Baustein II: Erhebungsmethoden

Worum geht es in dem Baustein?

Ziel dieses Bausteins ist die Beschreibung von Methoden, die zur Informationsgewinnung (oder Datenbeschaffung) über Teil-Aspekte der Realität eingesetzt werden können. Sie konkretisieren sich durch bestimmte Datenerhebungsinstrumente wie mündliche Inter­views, Erzählungen, Gruppenverfahren, Beobachtungsverfahren, schriftliche Befragung und Dokumentenanalyse. Der Baustein soll deutlich machen, welche Erhebungsmethoden es gibt, welche dieser Methoden in welchen Situationen auszuwählen sind, und wie die einzelnen Methoden nach Datenart, Aufwand, Vorgehensweise, Vor- und Nachteile sowie Struktur beurteilt werden können. Es werden im Folgenden diejenigen Erhebungs­methoden beschrieben, die zu qualitativen Daten führen. Das heißt: Eine Reichhaltigkeit der Datenqualität ist gewährleistet, eine Perspektivenvielfalt ist möglich, eine Pluralität der Zugänge (Mehrdimensionalität) über verbalen-, nonverbalen- und paraverbalen Aus­druck etc. ist gegeben, der Forscher ist tief in den Prozess der Datenerhebung einge­bunden und eine Vertiefung im Datenerhebungsprozess z.B. über Nachfragen ist möglich. Erhebungsverfahren, die zu quantitativen Daten führen und für die statistische Auswer­tungsmethoden (z.B. Häufigkeiten, schließende Statistik) zur Anwendung kommen, wer­den nicht beschrieben.

II: 1. Interview

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Das qualitative Interview ermöglicht es, subjektive Sichtweisen von Akteuren zu ermitteln, z.B. über vergangene Ereignisse, Meinungen oder Erfahrungen. Die Besonderheit qualitativer Befragungstechniken liegt darin, dass der Gesprächsverlauf weniger vom Interviewer und dafür stärker vom Interviewten gesteuert und gestaltet wird, womit tiefere Einblicke möglich werden (Bortz & Döring, 1995, S. 283)1.

Die Rolle des Interviewers

Offene (qualitative) Befragungen sind nach Bortz und Döring (1995, S. 283)2 im eigentlich Sinne keine Interviews, da das typische Frage-Antwort-Muster fehlt. Dies ist jedoch eine Beurteilung aus der Sicht der quantitativen Forschung. Richtig allerdings ist, dass der Interviewer im qualitativen Interview nicht die Rolle des distanzierten „Befragers" innehat, sondern eher die eines engagierten, wohlwollenden und emo­tional beteiligten Gesprächspartners, der es versteht auf die Reaktio­nen seines Gegenübers einzugehen, und diese reflektiert. Der Forscher ist somit selbst „Erhebungsinstrument", d.h. seine Gefühle, Gedanken und Reaktionen werden gründlich notiert und können in den Analysen berücksichtigt werden.

 

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Standardisierungsgrade

Interviews können in unterschiedlichen Standardisierungsgraden durchgeführt werden, d.h. von nicht-standardisiert über halb-stan­dardisiert bis hin zu vollständig standardisiert. Zu den qualitativen Erhebungsverfahren zählen nur die beiden Erstgenannten. Entschei­dend ist, dass keine Antwortvorgaben vorliegen, d.h. der Befragte immer frei auf eine gestellte Frage antworten kann. Dies kann auch eine Ja/Nein Antwort sein, beinhaltet aber immer die Möglichkeit, die Antwort zu ergänzen.

Nicht-standardisiertes Interview

Beim nicht-standardisierten (offenen) Interview ist keine Fragenabfolge festgelegt, das heißt: Sowohl die Frageformulierung als auch die Ab­folge der Fragen werden dem Interviewer überlassen. Es wird nur ein Rahmenthema vorgegeben und der Befragte soll möglichst ohne Ein­flussnahme sprechen.

Halb-standardisiertes Interview

Beim halb-standardisierten Interview ist die Frageformulierung festge­legt, nicht aber, wann die Fragen gestellt werden müssen. Man nennt dies auch ein Leitfadeninterview (Bortz & Döring, 1995, S. 289).1 Hier besteht die Möglichkeit, die Fragen so zu stellen, dass sie in den sich entwickelnden Gesprächsverlauf passen.

Standardisiertes Interview

Beim standardisierten Interview sind die Formulierung der Fragen, ihre Reihenfolge sowie die Antwortmöglichkeiten und das Interviewerver­halten genau festgelegt. Diese Dimension ist für die Differenzierung zwischen qualitativen und quantitativen Formen der Befragung konsti­tutiv. Durch den Aspekt der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten erhält man quantitative Daten. Aus diesem Grund wird dies nicht weiter aus­geführt.

 

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Weitere Dimensionen zur Definition

Schriftlich oder mündlich?

Qualitative Befragungen werden selten schriftlich durchgeführt, da Untersuchungs-teilnehmer eher zu mündlichen Äußerungen bereit sind als zum Anfertigen von schriftlichen Ausarbeitungen. Schriftliche Äuße­rungen sind zwar weniger spontan, dafür aber oft besser durchdacht und erschöpfender. Sie werden aber vom Probanden als anstrengender und schwieriger erlebt. Entscheidend bei dieser Frage ist auch, zu welchem Thema ein Interview durchgeführt wird. So kann es bei einem Thema, welches ein Antwortverhalten im Sinne der „sozialen Er­wünschtheit" erwarten lässt, sinnvoller sein, ein Interview schriftlich durchzuführen (Bortz & Döring, 1995, S. 283).1 Der fehlende direkte Kontakt mit dem Interviewer vermittelt bei der schriftlichen Befragung ein Gefühl der Anonymität, sodass auch „sozial unerwünschte" Aussagen gemacht werden können.

Differenzierung nach Kriterien

Aufgrund der Vielzahl von Varianten qualitativer Interviews ist es wich­tig, je nach Untersuchungsfall eine Technik auszuwählen. Als erstes ist zu klären, ob der interessierende Sachverhalt überhaupt im subjektiven Erleben repräsentiert ist bzw. mit welchem kognitiven Aufwand für die Befragten ein Interview verbunden ist. Manche Ereignisse und Erfahrungen sind schwer erinnerbar (z.B. Traumata), schwer erklärbar oder unbewusst. Es sollte auch bedacht werden, dass der Zeitaufwand, die Rollenverteilung und die Rahmenbedingungen des Interviews für den Befragten akzeptabel sind. Folgende sechs Punkte sind für die Auswahl der Interviewform von Bedeutung:

  • Realitätsbezug (Phantasien vs. Beschreibungen)
  • Zeitdimension (Erinnerung vs. Zukunftspläne)
  • Reichweite (Tagesablauf vs. Lebensgeschichte)
  • Komplexität (einfache Beschreibung vs. Charakterisierung)
  • Gewissheit (Vermutungen vs. Erfahrungswissen)
  • Strukturierungsgrad (freie Assoziation vs. Erklärungen)

Erfahrungsgestalten

Zudem lassen sich fünf zentrale „Erfahrungsgestalten" im Interview unterscheiden: Episoden (Dramen), Konzeptstrukturen, Geschehens­typen, Verlaufsstrukturen und Theorien (mentale Modelle). Je nach Art der Erfahrung wird das Interview unterschiedlich strukturiert und ge­staltet, um an die gewünschten Informationen zu gelangen (Bortz & Döring, 1995, S. 283f).2

Bestimmung der Interviewform

Die Begründung für eine bestimmte Interviewform ist von verschiede­nen Aspekten abhängig:

  • Welche Personen werden befragt (Interview mit Laien oder Exper­ten? Einzel- oder Gruppeninterviews)?
  • Welches Thema wird behandelt (Dilemma oder biographisches Interview)?
  • Ist eine bestimmte Technik des Fragens (narratives oder assozia­tives Interview) sinnvoll für das Thema?

