeile) auszuwerten. Später können größere Absätze oder ganze Texte kodiert werden. Theo­riegenerierende Fragen werden an den Text gestellt, um über eine einfache Paraphrasierung hinauszukommen. Folgende Fragen sind rele­vant:

  • Was? Worum geht es hier? Welches Phänomen wird angesprochen?
  • Wer? Welche Personen/Akteure sind beteiligt? Welche Rollen spielen sie?
  • Wie? Welche Aspekte des Phänomens werden angesprochen?
  • Wann? Wie lange? Wo? Wie viel? Wie stark?
  • Warum? Welche Begründungen werden gegeben oder lassen sich erschließen?
  • Wozu? In welcher Absicht? Zu welchem Zweck?
  • Womit? Welche Mittel, Taktiken, Strategien werden zum Erreichen des Ziels verwendet?

Hier nutzt der Forscher sein Hintergrundwissen und erarbeitet als Er­gebnis einen Interpretationstext.

Offenes Kodieren

Axiales Kodieren

Das axiale Kodieren dient der Verfeinerung und Differenzierung schon vorhandener Konzepte und verleiht ihnen den Status von Kategorien (Oberbegriffen). Weiter wird eine Kategorie in den Mittelpunkt gestellt, um ein Beziehungsnetz auszuarbeiten. Für die Bildung einer Kategorie ist vor allem die Beziehung zwischen der Achsenkategorie und den damit in Beziehung stehenden Konzepten von zentraler Bedeutung. Der Schritt des axialen Kodierens lässt sich gut mit dem Verfahren des Concept Mapping vergleichen, dass auf die Ausarbeitung von zentralen Kernkate­gorien und Unterkategorien abzielt und seinen Fokus besonders auf die Erstellung eines durchgängigen Beziehungsnetzes zwischen den Katego­rien richtet.

Beim axialen Kodieren „werden Kategorien auf Verbindungen und Unter­schiede hin untersucht" (vgl. Ellinger, 2004)4. Im Prozess des axialen Kodierens werden folgende Beziehungen und Bedingungen analysiert:

  • Zeitliche und räumliche Beziehungen
  • Ursache-Wirkungs-Beziehungen
  • Mittel-Zweck-Beziehungen
  • Kontext und intervenierende Bedingungen

Axiales Kodieren

Selektives Kodieren

„Beim selektiven Kodieren wird eine zentrale Kategorie, die Schlüs­selkategorie, isoliert und in ihren Bezügen und Verflechtungen mit den übrigen Kategorien und Konzepten dargestellt und analysiert" (Ellinger, S.11, 2004)5. Im Codierstadium des selektiven Kodierens agiert der For­scher vor allem als Autor der bis dahin erarbeiteten Kategorien, Code­notizen, Memos, Netzwerke, Diagramme.

Als zentrale Aufgaben rücken folgende Schritte in den Vordergrund:

  • Es wird ein zentrales Phänomen der Analyse festgelegt. Das zentrale Phänomen wird als Kernkategorie bezeichnet. Es wird während der Forschung die ständige Frage nach den im Mittelpunkt stehenden Phänomenen gestellt.
  • Liegen mehrere gut durchgearbeitete Achsenkategorien („Äste einer Map") vor, kann man davon ausgehen, dass das zentrale Phänomen in seinen wesentlichen Aspekten erfasst wurde, was als „theoretische Sättigung" bezeichnet wird. Anderenfalls empfiehlt sich die Rückkehr zu früheren Stadien des Forschungsprozesses.
  • Eine so gewonnene Theorie hängt vom Grad der Verallgemeinerbar­keit ab. Je abstrakter die entwickelten Kategorien (vor allem die Kernkategorie) sind, desto größer wird der Geltungsbereich der Theorie (vgl. Kromrey, 2002)6.

Selektives Kodieren

 

  1. 1. Legewie, H. (2004).  11. Vorlesung: Qualitative Forschung und der Ansatz der Grounded Theory.
  2. 2. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  3. 3. Ellinger, S. (2004).  Grounded Theory als methodischer Zugang für Werteforschung in der Lernbehindertenschule.
  4. 4. Ellinger, S. (2004).  Grounded Theory als methodischer Zugang für Werteforschung in der Lernbehindertenschule.
  5. 5. Ellinger, S. (2004).  Grounded Theory als methodischer Zugang für Werteforschung in der Lernbehindertenschule.
  6. 6. Kromrey, H. (2002).  Vorlesung Qualitative Sozialforschung. Materialien zum Download, Folien aus SS2002, 03.07.03.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Im Verfahren der gegenstandsbezogenen Theoriebildung überschneiden sich Datenerhebung und Auswertung, sodass die Theoriebildung in einem dynamischen Prozess stetig verfeinert wird. Memos bilden das zentrale Instrument gegenstandsbezogener Theoriebildung. Im anschließenden Prozess des theoretischen Kodierens werden die erstellten Memos durch drei Codierarten analysiert: Offenes Kodieren (Zusammenfassung von Phänomenen zu Konzepten und Konzepten zu Kategorien), axiales Ko­dieren (Untersuchung der Kategorien auf Verbindungen und Unter­schiede) und selektives Kodieren (Isolierung einer zentralen Kategorie).

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002): Einführung in die Qualitative Sozialforschung (S. 103-107).
    (Ein leicht verständlicher Abschnitt über die gegenstandsbezogene Theo­riebildung, der den ersten Einstieg in die Thematik erleichtert.)

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III: 5. Sequenzielle Analysen

Allgemeine Informationen

Im vorangegangenen Infoblock wurde mit der gegenstandsbezogenen Theoriebildung eine Auswertungsmethode vorgestellt, die sich von der Gestalt des Textes löst, um Aussagen neu in Kategorien zu ordnen und Theorien zu entwickeln. Sequenzielle Analysen hingegen geben der Gestalt des Textes größere Bedeutung (vgl. Flick, 2002)1 und lassen eine Loslösung von der Struktur und zeitlichen Abfolge des Textes nicht zu: Der Forscher darf keine Kenntnisse aus Prozessen ableiten, die im zeitlichen Verlauf des Falles (des Gespräches, der Biographie etc.) später abgelaufenen sind, um Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten etc. der aktu­ellen Textstelle zu klären. Dies darf er deswegen nicht, weil die Handeln­den über diese Kenntnisse im Verlauf auch noch nicht verfügen. Be­deutungen werden demnach sequentiell aufgeschichtet, wobei Bedeu­tungsalternativen sukzessive ausgeschlossen werden (vgl. Flick, 1995)2 Bekannte Beispiele für sequenzielle Auswertungsverfahren sind: Kon­versationsanalyse, Diskursanalyse, narrative Analysen, objektive Herme­neutik (Flick, 2002, S.287)3.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (1995).  Handbuch der qualitativen Sozialforschung: Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen.
  3. 3. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Konversations- & Diskursanalyse

Konversationsanalyse

Die konversationsanalytische Forschung beschränkte sich zunächst auf Alltagsgespräche ohne spezifische Rollenverteilung, wie etwa Telefonate, Klatsch oder Familiengespräche und beschäftigt sich mittlerweile zu­nehmend mit spezifischeren Rollenverteilungen, wie etwa Arzt-Patient-Interaktionen oder Gerichtsverhandlungen, also Gesprächen, die in einem besonderen institutionellen Kontext stehen. Inzwischen wird die Konversationsanalyse auch herangezogen, um schriftsprachliche Texte und Massenmedien oder Gutachten (also Texte im weiteren Sinne) zu analysieren (vgl. Flick, 2002)1.

Diskursanalyse

Aus der Konversationsanalyse haben sich u.a. die Diskursanalyse (zur Analyse psychosozialer Phänomene wie Gedächtnis und Kognition als soziale und diskursive Phänomene) sowie die Gattungsanalyse (Auswei­tung der konversationsanalytischen Vorgehensweisen auf größere Materialeinheiten und Gesprächsformen) entwickelt (vgl. Flick, 2002)2.

Die Diskursanalyse wird hier nur knapp behandelt, da sie häufig in der Literatur als eine Variante der Konversationsanalyse be­schrieben wird: Als Ausgangspunkt der Diskursanalyse wird häufig die Konversationsanalyse genannt, jedoch richtet sich hier der empirische Fokus stärker auf die Praktiken der Kommunikation und Konstruktion von Versionen des Geschehens in Berichten und Darstellungen. Die Analysegebiete reichen von Alltagsgesprächen über Interviews bis hin zu Medienberichten. Theoretischer Hintergrund der Diskursanalyse ist der soziale Konstruktivismus (vgl. Flick, 1995)3.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Flick, U. (1995).  Handbuch der qualitativen Sozialforschung: Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen.

Narrative Analysen

Theoretischer Hintergrund von narrativen Analysen ist die Orientierung an der Analyse subjektiven Sinns, wozu vor allem narrative Interviews als Erhebungsverfahren verwendet werden.

Einsatzfeld

Narrative Analysen befassen sich mit der Auswertung von Texten, die als schriftlich fixierte Ergebnisse aus narrativen Interviews vorliegen. Deren Anwendungsgebiete liegen vorwiegend in der Biographieforschung.

Analyseverfahren

In der Literatur wird zwi­schen zwei narrativen Analyseverfahren unterschieden (vgl. Flick, 1996)1:

  • Analyse narrativer Interviews zur Rekonstruktion von Ereignissen
  • Analyse narrativer Daten als Lebenskonstruktion

Bei der Analyse narrativer Interviews zur Rekonstruktion von Ereignissen geht man davon aus, dass sich das Erzählte auch tatsächlich so ereignet hat. Die Analyse narrativer Daten als Lebenskonstruktionen richtet ihren Fokus auf Konstruktionen von Ereignissen im Alltag und Alltagswissen (Flick, 1996, S.226)2.

Rekonstruktion von Ereignissen

Die Analyse narrativer Interviews zur Rekonstruktion von Ereignissen  kann in folgende Auswertungsschritte aufgeteilt werden (Heinze, 2001, S.172-176)3:

  1. Formale Textanalyse: Segmentierung nach zeitlicher Abfolge und Aufteilung in Analyseeinheiten.
  2. Strukturelle Beschreibung: Auslegung der einzelnen Segmente, Hin­terfragung ihrer Bedeutungseinheiten.
  3. Gesamtformung: Rekonstruktion der Fallgeschichte, der erlebten Lebensgeschichte.
  4. Wissensanalyse: Einbeziehung der wertenden und theoretischen Se­quenzen, Kontrastierung mit der bisher im Zentrum stehenden Er­zählung.
  5. Kontrastive Vergleichsphase: Kontrastierung mit anderen Lebensge­schichten aus anderen Interviews.
  6. Konstruktion eines theoretischen Modells unter Verwendung sozial­wissenschaftlicher Theoriebestände und Hypothesen.

Lebenskonstruktionen

Hingegen befasst sich die Analyse narrativer Daten als Lebenskonstruktion mit Lebensgeschichten als soziale Konstruktion, die in ihrer konkreten Ausformung auf Mustererzählungen und -lebensgeschichten zurückgreifen, die die jeweilige Kultur anbietet. Eine Interpretation kann wie folgt ablaufen (Flick, 1996, S.225)4:

  1. Transkription des narrativen Interviews,
  2. Darstellung des Textes als eine Einheit,
  3. Unterteilung des Textes in Schlüsseleinheiten der Erfahrung,
  4. sprachliche und interpretative Analyse jeder Einheit,
  5. serielle Entfaltung und Interpretation der Bedeutungen des Textes für die Beteiligten,
  6. Entwicklung einer Arbeitsinterpretation des Textes,
  7. Überprüfung dieser Hypothesen an folgenden Textabschnitten,
  8. Begreifen des Textes als Ganzheit und die Darstellung der verschie­denen Interpretationen, die innerhalb des Textes vorkommen.

 

  1. 1. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..
  2. 2. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..
  3. 3. Heinze, T. (2001).   Qualitative Sozialforschung. Einführung, Methodologie und Forschungspraxis..
  4. 4. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..

Objektive Hermeneutik

"Das Verfahren der objektiven Hermeneutik wurde von U. Oevermann und Mitarbeitern ursprünglich im Rahmen familientherapeutischer und sozialisationssoziologischer Untersuchungen entwickelt" (Oevermann et al. 1979, zitiert nach Lamnek, 1989, S.213)1 und ist vom theoretischen Hintergrund her strukturalistischen Modellen zuzuordnen (vgl. Flick, 1996)2.

Ziel und Besonderheiten

Weiter ist die objektive Hermeneutik ein textanalytisches Verfahren, dessen Ziel es ist, hinter den einzelnen subjektiven Bedeutungsstruk­turen einer Äußerung oder Handlung, die objektiven Bedeutungen, man spricht auch von latenten Sinnstrukturen, festzustellen (vgl. Flick, 2002)3. Ein zentraler Aspekt dieses Analyseverfahrens ist der Einbau von sogenannten Gedankenexperimenten. Der Forscher widmet sich hierzu einer Textstelle (in der eine Handlung aus Sicht des Subjekts beschrie­ben wird) und entwickelt dazu alle denkbaren Bedeutungen der Hand­lung unabhängig vom konkreten Fall. Anschließend wird der konkrete Fall miteinbezogen, um die zutreffende Bedeutung festzustellen. Durch einen späteren Vergleich unterschiedlicher Fälle wird versucht, Schluss­folgerungen allgemeiner Struktureigenschaften von Handlungen zu ge­nerieren (vgl. Mayring, 2002)4.

Einsatzfeld

Das ursprüngliche Anwendungsgebiet der objektiven Hermeneutik war vor allem die Auswertung transkribierter Interviews im Rahmen familien­soziologischer Studien. Im Laufe der Zeit wurde die objektive Hermeneutik auf die Analyse anderer Dokumente aus den Bereichen Kunstwerk und Foto ausgedehnt (vgl. Flick, 2002)5. Dazu gehören u.a. Landschaften, Filme, Bilder und Gemälde, die in Form von Protokollen transkribiert wurden. Aufgrund des aufwändigen Vorgehens (für die Analyse einer Seite ist eine Gruppe von fünf Personen ca. 30 Stunden beschäftigt, um eine 50-seitige Inter­pretation zu schreiben) wird das Verfahren nur für kleinere Material­ausschnitte oder mit erheblichem Ressourceneinsatz verwendet (vgl. Mayring, 2002)6.