Je nach Interviewform können bestimmte Aspekte des subjektiven Er­lebens besser erfasst werden. Zum Beispiel lassen sich Verlaufsstruk­turen mit Hilfe der Methode des lauten Denkens, mit der Verhaltens­analyse oder der Lebenslaufanalyse ermitteln (vgl. Bortz & Döring, 1995, S. 288f.).3

Verschiedene Arten von Fragen

Grundsätzlich gibt es offene und geschlossene Fragen, wobei nur die offenen Fragen für ein (qualitatives) Interview relevant sind. Dies sind Fragen, bei denen keine Antwortalternative vorgegeben ist. Der Be­fragte wird nicht in eine bestimmte Richtung gelenkt. Er hat die Mög­lichkeit, eine Antwort zu geben, die seiner Denkweise und Einstellung bzw. Meinung entspricht. Dies setzt jedoch eine gewisse Artikulations­fähigkeit des Befragten voraus (s.o.). Die offene Frage stellt somit höhere Anforderungen als die geschlossene Frage - auch an den In­terviewer: Dieser muss die Antwort „richtig" verstehen, sie protokollie­ren (oder aufzeichnen), muss Wesentliches von Unwesentlichem (z.B. Wiederholungen, schmückende Beiwörter) trennen, also die eigentliche Botschaft herausfiltern. Dies ist nicht in völlig objektiver Weise möglich (Stier, 1999, S. 175).4 Bei sogenannten Satzergänzungsaufgaben sollen Sätze vervollständigt und im Folgenden weitere Aussagen fortgeführt werden (Bortz & Döring, 1995, S. 283).5

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  4. 4. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  5. 5. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Durchführen eines Interviews

Die Durchführung eines Interviews verlangt höchste Konzentration vom Interviewer. Er muss dem Befragten in seinen Antworten folgen und gleichzeitig sein Interesse, welches er mit seinen Fragen vertieft, im Blick behalten. Es gilt, sich auf unterschiedliche Menschen einzustellen und allen offen und ehrlich zu begegnen.

Inhaltliche Vorbereitung

Bereits im Vorfeld muss sich der Interviewer überlegen: Was soll das Befragungsthema sein? Mit wem wird das Interview durchgeführt? Ist diese Person als sprachlich gewandt einzuschätzen oder muss davon ausgegangen werden, dass die Kommunikations­fähigkeit nicht stark ausgeprägt ist? Die Befragungstechnik muss nach den oben beschriebenen Kriterien ausgewählt werden. Am Ende der Überlegungen sollte feststehen: Wozu soll wer, wie, wann und wo interviewt werden?

Organisatorische Vorbereitung

Auch organisatorische Vorbereitungen müssen getroffen werden. Hier­zu zählt vor allem die Zusammenstellung des Interviewmaterials: Ton­bandgerät (kurz vor der Aufnahme unbedingt noch einmal testen), Kassetten, Ersatzbatterien, Interviewleitfaden etc.

Gesprächsbeginn

Grundsätzlich ist es immer hilfreich, wenn ein Interview durch einen Datenträger aufgezeichnet wird. Dies setzt jedoch immer das Ein­verständnis des Befragten voraus. Bereits kurz nach der Begrüßung sollte eine Zusicherung der Anonymität erfolgen und dann die Frage gestellt werden, ob das Gespräch aufgezeichnet werden darf. Dann folgt eine kurze Phase des „Small Talk", was auch als Aufwärmphase bezeichnet wird. Darauffolgend stellt der Interviewer das Unter­suchungsanliegen vor und erklärt den Ablauf der Befragung.

Während des Interviews

Hauptaufgabe des Interviewers ist die Kontrolle und Steuerung des Gesprächsverlaufs, d.h. nonverbale Reaktionen des Befragten als auch eigene Reaktionen sollten aufmerksam verfolgt werden. Mit Kontrolle und Steuerung ist nicht gemeint, dass der Interviewer Vorgaben oder Bewertungen hinsichtlich der Aussagen des Interviewten macht. Die Kunst der Interviewführung liegt darin, den Interviewten frei erzählen zu lassen, ihn durch Fragen jedoch geschickt zu lenken, ohne ihn in eine Ecke zu drängen. Der Interviewer muss flexibel auf verschieden­artige Personen reagieren und mit ihnen „arbeiten" können.

Gesprächsende und Verabschiedung

Das Interviewende wird meist durch das Abschalten des Aufnahme­geräts markiert. Meist schließt sich eine Phase des informellen Ge­sprächs an. Der Interviewer sollte hier sehr aufmerksam sein, da Be­fragte oftmals nach Abschluss des eigentlichen Interviews wichtige oder persönliche Aussagen machen. Am Ende des Interviews sollte die Gewährleistung der Anonymität der Ergebnisse noch einmal erwähnt und ein Dank für die gegebene Zeit ausgesprochen werden. Zudem sollte der weitere Verlauf des Kontaktes, z.B. die Übermittlung der Auswertungsergebnisse, besprochen werden. Es kann bei manchen Themen hilfreich für die Befragten sein, eine Nachbetreuung (z.B. Be­ratungsgespräch) anzubieten (bspw. nach einem Interview zum Thema „Trauma").

Gesprächsnotizen

Gesprächsnotizen sollten sofort nach Beendigung des Interviews auf­geschrieben werden. Sie beinhalten Aspekte, die z.B. durch die Ton­bandaufnahme nicht erfasst werden, wie: äußere Erscheinung, Räum­lichkeiten, Unterbrechungen, Uhrzeit, Datum, nonverbale Auffällig­keiten, z.B. roter Kopf etc. (Bortz & Döring, 1995, S. 285f).1

Kompetenzen eines Interviewers

Die (Daten-)Qualität eines Interviews ist stark von den Fähigkeiten des Interviewers abhängig, z.B. von seiner Erfahrung in der Durchführung von Interviews, von der persönlichen Ausstrahlung, von einer geschick­ten und überzeugenden Einführung, von der Kontakt- und Verarbei­tungsfähigkeit, von der Fähigkeit zuhören zu können (aktives Zuhö­rens), von Empathiefähigkeit und Ambiguitätstoleranz. Zudem benötigt ein Interviewer ein gutes Gespür für den Gesprächsverlauf, er muss das Gespräch auch leiten, erweitern, eingrenzen können, um seine Fragen zu geeigneten Zeitpunkten zu stellen, ohne den Gesprächsfluss abrupt abbrechen zu lassen (Stier, 1999, S. 189).2

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Besondere Interview-Formen

(a)         Leitfaden- (halbstrukturiertes) Interview

Beschreibung

Unter einem Interviewleitfaden versteht man eine Interviewanweisung bzw. eine schriftlich festgelegte Richtlinie, nach denen der Interviewer in der Interaktion mit dem Interviewten vorzugehen hat. Der Umfang ist variabel und reicht von einer groben Skizzierung des Interviewzieles bis zur detaillierten Festlegung aller einzelnen Handlungs- und Frage­schritte (Beispiel siehe Bortz & Döring, 1995, S. 289).1

Einsatzfeld

Leitfadeninterviews werden vor allem explorativ eingesetzt, zur Hypo­thesengewinnung oder als Pretest bei der Entwicklung eines standardi­sierten Fragebogens (in Kombination mit quantitativer Forschung) oder zur qualitativen Analyse kleinerer Gruppen bzw. von Einzelfällen (Stier, 1999, S. 189).2 Der Leitfaden dient als Gerüst für die Datener­hebung und macht so die Ergebnisse unterschiedlicher Interviews vergleichbar (Bortz & Döring, 1995, S. 289).3

Besonderheiten

Grundlage für ein Leitfadeninterview ist ein Stichwort-Katalog bzw. Gesprächsleitfaden, der alle zu stellenden Fragen beinhaltet. Damit ist eine gewisse Vergleichbarkeit der Interviewergebnisse gewährleistet. Es gibt sogenannte „Schlüsselfragen", die in jedem Interview zu stellen sind, und sogenannte „Eventualfragen", die je nach Gesprächsverlauf relevant werden. Die genaue Formulierung der Fragen, ihre Reihen­folge und die Reihenfolge einzelner Themen ist dem Interviewer über­lassen und sollte vom Gesprächsfluss abhängen (Stier, 1999, S. 188).4

Vor- & Nachteile

Der Vorteil des Leitfadeninterviews ist, dass dem Interviewten genü­gend Raum für eigene Formulierungen gegeben wird. Aus der Freiheit, die Fragen je nach Gesprächsverlauf zu stellen und dem Gespräch anzupassen, resultiert aber auch die eingeschränkte Vergleichbarkeit.

(b)         Fokussiertes Interview

Entstehung

Entstanden ist diese Form des qualitativen Interviews im Zusammen­hang mit der Kommunikationsforschung und Propagandaanalyse. Sol­che Studien wurden erstmals in den 1940er Jahren durchgeführt, wobei Untersuchungspersonen bspw. zu ihren Eindrücken von zuvor präsentierten Propagandamitteln (Reden, Filme, etc.) befragt wurden.

Beschreibung

Das Charakteristische an fokussierten Interviews ist die Konzentration auf einen vorab bestimmten Gesprächsgegenstand oder -anreiz. Dies kann beispielsweise ein Film sein, den der Befragte gesehen hat, oder eine soziale Situation, die er durchlebt hat. Im anschließenden fo­kussierten Interview werden dann, auf der Basis eines Gesprächsleit­fadens, die Reaktionen und Interpretationen des Befragten bezüglich des zuvor festgelegten Fokus in relativ offener Form festgehalten. Be­sonders hervorzuheben ist, dass in fokussierten Interviews den Befrag­ten die Chance gegeben werden soll, sich frei und auch zu nicht-antizi­pierten Aspekten zu äußern. So werden z. B. assoziative Stellungnah­men der Befragten zum Gesprächsgegenstand berücksichtigt. Das fo­kussierte Interview sollte somit non-direktiv (ohne Anweisung) und situationsspezifisch sein, unerwarteten Reaktionen Raum lassen und tiefgründig geführt werden (Bortz & Döring, 1995, S. 291f).5

(c)         Problemzentriertes Interview

Mit diesem Begriff bezeichnet man eine Interview-Variante, die eine lockere Bindung an einen knappen, der thematischen Orientierung die­nenden Leitfaden mit dem Versuch verbindet, den Befragten weit­gehende Artikulationschancen einzuräumen und ihn zu freien Erzäh­lungen anzuregen. Das Vorgehen entspricht im Prinzip dem fokussierten Interview, Hauptunterschied ist die geringere Standardisierung der Befragung: Problemzentrierte Interviews werden  oft als Kompromiss zwischen leitfadenorientierten und narrativen (erzählenden) Gesprächsformen angesehen (Bortz & Döring, 1995).6

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  3. 3. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  4. 4. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  5. 5. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  6. 6. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Vor- & Nachteile

Vorteile von Interviews

Zu den wichtigsten Vorteilen gehört die Anpassungsfähigkeit dieser Methode. Anpassungen und kontrollierend lenkende Eingriffe durch den Interviewer sind im Gegensatz zur schriftlichen Befragung fast jeder­zeit möglich. Durch die typische Spontanität, wie sie in der mündlichen Kommunikation möglich ist, und durch den direkten, verzögerungs­freien Kontakt ist eine andere Befragungstiefe möglich. Durch münd­liche Erhebung gewonnene Informationen sind rascher erhoben, un­mittelbarer und ermöglichen Reaktionen wie Reflexion, kommunikative Validierung, usw.

Nachteile von Interviews

Interviews sind anfällig für subjektive Verzerrung und Beeinflussung:

  • Neben der grundlegenden Abhängigkeit von der Antwortbereit­schaft der angesprochenen Person ist es wichtig, das Interview als reaktives Messverfahren zu sehen. Die damit verbundenen Risiken stellen die hauptsächliche Kritik am Interview dar. Dies sind mög­liche Verzerrungseffekte und Beeinflussung durch den Interviewer, hervorgerufen durch die Interaktion zwischen Interviewer und Befragtem oder durch Unterschiede im Geschlecht, in der Nationa­lität, in der Sprache, in der Kleidung, im Auftreten oder in der Schichtzugehörigkeit (Stier, 1999, S. 185f).1
  • Ein weiterer Einwand ergibt sich durch die notwendige Transkription der mündlichen in schriftliche Informationen, da diese je nach Strukturierungsgrad sehr aufwändig ist. Die Möglichkeiten der Computerauswertung sind mit Ausnahme des standardisierten Interviews begrenzt und es ist somit sowohl bei der Vor- wie auch bei der Nachbearbeitung mit erhöhtem Zeitbe­darf zu rechnen.
  • Der Aspekt „Zuverlässigkeit" ist eher kritisch zu betrachten, da das Interview ein Erhebungsverfahren ist, das auf direktem zwischen­menschlichem Kontakt - wie es für die mündliche Sprache üblich ist - beruht. Das heißt, dass nicht davon ausgegangen werden kann, „dass dasselbe Interview bei derselben Person zu einem anderen Zeitpunkt durchgeführt, oder dass dasselbe Interview bei derselben Person von einem anderen Interviewer durchgeführt, das gleiche Ergebnis bringen würde" (Kromrey, 1995, S. 301).2
  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Kromrey, H. (2000).  Empirische Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

Das qualitative Interview kann anhand fester Kriterien verschiedenen Interviewformen zugeordnet werden, wobei die Übergänge fließend sind. Einige Interviewformen werden auch der Erzählung zugeordnet und im Infoblock II 2 beschrieben. Für ein gutes Interview ist es hilfreich, sechs Schritte zu beachten: Die inhaltliche Vorbereitung, die organisatorische Vorbereitung, den Gesprächsbeginn, das Interview selbst, das Gesprächsende und die Verabschiedung sowie Gesprächs­notizen nach dem Interview. Die Anforderungen an die Person des Interviewers sind vielfältig. So benötigt er eine ausgeprägte Persön­lichkeit und Erfahrung im Umgang mit Menschen. Bei der Erarbeitung eines Interviewleitfadens sollte auf die Feinheit der Fragen geachtet werden und darauf, wie viel Abweichung möglich ist, um noch eine Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten. Interviews bewegen sich somit im Spannungsfeld zwischen: so offen wie möglich (um Tiefe zu erreichen) und so standardisiert wie nötig (um vergleichen zu können). Schulung und Training in Gesprächsführung sowie Kenntnisse über Intervieweffekte können die Qualität eines Interviews erhöhen.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Bortz, J. & Döring, N. (1995). Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer. (Ab S. 217: Die mündliche Befragung. Vertiefende Darstellung. Ab S. 283: Qualitative Befragung. Konzentrierte übersichtliche Beschreibung.)
  • Lamnek, S. (2002). Qualitative Interviews. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl., (S. 157-193). Weinheim: Beltz. (Gibt eine gute Übersicht über Merkmale verschiedener Interview-Formen und deren Durchführung.)

Symbol Maus Linktipp

 

 

II: 2. Erzählung

Der folgende Abschnitt befasst sich mit Erhebungsmethoden, die stark durch narrative Elemente gekennzeichnet sind. Eine Narration, also Erzählung, ist grundsätzlich eng verwandt mit dem Interview - das zeigen auch die Bezeichnungen der verschiedenen Unterformen. Dennoch soll die Trennung zwischen Erzählung und Interview in diesem Lehrtext beibehalten werden, um deren unterschiedliche Facetten deutlich zu machen.