Vorgehensweise

In einem ersten Schritt wird eine zentrale Fragestellung festgelegt.  Hier geht es z.B. um die Persönlichkeitsstruktur des Interviewten, die Interaktionsstruktur mit dem Interviewer oder um die Struktur einer Organisation. Die anschließend folgende Grobanalyse befasst sich mit dem Handlungsproblem der Situation und dessen Rahmenbedingungen der Materialgewinnung (handelt es sich z.B. um ein Interview, eine Gruppendiskussion oder eine Therapeut-Patient-Interaktion). Das Kern­stück der Analyse bildet nun die sequentielle Feinanalyse. Hier wird das Material in einzelne Teilstücke zerlegt, dessen Handlungen nacheinander analysiert werden. In diesem Schritt werden mögliche (s.o. Gedanken­experiment) und tatsächliche Bedeutungsgehalte des Materials schritt­weise systematisch verglichen. In der abschließenden Strukturgenera­lisierung werden nun Fälle mit zu Beginn identisch festgelegter Frage­stellung miteinander verglichen und durch Heranziehen weiteren Mate­rials bestätigt (vgl. Mayring, 2002)7. Im Folgenden das Ablaufmodell der objektiven Hermeneutik nach Mayring (2002, S.125)8:

Objektive Hermeneutik

  1. 1. Lamnek, S. (1989).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,
  2. 2. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..
  3. 3. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  5. 5. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  6. 6. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  7. 7. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  8. 8. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die in diesem Infoblock vorgestellten Verfahren sequenzieller Auswer­tungsmethoden gehen alle nach einer sukzessiven Vorgehensweise Schritt für Schritt (bzw. Zeile für Zeile) vor: Bei diesen Verfahren ist die Annahme leitend, dass Ordnung Zug um Zug hergestellt wird (Konversa­tionsanalyse), dass Sinn sich im Handlungsvollzug aufschichtet (objekti­ve Hermeneutik) und dass die Gestalt der Erzählung das Erzählte erst in verlässlicher Form zur Darstellung bringt (narrative Analysen).

Symbol Buch Literaturtipp

  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch GmbH. (Das Kapitel über sequenzielle Analysen (S. 287-307) bietet einen gut überschaubaren ersten Einstieg über gängige sequenzielle Auswertungsmethoden an: Konversationsanalyse, Diskursanalyse, narrative Analysen u. objektive Hermeneutik).
  • Reichertz, J. (2002). Die objektive Hermeneutik - Darstellung und Kritik. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 123 - 155). Weinheim: Beltz.

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Baustein IV: Untersuchungsdesigns qualitativer Forschung

Dieser Baustein IV zeigt verschiedene Untersuchungsdesigns der qualitativen Sozial­forschung auf. Ziel ist es, zu verstehen, unter welchen Designüberlegungen verschiedene Erhebungs- und Auswertungsmethoden der qualitativen Forschung eingesetzt und mit­einander kombiniert werden können. Vorgestellt werden die Grundlagen und Merkmale der Feldforschung, der Einzelfallanalyse, der Delphi-Studie, der Handlungsforschung, des qualitativen Experiments, der qualitativen Evaluationsforschung und des Design-Based Research. Diese Untersuchungsdesigns unterscheiden sich durch ihre Zielsetzung, Ziel­gruppe, bevorzugte Domänen und durch ihren Blickwinkel auf den Forschungsgegen­stand. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, weshalb es sinnvoll ist, verschiedene De­signs als verschiedene „Scheinwerfer" zu begreifen, die jeweils spezifische Besonder­heiten des qualitativen Forschens im Blick haben. Diese Besonderheiten liegen leider nicht immer auf denselben logischen Ebenen, was das Verständnis der unterschiedlichen Designs mitunter erschwert. Es soll vermittelt werden, dass bei qualitativen Designs verschiedenste Erhebungs- und Auswertungsmethoden der qualitativen und der quanti­tativen empirischen Sozialforschung herangezogen und kombiniert werden können.

IV: 1. Feldforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Die Feldforschung ist eine empirische Forschungsmethodik, unter der die systematische Erforschung von Kulturen oder Gruppen in deren natürlichen Lebensraum verstanden wird. Sie ist primär deskriptiv (=beschreibend); das bedeutet, dass detaillierte Informationen über die Verhältnisse in der Umwelt gesammelt und untersucht werden. Darüber hinaus wird bei der Feldforschung darauf geachtet, den Blick­winkel der Untersuchung auf die Gesamtheit der Lebensverhältnisse zu richten und den Gesamtzusammenhang bzw. die bestehenden Be­ziehungen zu betrachten.

Entstehung

Die Feldforschung wird hauptsächlich in Disziplinen wie der Anthropo­logie, der Ethnologie und der Soziologie betrieben. Ihren Ursprung hat die Feldforschung in der Ethnologie. Ausschlaggebend bei der Entwicklung der Feldforschung waren die Studien von Malinowski Anfang des 19. Jahrhundert, gefolgt von den Impulsen aus der Chicagoer Schule von Park um 1920/30 (Bortz & Döring, 1995)1.

Merkmale

Im Gegensatz zur Laborforschung, die eine künstliche Umgebung nur für Untersuchungszwecke schafft, ist es das Hauptanliegen der Feldforschung, die natürliche Umgebung der Probanden zu belassen und lediglich ihr Verhalten und ihre Äußerungen festzuhalten. Das bedeutet, dass die Feldforschung im Lebensraum der Probanden, also im Feld, erfolgt und sich der Forscher in die natürliche Umwelt der Probanden integrieren muss. Dabei soll der natürliche Lebensablauf der Probanden so wenig wie möglich durch den Forscher beein­trächtigt werden. Daneben ist die Intersubjektivität ein weiteres Merk­mal der Feldforschung. Der Forscher muss darauf achten, die zu beobachtenden Personen möglichst neutral zu betrachten. Um diese Vorgehensweise zu gewährleisten ist eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Identität im Feld und die Schärfung des Bewusstseins über die eigene kulturelle Herkunft und kulturelle Vorurteile notwendig.

Methoden in der Feldforschung

Die Feldforschung bedient sich einer Vielzahl von Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung. Das Material kann sowohl durch informelle und formelle Befragung von Probanden als auch durch teilnehmende Beobachtung oder nonreaktive Methoden  zusam­mengetragen werden (Bortz & Döring, 1995). Unter dem Begriff non­reaktive Methode versteht man nach Bortz und Döring (1995) „Da­tenerhebungsmethoden, die keinerlei Einfluss auf die untersuchten Personen, Ereignisse oder Prozesse ausüben, weil a) die Datener­hebung nicht bemerkt wird oder b) nur Verhaltensspuren betrachtet werden" (Bortz & Döring, 1995, S.301). Die gängigste Methode ist die teilnehmende Beobachtung. Als ein Merkmal dieser Methode werden das Notieren und das Festhalten von Beobachtungen, Gedanken und typischen Merkmalen verstanden. Vorteil der teilnehmenden Beobach­tung ist, dass die Ergebnisse nicht durch den Einsatz von Erhebungs­instrumenten verzerrt werden (Mayring, 2002)2. Bei der Feldforschung existieren nach Bortz und Döring (1995) fünf Arbeitsschritte, die bei der Durchführung beachtet werden müssen.

 

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Umsetzungshinweise

Planung

Den ersten Schritt in der Feldforschung bilden Planung und Vorberei­tung. Hierbei geht es um die Eingrenzung des Untersuchungsbereiches und die Generierung von Forschungsfragen. Obwohl die Forschungs­fragen eine tragende Rolle bei der qualitativen Forschung spielen,

werden sie nach Flick (2002)1 bei der Darstellung der Methoden meist vernachlässigt. Aufgrund der offenen Untersuchungsform können bei der Feldforschung die Forschungsfragen auch während der laufenden Studie geändert werden. Des Weiteren muss sich der Forschende in der Phase der Planung eingehende Gedanken über eine Zugangsmöglichkeit zum Feld machen. Es ist wichtig, dass der Forschende eine sinnvolle Rolle in der zu beobachtenden Gruppe einnimmt. Davon hängt ein großer Teil des Erfolges der Forschung ab, da die zugewiesene Position des Forschers im Feld ausschlaggebend ist, welche Informationen der Forscher erhält und welche nicht (Flick, 2002).

Feldeinstieg

Nach Planung und Vorbereitung der Studie muss ein Kontakt zum Feld hergestellt werden. Es wird zwischen offenem, halboffenem und ge­schlossenem Zugang zum Feld unterschieden (Bortz & Döring, 1995)2:

  • Unter offenem Feldzugang versteht man Orte wie beispielsweise Bahnhöfe oder Straßen,
  • unter halboffenem Feldzugang z.B. Institute oder Schulen und
  • unter geschlossenem Feldzugang Wohnzimmer oder Therapie­räume.

Der Einstieg in die zu erforschende Umwelt kann bei offenem oder halboffenem Feldzugang durch Vertiefung bereits bestehender Alltags­kontakte oder durch Teilnahme an Aktivitäten geschehen. Bei ge­schlossenen Feldern muss auf Vermittler aus der zu erforschenden Umwelt zurückgegriffen werden. Diese Art der verdeckten Feldfor­schung und die dadurch entstehende Täuschung der Probanden wird von einigen Forschern als unethisch kritisiert; es sollte also in jedem Fall geklärt werden, ob eine verdeckte Forschung stichhaltig legiti­miert werden kann (Flick, 2002).

Handeln im Feld

Nachdem der Forscher den Zugang zum Feld gefunden hat, folgt das Handeln im Feld. Der Forscher muss sich nun primär auf den Zugang zu Einzelpersonen konzentrieren. Hierzu ist es notwendig, dass er sein bestehendes soziales Netz im Feld erweitert und weitere Beziehungen aufbaut (Flick, 2002).

Datenerhebung

Während der Feldtätigkeit sammelt der Forscher Material im Sinne der Datenerhebung. Das Grundprinzip bei der Datenerhebung ist, dass sie zunächst breit gestreut erfolgt und dann zunehmend auf Einzelaspekte fokussiert. Die Datenerhebung wird mit Hilfe von teilnehmenden Beobachtungen, Befragungen und nonreaktiven Methoden durchgeführt.

Feldausstieg und Auswertung

Abschließend erfolgen der Ausstieg aus dem Feld, die Auswertung und das Anfertigen des Ergebnisberichts (Protokollierung und Aufberei­tung). Durch die im Feld entstandenen sozialen Verbindungen zu den Probanden kann der Ausstieg problematisch werden. Deswegen wird empfohlen, sich schrittweise aus dem Feld zurückzuziehen. Nach dem Rückzug aus dem Feld erfolgt die Phase der Auswertung des ge­sammelten Materials. Hierbei wird entschieden, welche Materialien miteinander verglichen und mit welchen Verfahren die Texte analy­siert werden. Zum Ende hin folgt noch eine Darstellung der Ergeb­nisse.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Beispiel aus der Feldforschung

Ein bekanntes Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum im Zusam­menhang mit Feldforschung ist die Marienthalstudie (Flick, Kardorff, Keupp, Rosenstiel & Wolff, 1991)1:

  • 1930 führten Paul Laszarsfeld und Marie Jahoda eine Studie über "Die Arbeitslosen von Marienthal" durch. Diese Untersuchung be­schreibt die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit in einem kleinen Dorf in Österreich, das durch die Schließung einer Textilfabrik ex­istenziell betroffen war. Der Kontakt zum Feld gelang den For­schern durch die Teilnahme an politischen Aktivitäten, an Kleider­sammlungsaktionen, einer ärztlichen Sprechstunde und dem Ange­bot von Kursen.
  • Dokumentiert wurden bei der Feldstudie die Lebensgeschichten von 32 Männern und 30 Frauen, die Tagesabläufe von 80 Perso­nen, die Mahlzeiten in 40 Familien über eine Woche hinweg. Be­schrieben wurden Weihnachtsgeschenke von 80 Kleinkindern, Gesprächsthemen und Beschäftigungen in öffentlichen Lokalen und die Anzahl der entliehenen Bücher der öffentlichen Bibliothek.
  • Die Beobachtung erfolgte teil- und nicht-standardisiert, indem lediglich Beobachtungsdimensionen festgelegt wurden. Die mögli­chen Ausprägungen auf diesen Dimensionen wurden im Verlauf der Beobachtung ermittelt. Bei der Studie erfolgte die teilnehmende Beobachtung teilweise offen oder verdeckt. Insgesamt verbrachte die Arbeitsgruppe 120 Tage in Marienthal.

Bekannt wurde die Studie wegen der Vielzahl von angewandten Me­thoden. Sie gilt als richtungweisend für methodische Arbeit im deutschsprachigen Raum, da qualitative und quantitative Methoden der Sozialforschung miteinander kombiniert wurden.

 

  1. 1. Flick, U., Wolff S., Kardorff E., Keupp H., & Rosenstiel L. (1991).  Handbuch Qualitative Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Ein Vorteil der Feldforschung - im Vergleich zur Laborforschung - ist es, auf Grund der natürlichen Umgebung, in der die Beobachtung stattfindet, die gewonnenen Daten besser auf das alltägliche Verhalten von Personen zurück zu übertragen. Da die Daten in der realen Umgebung erhoben werden, lassen sich die Ergebnisse leichter auf den eigentlichen Kontext beziehen als dies bei der Laborforschung der Fall ist. Da der Forscher am untersuchten Geschehen persönlich teilnimmt, kann er eigene Erfahrungen sammeln. Diese Erfahrungen können dem Forscher helfen, die Perspektive des Handelnden besser zu verstehen. Zudem nimmt man an, dass sich Probanden eher spontan, normal (also nicht künstlich) verhalten, wie dies bei Laborunter­suchungen oft der Fall ist.

Probleme beim Handeln im Feld

Da sich der Forscher in eine bestehende Gemeinschaft - z.B. eine fremde Kultur - integrieren und Kontakt zu den Personen knüpfen muss, kann es auch zu Problemen kommen. Dem Forscher muss es gelingen, einerseits das Vertrauen der Probanden zu gewinnen und andererseits die nötige emotionale Distanz zu halten, um die „Inter­subjektivität" zu wahren (Lueger, 2004)1. Problematisch bei einer Feld­studie ist die doppelte „Beobachter- und Teilnehmer"-Rolle des For­schers: Einerseits verschafft sich der Forscher als fremder Beobachter Einblicke in Routinen und Selbstverständlichkeiten, die den Probanden nicht mehr auffallen; andererseits bleiben dem Forscher als fremde Person bestimmte Einblicke verwehrt. Durch das Nichteingreifen in laufende Geschehnisse, beispielsweise bei Straftaten während der Felduntersuchung, kann es nach Bortz und Döring (1995)2 zu einem moralischen Dilemma beim Forschenden kommen.

 

 

  1. 1. Lueger, M. (2004).  Grundlagen qualitativer Feldforschung. Methodologie-Organisation-Materialanalyse..
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Ziel der Feldforschung ist es, das Verhalten und die Äußerungen von Personen festzuhalten, um die alltäglichen sozialen Zusammenhänge zu erforschen. Da die natürliche Umgebung der Probanden belassen werden soll, nimmt der Forscher eine Position im Feld ein. Qualitative Feldforschung bedient sich einer Vielzahl von Methoden der empi­rischen Sozialforschung. Hauptmethode ist die teilnehmende Beo­bachtung, bei der die forschende Person offen oder verdeckt am Ge­schehen teilnimmt und sich in das zu untersuchende Feld integriert.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Patry, J.-L. & Dick, A. (2002). Qualitative Feldforschung. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 71-97). Weinheim: Beltz.

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IV: 2. Handlungsforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Mit Lewins eigenen Worten heißt das: „Die für die soziale Praxis erforderliche Forschung lässt sich am besten als eine Forschung im Dienste sozialer Unternehmungen oder sozialer Technik kennzeichnen. Sie ist eine Art Tat-Forschung (action research), eine vergleichende Erforschung der Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen des sozialen Handelns und eine zu sozialem Handeln führende Forschung. Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervor­bringt, genügt nicht. Das bedeutet keinesfalls, dass die hier verlangte Forschung in irgendeiner Hinsicht weniger wissenschaftlich oder ´niedriger´ sei als die für die reine Wissenschaft auf dem Gebiet der sozialen Erscheinungen nötige. Ich bin geneigt, das Gegenteil für wahr zu halten" (Lewin, 1953, S. 280)1.

Entstehung

Handlungsforschung, Aktionsforschung und Tatforschung sind synony­me Übersetzungen des Begriffs „Action Research", den Kurt Lewin in den 1940er Jahren geprägt hat. Lewin wollte damit eine Wissenschaft begründen, deren Forschungsergebnisse unmittelbaren Nutzen für die Praxis haben. Lewin ging es darum, praxisnahe Hypo­thesen aufzustellen und entsprechend dieser Hypothesen sinnvolle Veränderungen im sozialen Feld (social change) durchzuführen, um dann in längerfristigen Studien die Auswirkungen dieser Verände­rungen zu kontrollieren (Huschke-Rhein, 1991;2 Stangl, 2004)3.

Einsatzfeld

Wirft man einen Blick auf die Anwendungsgebiete der Handlungsfor­schung, so macht es Sinn, die ursprüngliche Utopie dieses For­schungsplans zu betrachten. Eigentliches Anliegen war, dass jegliche Forschung nach dem Prinzip der Handlungsforschung vorgeht, dass es durch einen Zusammenschluss aller Handlungsforschungsprojekte zu einem echten sozialen Fortschritt kommt und dass damit die viel be­klagte Kluft zwischen Theorie und Praxis überwunden wird (Mayring, 2002)4.

Einsatz in der Bildungsforschung

Heute blicken wir in diesem Zusammenhang vor allem auf Projekte zurück, die in der Zeit der Bildungsreform der 1970er Jahre statt­fanden und zum Ziel hatten, in Kooperation mit Lehrern und Schüler neue Lehrpläne und Schulversuche umzusetzen und wissenschaftlich zu begleiten. Als weitere Anwendungsgebiete werden Hochschuldidak­tik, Gruppendynamik, Institutionsberatung, Randgruppenarbeit, Ent­wicklungsarbeit etc. genannt (Mayring, 2002). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass immer dann, wenn an konkreten Praxispro­blemen angesetzt wird, um Veränderungsmöglichkeiten zu erarbeiten, Handlungsforschung möglich ist. Aber auch bei praxisferneren Frage­stellungen lassen sich Elemente von Handlungsforschung sinnvoll einbauen, wie z.B. die Rückmeldung der Ergebnisse an die Betroffe­nen.

 

  1. 1. Lewin, K. (1982).  Forschungsprobleme in der Sozialpsychologie II: Soziales Gleichgewicht und sozialer Wandel im Gruppenleben.. (Graumann, C. F., Ed.).Werkausgabe, Bd. 4., 237 - 290.
  2. 2. Huschke-Rhein, R. (1991).  Systemische Pädagogik, Band II, Qualitative Forschungsmethoden.
  3. 3. Stangl, W. (2004).  Handlungsforschung..
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Ziele & Methoden

Ziele

Handlungsforschung zielt darauf ab, praktisch verändernd in gesell­schaftliche Zusammenhänge einzugreifen. Folgende grundlegenden Charakteristika lassen sich anführen (Stangl, 20041; Mayring, 2002)2:

  • Auswahl und Definition von Forschungsgegenständen entspringen nicht vorrangig aus dem Kontext wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern aus konkreten gesellschaftlichen Bedürfnissen - Hand­lungsforschung setzt direkt an konkreten sozialen Problemen an.
  • Forschung wird verstanden als ein gegenseitiger Lernprozess, der sowohl den Forscher als auch den Untersuchten mit einbezieht.
  • Forschung kann nicht wertfrei betrieben werden, d.h. der Forscher ist kein außenstehender objektiver Beobachter, sondern greift parteilich in den Forschungsprozess ein.
  • Handlungsforschung weist einen engen Praxisbezug auf, wobei Forscher und Untersuchter gemeinsam gesellschaftliche und soziale Probleme lösen. Handlungsforschung verlangt letztlich eine zumindest vorübergehende Aufgabe der grundsätzlichen Distanz zum Forschungsobjekt. Befragte und Beobachtete sind im For­schungsprozess gestaltende Subjekte und zudem gleichberechtigt.
  • Ergebnisse des Forschungsprozesses werden umgesetzt, um die soziale Praxis auf Grundlage der Ergebnisse zu verändern und weiter zu entwickeln.

Methoden

In Baustein II wurden bereits Methoden der qualitativen Sozial­forschung vorgestellt. Im Rahmen der Handlungsforschung werden vor allem Methoden ausgewählt, die den Grundgedanken der Hand­lungsforschung folgen und verhindern, dass der Forscher die Feldsub­jekte zu seinen Objekten macht und dadurch ein Abhängigkeitsver­hältnis aufbaut (Moser, 1977)3. Für eine Forschungssituation, die durch die Anwesenheit des Forschers im „Feld" gekennzeichnet ist, sind folgende Methoden (Moser, 1977) typisch: qualitative Experimente, strukturierte oder auch unstrukturierte Beobachtung (ggf. auch mit Aufnahmetätigkeit) und Protokolle mit anschließender Auswertung. Ist der Forscher nicht in der Situation anwesend, greifen typischerweise Methoden wie standardisierte oder auch offene Fragebögen, Inter­views und Dokumentenanalysen.

 

  1. 1. Stangl, W. (2004).  Handlungsforschung..
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Moser, H. (1977).  Praxis der Aktionsforschung. Ein Arbeitsbuch. .

Vorgehensweise

Grundsätzlich ist zu betonen, dass sich der Ablauf eines Handlungs­forschungsprojekts streng nach den vorliegenden Praxisgegebenheiten richtet. Zwei Schritte sind zentral: zum einen die Definition des Praxisproblems und zum anderen das Ziel der angestrebten Praxis­veränderung. Die Vorgehensweise zur Zielerreichung im Rahmen von Forschungsprojekten lässt sich nach Moser (1977)1 als zyklisch be­zeichnen, da die einzelnen Phasen des Forschungsprozesses mehrmals durchlaufen werden. Folgende Phasen werden genannt:

Informationssammlung

Informationssammlung ist die Grundlage eines jeden Projekts, denn die Forschenden benötigen Informationen zur Einschätzung des sozialen Feldes, in dem geforscht werden soll. Nach Moser dienen vor allem vier Informationsquellen als Basis der Forschung: Alltagswissen, Betriebswissen, theoretisches Wissen, aber auch systematische Erhe­bungen, die z.B. im Vorfeld eines Projekts durchgeführt werden. Beispielhaft lässt sich folgende Vorgehensweise anführen: „Wir kop­peln z.B. ein Interview mit Intensivbefragungen von einzelnen Personen, erheben sozial-statistische Daten, untersuchen Zeitschriften und Zeitungen, führen Beobachtungen durch usw." (Moser, 1977).

Diskurs

Der Diskurs baut auf der Informationssammlung auf und will daraus Handlungsorientierungen für das vorliegendene Forschungsprojekt ableiten. An dieser Stelle des methodischen Vorgehens zeigt sich auch die besondere Charakteristik der Handlungsforschung, denn im Gegensatz zu vielen anderen Forschungsansätzen geht es nicht allein um „die methodisch geregelte Erhebung und Auswertung von Daten, um zu gesicherten Ergebnissen zu kommen, vielmehr ist ihr Kenn­zeichen die Argumentation im Diskurs" (Moser, 1977).

Handlungsorientierung

Aus den ersten beiden Phasen der Informationssammlung und des Diskurses können sich bereits Erkenntnisse ergeben, die darauf hinweisen, dass ein anderes bzw. modifiziertes Handeln in den untersuchten Situationen nötig wird. Laut Moser (1977) werden solche erarbeiteten Neuorientierungen als „richtig" und notwendig erachtet und umgehend in der Forschungssituation umgesetzt; sie können jedoch jederzeit angepasst werden, wenn sich im weiteren Projektverlauf neue Perspektiven ergeben, die wiederum Anlass für neue Informations- und Diskursphasen bieten.

Handeln im sozialen Feld

Im konkreten Handeln bzw. bei der Intervention im sozialen Feld ver­suchen Forscher und Betroffene, die erarbeiteten Handlungsorientie­rungen zu realisieren. Der zyklische Aspekt des Modells gewährleistet jedoch, dass sich die Praxis schließlich nicht verselbständigt, sondern immer wieder hinterfragt wird, ob ein gegenseitiger Bezug von Theorie und Praxis als Prinzip der Forschung durchgehalten wird.

Phasen der Feldforschung

  1. 1. Moser, H. (1977).  Methoden der Aktionsforschung. Eine Einführung. .

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Handlungsforschung setzt an Fragestellungen aus der Praxis an und will durch die jeweiligen Forschungsvorhaben nachhaltige Verbesse­rungen für die Praxis erreichen. Handlungsforschung versteht sich als gegenseitiger Lernprozess, an dem Forscher und Betroffene aktiv und gleichberechtigt beteiligt sind. Es gibt viele Forschungssituationen, in denen der Forscher selbst im Forschungsumfeld anwesend ist und zumindest vorübergehend die grundsätzliche Distanz zum Forschungs­objekt aufgibt. Handlungsforschungsprojekte finden sich vor allem zur Zeit der Bildungsreform der 1970er Jahre. Oft wurden hier gemeinsam mit Schülern und Lehrern Projekte gestartet, um in Schulversuchen den pädagogischen Alltag zu verbessern.

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IV: 3. Evaluationsforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Evaluation ist viel mehr als Erfolgskontrolle. Evaluieren bedeutet Entdecken, den verborgenen Wert eines Programms, einer Metho­de oder eines Lernergebnisses wahrnehmen. Evaluieren bedeutet auch Benennen, aus der Vielzahl möglicher Variablen dem We­sentlichen einen Namen geben. Evaluation nimmt einen Wert wahr und gibt einem Wert Wirksamkeit. Evaluation beschreibt Qualität, erschafft Qualität und vermag sie zu legitimieren" (Wesseler, 1999, S. 736)1. Solche Zitate dürfen nicht darüber hinwegtäu­schen, dass es nach wie vor keinen Konsens darüber gibt, was Evaluation heißt, umfasst und leisten kann. Wörtlich übersetzt meint Evaluation schlichtweg Bewertung - letztlich etwas Alltäg­liches, denn vor jeder Entscheidung müssen wir Handlungsalter­nativen bewerten. Im Rahmen der Wissenschaft freilich ist mit Evaluation weniger das intuitive Bewerten gemeint, sondern der systematische und geplante Einsatz verschiedener Modelle, Stra­tegien und Methoden der Bewertung.

Unterschiede bei Definitionen

Evaluation stellt ein eigenständiges wissenschaftliches (multidis­ziplinäres) Feld dar und besitzt eigene Inhalte (das Bewerten) sowie eine eigene innere Logik (Baumgartner, 1999)2. Allerdings wird der Begriff der Evaluation relativ unterschiedlich gebraucht:

  1. Evaluation als angewandte Sozialforschung,
  2. Evaluation als Verbesserung praktischer Maßnahmen,
  3. Evaluation als Bewertung.

Das spiegelt sich auch in verschiedenen Definitionen wieder.

1. Evaluation als angewandte Sozialforschung

„Evaluation ist die systematische Anwendung sozialwissenschaft­licher Forschungsmethoden zur Beurteilung des Konzepts, des Designs, der Umsetzung und des Nutzens sozialer Interventions­programme. Evaluatoren nutzen sozialwissenschaftliche For­schungsmethoden, um die Art und Weise, in der Gesundheits-, Bildungs- und andere soziale Interventionsmaßnahmen durchge­führt werden, zu beurteilen und zu verbessern, angefangen bei der Planungsphase bis hin zur Entwicklung und Umsetzung eines Programms" (Wottawa, 2001, S. 650)3.

2. Evaluation als Verbesserung praktischer Maßnahmen

„Evaluation ist die systematische und zielgerichtete Sammlung, Analyse und Bewertung von Daten zur Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle. Sie gilt der Beurteilung von Planung, Entwick­lung, Gestaltung und Einsatz von Bildungsangeboten bzw. ein­zelnen Maßnahmen dieser Angebote (Methoden, Medien, Pro­gramme, Programmteile) unter den Aspekten von Qualität, Funk­tionalität, Wirkungen, Effizienz und Nutzen" (Tergan, 2000, S. 23)4. In dieser Definition von Evaluation steht das Ziel der Verbesserung praktischer Maßnahmen im Vordergrund.

3. Evaluation als Bewertung

„Die Evaluation hat immer dann ihren Zweck erfüllt, wenn sie die Diskussion um die ´beste´ Maßnahme oderdie ´optimale´ Gestal­tung versachlicht und damit auf eine rationale Grundlage gestellt hat, auf der schließlich auch ein angemessenes Qualitätskonzept aufgebaut werden kann" (Wottawa, 2001, S. 673). Das Beste zu finden, setzt Bewertung voraus, sodass wir hier die oben genannte Aufgabe der Evaluation als Bewertung wiederfinden.

Evaluation und Evaluationsforschung

Hilfreich ist es deshalb, zwischen Evaluation und Evaluationsfor­schung zu unterscheiden:

  • Evaluation als Prozess der Beurteilung eines Produktes, Prozesses oder Programms (auch ohne systematische Verfah­ren und datengestützte Beweise) und
  • Evaluationsforschung als explizite Verwendung von wissen­schaftlichen Forschungsmethoden und -techniken zum Zweck der Durchführung einer Bewertung, wobei der Schwerpunkt auf dem Beweis eines Wertes bzw. Nutzens liegt (vgl. Bortz & Döring, 1995)5.