 

Narratives Interview

Allgemeine Informationen

Vorbemerkung

Das narrative Interview könnte auch dem Abschnitt 1 „Interview" zugeordnet werden. Der entscheidende Wirkmechanismus jedoch, dessen man sich beim narrativen Interview bedient, ist eindeutig ein „Erzählerischer" - er manifestiert sich in den weiter unten erklärten Zugzwängen von Erzählsituationen, die in oben genannten Interviewformen keine Rolle spielen. Daher ist das narrative Interview hier den „Erzählungen" zugeordnet.

Beschreibung

„Im narrativen Interview wird der Informant gebeten, die Geschichte eines Gegenstandsbereichs, an der der Interviewte teilgenommen hat, in einer Stegreiferzählung darzustellen" (Hermanns 1995, S. 183)1. Der Interviewer ist bestrebt, die Erzählsituation so zu moderieren, dass der Interviewte eine „zusammenhängende Geschichte" (Hermanns, 1995, S. 183)2 erzählt. Nach der Begrüßung und einer kurzen Orientierung über Ziel und Zeit der Befragung („Anwerbephase" oder „Erklärungs­phase") fordert der Interviewer den Befragten auf, mit seiner Er­zählung zu beginnen. Im Anschluss an die Erzählung erfolgt die Phase des narrativen Nachfragens (Wie-Fragen). Die „Bilanzierungsphase" als letzter Abschnitt des narrativen Interviews, dient dazu, den Informan­ten als „Experten und Theoretiker seiner selbst" (Hermanns, 1995, S. 184)3 die Möglichkeit zu geben, weitere Reflektionen über das Erzählte auszudrücken (Warum-Fragen).

Einsatzfeld

Dieses Erhebungsverfahren eignet sich zur Theoriebildung in der Bio­graphie- und Lebenslaufforschung. In der Regel liefert das Verfahren Typologien von biographischen Verläufen. Nicht zu vernachlässigen ist, dass diese Methoden riesige Transkripte liefern, die zu Auswertungsproblemen führen können. Daher lohnt es sich, sich genau zu fragen, ob man für die Fragestellung wirklich Verlaufsdaten braucht oder ob man nicht mit einem z.B. thematisch gesteuerten Leitfaden-Interview effektiver arbeiten kann.

Ablauf eines narrativen Interviews

Erzählaufforderung

narratives Interview beginnt mit einer thematisch breiten Ein­gangsfrage, die aber so spezifisch formuliert wird, dass darin der für die Untersuchung relevante Lebensabschnitt anvisiert wird. Z.B.: „Nun erzählen Sie bitte einmal, wie die ersten beiden Jahre nach Ihrer Pensionierung waren." Der Interviewstil ist neutral bis weich (Lamnek, 1995, S. 72)4. Eine Vertrauensatmosphäre ist unabdingbar. Die Erzähl­aufforderung der Eingangsfrage könnte auch noch die „explizite Bitte um Erzählung und um deren ausführliche Detaillierung enthalten" (Flick, 2002, S. 148).5 Unpräzise Erzählaufforderungen und ungenügen­de „Anwerbephasen" führen dazu, dass Erzählungen sprunghaft wer­den oder thematisch irrelevant bleiben.

Durchführung

Wichtig ist für den Interviewer, keine die Qualität der Daten beeinflus­sende, direkte oder bewertende Interventionsfragen zu stellen wie z.B.: „Hätte man nicht anders vorgehen können?" oder „Das haben Sie aber gut gemacht, damals!" Der Einsatz von Signalen des Interesses (aktives Zuhören) ist aber zu empfehlen, z.B.: Nicken bei Verstehen, „Hms" etc.

Nachfragen

In der Regel wird das Ende einer Geschichte seitens des Informanten mit abschließenden Worten wie z.B. „Soweit, das war´s" signalisiert. Nun beginnt die Phase des narrativen Nachfragens. Ziel dieser Phase ist es, Unklarheiten oder Widersprüchlichkeiten erklärt zu bekommen. In der „Bilanzierungsphase", die das Interview abschließt, werden dann vermehrt Warum-Fragen gestellt, die auf Erklärungen abzielen.

Vor- & Nachteile

Besonderheiten des Erzählens

Erzählen unterscheidet sich vom Beschreiben qualitativ durch einen systemimmanenten „Zugzwang" (Flick, 2002, S. 150)6, der zu umfang­reicheren Daten führt. Damit ist gemeint, dass der Erzählende, sobald er sich auf das Erzählen eingelassen hat (also nicht nur beschreibt),

  • das Ganze zu Ende bringen muss (Gestaltschließungszwang),
  • so strukturiert erzählen muss, dass der Interviewer der Erzäh­lung auch folgen kann (Kondensierungszwang) und letztlich
  • alles erzählen muss, damit der andere die Geschichte versteht (Detaillierungszwang).

So werden auch Ereignisse ausgesprochen, die der Informant „be­schreibend" wohl eher verschwiegen hätte (Schütze, 1976, S. 225)7. Hier sind im Einzelfall auch forschungsethische Prüfungen angebracht.

Nachteile

Obschon Erzählen als Alltagskompetenz gilt, so kann man im Grunde nicht davon ausgehen, dass „jeder Befragte zur erzählenden Dar­stellung seiner Lebensgeschichte in der Lage ist" (Fuchs, 1984, S. 249).8 Dazu kommt, dass eine Gesprächssituation, in der der eine im­mer spricht und der andere nur zuhört, eine systematische Gesprächs­rollenverletzung bedeutet. Abhilfe schaffen hier Interviewtrainings, in denen der Interviewer lernt, Interventionsfragen zu unterlassen, gleichzeitig aber Techniken des aktiven Zuhörens anzuwenden, um die Beziehung zum Informanten aufrecht zu erhalten. Des Weiteren ist problematisch, dass Erinnerung ein subjektives Konstrukt ist, der Interviewer sich daher nicht sicher sein kann, dass er die tatsächlichen Ereignisse erzählt bekommt. Daraus ergibt sich ein Validitätsproblem, da der Interviewer u.U. nicht mit Fakten konfrontiert wird, sondern mit Interpretationen des Informanten, die z.B. der Bewältigung des Erleb­ten dienen und über deren Entwicklung er sich selbst nicht bewusst ist.

  1. 1. Herrmanns, H. (1995).  Narratives Interview. Qualitative Forschung. Ein Handbuch.
  2. 2. Herrmanns, H. (1995).  Narratives Interview. Qualitative Forschung. Ein Handbuch.
  3. 3. Herrmanns, H. (1995).  Narratives Interview. Qualitative Forschung. Ein Handbuch.
  4. 4. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.
  5. 5. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  6. 6. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  7. 7. Schütze, F. (1976).  Zur Hervorlockung und Analyse von Erzählungen thematisch relevanter Geschichten im Rahmen soziologischer Feldforschung. Kommunikative Sozialforschung. S. 159 - 260.
  8. 8. Fuchs, A. (1984).  Erzählen in der Schule und spontanes Erzählen. Erzählen in der Schule. S. 176 - 200.

Episodisches Interview

Allgemeine Informationen

Unterschied zum narrativen Interview

Im Grunde besteht ein episodisches Interview abwechselnd aus offe­nen Erzählaufforderungen (hier fördert man episodisches Wissen zu Tage) und präzisierenden, semantisch-argumentativ orientierten Befra­gungen (hier geht es um semantisches Wissen). Die Erzählaufforde­rungen visieren in der Regel einen kleineren Ausschnitt aus dem Leben des Befragten an bzw. grenzen das Befragungsthema stärker ein, als es das oben vorgestellte narrative Interview tut.