 

  1. 1. Wesseler, M. (1999).  Evaluation und Evaluationsforschung.. (Tippelt, R., Ed.).Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung..
  2. 2. Baumgartner, P. (1999).  Evaluation mediengestützten Lernens. Theorie – Logik – Modelle. (Kindt, M., Ed.).Projektevaluation in der Lehre – Multimedia in Hochschulen zeigt Profil(e) .
  3. 3. Wottawa, H. (2001).  Evaluation.. (Krapp, A, Weidenmann, B., Ed.).Pädagogische Psychologie. Ein Lehrbuch.. 674-465.
  4. 4. Tergan, S. - O. (2000).  Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick.. (P. Schenkl, Tergan, S.-O., A. Lottmann, Ed.).Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evaluationsmethoden auf dem Prüfstand . 22-49.
  5. 5. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Funktionen, Modelle & Methoden

Funktionen der Evaluation

Ein zentrales Merkmal, das Evaluation und Evaluationsforschung von anderen wissenschaftlichen Aktivitäten unterscheidet ist, dass Bewertungen nicht vermieden, sondern sogar angestrebt werden. Die  Funktionen des Bewertens wiederum lassen sich wie folgt zusammenfassen (Wesseler, 19991, Tergan, 20002):

  • Geht es um Rechfertigung/Legitimierung liegt eine strategisch-politische Funktion der Evaluation vor: Hier ist Evaluation nach außen gerichtet; man will den Sinn und Nutzen eines Bildungsprogramms, Mediums, Projekts etc. gegenüber An­wendern, Institutionen oder generell gegenüber der Öffent­lichkeit begründen.
  • Geht es um Verbesserung/Optimierung hat man es mit einer Erkenntnis- oder Prüffunktion zu tun: Hier ist Evaluation eher nach innen gerichtet; man will Erkenntnisse über die Effekte eines Mediums, Programms, Projekts etc. generieren, das Wis­sen darüber erweitern und/oder die Wirksamkeit überprüfen, um entsprechende Verbesserungen vornehmen oder verlangen zu können.
  • Geht es um Überwachung/Kontrolle kann man von einer Entscheidungsfunktion sprechen: Hier geht es darum, etwa Schwachstellen eines Programms, eines Mediums etc. aufzu­decken und/oder auf der Basis von Evaluationsergebnissen zwischen verschiedenen Alternativen entscheiden zu können.

Verschiedene Evaluationsmodelle

  • Betrachtet man die Herkunft des Evaluators/der Evaluatoren, sind Selbstevaluationen (hier ist der Evaluator auch Gestalter der Maßnahmen) von Fremdevaluationen (hier kommt der Evaluator von Außen) zu unterscheiden.
  • Betrachtet man den Gegenstand der Evaluation, lassen sich die Prozessevaluation (evaluiert werden Planungs- oder Entwick­lungsprozesse oder Vorgehensweisen) und die Produktevalua­tion (evaluiert wird ein entwickeltes Produkt oder Teile davon) gegenüberstellen.
  • Sehr häufig nimmt man auch eine zeitliche Differenzierung vor: Von einer summativen Evaluation spricht man dann, wenn die Evaluation nach Abschluss einer Maßnahme erfolgt; eine formative Evaluation liegt vor, wenn die Evaluation während der Abwicklung einer Maßnahme erfolgt.

Methoden

Evaluationsforschung bedient sich einer Vielzahl wissenschaftlicher Methoden der quantitativen und qualitativen empirischen Sozialforschung. Hieraus ergeben sich Überschneidungen mit anderen Strategien, denn Evaluationsforschung greift auf keine spezifisch eigenen Methoden zurück. Es können im Prinzip alle Erhebungsmethoden eingesetzt werden, wie sie sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Forschung genutzt werden. Evaluationsmethoden zur Erhebung von Daten und Informationen werden üblicherweise in folgende Kategorien eingeteilt: Dokumentenanalyse, Befragung, Beobachtung, Test und empirische Untersuchung (Tergan, 2000).

 

 

  1. 1. Wesseler, M. (1999).  Evaluation und Evaluationsforschung.. (Tippelt, R., Ed.).Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung..
  2. 2. Tergan, S. - O. (2000).  Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick.. (P. Schenkl, Tergan, S.-O., A. Lottmann, Ed.).Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evaluationsmethoden auf dem Prüfstand . 22-49.

Einsatzfelder

Innerhalb der Evaluationsforschung werden in der Regel folgende Evaluationsfelder unterschieden: Kontext (einschließlich Ziele), Input (im Sinne von Ressourcen), Prozess (bzw. die Qualität des Prozesses) und Wirkungen (gegliedert nach „Output" und „Out­come") (Wesseler, 19991; Tergan, 20002):

Kontext

Zum Kontext gehören die soziokulturellen Rahmenbedingungen dessen, was evaluiert wird, die politischen Strömungen des aktu­ellen zeitlichen Rahmens, die Kultur der Institution, in der eva­luiert wird etc. Dazu kommen noch die Ziele und die Projekt­konzeption zur Zielerreichung. Das Evaluationsfeld „Kontext- und Zielevaluation" gehört in die Planungsphase eines Evaluations­vorhabens.

Input

Unter den Input subsumiert man die vorhandenen materiellen, personellen, finanziellen Ressourcen, die Merkmale und Voraus­setzungen seitens der Nutzer/ Rezipienten/ Lernenden etc. ebenso wie seitens der Verantwortlichen/Produzenten/Lehrenden etc. Auch das Evaluationsfeld „Ressourcenevaluation" gehört in die Planungsphase eines Evaluationsvorhabens.

Prozess

Zum Prozess zählen eingesetzte Medien und Methoden, Lern- und Arbeitsformen, bestehende oder sich entwickelnde Beziehungen, alle Formen von Interventionen etc., deren Qualität beurteilt werden soll. Das Evaluationsfeld „Qualitätsevaluation" hat seinen Platz in der Entwicklungsphase eines Evaluationsvorhabens.

Wirkungen

Mit Wirkungen können sowohl die unmittelbaren Ergebnisse (Output) als auch längerfristige Folgen (Outcome) gemeint sein:

  • Der Output bezeichnet die angestrebten wie auch nicht-in­tendierten Ergebnisse, die sich unmittelbar nach der Inter­vention beobachten lassen. Dies können Lernergebnisse, Ver­haltens- oder Einstellungsänderungen, aber auch institutionelle Resultate sein.
  • Der Outcome (auch: impact) meint die Wirkungen im Sinne längerfristiger Folgen (versus unmittelbarer Ergebnisse): Gemeint sind individuelle Auswirkungen (z.B. Lerntransfer) sowie soziale, kulturelle oder politische Folgen.

 

 

  1. 1. Wesseler, M. (1999).  Evaluation und Evaluationsforschung.. (Tippelt, R., Ed.).Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung..
  2. 2. Tergan, S. - O. (2000).  Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick.. (P. Schenkl, Tergan, S.-O., A. Lottmann, Ed.).Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evaluationsmethoden auf dem Prüfstand . 22-49.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Evaluationsforschung wurde als Forschungsdesign mit dem pri­mären Ziel der Bewertung vorgestellt. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Beachtung der Konsequenzen einer Bewertung - auch aus ethischer Sicht. Evaluation und Evaluationsforschung können voneinander abgegrenzt werden. In der Praxis aber sind die Grenzen fließend. Eine Besonderheit der Evaluationsforschung liegt darin, dass sie keine eigenen Methoden besitzt, sondern je nach Zielsetzung verschiedene empirische Methoden kombiniert. Evaluationen kann man in verschiedenen Phasen einteilen, wobei der Planungsphase besonderer Bedeutung zukommt. Die wich­tigsten Funktionen einer Evaluation sind Legitimierung, Optimie­rung und Kontrolle.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Tergan, S.-O. (2000). Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick. In P. Schenkl, S.-O. Tergan & A. Lottmann (Hrsg.), Qualitätsbe­urteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evalua­tionsmethoden auf dem Prüfstand (S. 22-49). Nürnberg: BW Bildung und Wissen.

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  • Hofhues, S. & Reinmann, G. (2009). 10 Jahre business@school - eine Initiative von The Boston Consulting Group. Eine Evaluationsstudie zu Chancen und Potenzialen der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Schule. Im Auftrag von The Boston Consulting Group. Executive Summary. Augsburg: Universität Augsburg, Institut für Medien und Bildungstechnologie - Medienpädagogik. URL: http://www.imb-uni-augsburg.de/files/b@s-summary.pdf

 

 

 

IV: 4. Qualitatives Experiment

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Untersuchungsanordnungen, die der kontrollierten Überprüfung von Hypothesen dienen und hierzu neben der Experimentalgruppe eine Kontrollgruppe einsetzen, bezeichnet man im Allgemeinen als Experi­mente (Schnell, Hill & Esser, 1992)1. Das Experiment gilt als die Krone der Wissenschaft schlechthin, als die einzige Möglichkeit, Kausalzu­sammenhänge aufzudecken (Mayring, 2002)2. Diese Aussage bezieht sich auf das quantitative Laborexperiment, bei dem alle „Störvaria­blen", die neben der untersuchten abhängigen und unabhängigen Variablen sowie interessierenden Moderatorvariablen kontrolliert wer­den. Vertreter eines qualitativen Ansatzes lehnen Laborexperimente ab, weil eine künstliche Laborsituation nicht ermöglicht, den unter­suchten „Gegenstandsbereich" (Mensch) in seinem Kontext und seiner Individualität zu verstehen (Mayring, 2002), wie es das qualitative Paradigma einfordert.

Entstehung

Qualitative Experimente können auf eine lange Geschichte zurück­blicken. Vorläufer finden sich bei Aristoteles, und auch die natur­wissenschaftliche Entwicklung im 17. und 18. Jahrhundert, hier vor allem bei Galileo und Newton, stützt sich auf qualitative Experimente - genannt sei Newtons Pendelversuch. Das qualitative Experiment als Forschungsdesign ist verwandt mit dem Feldexperiment und dem Krisenexperiment der Ethnomethodologie, einem Verfahren, das ver­sucht, Alltagsinteraktionen zu verunsichern bzw. zu verändern, um deren Basisregeln zu eruieren.

Einsatzfeld

Qualitative Experimente sind immer dann sinnvoll, wenn ein Forscher anhand eines bestimmten Gegenstands dessen Strukturen erschließen will und sich diese Strukturen nicht durch „bloßes Hinsehen" intuitiv erschließen lassen. Dann lassen sich experimentelle Bedingungen schaffen und experimentelle Eingriffe vornehmen, um Schlussfolge­rungen hinsichtlich der Natur des Forschungsgegenstands anzustellen. So kann ein qualitatives Experiment zum Beispiel auch im univer­sitären Umfeld durchgeführt werden, um herauszufinden, welche didaktischen Methoden am besten geeignet sind, um Studenten Inhalte näher zu bringen - im Rahmen eines Experiments könnten dann unterschiedliche Methoden getestet und ausgewertet werden.

 

  1. 1. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Merkmale & Umsetzungshinweise

Merkmale eines qualitativen Experiments

Fraglich ist, ob es auch ein „qualitatives" Experiment geben kann. Mit der positiven Beantwortung dieser Frage hat sich vor allem Kleining (1995)1 auseinandergesetzt - er definiert sinngemäß: Das qualitative Experiment ist ein nach wissenschaftlichen Regeln vorgenommener Eingriff in einen (sozialen) Gegenstand zur Erforschung seiner Struktur und stellt die explorative, heuristische Form des Experiments dar. Der Grundgedanke zum qualitativen Experiment lässt sich folgendermaßen definieren: „Das qualitative Experiment versucht, durch einen kontrollierten, gegenstandsadäquaten Eingriff in den Untersuchungs­bereich unter möglichst natürlichen Bedingungen Veränderungen her­vorzubringen, die Rückschlüsse auf dessen Struktur zulassen" (Klei­ning, 1986 zit. nach Mayring, 2002)2. Wesentlich erscheint hier, dass ein Forschungsgegenstand nicht beliebig und grenzenlos manipuliert und auch nicht im Labor konstruiert wird. Ziel ist es, das Experiment unter möglichst natürlichen, der Situation angemessenen Bedingungen durchzuführen (wie z.B. in der Marienthal-Untersuchungen) (Mayring, 2002)3. Entscheidend ist, dass auch beim qualitativen Experiment Kontrollgruppen vorhanden sein müssen. Im Gegensatz zum „echten" Laborexperiment aber erfolgt die Zuordnung der Probanden zu den Gruppen/Bedingungen nicht zufällig.

Idealtypischer Ablauf

Idealtypisch läuft ein qualitatives Experiment folgendermaßen ab:

  1. Deskription des Gegenstandes: Dieser erste Schritt ist wichtig, denn ohne eine möglichst genaue Beschreibung des Gegenstandes kann ein qualitatives Experiment kaum aussagekräftige Ergebnisse zu dessen Struktur erbringen,
  2. experimenteller Eingriff,
  3. Deskription des Gegenstandes nach dem Eingriff,
  4. Schlussfolgerung auf seine Struktur.

Der zweite und dritte Schritt müssen in der Regel mehrmals durch­laufen werden, bis der vierte möglich wird.

 

  1. 1. Kleinig, G. (1995).  Von der Hermeneutik zur qualitativen Heuristik. Lehrbuch entdeckende Sozialforschung. Band I,
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Qualitative Experimente sehen von einer künstlichen Laborsituation ab, vielmehr wird Wert darauf gelegt, den Untersuchungsbereich in möglichst natürlichen Bedingungen zu belassen und dort das Experiment durchzuführen. Idealtypisch laufen Experimente in vier Schritten ab: Nach der Beschreibung des Gegenstands folgt der experimentelle Eingriff, der Gegenstand wird erneut beschrieben und daran schließen sich Schlussfolgerungen an, die Rückschlüsse auf die eigentliche Struktur des Gegenstandes ermöglichen sollen. Qualitative Experimente sind immer dann einsetzbar, wenn es um die Analyse von Strukturen verschiedener Gegenstandsbereiche geht, die sich nicht einfach, klar und intuitiv beschreiben und erforschen lassen.

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IV: 5. Design-Based Research

Allgemeine Informationen

Enstehung

Design-Based Research (DBR) entstand im Kontext der Lehr-/Lern­forschung: Die Erforschung von Lehren und Lernen mit quantitativen Methoden (vor allem Experimente und Korrelationsstudien) kommt immer dann an seine Grenzen, wenn zu viele Variablen eine kontrol­lierte Untersuchung nahezu unmöglich machen. DBR ist innerhalb der Lehr-/Lernforschung entstanden, weshalb sich dort auch die meisten Begründungen finden; DBR ist aber nicht auf diese Domäne beschränkt. Ziel von DBR ist es, wissenschaftliche und praktische Maßnahmen miteinander zu verbinden, also z.B. Lernumgebungen zu entwickeln und dabei gleichzeitig einen Fortschritt in der Theoriebildung zu erzielen. Der Begriff „Design" soll zum Ausdruck bringen, dass auch der Akt der Gestaltung und Entwicklung von Maßnahmen - wenn er denn auf der Basis bestehender theoretischer und empirischer Erkenntnisse erfolgt - bereits ein Akt der Wissenschaft ist.

Beschreibung

Ähnlich wie die Evaluationsforschung nutzt der DBR einen Methoden-Mix, um das Ergebnis einer Maßnahme zu analysieren und zu verbes­sern. Wichtig dabei ist, dass der Kontext, in dem eine Maßnahme zum Einsatz kommt, ebenfalls Gegenstand der Untersu­chung ist, weil man davon ausgeht, das Kontext und Maßnahmen nur zusammen (in ihrer Interaktion) für beobachtbare Ergebnisse verant­wortlich sind. Die besondere Berücksichtigung des Kontexts soll nicht nur zu einem besseren Verständnis einer Maßnahme und deren Imple­mentationsmöglichkeiten führen, sondern zusätzlich zu besseren theo­retischen Erkenntnissen (hier: über Lehren und Lernen) führen. Eine weitere Abgrenzung zur Evaluationsforschung besteht darin, dass DBR über eine reine Perfektion einer Maßnahme hinausgeht; das wissen­schaftliche Erkenntnisinteresse ist also größer. Bevor DBR mit seinen Untersuchungen beginnt, werden die verfügbare Literatur und bekann­ten Erkenntnisse untersucht und auf Lücken geprüft, um den Wert der Forschungsbemühung zu sichern. Dieses theoriegestützte Vorgehen ist ein wichtiger Grund, um DBR von bloßer Evaluation abzugrenzen.

Einsatzfeld

Für das Design-Based Research Collective (2003, S. 8)1 gibt es vier Bereiche, in denen DBR besonders fruchtbar eingesetzt werden kann:

  • Erkundung von Möglichkeiten für neuartige Lern-/Lehrarrange­ments,
  • Entwicklung kontextualisierter Theorien über Lehren und Lernen,
  • Sammlung von Erkenntnissen zur Konstruktion von Gestaltungs­prinzipien,
  • Erhöhung der Innovationsleistung, denn: DBR fördert die Zusam­menarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg und betont die Zusam­menarbeit von Forschern und Praktikern. Diese Partnerschaften, zusammen mit dem Anspruch, Maßnahmen umfassend zu untersuchen und zu gestalten, führen zu einer Vielfalt an Lösungen.

Ähnliche Ansätze

Unter DBR werden ähnliche Forschungsansätze zusammengefasst, die teilweise unterschiedliche Foki haben, aber in ihren wesentlichen Ideen übereinstimmen. Diese Ansätze sind (Wang & Hannafin, 2004, S. 1f)2:

  • Design Experiments
  • Design Research
  • Development research oder Developmental Research
  • Action Research (Aktionsforschung bzw. Handlungsforschung)

 

  1. 1. Collective, T. D. - B. R. (2003).  Design-Based Research: An Emerging Paradigm for Educational Inquiry.. 5-8.
  2. 2. Wang, F., & Hannafin M. J. (2004).  Using design-based research in design and research of technology-enhanced learning environments.. Annual Meeting of the American Educational Research Association.

Merkmale & Umsetzungshinweise

Kernmerkmale von DBR

Das Design-Based Research Collective (2003)1 nennt folgende zentralen  Merkmale von DBR (siehe auch Wang & Hannafin, 2004)2:

  • Die beiden Ziele „Gestaltung von Lernarrangements" und „Entwick­lung von Theorien" sind eng miteinander verknüpft.
  • Entwicklung und Forschung finden zusammen in einem kontinu­ierlichen Kreislauf von Gestaltung, Umsetzung/Durchführung, Über­prüfung und Überarbeitung statt.
  • DBR führt zu Theorien, die Praktikern relevante Folgerungen er­möglichen. Das heißt: Die Ergebnisse der Forschung sollen daran gemessen werden, inwieweit sie für die Praxis von Interesse sind und inwieweit sie die Praxis verbessern können.
  • DBR darf nicht nur Erfolg/Misserfolg einer Maßnahme dokumentie­ren. Sie muss auch klären, wie ein Design in der Praxis wirkt und dabei Interaktionen zwischen Elementen der Maßnahme und des Kontexts berücksichtigen.
  • DBR sieht einen engen Zusammenhang zwischen Kontext und Maß­nahme. Deshalb sollen die Prozesse der Durchführung dokumentiert und mit den Ergebnissen verknüpft werden.

Zyklischer Ablauf

DBR ist eine Forschungsstrategie, die die (pädagogische) Praxis ver­bessern soll. Sie bedient sich eines systematischen und wiederholten, kreislaufförmigen (zyklischen) Einsatzes von Gestaltung (design), Um­setzung/Durchführung meist im Feld (enactment), Überprüfung (ana­lysis) und Überarbeitung (redesign), wobei Forschung und Entwicklung gleichzeitig stattfinden. Sie basiert auf theoriegeleiteter Gestaltung, enger Kooperation mit Praktikern, Arbeit in realen Feldern und führt zu spezifischen (local) Gestaltungsgrundsätzen und verallgemeinerbaren (global) Theorien (vgl. Wang & Hannafin, 2004, S.2). Innerhalb dieses Kreislaufs wird eine Theorie schrittweise aufgestellt und zunehmend ergänzt. Grundlage hierfür sind nicht nur die gesammelten Daten, sondern auch die Erfahrungen aus der Implementation.

Forschungsergebnisse

Der tatsächliche Forschungsprozess, die gewonnenen Erkenntnisse und Abweichungen vom ursprünglichen Forschungsplan werden genau dokumentiert. So können andere Forscher nicht nur nachvollziehen, wie die Erkenntnisse bzw. Innovationen zustande kamen, sondern auch unter welchen Bedingungen. Auch die Gründe, aus denen von einem Forschungsplan abgewichen wurde, sollen als relevante Erkenntnis aufgefasst werden.

 

  1. 1. Collective, T. D. - B. R. (2003).  Design-Based Research: An Emerging Paradigm for Educational Inquiry.. 5-8.
  2. 2. Wang, F., & Hannafin M. J. (2004).  Using design-based research in design and research of technology-enhanced learning environments.. Annual Meeting of the American Educational Research Association.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Im Vordergrund von DBR steht ursprünglich die theoriegeleitete Ge­staltung von Lernarrangements und die Gewinnung und Verfeinerung sowohl von Gestaltungsprinzipien als auch von Theorien. DBR ist jedoch nicht auf Lernen beschränkt. Ziel ist die Verknüpfung prak­tischer Verbesserungen und verallgemeinerbarer theoretischer Aus­sagen. DBR geht über das Erkenntnisinteresse von Ansätzen wie z.B. der Evaluation hinaus, indem Kontextbezug und Theorieentwicklung betont werden. Dabei sollen zusätzlich zur Beschreibung oder Kontrolle des Kontextes Verflechtungen und Interaktionen erfasst und analysiert werden, um die Wirkung von Maßnahmen besser verstehen zu können. Ähnlich wie bei der Handlungsforschung achtet man im DBR auf eine enge Zusammenarbeit mit Praktikern und auf eine Generierung praktisch relevanten Wissens.

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IV: 6. Einzelfallforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Im Mittelpunkt der Einzelfallforschung steht der einzelne Mensch als Individuum oder eine einzelne soziale Einheit wie eine Gruppe oder eine Organisation. Es handelt sich bei der Einzelfallforschung um einen eigenständigen Forschungsansatz, nicht um eine spezifische

Erhebungstechnik (Lamnek, 1995)1. Einzelfallstudien werden unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten herangezogen: Zum einen dienen sie zur Entwicklung theoretischer Konzepte oder einzelner Hypothe­sen (Hypothesengenerierungs-Modell), zum anderen zur Erkundung des Forschungsfeldes, zur Überprüfung und Verbesserung von For­schungsmethoden sowie zur Vertiefung bereits gewonnener gene­reller Aussagen (Schnell, Hill & Esser, 1992)2.

Entstehung

Die historischen Ursprünge des einzelfallorientierten Denkens gehen bis in die Antike zurück und liegen in der Philosophie, der Theologie und der Rechtswissenschaft (Kraimer, 1995)3. Heutzutage findet man die Einzelfallforschung vor allem in der soziologischen Biographiefor­schung, der Pädagogik und der Psychologie.

Der Begriff „Einzelfall"

Der Begriff „Einzelfall" kann sich auf einzelne Personen oder einzelne soziale Einheiten beziehen:

  • Soziale Einheiten sind mehrere Personen im Sinne von Gruppen, Vereinen, Unternehmen, Kulturen oder ganzen Gesellschaften.
  • Einzelne Personen sind Individuen, beispielsweise mit seltenen Krankheiten oder anderen einzigartigen Merkmalen.

 

 

  1. 1. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung. Die biographische Methode, Bd2. .
  2. 2. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  3. 3. Kraimer, K. (1995).  Die Einzelfallstudie mit Bibliographie zur qualitativen Sozialforschung. (E. König, P. Zedler, Ed.).Bilanz qualitativer Forschung.

Merkmale & Umsetzungshinweise

Bedeutung der Ganzheitlichkeit

Die Einzelfallforschung bemüht sich um eine systematische Unter­suchung von sozialen Tatbeständen.

Die Einzelfallforschung wird herangezogen, um einen ganzheitlichen, realistischen, authentischen und kommunikativen Zugang zur sozialen Umwelt zu schaffen und der Alltagssituation möglichst nahe kommen (Kraimer, 1995)1. Während des gesamten Analyseprozesses soll der Rückgriff auf den Fall in seiner Ganzheit und Komplexität erhalten bleiben, um so zu genaueren und tiefgreifenderen Ergebnissen zu gelangen.

Rekonstruktion von Handlungsmustern

Ein weiteres Ziel besteht darin, einen besseren Einblick in das soziale Zusammenwirken der Gesellschaft zu bekommen. Auf der Grundlage von realen Handlungen will man Handlungsmuster wis­senschaftlich rekonstruieren. Dafür ist es notwendig, detaillierte und genaue Beschreibungen der Struktur einer typischen Situation (z.B. Gesellschafts- oder Organisationsstrukturen) wiederzugeben. Des Weiteren soll die gewonnene Erkenntnis über den Einzelfall hinaus­gehen und generalisierbare Aussagen ermöglichen. Bei der Daten­analyse in Einzelfallanalysen wird die Sequenzanalyse als das grund­legende Prinzip genannt. Ziel der Datenanalyse ist es, die Struktur des Einzelfalls im sequenziellen Ablauf der Reproduktion zu verfol­gen (Flick, Kardorff, Keupp, Rosenstiel & Wolff, 1991)2. Weitere Aus­wertungsverfahren sind z.B. die objektive Hermeneutik, die Konver­sationsanalyse (Kraimer, 1995) oder die Grounded Theory.

Materialien

Untersuchungs-Materialien, die man bei der Einzelfallanalyse ver­wenden kann, sind beispielsweise

Protokolle gesellschaftlicher Sach­verhalte (Fallakten, Memoiren, Nachrufe), Dokumentationen krisen­hafter Verläufe (Krankengeschichten, Anamnesen), belegte Fall- oder Lebensgeschichten (Briefe, Tagebücher, weblog) u.a. (Lamnek, 1995)3.

Methoden

Die Auswahl des zu untersuchenden Falles ergibt sich aus der Fragestellung des Vorhabens. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass möglichst viele Informationen über das Feld gesammelt werden (Flick et al., 1991)4. Um ein facettenreiches Bild zeichnen und Fehler minimieren zu können, wird die Fallstudie üblicherweise multime­thodisch angelegt. In der Einzelfallforschung kann also prinzipiell mit allen Methoden der empirischen Sozialforschung gearbeitet werden (Kraimer, 1995). In der quantitativen Forschung werden eher kon­trollierende Techniken (z.B. standardisierte Interviews) angewandt; in der qualitativen Forschung werden kommunikative und offene Wege (Gruppendiskussion, narratives Interview, Beobachtung) be­vorzugt. In bestimmten Situationen der Einzelfallforschung kommen aber auch quantitative Erhebungs- und Auswertungsmethoden zum Einsatz. Die Methodik der Einzelforschung ist in der Regel wenig oder nicht-standardisiert, da sie an den zu untersuchenden Gegen­stand angepasst werden soll.

 

  1. 1. Kraimer, K. (1995).  Die Einzelfallstudie mit Bibliographie zur qualitativen Sozialforschung. (E. König, P. Zedler, Ed.).Bilanz qualitativer Forschung.
  2. 2. Flick, U., Wolff S., Kardorff E., Keupp H., & Rosenstiel L. (1991).  Handbuch Qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung. Die biographische Methode, Bd2. .
  4. 4. Flick, U., Wolff S., Kardorff E., Keupp H., & Rosenstiel L. (1991).  Handbuch Qualitative Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteil

Der Vorteil der qualitativen Einzelfallforschung ist, dass seltene Phänomene (z.B. eine seltene Krankheit) beschrieben und näher ergründet werden können.

Frage der Generalisierbarkeit

Ein Hauptproblem bei der Einzelfallforschung ist die Generalisier­barkeit der Ergebnisse: Denn auch der Einzelfall soll Erkenntnisse liefern, die auf vergleichbare Personen/Gruppen/Gesellschaften übertragbar sind. An einem Einzelfall sollen stellvertretend für ver­gleichbare Personen/Gruppen/Gesellschaften Erkenntnisse gewon­nen werden. Dazu müssen die Lebensverhältnisse und die bestehen­den Beziehungen betrachtet und vermeintlich hervorstechende Ein­zelmerkmale (Dimensionen) oder Eigenschaften eines Falls abstra­hiert werden. Genau da setzen viele Kritikpunkte an. Ein Hauptproblem bei Fallanalysen ist zudem, dass zugrunde gelegte Le­bensgeschichten (im Falle der biografischen Fallanalysen) subjekti­ven Verzerrungen unterworfen sein können.

 

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Ziel der Einzelfallforschung ist es, einen genauen Einblick in das Zu­sammenwirken einer Vielzahl von Faktoren zu bekommen, die „Ganzheit" von Phänomenen zu erfassen und typische Handlungs­strukturen zu rekonstruieren. Zu den Untersuchungsgegenständen einer Einzelfallstudie zählen neben einem einzelnen Individuum auch einzelne Gruppen, Kulturen, Institutionen oder Organisationen. Das Material der Einzelfallstudie sind u.a. Tagebücher oder wichtige Lebensdaten (z.B. bei einer seltenen Krankheit); letztlich aber kann die gesamte Methodik der empirischen Sozialforschung auf einen Einzelfall angewandt werden; im Vordergrund stehen dabei nicht-standardisierte Verfahren.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Kraimer, K. (2002). Einzelfallstudien. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 213-232). Weinheim: Beltz.