Beschreibung

Das episodische Interview gibt Raum für kontextbezogene Darstellun­gen in Form von Erzählungen, z.B. „Erzählen Sie mir bitte, wie es dazu kam, dass Sie die gesamte Energieversorgung Ihres Hauses auf Sonnenenergie umgestellt haben". Zudem wird im episodischen Inter­view semantisches Wissen erhoben. Die Erhebung von konkret-seman­tischem Wissen (z.B.: Wie funktionieren Kollektoren?) kann in eine ar­gumentativ-theoretische Darstellung führen, wohingegen die Erzählung nur in eine kontextbezogene-interpretative Darstellung münden kann. Damit verbindet das episodische Interview die Vorteile des narrativen Interviews mit den Vorteilen des Leitfaden-Interviews. Man könnte sogar von einer Zugangs-Triangulation sprechen.

Einsatzfeld

Grundsätzlich geben Erzählungen den Befragten mehr Raum zur Dar­stellung eigener Sichtweisen als Befragungsverfahren, die konkrete Themen und die Struktur zur Behandlung derselben vorgeben. Welche Form der Befragung, narrativ oder episodisch, Einsatz finden sollte, lässt sich nur im Einzelfall in Abhängigkeit des Forschungsinteresses bestimmen. Um dem Fall vorzubeugen, dass der Befragte im Erzähl­fluss Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr trennen kann, lohnt es sich, dialogisch vorzugehen (wie im episodischen Interview) bzw. „soziale Kontrolle" einzuführen, wie sie z.B. beim familiengeschichtlichen Erzäh­len zu finden ist.

Vor- & Nachteile

Günstige Kommunikationssituation

Die Kommunikationssituation im episodischen Interview ist natürlicher als im narrativen Interview: Sie gleicht mehr einer echten Kommuni­kation zwischen Interviewer und Befragtem, da die Erzählabschnitte kürzer sind und rascher nachgefragt werden kann.

Nachteile

Wie im narrativen Interview kann nicht davon ausgegangen werden, dass jeder Proband in der Lage ist, spontan zusammenhängend zu erzählen. Dies relativiert sich jedoch, da es im episodischen Interview nicht um große Erzählungen geht, sondern um kleinere umgrenzte Erzählungen. Die Kompetenzanforderungen an die Interviewer sind hoch, weswegen hohe Fallzahlen u.U. mit erheblichem Aufwand an Interviewertraining einhergehen.

 

Familiengeschichtliches Erzählen (Gemeinsames Erzählen)

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Familiengeschichtliches Erzählen erfolgt vor allem im Rahmen von Fa­milienstudien. Es können aber auch andere Institutionen/Teams/Ge­meinschaften mit dieser Methode analysiert werden.

Durchführung

Alle in einem Haushalt lebenden Familienmitglieder werden in ihrem Zuhause gebeten, aus ihrem Familienleben zu erzählen. Auf metho­disch angeleitete Interventionen verzichtet das Beobachterteam, so­dass sich die Familie in ihrer Kommunikation nicht beeinträchtigt fühlt. Im Anschluss an die gemeinsame Erzählung werden, ähnlich wie im narrativen Interview, Verständnis- und Konkretisierungsfragen anhand einer Kontrollliste gestellt. Diese Methode erfordert die Erstellung ausführlicher Beobachtungsprotokolle (Gesprächsinteraktion, Lebens­zusammenhang der Familie, Einrichtung des Hauses etc.).

Vor- Nachteile

Besonderheiten

Das gemeinsame Erzählen ermöglicht neben der Analyse der Erzählung auch eine Interaktionsanalyse. Sie liefert neben den Gesprächsergeb­nissen auch Daten, aus denen hervorgeht, wie Familien Wirklichkeit für sich und für den Beobachter konstruieren und dadurch zu diesen Er­gebnissen kommen. Damit wird diese Methode für die Familienfor­schung hochrelevant.

Nachteile

Gemeinschaftliches Erzählen liefert neben Ergebnisdaten zusätzlich In­teraktionsdaten und Begleitdaten (Wohnungseinrichtung etc.). Eine Vorstrukturierung dieser Daten ist durch den Verzicht auf Interven­tionen nicht möglich. Damit potenziert sich der Ressourcenbedarf für die Anwendung. Hohe Fallzahlen sind für den „Einzelforscher" fast aus­geschlossen.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

In diesem Abschnitt wurden Erhebungsmethoden vorgestellt, die als Datensorte „Erzählungen" produzieren. Neben der Betrachtung des narrativen Interviews wurde das episodische Interview wie auch die familiengeschichtliche Erzählung beschrieben. Alle hier beschriebenen Erhebungsmethoden haben die Beschreibung der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit in Form von Erfahrungswissen vor Augen. Damit geht ein Validitätsproblem einher. Auf der anderen Seite liefern „er­zählerischen" Methoden reichhaltigere Daten, die eine ganzheitlichere Sichtweise auf den Forschungsgegenstand ermöglichen als es bei standardisierteren Verfahren der Fall ist.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Lamnek, S. (1995). Qualitative Sozialforschung - Band II. München: Psychologie Verlags Union. (ausführlich mit Zusammenfassungen)

 

 

II: 3. Die Gruppendiskussion als Gruppenverfahren

Allgemeine Informationen

Entstehung

Die Gruppendiskussion hat ihren Ursprung in den 1950er Jahren in den USA. Dort wurde sie in sozialpsychologischen Kleingruppenexperi­menten eingesetzt (Lewin, 1936; Cartwrigth & Zander, 1953)1, bei denen Gruppenprozesse im Vordergrund standen. Diese relativ junge Methode fasste dann - vor allem in der kommerziellen Markt- und Meinungs­forschung - als „Focus-Group" rasch Fuß, z.B. zur Vorbereitung von Befragungen, Untersuchung von Motivationsstrukturen etc. (vgl. Bortz & Döring, 1995, S. 294).2

Beschreibung

Die Gruppendiskussion ist eng verwandt mit der Methode der Befra­gung und kann als „eine spezifische Form des Gruppeninterviews" (Lamnek, 1995, S. 125)3 gesehen werden; also als ein Gespräch unter „Laborbedingungen", in dem mehrere Personen zu einem Thema, das ein Diskussionsleiter benennt, Auskunft geben. Es kann „vermittelnde" wie auch „ermittelnde" Ausprägungen haben. Im ersten Fall dienen Gruppendiskussionen dazu, Gruppen- und somit Aushandlungsprozesse aufzudecken, im zweiten Fall interessiert man sich mehr für Informationen als inhaltliche Ergebnisse der Diskussion. In der sozialwissenschaftlichen Forschung handelt es sich in der Regel um „ermittelnde" Verfahren (Lamnek, 1995, S. 134).4

Ziele

Folgende typische Ziele können einer Gruppendiskussion zugrunde liegen:

  • Meinungen und Einstellungen einzelner Teilnehmer einer Gruppe erheben;
  • die Meinung der Gruppe als größere soziale Einheit erheben (Stich­wort: informelle Gruppenmeinung);
  • Bewusstseinsstrukturen, die Meinungen und Einstellungen zugrunde liegen, erheben;
  • gruppenspezifische Verhaltensweisen erforschen;
  • Gruppenprozesse, die allgemein meinungsbildend oder -verändernd sind, erforschen;
  • Problemlösungsprozesse in der Gruppe analysieren.

Zusammenfassend kann man sagen, dass einerseits Einzel- und Grup­penmeinungen erhoben werden, andererseits Aushandlungs- oder Pro­blemlösungsprozesse im Zielfeld des Erkenntnisinteresses liegen.

  1. 1. Cartwright, D. C., & Zander A. (1953).  Group dynamics: Reasearch and theory.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.
  4. 4. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.