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IV: 7. Delphi-Studie

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Bei der Delphi-Methode handelt es sich um ein Entscheidungsver­fahren, eine strukturierte Gruppenkommunikation, deren Ziel es ist, aus Einzelbeiträgen der an der Delphi-Studie beteiligten Personen konsensorientierte Lösungen für komplexe Probleme zu erarbeiten. Sie findet besonders dann Anwendung, wenn es um die Einschätzung und Vorhersage von Sachverhalten geht, die nicht direkt abgebildet werden können, da sie nicht aktuell präsent oder real existent sind (z.B. weil sie in der Zukunft oder Vergangenheit liegen). Oft sind kreative Leistungen von Experten unterschiedlichster Fachrichtungen gefragt. Bei den meisten Delphi-Studien liegt der Zeithorizont in der Zukunft (10 oder mehr Jahre). Die Grundidee der Delphi-Methode liegt darin, über mehrere Befragungswellen Expertenmeinungen zu definierten Problemstellungen einzuholen und diese Erkenntnisse z.B. für einen Blick in die Zukunft oder als Entscheidungshilfen zu nutzen (Reinmann-Rothmeier & Mandl, 19981; Häder & Häder, 20002).

Definitionen

Eine einheitliche Definition der Delphi-Methode lässt sich kaum aus­machen. Schon 1975 stellte Sackman bei einer Auswertung von 150 Studien fest, dass es keine anerkannte Arbeitsdefinition für diese Methode gibt (Häder & Häder, 2000). Die Vielfalt ist begründet durch viele unterschiedliche Erwartungen an die Anwendung der Methode. So sehen eine Reihe von Autoren die Delphi-Technik allgemein als „Instrument zur verbesserten Erfassung von Gruppenmeinungen bzw. zur Steuerung der Gruppenkommunikation" an (Häder & Häder, 2000, S. 12). Andere betonen eher das Leistungsvermögen von Delphi-Studien als Methode zur Problemlösung. Häder und Häder (2000) betonen aus heutiger Sicht eine Entwicklung in der Charakte­risierung von Delphi: „Während zunächst die gruppendynamischen Merkmale für die Bestimmung des Wesens von Delphi zentral waren, betonen neuere Bestimmungen stärker den Problemlösungscharakter bzw. den Umgang mit Ungewissheit" (Häder & Häder, 2000, S. 13).

Entstehung

Die Delphi-Methode wurde erstmals Anfang der 1950er-Jahre in einer von der Air Force finanzierten RAND (Zusammenführung der Begriffe research und development) Corporation Studie eingesetzt, dort als „Project Delphi" bezeichnet und diente der Landesverteidigungsfor­schung. Im Rahmen von 14 Experimenten nutzte die Corporation die Methode, um mögliche Ziele sowjetischer Angriffe auf die USA abzuschätzen. Bekannt wurde Delphi schließlich durch einen 1964 ebenfalls von der RAND Corporation erarbeiteten „Report on a Long Range Forecasting Study". Das Ziel dieser Studie bestand in einer langfristigen Vorhersage wissenschaftlicher und technischer Entwick­lungen.

Einsatzfeld

Die Anwendbarkeit der Delphi-Methode erstreckt sich auf viele Ge­biete; einige haben sich aber im Lauf der Zeit als „typisch" herausgestellt (Häder & Häder, 2000):

  • Wissenschafts- und Technologie-Entwicklung
  • Bildungswesen (z.B. Hochschulforschung)
  • Tourismus
  • Gesundheitswesen
  • Politik

 

  1. 1. Reinmann-Rothmeier, G., & Mandl H. (1998).  Wissensmanagement. Eine Delphi-Studie. .
  2. 2. Häder, M., & Häder S. (2000).  Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. .

Merkmale & Umsetzungshinweise

Die „Paper-and-pencil version" (Häder & Häder, 2000)1, welche man als klassisches Delphi-Design bezeichnet, verfügt über einige Cha­rakteristika bzw. Stufen, nämlich die Mehrstufigkeit des Delphi-Pro­zesses, die schrittweise Erarbeitung einer tragfähigen Gruppenant­wort, Befragung von Experten und Anonymität der Einzelantworten.

Mehrstufigkeit des Delphi-Prozesses

Per Verwendung formalisierter Fragebogen oder Interviews werden Experten gebeten, mehrfach nacheinander ihr individuelles Urteil unabhängig von dem der anderen Experten zu bilden. In einer ersten Befragungsrunde erhalten die Teilnehmer meist eine oder mehrere offene Fragen zum Thema. Aus den Einzelurteilen der ersten Stufe werden bestimmte Informationen ermittelt, welche die Experten als erste Rückkopplung bzw. Rückmeldung zum Start der zweiten Runde erhalten. Diese Informationen werden dann durch Beantwortung neuer Fragen einer weiteren Bewertung unterzogen. Durch die von der Prozessleitung gesteuerte Rückkopplung haben die Experten immer wieder die Möglichkeit, ihr vorheriges Urteil zu überdenken und Informationen zu berücksichtigen, die der eine oder andere zuvor übersehen oder für nicht wesentlich erachtet hat.

Schrittweise Erarbeitung einer tragfähigen Gruppenantwort

Die Rückkopplung bewirkt, dass die informationellen Ausgangs­situationen der Experten von Stufe zu Stufe immer mehr angeglichen und Unterschiede der Einzelurteile abgebaut werden. Eine Annä­herung der Einzelurteile im Lauf der Befragungsrunden ist zu er­warten, und tatsächlich konnte in den meisten durchgeführten Delphi-Studien eine solche Konvergenz festgestellt werden.

Befragung von Experten

Es liegt in der Natur der Sache, dass Prognosen spekulativen Charak­ter haben. Hinsichtlich der Verlässlichkeit der Prognose muss somit versucht werden, den Anteil der Spekulation insgesamt auf niedrigem Niveau zu halten; deshalb werden nur Experten zu Prognosen aus ihrem Fachgebiet herangezogen (Becker, 1974)2. Zu beachten ist die Anzahl der ausgewählten Experten: Nach Dalkey (1958, zit. nach Becker, 1974)3 nimmt mit zunehmender Gruppengröße sowohl der durchschnittliche Gruppenirrtum ab als auch die Zuverlässigkeit der Gruppenurteile zu. Als Mindestumfang werden hier sieben Experten vorgeschlagen.

Anonymität der Einzelantworten

Wesentlich für die Delphi-Methode ist, dass die Methode keine of­fenen Gruppen-diskussionen kennt - die Mitglieder der Gutachter­gruppe, deren Einzelurteile das Gesamturteil bilden, bleiben unterei­nander anonym und geben ihr jeweiliges Urteil isoliert voneinander ab. Diese Anonymität ist Grundvoraussetzung für erfolgreiches Arbeiten mit der Delphi-Methode, da sie dazu beiträgt, gruppen­konformes Verhalten der Gutachter zu verhindern. Dalkey (1958, zit. nach Becker, 1974) konnte experimentell nachweisen, dass ohne Wahrung der Anonymität das Urteil nach der Diskussion weniger genau ist als der Durchschnitt der Meinungen, welche die Mitglieder der Diskussionsrunde vor der Diskussion vertraten.

 

  1. 1. Häder, M., & Häder S. (2000).  Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. .
  2. 2. Becker, D. (1974).  Analyse der Delphi-Methode und Ansätze zu ihrer optimalen Gestaltung. Dissertation an der Universität Mannheim. .
  3. 3. Becker, D. (1974).  Analyse der Delphi-Methode und Ansätze zu ihrer optimalen Gestaltung. Dissertation an der Universität Mannheim. .

Varianten & aktuelle Bedeutung

Delphi-Konferenz

Neben diesen grundsätzlichen Charakteristika ist zu konstatieren, dass in jüngerer Zeit zahlreiche Varianten eingesetzt werden, die auf ausgewählte Elemente des klassischen Designs zurückgreifen oder andere modifizieren bzw. auslassen. Ein solches Beispiel ist die Delphi-Konferenz.

Bei der Delphi-Konferenz (auch Echtzeit-Delphi genannt) wird das Forschungsteam durch einen Computer ersetzt, der die Einzelbeiträge mit problemspezifischen Auswertungsprogrammen zusammenfasst. Der Vorteil dieser Variante ist, dass sie zu einer erheblichen Zeit- und Kostenersparnis führen kann, wenn die Computer der Konferenz­teilnehmer mit dem „Leitcomputer" vernetzt sind.Sie setzt allerdings voraus, dass das anstehende Problem in hohem Maße formal strukturierbar und am PC umzusetzen ist. Für Problemerkundungen scheint diese Form wenig geeignet.

Aktuelle Bedeutung der Delphi-Studie

Warum das Interesse an Delphi in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen hat, führen Häder und Häder (2000)1 auf vier Aspekte zurück:

  • Weitreichende Entscheidungen in Wirtschaft und Wissenschaft müssen von immer mehr Experten vorbereitet und getragen werden.
  • Experten mit Universalwissen werden seltener. An deren Stelle tritt eine Anzahl hoch spezialisierter Fachleute für einzelne Gebiete (Expertengremien).
  • Zu treffende Entscheidungen werden immer komplizierter und komplexer, auch der Zeithorizont wird wesentlich weiter.
  • Weitreichende Entscheidungen sind oft mit hohen Kosten ver­bunden.

All diese Aspekte lassen sich auf das grundlegende Interesse zu­rückführen, Entscheidungen, die bisher auf unsicherem Wissen ba­sieren, durch die Delphi-Methode zu qualifizieren. Besonders bei komplexen Problemstellungen mit weit in die Zukunft reichendem Prognosecharakter, für die nur bedingt auf objektive Informationen oder Daten zurückgegriffen werden können, ist die Delphi-Methode oft eine der wenigen überhaupt durchführbaren Schätzmethoden.

 

  1. 1. Häder, M., & Häder S. (2000).  Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. .

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Eine Delphi-Studie wird als Entscheidungsverfahren definiert, das versucht, über mehrere Befragungsrunden zukünftige Sachverhalte, Ereignisse oder Problemstellungen einzuschätzen. Mittels anonymen Befragungen werden Experten zum Untersuchungsthema befragt, um schließlich konsensfähige und inhaltlich tragfähige Prognosen errei­chen zu können. Genutzt werden zu Beginn der Untersuchung Frage­bögen mit offenen Fragen, die Ergebnisse der ersten Runde werden jeweils ausgewertet, den Experten rückgemeldet und in die neue Befragungsrunde integriert. In weiteren Runden werden die Fragen konkreter und auch geschlossener, die einzelnen Experten können hier ihre Urteile angesichts der Meinungen anderer immer wieder abwägen und tragen zu einer Herleitung von Prognosen bei. We­sentlich dabei ist die Anonymität der Experten, um gegenseitige Be­einflussung zu vermeiden.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Balzer, L. (2006). "Wie werden Evaluationsprojekte erfolgreich?" - Ergebnisse einer Delphistudie. In W. Böttcher, H.G. Holtappels & M. Brohm (Hrsg.), Evaluation im Bildungswesen - Eine Einführung in Grundlagen und Praxisbeispiele (S.123-135). Weinheim: Juventa.

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Baustein V: Grundzüge qualitativen Forschens

Ziel dieses Bausteins ist es, noch einmal abschließend einen kritischen Blick auf Chancen und Risiken der qualitativen Forschung zu werfen und wichtige Fragen wie die der Validität und der Triangulation noch einmal zu beleuchten (die bereits an anderen Stellen gestreift wurden). Neben den offensichtlichen Vorzügen sollen an dieser Stelle auch die Schwierigkeiten und „Fallen" der qualitativen Sozialforschung angesprochen werden. Des Weiteren soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten der Kombination qualitativer und quantitativer Forschung möglich sind - Kombinationsmöglichkeiten, die deutlich machen, dass ein striktes Gegeneinander zwischen den beiden Forschungsparadigmen nicht sinn­voll ist. Abschließend wird kurz darauf verwiesen, auf welche Weise auch qualitative Forscher auf die neuen Medien (also auf unterstützende Software) zurückgreifen können.

V: 1. Einschätzung qualitativer Forschung

Gibt es „DIE" qualitative Forschung?

Heterogenität qualitativer Forschung

Insbesondere der Baustein II hat mit seinen verschiedenen Untersu­chungsdesigns deutlich gemacht, dass der Begriff „qualitative Sozial­forschung" allenfalls einen kleinen gemeinsamen Nenner für eine Viel­zahl wissenschaftlicher Vorgehensweisen darstellt. Zwar gibt es - wie Baustein I gezeigt hat - immer wieder Versuche, grundlegende Merk­male, Gütekriterien und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung zu formulieren, die insbesondere für eine nachvollziehbare Forschungs­praxis von hohem Wert sind. Allerdings darf dies nicht darüber hin­wegtäuschen, dass die qualitative Forschung eine Vielzahl verschiede­ner Herangehensweisen an die wissenschaftliche Untersuchung von Forschungsfragen umfasst (vgl. Lamnek, 19881; Mruck, 20002): Einige qualitative Verfahren drehen sich um das Ziel, den subjektiv gemein­ten Sinn nachzuvollziehen; hier stehen das Subjekt und seine Deu­tungsmuster und Handlungsmöglichkeiten im Vordergrund. Andere qualitative Verfahren wollen vor allem soziales Handeln und soziale Milieus beschreiben; hier geht es weniger um Interpretation als viel­mehr um den Versuch, Phänomene möglichst detailgetreu zu erfassen und auf diesem Weg auch zu verstehen. Schließlich gibt es qualitative Verfahren (vor allem im Rahmen der objektiven Hermeneutik), die darauf abzielen, deutungs- und handlungsgenerierende Strukturen zu rekonstruieren. Daneben existieren zahlreiche andere Richtungen, die sich unter anderem in den verschiedenen Untersuchungsdesigns quali­tativer Forschung und deren teilweise voneinander abweichenden Zielsetzungen zeigen.

Mangel an einheitlichen Definitionen

Die qualitative Forschung gibt es also nicht. Man muss schon genauer sagen, wovon man spricht, wenn man die qualitative Sozialforschung ins Feld führt. Allerdings: Es gibt ebenso wenig die quantitative For­schung. Für beide Paradigmen findet man keine wirklich einheitliche Definition (Wolf, 1995)3. Folgerichtig sind dichotom formulierte Gegen­überstellungen von quantitativer und qualitativer Forschung zwar ein erster Schritt zur Abgrenzung und zum Verständnis (wie in Baustein I dargestellt), aber letztlich nur wenig für eine differenzierte Auseinan­dersetzung um die Frage nach dem Nutzen quantitativer und qualita­tiver Methoden geeignet. Auf einen knappen Nenner gebracht geht es der quantitativen Forschung um die Untersuchung von Merkmalen, deren Häufigkeiten und korrelative oder kausale Zusammenhänge, wobei vor allem über die Stichprobenwahl eine Verallgemeinerung auf die Grundgesamtheit erfolgt. Demgegenüber (wenn man denn gegen­überstellen will) geht es der qualitativen Forschung um die Untersu­chung von Lebenswelten und Interaktionsprozessen, bei der Verallge­meinerungen auf anderen Wegen als repräsentative Stichprobenzieh­ungen versucht werden (z.B. Treumann, 1986)4.