Umsetzungshinweise

Durchführung

Im Grunde beginnt die Gruppendiskussion als Methode bereits mit der Auswahl der Teilnehmer. Die optimale Gruppengröße liegt zwischen 5 und 12 Teilnehmern. Sie werden in der Regel als „Realgruppe" gezielt ausgewählt, können aber auch als künstliche Gruppe auftreten (theore­tical sampling). Zunächst stellen sich Moderator und Teilnehmer vor; anschließend weist der Moderator darauf hin, dass die Teilnahme frei­willig ist, die Diskussion evtl. aufgezeichnet wird und die Ergebnisse anonymisiert werden (Explikation). Dem folgt die Präsentation eines „Grundreizes", der eine allgemeine Diskussion entfachen soll; wenn nö­tig werden provokante Thesen formuliert. Die Diskussion wird mode­rierend begleitet (nachfragen, paraphrasieren, kontrastieren etc.); die Diskussion wird aufgezeichnet (idealer Weise mit Video). Der Stil des Moderators ist zurückhaltend, also non-direktiv.

Auswertung

Die letzte Phase ist die Transkription und Auswertung der Protokolle. Die Auswertung kann sich vom jeweiligen Erkenntnisinteresse her un­terschiedlich gestalten. So empfiehlt es sich, bei einem „vermittelnden" Erkenntnisinteresse statistisch-quantitative Analyseverfahren einzuset­zen. Um jedoch die inhaltlichen Aspekte einer Diskussion herauszu­arbeiten (ermittelndes Erkenntnisinteresse) bieten sich interpretativ-reduktive Analysemethoden an. Generell gilt, den Analyseprozess so weit wie möglich zu dokumentieren und offen zu legen.

Rolle des Moderators

In wenigen Fällen überlässt der Diskussionsleiter die Gruppe ihrer Ei­gendynamik. In den meisten Fällen steuert er aus pragmatischen Ge­sichtspunkten die Diskussion. Man kann drei zentrale Leitungsaufgaben benennen (vgl. Flick, 2002, S. 174)1:

  • Formale Leitung: Führen der Rednerliste, Festlegen von Diskus­sionsbeginn, -ablauf und -ende.
  • Thematische Leitung: Lenken der Diskussion durch Fragen in Rich­tung des Erkenntnisinteresses.
  • Dynamische Leitung: Provokation der Teilnehmer, Polarisieren der Meinungen, gezielte Ansprache zurückhaltender Teilnehmer etc.

„Für die Aufgaben des Diskussionsleiters gilt generell, unter geringster Störung der Eigeninitiative den Teilnehmern möglichst freien Spielraum zu lassen, sodass die Diskussion in erster Linie durch den Austausch von Argumenten in Gang gehalten wird" (Flick, 2002, S. 174)2.

Sonderform: Focus Groups

Focus-Gruppen-Diskussionen sind eine Sonderform der Gruppendis­kussion und hauptsächlich in der Markt- und Meinungsforschung anzu­treffen. So werden z.B. neue Produkte präsentiert, über die anschießend in einer Gruppe von Testpersonen diskutiert wird. „Auch hier liegt der Akzent auf den interaktiven Aspekt der Datensammlung" (Flick, 2002, S. 180)3. Ihre Struktur und Grenzen sind mit der Gruppendiskussion zu vergleichen.

Focus-Groups sind nützlich um (vgl. Morgan 1988, S. 11)4,

  • Fragebögen zu entwickeln,
  • Interviewleitfäden zu entwickeln oder zu prüfen,
  • grundsätzliche Einschätzungen von Gruppen vorzunehmen und
  • grundsätzlich Orientierung im Feld zu erlangen.
  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  4. 4. Morgan, D. L. (1988).  Focus groups as qualitative research.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Der Vorteil der Gruppendiskussion ist, dass Meinungen (verbale Daten) in einen sozialen Kontext eingebettet werden können (Kontextualisie­rung). Die Meinungsäußerung erfolgt im Gruppenzusammenhang, ist damit Gegenstand eines Diskussionsprozesses und wird dadurch auch kommentiert.

Nachteile

Das Gesamtbild einer Diskussion kann leicht verzerrt werden, wenn einzelne Teilnehmer durch konträre Meinungsäußerungen verunsichert sind, wegen dominanten Teilnehmern nicht zu Wort kommen oder auf der Ebene „sozial erwünschter" Antworten bleiben, um sich nicht bloß­zustellen. Des Weiteren können sich offen gehaltene Diskussionen aus dem Zielfeld des Erkenntnisinteresse herausbewegen, was wiederum eine Intervention seitens des Moderators notwendig macht (die norma­lerweise vermieden werden sollte). Die scheinbare Effizienz der Metho­de (mehrer Befragungen an einem Termin plus Synergieeffekte) wird durch den höheren Organisations- und Auswertungsaufwand rasch re­lativiert. Die Eignung zur Hypothesenbildung durch diese Methode ist beschränkt, die Vergleichbarkeit der Daten (verschieden dynamische Gruppen) ist selten gegeben (vgl. Flick, 2002, S. 179)1. Die Theorie­bildung ist somit wichtigste Aufgabe der Gruppendiskussion.

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

Bei Gruppendiskussion als Datenerhebungsverfahren in der qualitativen Sozialforschung werden mehre Personen gleichzeitig in ein Gespräch verwickelt. Der Moderator lenkt das Gespräch möglichst ohne Beeinflussung des Diskussionsverlaufs. Ausgehend von den angloamerikanischen Wurzeln der Gruppenmethode lassen sich mehrere Ziele unterscheiden, die auf die Erhebung von Meinungen und Bewusstseinsstrukturen von Gruppen oder auf die Erfassung von gruppenspezifischen Prozessen hinauslaufen. Der typische Aufbau und Ablauf einer Gruppendiskussion sollten bei Einsatz der Methode bekannt sein.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Lamnek, S. (1995). Qualitative Sozialforschung - Band II. München: Psychologie Verlags Union. (Sehr ausführliche Beschreibung der Gruppendiskussion - mit vielen Beispielen)
  • Bortz, J. & Döring, N. (1995). Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer. (strukturierte, knappe und prägnante Beschreibung von Gruppenbefra­gungen, ab S. 293)

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II: 4. Beobachtungsverfahren

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Unter Beobachtung im engeren Sinne versteht man das Sammeln von Erfahrungen (Daten) in einem nicht kommunikativen Prozess mit Hilfe sämtlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten. Im Gegensatz zur Alltagsbeo­bachtung ist die wissenschaftliche Beobachtung stärker zielgerichtet, methodisch kontrolliert und intersubjektiv. Sie zeichnet sich durch Verwendung von Instrumenten aus, die die Selbstreflektion, Systema­tik und Nachvollziehbarkeit der Beobachtung gewährleisten und Gren­zen unseres Wahrnehmungsvermögens auszudehnen helfen. Mit Hilfe der Beobachtung können quantitative wie auch qualitative Daten pro­duziert werden; bei Letzterem erfolgt ein interpretativer Zugang zum beobachteten Geschehen (Bortz & Döring, 1995, S. 240)1.

Ziel der Beobachtung

Im Zentrum der Beobachtung steht die direkte Beobachtung mensch­licher Handlungen, sprachlicher Äußerungen, nonverbaler Reaktionen (Mimik, Gestik, Körpersprache) und sozialer Merkmale (Kleidung, Sym­bole, Gebräuche, etc.). Die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, den Ablauf und die Bedeutung einzelner Handlungen und Handlungszusam­menhänge sowie des Beziehungsgefüges zu erfassen. Keine andere Form der Datenerhebung erlaubt dem Forscher einen ähnlich tiefen Einblick in die Alltagsereignisse einer sozialen Gemeinschaft, die viel­fältigen Wertvorstellungen und Interessen der Erforschten sowie deren sozialen Kontext.