 

  1. 1. Lamnek, S. (1988).  Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie..
  2. 2. Mruck, A. (2000).  Qualitative Sozialforschung in Deutschland.
  3. 3. Wolf, W. (1995).  Qualitative versus quantitative Forschung. (E. König, P. Zedler, Ed.).Bilanz qualitativer Forschung. Bd. I: Grundlagen qualitativer Forschung.. 308-329.
  4. 4. Treumann, K. (1986).  Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. (Heitmeyer, W., Ed.).Interdisziplinäre Jugendforschung. 199-220.

Nutzen & Grenzen qualitativer Forschung

Nutzen der qualitativen Forschung

Vor diesem Hintergrund ist natürlich auch der Nutzen der qualitativen Forschung nicht mit Pauschalurteilen abzuhandeln: Der Nutzen qualitativer Methoden ergibt sich vor allem mit der Passung der ge­wählten Methoden zum Untersuchungsgegenstand und zu den damit verbundenen wissenschaftlichen Zielen. Durch den Einsatz von quali­tativen Methoden gewinnt Forschung aber in jedem Fall an Offenheit - Offenheit für das untersuchte Phänomen und die daran beteiligten Menschen. Ohne Zweifel kann qualitative Forschung daher Ergebnisse liefern, die näher am Alltag und an drängenden praktischen Fragen orientiert sind als dies bei quantitativen Untersuchungen in der Regel der Fall ist (was man auch als ökologische Validität bezeichnet; s.u.). Damit hängt auch der Vorzug der qualitativen Forschung zusammen, dass der Kontext untersuchter Phänomene nicht ausgeblendet oder kontrolliert, sondern als wichtiger Bestandteil in den Forschungsprozess integriert wird. Auch dies macht die praktische Brauchbarkeit erzielter Ergebnisse im Allgemeinen größer. Positiv hervorzuheben ist zudem die Forderung, das Vorverständnis im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung offen zu legen. Leider aber wird dieses Postulat mitunter nicht eingelöst (Mruck, 2000)1. Dies ist aber nur eines von einer Reihe von Problemen, denn natürlich hat auch die qualitative Forschung mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

Probleme in der qualitativen Forschung

Folgende Probleme und damit auch Grenzen der qualitativen Sozial­forschung lassen sich aus der Literatur

zusammenfassen (z.B. Flick, 20022; Mayring, 19993; Mayring, 20014):

  • Das Scheitern qualitativer Forschung wird zu selten thematisiert: Man erweckt damit den Eindruck, als beruhe die qualitative So­zialforschung auf gesichertem Wissen, was ebenso wenig der Fall ist wie die Behauptung, nur die quantitative Forschung sei in den Sozialwissenschaften angemessen, weil auf gesichertem Wissen fundiert.
  • Anteile der Kunst beim qualitativen Forschen werden bisweilen überbetont (z.B. bei der objektiven Hermeneutik): Damit läuft man Gefahr, einzelne Methoden als nicht oder schlecht erlernbar zu deklarieren, was einer sorgfältigen Forschungspraxis abträglich ist; die Sicherung von Qualitätsstandards wird damit unterlaufen.
  • Die Kritik an der quantitativen Methodologie seitens der qualitati­ven Forschung ist bisweilen einseitig und überzogen (s.o.): Der Vorwurf, quantitative Forschung sei ausschließlich am naturwis­senschaftlichen Paradigma orientiert und würde keine Prozesse untersuchen, ist so nicht richtig und verkennt neue Entwicklungen auch in der quantitativen Forschung.
  • Die bestehenden Gütekriterien und Prinzipien, wie sie in vielen Me­thodenbüchern zur qualitativen Forschung postuliert werden, wer­den nicht immer eingehalten; auch gibt es keinen deutlichen Kon­sens darüber, welche der vielen diskutierten Prinzipien so etwas wie „Kern-Gütekriterien" sind und in jedem Fall eingehalten wer­den müssen: Damit ergibt sich das Problem, dass die Qualität qua­litativer Studien schwankt und bisweilen nicht sichergestellt wird (wovor allerdings auch die quantitative Forschung nicht gefeit ist).

Scheinbare Probleme

Der qualitativen Forschung einen Mangel an Objektivität, Reliabilität und Validität vorzuwerfen und damit die Wissenschaftlichkeit qualita­tiver Verfahren generell in Frage zu stellen, ist nicht dafür geeignet, sich mit tatsächlichen Problemen der qualitativen Forschung (wie oben kurz skizziert) kritisch auseinander zu setzen. Denn Objektivität, Reliabilität und Validität (im Sinne der quantitativen Forschung) sind Gütekriterien, gegen die sich die qualitative Forschung explizit wendet (z.B. Mruck, 2000):

  • Qualitative Forscher halten Objektivität für unangemessen, weil sie ihre eigene Subjektivität nicht als Störvariable betrachten, sondern für den Verstehensprozesse nutzen.
  • Reliabilität (Genauigkeit und damit verbundener Wiederholbarkeit) wird von qualitativen Forschern ebenfalls zurückgewiesen, weil jede Untersuchungssituation als einzigartiges Ereignis verstanden und auch als solches behandelt wird.
  • Die Validität schließlich spielt in der qualitativen Forschung durch­aus eine Rolle - nur wird sie anders (vor allem nicht messtech­nisch) definiert als im quantitativen Paradigma: Es geht hier um die Frage, ob die Konstruktionen des Forschers in den Konstruktio­nen der Untersuchten wirklich begründet sind. Qualitative Forscher bemühen sich - wenn sie „state of the art" arbeiten - also durch­aus um die Gültigkeit ihrer Interpretationen und Verallgemeine­rungen.

 

  1. 1. Mruck, A. (2000).  Qualitative Sozialforschung in Deutschland.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Mayring, P. (1999).  Zum Verhältnis qualitativer und quantitativer Analyse. . (Bolscho, D., Michelsen, G., Ed.).Methoden der Umweltbildungsforschung.
  4. 4. Mayring, P. (2001).  Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse..

Qualität qualitativer Forschung

Qualitative Forschungsansätze sind - wie hier noch einmal wiederholt wurde - heterogen, sodass es nicht immer leicht ist, die Qualität dieser Art von Forschung sicherzustellen - allen Gütekriterien und Prinzipien (wie sie in Baustein I beschrieben sind) zum Trotz. Wichtig zur Qualitätssicherung in der qualitativen Sozialforschung ist es, die Wahl qualitativer Methoden bewusst und begründet zu treffen, oder mit anderen Worten: auf die Indikation qualitativer Forschung zu achten (Flick, 2002)1. Es ist also stets zu prüfen, ob qualitative Designs und Methoden (a) für den jeweiligen Gegenstandsbereich, (b) für die jeweilige Fragestellung und (c) für die jeweilige Zielgruppe auch wirklich geeignet sind. In vielen Studien - qualitativen wie quantitativen Untersuchungen - wird genau diese Frage der Indikation zu wenig beachtet. Flick (2002, S. 400ff.) empfiehlt einige „Daumen­regeln und Schlüsselfragen von Forschungsschritten und -methoden", die ein reflektiertes Arbeiten gerade auch in der qualitativen For­schung fördern. Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Es ist genau zu überlegen, ob quantitativ oder qualitativ geforscht werden sollte; die Gründe sind offen zu legen.
  • Die Zielsetzung, das eigene (Forscher-)Interesse und der theoreti­sche Hintergrund dieses Interesses hinter der Forschung sind zu reflektieren.
  • Die Wahl eines Untersuchungsdesigns sollte gut überlegt getroffen werden; eine sorgfältige Planung, bei der auch die verfügbaren Ressourcen mit einzukalkulieren sind, ist unerlässlich.
  • Wichtig ist eine gut begründete Auswahl und Zusammensetzung der untersuchten Zielgruppe (das sog. Sampling).
  • Da qualitative Forschung der Rolle des Forschers eine große Bedeutung beimisst, sind die Beziehungen des Forschers im Feld zu klären und offen zu legen.
  • Die Vor- und Nachteile eingesetzter Erhebungsmethoden und de­ren Passung zum Gegenstand, zur Frage und zur Zielgruppe sind genauestens abzuwägen.
  • Dasselbe gilt für eingesetzte Aufbereitungs- und Auswertungs­methoden.
  • Auch die Art der Darstellung der Ergebnisse muss wohl überlegt sein. Dabei sind der Zweck und die Zielgruppe einer Berichter­stattung im Auge zu behalten.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Validität qualitativer Forschung

Der Validitätsbegriff

Da die Zweifel an der Gültigkeit von Forschung im Allgemeinen sowie von Forschungsinstrumenten und Forschungsergebnissen im Besonde­ren tief ins „Herz" eines jeden Wissenschaftlers treffen, soll der Validi­tätsbegriff an der Stelle noch einmal reflektiert werden: Der Begriff „Validität" (vom Lat. „validus: stark, wirksam, gesund) sagt - einfach gesprochen - aus, dass man als Forscher das erfassen sollte, was man auch erfassen will bzw. zu erfassen vorgibt (und nicht etwas anderes). Man unterscheidet vor allem die externe Validität von der internen Validität und der Konstrukt-Validität - eine Unterscheidung, die aus der quantitativen Forschung kommt:

  1. Externe Validität meint die Übereinstimmung zwischen dem unter­suchten Gegenstand und dem Gegenstand, über den man Aus­sagen machen will, was entscheidend ist für die Generalisierbarkeit der Ergebnisse. Fragen der externen Validität sind auch für die qualitative Forschung relevant.
  2. Interne Validität liegt vor, wenn es (meist bei Experimenten) ge­lingt, die Störvariablen (also diejenigen Variablen, die man nicht untersuchen will) zu kontrollieren. Die so definierte interne Validi­tät spielt in der qualitativen Forschung keine Rolle.
  3. Konstrukt-Validität schließlich bezieht sich auf die Gültigkeit eines eingesetzten Instruments (und damit auf die bekannte exempla­rische Frage, ob ein Intelligenztest wirklich Intelligenz misst). Die messtheoretische Auslegung dieses Validitätsbegriffs ist für die qualitative Forschung nicht wichtig. Dass aber auch qualitative Er­hebungsverfahren Gültigkeit für den untersuchten Gegenstand oder die untersuchten Menschen haben müssen, dürfte außer Frage stehen.

Validierung in der qualitativen Forschung

In der qualitativen Forschung geht es weniger um die Gültigkeit von Messungen und Messinstrumenten als vielmehr um die Gültigkeit von Interpretationen, damit aber auch um die Gültigkeit von Verallgemei­nerungen und durchaus auch (s.o.) um die Gültigkeit von eingesetzten Methoden. Eine große Rolle spielt die in der quantitativen Forschung wenig thematisierte ökologische Validität, die die Übereinstimmung der Untersuchungsbedingungen mit den natürlichen Umweltbedingun­gen der untersuchten Personen oder Phänomene meint. Unterschieden werden mehrere Verfahren zur Feststellung von Validität, was man als Validierung bezeichnet. Validierung zielt in der qualitativen Forschung darauf ab, einen Konsens herzustellen; typische Verfahren sind:

  1. Konsensuelle Validierung: Konsensherstellung zwischen verschie­denen Forschern beim Auswerten.
  2. Kommunikative Validierung: Konsensherstellung zwischen For­schern und „Beforschten" im Feld.
  3. Argumentative Validierung: Konsensherstellung zwischen For­schern und außenstehenden Personen.

 

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Qualitative Sozialforschung ist letztlich ein „Sammelbegriff" für eine Vielzahl verschiedener Verfahren, deren Beurteilung von daher nicht pauschal ausfallen kann. Ebenso verbieten sich für differenziertere Auseinandersetzungen mit der qualitativen Forschung dichotom for­mulierte Gegenüberstellungen mit der quantitativen Forschung. Letzt­lich mangelt es in beiden Forschungsparadigmen an einheitlichen Defi­nitionen. Neben Vorteilen wie Offenheit, Gegenstandsnähe und prak­tischer Relevanz der Ergebnisse gibt es in der qualitativen Forschung auch Probleme. Mangelnde Wissenschaftlichkeit aber ist ein Vorwurf seitens der quantitativen Forschung, der ebenso abzulehnen ist wie die generelle Verunglimpfung der quantitativen Forschung. Insbeson­dere am Begriff der Validität kann man deutlich machen, dass beide Forschungsparadigmen um Wissenschaftlichkeit bemüht sind, dass sie dies aber mit verschiedenen Verfahren und mit unterschiedlicher Zielsetzung tun.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek: Rohwolt. (Diese - auch für diese E-Learning-Veranstaltung empfohlene - Be­gleitlektüre kann in ihrer forschungslogischen Strukturierung der Inhalte zur qualitativen Sozialforschung die Inhalte in der vorliegen­den Lernumgebung sehr gut ergänzen.)

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V: 2. Kombination quantitativer und qualitativer Forschung

Qualitative und quantitative Forschung: ein Gegensatz?

Nach dem bisher Gesagten stellt sich die Frage, warum dennoch so oft suggeriert wird, qualitative und quantitative Forschung stünden einan­der unversöhnlich gegenüber. Nun gibt es in der Tat Unterschiede beider Forschungsparadigmen auf der Ebene der Ontologie (der Lehre vom Seienden), der Epistemologie (der Lehre vom Erkennen der Wirklichkeit) wie auch der Anthropologie mit allen bekannten Folgen für die jeweils herangezogene Methodologie (siehe Baustein I): Den­noch wird zunehmend erkannt, dass sich qualitative und quantitative Vorgehensweisen sowohl in der Erhebung und Auswertung von Daten als auch im Untersuchungsdesign auf unterschiedliche Weise kombi­nieren lassen und damit keineswegs einen unüberbrückbaren Gegen­satz bilden. Im Folgenden soll gezeigt werden auf welchen in der Forschung relevanten Ebenen eine Kombination möglich ist und Sinn macht (von Saldern, 1992;1 vgl. vor allem Mayring, 2001)2.

 

  1. 1. von Saldern, M. (1992).  Qualitative Forschung – quantitative Forschung: Nekrolog auf einen Gegensatz.. Empirische Pädagogik. 6, 377-399.
  2. 2. Mayring, P. (2001).  Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse..

Kombinationsmöglichkeiten auf der technischen Ebene & der Datenebene

Kombinationsmöglichkeiten auf der technischen Ebene

Auf der technischen Ebene gibt es die Möglichkeit, durch den Einsatz von Computersoftware quantitative und qualitative Vorgehensweisen miteinander zu kombinieren, was auch seit vielen Jahren erfolgreich getan wird. Dies macht vor allem dann Sinn, wenn große Daten­mengen in der qualitativen Forschung anfallen (was in vielen qualita­tiven Studien passiert). In solchen Fällen können technische Such-, Navigations-, Bearbeitungs- und Kodierfunktionen wertvolle Dienste leisten; auch statistische Analysen der Kodierungen sind dann mög­lich. Nicht möglich ist allerdings ein Delegieren der Auswertungsarbeit an den Computer; letzterer kann beim qualitativen Forschen nur unterstützend eingesetzt werden.

Kombinationsmöglichkeiten auf der Datenebene

Auf der Ebene der Daten kommt es in der Praxis der qualitativen Sozialforschung bei der Auswertung bereits in vielen Fällen zu einer Kombination qualitativer und quantitativer Analysen: Die qualitative Inhaltsanalyse z.B. postuliert die Bildung von Kategorien, die sich z.B. im Hinblick auf Häufigkeiten analysieren lassen und weitere Vergleiche möglich machen; auch Rangreihen lassen sich auf diese Weise bilden. Es werden also zunächst qualitativ analysierte Daten quantifiziert, um sie im Anschluss daran wieder qualitativ zu interpretieren.

 

Kombinationsmöglichkeiten auf der Designebene

Auf der Ebene des Untersuchungsdesigns gibt es die meisten Möglich­keiten einer Kombination qualitativer und quantitativer Vorgehens­weisen: Zu unterscheiden sind das Vorstudienmodell, das Verallge­meinerungsmodell, das Vertiefungsmodell und das Triangulations­modell.

  1. Am bekanntesten ist das Vorstudienmodell, bei dem eine qualita­tive Studie als Vorstufe im Sinne der Hypothesengenerierung durchgeführt wird; die so gewonnenen Hypothesen werden dann in einer darauf folgenden quantitativen Studie überprüft.
  2. Beim Verallgemeinerungsmodell erfolgt eine qualitative Studie zunächst vollständig (und nicht nur zur Hypothesengewinnung), um anschließend mit quantitativen Methoden zu weiteren Über­prüfungen und Verallgemeinerungen zu gelangen.
  3. Das Vertiefungsmodell kehrt im Vergleich zum Vorstudien- und Verallgemeinerungsmodell die Verfahren um: Im Anschluss an eine quantitative Studie wird zum besseren Verstehen von Hintergrün­den und Kontexteinflüssen eine qualitative Studie durchgeführt.
  4. Die Kombination mit höchster Komplexität auf der Designebene beinhaltet das Triangulationsmodell: Hier wird eine Fragestellung aus verschiedenen Perspektiven mit verschiedenen qualitativen und quantitativen Methoden untersucht.

Exkurs: Triangulation

Die oben genannte Methodentriangulation ist nur eine von mehreren Formen der Triangulation, die in der qualitativen Sozialforschung be­schrieben werden (angesprochen wurde das Prinzip der Triangulation bereits in Baustein I): Neben Methoden kann man auch verschiedene Datenarten, mehrere Forscher und unterschiedliche theoretische Rich­tungen miteinander kombinieren (Denzin, 19891; vgl. auch Flick, 2002)2

  1. Methoden-Triangulation: Methodologische Kombinationen sind so­wohl innerhalb einer Methode (z.B. verschiedene Subskalen in einem Fragebogen) als auch zwischen Methoden (im Sinne der Kombination etwa von Fragebogen und Interview) möglich.
  2. Daten-Triangulation liegt vor, wenn in einer Untersuchung ver­schiedene Datenquellen (bezogen auf Zeit, Raum und Personen) einbezogen werden.
  3. Forscher-Triangulation liegt vor, wenn mehrere Forscher in ihrer Rolle als Interviewer, Beobachter etc. gemeinsam tätig sind, um subjektive Verzerrungen zu minimieren (was, wie oben gezeigt wurde, ein Verfahren der konsensuellen Validierung ist).
  4. Theorien-Triangulation liegt vor, wenn unterschiedliche theore­tische Sichtweisen bei der Formulierung von Forschungsfragen ebenso wie bei der Erhebung und Interpretation von Daten heran­gezogen werden.

 

  1. 1. Denzin, N. K. (1989).  The research act.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Kombinationsmöglichkeiten auf der Ablaufebene

Wenn quantitatives und qualitatives Denken innerhalb der gesamten Forschungslogik (also im Ablauf)

kombiniert werden, erhält man nach Mayring (2001)1 die größte Chance, die jeweiligen Vorteile der beiden Forschungstraditionen zu nutzen. Möglich ist eine solche forschungs­logische Integration, indem das bekannte idealtypische Ablaufmodell an einigen Stellen um qualitative Aspekte erweitert wird:

  1. Explikation und Spezifizierung der Fragestellung: Dazu gehören Er­örterungen zur Relevanz und zum Problembezug der Fragestel­lung, Hypothesen oder offenen Forschungsfragen.
  2. Explikation des Theoriehintergrunds: Dazu zählen eine Aufarbei­tung des Stands der Forschung und des bevorzugten Theoriean­satzes und das jeweilige Vorverständnis des Forschers.
  3. Empirische Basis: Damit sind die Beschreibung der Stichprobe oder des Einzelfalls sowie die Beschreibung des Materials und der Mate­rialauswahl gemeint.
  4. Methodischer Ansatz: Aufzuführen sind hier alle Erhebungs-, Auf­bereitungs- und Auswertungsverfahren und eine Begründung der Verfahren, wobei sowohl standardisierte als auch spezifisch für be­stimmte Fälle konstruierte Instrumente möglich sind.
  5. Ergebnisse: Gemeint ist die Darstellung und Zusammenfassung der Ergebnisse sowie ein Rückbezug auf die Hypothesen oder die gestellte Forschungsfrage qualitativer Art.
  6. Schlussfolgerungen: An der Stelle sind Aussagen erforderlich zu den Gütekriterien, zur Relevanz der Ergebnisse sowie zu Möglich­keiten der Verallgemeinerung bzw. zur Begrenzung der Gültigkeit der Ergebnisse.

 

  1. 1. Mayring, P. (2001).  Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse..

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Qualitative und quantitative Forschung lassen sich kombinieren. In­teressante Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich auf der techni­schen Ebene, auf der Datenebene, auf der Designebene und auf der Ablaufebene. Insbesondere die Integration qualitativen und quantita­tiven Denkens und Handelns auf der Ebene von Untersuchungsdesigns und auf der Ebene der Forschungslogik können dem Anspruch nahe kommen, eine möglichst hohe Passung von Strategien und Methoden einerseits und Gegenstandsbereichen und Zielen andererseits zu erreichen. Zentral ist der Begriff der Kombination auch beim Triangu­lationskonzept, das in der qualitativen Forschung eine besondere Rolle spielt: Auch eine Triangulation ist auf verschiedenen Ebenen möglich, nämlich auf der Ebene der Methoden, der Daten, der Forscher und der Theorien.

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  • Mayring, P. (2001). Combination and Integration of Qualitative and Quantitative Analysis. Forum Qualitative Sozialforschung, 2(1). URL: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-01/1-01mayring-d.pdf (Gute Zusammenfassung der verschiedenen Möglichkeiten einer Integration quantitativer und qualitativer Vorgehensweisen in der Forschung.)

 

 

V: 3. Einsatz der neuen Medien in der qualitativen Forschung

Bedeutung neuer Medien

Neue technische Möglichkeiten verändern zwar nicht die Kernfragen qualitativen Forschens, sie können jedoch einzelne Schritte im For­schungsprozess beschleunigen und verbessern. Unter neuen Medien sollen hier der Personal Computer, digitale Eingabegeräte und das Internet verstanden werden. Kennzeichnend für unsere Gesellschaft heute ist, dass die fortschreitende Digitalisierung zunehmend mehr Lebensbereiche durchdringt - eben auch die Forschung: neben dem PC und verschiedenen Software-Anwendungen haben digitale Kame­ras, Audio-Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräte oder neue Publika­tionsformate wie Weblogs im Internet Einzug in die Forschung gehal­ten. Die nachfolgenden Ausführungen stellen kurz die Einsatzmöglich­keiten und Trends neuer Medien entlang des Forschungsprozesses dar.

 

Einsatzmöglichkeiten I

Aufzeichnung, Nachbearbeitung und Distribution

In den letzten Jahren stehen dem Forscher immer mehr Aufzeich­nungswerkzeuge für verbale und visuelle Daten zur Verfügung. Di­gitale Audiorecorder, digitale Foto- und Videokameras einschließlich der nachgelagerten Bearbeitungsmöglichkeiten sind nicht nur verfüg­bar, sondern auch zunehmend erschwinglicher geworden. Anders als analoge Medien erlauben digitale Medien auch ohne allzu große tech­nische Kenntnisse, Daten in einer Art aufzuzeichnen, aufzubereiten und nachzubearbeiten, die früher nur Medienprofis erreicht haben. Zur schnellen Weitergabe und gegebenenfalls räumlich verteilten Be­arbeitung von Daten stiftet das Internet großen Nutzen. Mit Ein­schränkungen muss man im Prinzip nur noch bei großen Bilddatenbe­ständen oder Videodatenströmen rechnen.

Rekrutierung von „Untersuchungssubjekten"

Während die Vorteile der neuen Medien für Aufzeichnung, Aufbe­reitung und Nachbearbeitung in der Forschung hinlänglich bekannt sind, wird wenig über die neuen Möglichkeiten diskutiert, auch Ziel­gruppen für Untersuchungen via Internet zu rekrutieren. Eine größere Anzahl von möglichen Untersuchungssubjekten und Interessenten anzusprechen, wird auf diesem Wege sehr effizient. Da diese Personen dann aber auch räumlich verteilt sein können, macht der Online-Weg der Rekrutierung vor allem (bzw. nur dann) Sinn, wenn auch die Datenerhebung größere Online-Anteile vorsieht und das Internet Teil der Forschungsmethode ist.

Datenquelle und Forschungsgegenstand

Das Internet als größtenteils (hyper)textbasiertes Medium kann na­türlich auch selbst als Forschungsgegenstand für qualitative Sozial­forschung dienen. Viele soziale Phänomene wie verteilte Zusammen­arbeit, computerbasierte Kommunikationsprozesse und globale Ver­netzung von Interessensgruppen lassen sich nur oder besonders gut im Internet untersuchen. Dies hängt mit der wachsenden digitalen Durchgängigkeit von Medien bei der Erstellung von Dokumenten zu­sammen (s.o.). Es gibt inzwischen eine Vielzahl digitaler Dienste, die regelmäßiges Publizieren von eigenen Gedanken und Erlebnissen er­möglichen (Weblogs), den öffentlichen Austausch von Bildern unter­stützen (www.flickr.com) und Prozesse der netzgestützten Zusam­menarbeit detailliert protokollieren (Wikis mit dem Vorzeigebeispiel wikipedia.org).

 

Einsatzmöglichkeiten II

Unterstützung in der Erhebungsphase

Bei der Datenerhebung werden neue Medien heute - sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Forschung - vermehrt ein­gesetzt. Beispiele sind: virtuelle Produkttests, Online-Experimente, Online-Befragungen und Online-Gruppendiskussion (Welker, Werner und Scholz, 2005)1. In der Forschungs-Praxis aktuell am häufigsten verbreitet sind strukturierte Online-Befragungen, die effizient quanti­tativ verwertbare Daten (auch in sehr großen Mengen) erzeugen. Aber auch teilstrukturierte und selbst fokussierte, eher offene Befragungen sind online selbstverständlich möglich.

Laufende Forschungsdokumentation

Laptops und kleinere mobile Geräte ermöglichen heute eine zeitnahe Digitalisierung von Feldnotizen und „Memos" gerade in der qualitati­ven Forschung. Neben klassischen Aufzeichnungen dieser Art, lassen sich Feldnotizen und Memos auch öffentlich und auf diesem Wege leicht referenzierbar machen; dies ist vor allem mit Weblogs im Internet möglich: Der Vorteil ist eine kontinuierliche Transparenz über den Forschungsprozess und die Möglichkeit, Fachkontakte zu knüpfen und bereits im Forschungsprozess den wissenschaftlichen Austausch anzu­kurbeln (z.B. im Sinne einer Validierung der Konstruktionen; s.o.)

Unterstützung in der Auswertungsphase

Die Unterstützung der Datenauswertung ist die klassische Domäne des Computers - in der quantitativen wie auch qualitativen Forschung. Mittlerweile sind speziell für die qualitative Forschung eine ganze Rei­he sinnvoller Computerprogramme verfügbar. Sie werden im Engli­schen als QDA (Qualitative Data Analysis) Software oder als CAQDAS (Computer Aided Qualitative Data Analysis) Software bezeichnet. Da­bei allerdings gilt: Genauso wenig wie ein Textverarbeitungsprogramm automatisch einen Artikel schreibt, entwickelt eine solche Software ein Kategoriensystem oder führt die Auswertung quasi automatisch durch. Sie übernimmt allerdings Funktionen, die das Arbeiten erheblich er­leichtern und beschleunigen können, z.B.:

  • das Editieren von Feldnotizen,
  • die Vergabe von Codierungen,
  • die Verwaltung der mit diesen Codierungen verknüpften Textseg­mente,
  • das (Wieder)-Auffinden von Textstellen sowie teilweise auch
  • die Darstellung und Manipulation von Konzept-Netzwerken.

Weitere Funktionen, die man in der Auswertung nutzen kann, sind Al­gorithmen und Programme zum Text-Mining, die die Suche und Ex­traktion von Textstellen und Schlüsselwörtern automatisieren. Diese Werkzeuge sind aber nur bei großen Textmengen sinnvoll und setzen Expertise zur Abstimmung auf den eigenen Anwendungsfall voraus. Nur unter diesen Voraussetzungen lassen sich in der Regel auch die Er­wartungen der Anwender nach Qualitätsverbesserung in der For­schung erfüllen.

Berichtlegung

Der Einsatz des PCs zur Erstellung der Forschungsdokumentation ist heute Standard. Häufig kommen Massenprodukte zur Textverarbei­tung zum Einsatz, manchmal ergänzt durch Zusatzwerkzeuge und Datenexporte aus den oben geschilderten Programmen. Seltener dagegen ist nach wie vor die Verwendung offener, vernetzbarer Doku­mentationsformate basierend auf Internet-Technologien.

 

  1. 1. Welker, M., Werner A., & Scholz J. (2005).  Online-Research. Markt- und Sozialforschung mit dem Internet..

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Neue Medien und Publikationsformate bieten vielfältige Möglichkeiten zur Unterstützung qualitativer Forschungsprozesse. Sie haben meist Werkzeugcharakter, wie in den klassischen Bereichen Auswertung und Berichtlegung, können aber auch selbst zum Forschungsgegenstand werden. Zwar stehen die technischen Möglichkeiten prinzipiell seit vielen Jahren zur Verfügung; gerade in letzter Zeit aber findet eine zunehmende Nutzung auch von nicht oder kaum technisch vorgebil­deten Anwendergruppen statt, was durch intuitivere Werkzeuge er­möglicht wird.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Kuckartz, U. (2007). Einführung in die computergestützte Analyse qualitativer Daten (2. aktualisierte und erw. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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