Selbst- und Fremdbeobachtung

Beobachtungen können sich auf die eigene Person richten (Selbst­beobachtung) oder auf andere Personen (Fremdbeobachtung).

  • Die Grundlage der Selbstbeobachtung ist Selbstaufmerksamkeit: Z.B. wird ein kleiner Bereich unseres täglichen Lebens herausge­griffen und für eine gewisse Zeit genauer beobachtet, um die Auf­merksamkeit und Wahrnehmung zu schärfen und Dinge auf eine neue Weise sehen zu lernen.
  • Zudem gibt es die sog. „Kontrollierte Introspektion", die syste­matische Berichte (lautes Denken) und sekundär auswertbare Aufzeichnungen verwendet, um innere Prozesse zugänglich zu ma­chen, die von außen nicht beobachtbar und von den betroffenen Personen selbst ebenfalls nur schwer wahrnehmbar oder verbali­sierbar sind.
  • Fremdbeobachtung ist ein planmäßiges, systematisches, struktu­riertes Betrachten eines Ereignisses außerhalb der eigenen Person.

Einsatzfeld

Die Datenerhebung per Beobachtung ist dann sinnvoll, wenn man

  • damit rechnen muss, dass verbale Selbstdarstellungen der Proban­den das interessierende Verhalten bewusst oder ungewollt verfäl­schen,
  • davon ausgehen kann, dass eine künstliche Situation das interes­sierende Verhalten beeinträchtigt,
  • für die Deutung einer Handlung das Ausdrucksgeschehen (Mi­mik, Gestik, etc.) des Handelnden heranziehen will (Bortz & Döring, 1995, S. 240)2.

Prinzipien der Beobachtung

Die Beobachtung sollte verhaltensorientiert ablaufen, d.h. es ist not­wendig, Verhaltensweisen zu protokollieren, um die Interpretationen und Bewertungen des Beobachters nachvollziehen zu können und für die Beteiligten nachvollziehbar zu machen. Das Prinzip der Transparenz besagt, dass die Beteiligten vorab über Umfang, Durchführung, Zeit­punkt und besonders über die Inhalte der Beobachtung zu informieren sind. Ein weiterer Aspekt, von dem die Qualität der Beobachtung ab­hängt, ist das Prinzip der kontrollierten Subjektivität. Damit ist ge­meint, dass die Beobachter mit dem Beobachtungssystem keine un­veränderlichen Erkenntnisse über das Verhalten der Personen fest­halten können.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Beobachtungstypen

Es gibt vier Grundtypen der Beobachtung (Bortz & Döring, 1995, S. 245)1:

(a)     Offene/verdeckte Beobachtung, je nach dem ob die beobachteten Personen wissen, dass sie beobachtet werden, oder nicht.

(b)     Teilnehmende/nicht-teilnehmende Beobachtung, je nachdem, ob der Beobachter am zu beobachtenden Geschehen aktiv teilnimmt oder nicht.

(c)     Beobachtung in natürlich/künstlicher Situation, je nachdem, ob sich die zu beobachtenden Personen in ihrem natürlichen Umfeld oder in einem „Labor" befinden.

(d)     Systematische/Unsystematische Beobachtung, je nachdem, ob ein ausformuliertes Beobachtungskategoriensystem vorliegt oder nicht.

Teilnehmende Beobachtung

Der Forscher steht bei der teilnehmenden Beobachtung (Feldbeobach­tung) nicht passiv außerhalb des Untersuchungsgegenstandes, sondern ist selbst Teil des beobachteten sozialen Systems (Mayring, 1993, S. 56)2. Es ist das Anliegen der teilnehmenden Beobachtung, Aussagen da­rüber zu treffen, wie sich Menschen in ihrer sozialen Umwelt verhalten, wenn kein Forscher sie direkt oder indirekt beeinflusst. Es ist jedoch nicht einfach, als teilnehmender Beobachter einerseits integriert zu werden und andererseits den natürlichen Ablauf des Geschehens nicht zu verändern. Da das gleichzeitige Beobachten und Protokollieren dem eigentlichen Sinn einer teilnehmenden Beobachtung zuwiderläuft, kann das Beobachtete erst nach Abschluss der Beobachtung schriftlich fixiert werden. Dass dabei Gedächtnislücken und subjektive Fehlinterpretatio­nen den Wert derartiger Protokolle in Frage stellen können, liegt auf der Hand (Bortz & Döring, 1995, S. 240f)3.

Unstandardisierte (qualitative) Beobachtung

Die unstandardisierte oder auch qualitative Beobachtung ähnelt sehr der Alltagsbeobachtungen und findet sich im Bereich der Organisa­tionsforschung, besonders in der Ethnographie, wieder, wobei eine umfassende Beobachtung fast gänzlich ohne methodische Einschrän­kungen durchgeführt wird und meist im natürlichen Umfeld stattfindet. Zudem erfolgt eine aktive Teilnahme des Beobachters am Geschehen, wodurch eine direkte Interaktion erfolgt und damit die Subjekt-Objekt-Trennung aufgehoben ist. Sie wird meist verwendet, um größere Ein­heiten, Systeme und Verhaltensmuster sowie subjektive Eindrücke des Beobachters, bspw. bei einem ersten Rundgang durch die Organisation zu sammeln oder um erste Hypothesen für das weitere Forschungsvor­gehen zu generieren. Dazu werden meist offene Beobachtungskatego­rien und/oder Fragestellungen als Hilfestellungen für den Beobachter verwendet (Bortz & Döring, 1995, S. 296f)4.

Systematische und unsystematische Beobachtung

Grundsätzlich kann bei der wissenschaftlichen Verhaltensbeobachtung zwischen unsystematischer (freier) und systematischer (standardisier­ter, strukturierter, kontrollierter) Vorgehensweise unterschieden wer­den, wobei die Gesamtheit der Aktionen und Reaktionen eines Menschen, also dessen Verhalten, wahrgenommen und erfasst wird.

Mischformen der Beobachtung

Zwischen den Polen systematisch/unsystematisch, nicht teilnehmend/ teilnehmend und offen/verdeckt sind viele Mischformen z.B. in Form einer halbstandardisierten Beobachtung denkbar, das heißt: Es kann sich je nach Objekt und Ziel der Beobachtung die Gestaltung der Beobachtungsvorgabe, des Ablaufs und der Einbettung verändern (Stier, 1999, S. 168)5. Beispiele sind: A) Teilnehmend/offen: Eine Be­triebspsychologin beteiligt sich an einem Mitarbeitergespräch. B) Nicht teilnehmend/verdeckt: Ein Entwicklungspsychologe beobachtet zwei Kinder durch eine Einwegschreibe (Bortz & Döring, 1995, S. 245)6. C) Nicht teilnehmend/offen: Ein Forscher beobachtet eine Schulklasse. Er sitzt im Klassenraum, beteiligt sich aber nicht am Unterrichtsgespräch.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Mayring, P. (1993).  Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (2. Auflage).
  3. 3. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  4. 4. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  5. 5. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  6. 6. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Umsetzungshinweise

Beobachtungsplan

Bei einer systematischen Vorgehensweise liegt in der Regel ein Beo­bachtungsplan vor, der den Gegenstand und für die Beobachtung un­wichtige Sachverhalte eingrenzt. Außerdem wird vorgegeben, wie die genaue Vorgehensweise auszusehen hat, in welchem zeitlichen und räumlichen Kontext die Daten zu erheben sind und wie protokolliert wird (Stier, 1999, S. 167)1. Damit kann die Beobachtung - in Grenzen - objektiviert oder gewährleistet werden, dass die Wahrnehmung und Registrierung des Verhaltens eines oder mehrerer Individuen metho­disch kontrolliert sind (Bortz & Döring, 1995, S. 241)2.

Erstellung eines Beobachtungssystems

Eine methodische Absicherung des Beobachtungssystems findet an­hand mehrerer Schritte statt (Stier, 1999, S. 169)3:

(1)  Festlegung von Untersuchungsziel und Verwendungszweck;

(2)  Festlegung der Beobachtungssituation: Soziales System (Team, einzelne Personen etc.), Situation (alltägliche Routinesituation, ein­malige oder besondere Situation), Zeitraum;

(3)  Festlegung der Beobachtungskategorien;

(4)  Auswahl der Beobachter: externe, aus dem sozialen System oder aus dem benachbarten System;

(5)  Festlegung der Rolle des Beobachters: offen vs. verdeckt;

(6)  Orientierung der Beteiligten über die Beobachtung: Zweck, Ergeb­nisverwertung, existierende Bedenken;

(7)  Beobachtertraining zum Erlernen der Anwendung des Verfahrens und zur Reduktion von Wahrnehmungsverzerrungen;

(8)  Dokumentation der Beobachtungsergebnisse: Videoaufzeichnung, Protokolle nach der Beobachtung, simultane Protokollerstellung.

 

Störvariablen

Da die Beobachtung eine visuelle Wahrnehmung ist, kann es zu Pro­blemen kommen, die gleichzeitig Gegenstand der Wahrnehmungspsy­chologie sind. In der Methodenlehre sind sie als Störvariablen bekannt.

Der Halo-Fehler

Der Halo-Fehler tritt auf, wenn das beobachtete Verhalten in Bezug auf ein bestimmtes Persönlichkeitsmuster interpretiert wird und zu einer Vereinfachung der Urteile führt; z.B.: Selbstbewusstes Auftreten wird mit Kompetenz gleichgesetzt. Dies kann vermieden werden, indem der gesamte Beobachtungszeitraum ausgenutzt wird, die Beobachtung auf der Verhaltensebene erfolgt und auf Interpretation (wo immer möglich) verzichtet wird.

Der Sympathiefehler

Der Sympathiefehler tritt auf, wenn wahrgenommene Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit dazu führt, dass bestimmte Verhaltensweisen zu positiv oder zu negativ eingeschätzt werden. Hierzu zählt auch der Milde­fehler, d.h. nachsichtige Beobachter verwenden nur mittlere Urteilsdi­mensionen. Beim Kontrastfehler werden entgegengesetzte Eigen­schaften negativer beurteilt und beim Ähnlichkeitsfehler werden ähn­liche Personen positiver beurteilt. Alle genannten Fehler können durch ein bewusstes Wahrnehmen der gefühlsmäßigen Einstellung zu ein­zelnen Personen vermieden oder zumindest reduziert werden.

Der Fehler des ersten und letzten Eindrucks

Der erste (primacy) und der letzte (recency) Eindruck bleiben haupt­sächlich in der Erinnerung von Personen erhalten. Ereignisse, die da­zwischen liegen, werden oft vergessen oder übersehen. Dadurch kann es zu einer Verzerrung des Gesamteindrucks kommen. Dem kann ent­gegengewirkt werden, indem der erste Eindruck, der zweite Eindruck und der letzten Eindruck, beispielsweise durch Markieren der Skalen­noten, notiert wird. Aufgrund dieser Verzerrungseffekte kann gesagt werden, dass eine Beobachtung so gut wie nie einer realitätstreuen Abbildung des zu Beobachtenden entspricht (Bortz & Döring, 1995, S. 171, S. 241)4.

Beobachtung vs. Bewertung vs. Interpretation

Die Unterscheidung zwischen Beobachtung und Bewertung von Ver­halten ist ein kritischer Punkt. Die Trennung der beiden Prozesse der Beobachtung und der anschließenden Bewertung ist in jedem Beobach­tungsprozess von Bedeutung und sollte methodisch überwacht werden. Es sollte in jeden Fall vor der Beobachtung eine Schulung durchlaufen werden, um ein Gefühl für den Unterschied zwischen Beobachtung und Bewertung zu erlangen. Die Beobachtung ist nur beschreibend, wir neigen jedoch sehr schnell zu einer Bewertung z.B. „das hat er gut gemacht" - meist ohne, dass uns das bewusst ist. Die Interpretation wurde oben bereits angesprochen. Bewertung und Interpretation hän­gen eng zusammen, denn meist liegt einer Interpretation eine Bewer­tung zu Grunde.

  1. 1. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  4. 4. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Vor- & Nachteile

Bei Verhaltensfragen, die z.B. in einem Interview oder Fragebogen gestellt werden, kann man nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Befragte in einer konkreten Situation dieses Verhalten auch zeigen wird. Es besteht also das Problem, aus Verhaltens- oder Einstellungs­fragen prognostische Aussagen zu machen. Aus diesem Grund ist „beobachtetes" Verhalten wesentlich informativer und überzeugender (Stier, 1999, S. 174)1. Insgesamt ist eine Beobachtung, wird sie wissenschaftlich durchgeführt, kosten- und zeitaufwändig. Zudem ist keine Wiederholbarkeit möglich.

  1. 1. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

Die Beobachtung ist als Datenerhebungsinstrument unverzichtbar, da mit ihr Daten gewonnen werden können, die (fast) unabhängig vom Probanden sind. Beobachtungen können in einer künstlichen Situation (Labor) durchgeführt werden, in besonderen Situationen wie Therapiegesprächen (strukturierte Beobachtung) oder es werden keine Vorgaben gemacht und die Probanden sind in ihrer Umgebung (natürliche Beobachtung). Beobachtungen können sich auf die eigene Person richten (Selbstbeobachtung) oder auf andere Personen (Fremdbeobachtung). Die Beobachtungsstile können in vier Kategorien eingeteilt werden; Mischformen sind möglich. Die häufigste Unterscheidung orientiert sich am Grad der Systematisierung und an der (Nicht-)Teilnahme des Beobachters. Da die Beobachtung ein visueller Prozess ist, unterliegt sie allen wahrnehmungs-psychologischen Gesetzmäßigkeiten und deren Verzerrungen. Eine gute Beobachtung setzt damit Kenntnis und Training voraus. Ob die Beobachtung für die Datenerhebung das richtige Instrument ist, entscheidet sich nicht nur anhand des Forschungsinteresses, sondern auch an der Durchführbarkeit und der Kostenstruktur.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Bortz, J. & Döring, N. (1995). Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler (2. Aufl.) Berlin: Springer. (S. 242 ist ein Beispiel eines Verhaltensprotokolls zu lesen und auf S. 247 ein Beobachtungsplan. S. 296f: Qualitative Beobachtung.)

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II: 5. Schriftliche Befragung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

„Wenn Untersuchungsteilnehmer schriftlich vorgelegte Fragen (Frage­bögen) selbständig schriftlich beantworten, spricht man von einer schriftlichen Befragung", definieren Bortz und Döring (1995, S. 253)1. Bei der postalischen Befragung, welche das wohl häufigste schriftliche Erhebungsverfahren darstellt, geschieht die Zustellung des Fragebo­gens per Post oder durch einen Boten (Bortz & Döring, 1995, S. 253)2.

Merkmal: offene Antworten

Bei der Datenerhebung per Fragebogen liegen die Fragen meist in standardisierter Form vor und es besteht häufig keine direkte Inter­aktion zwischen dem Befragten und dem Forschenden. Die Fragen werden alle in gleicher Form und in der gleichen Reihenfolge gestellt. Insbesondere ist im Gegensatz zum Interview zu betonen, dass die Antworten in der Regel auf einer Skala zu beantworten sind. Dies ist jedoch in der qualitativen Sozialforschung anders. Offene Fragen domi­nieren, um eine Befragungstiefe erreichen zu können. Natürlich kann ein Fragebogen auch mündlich „abgefragt" werden, wie dies z.B. bei Meinungsabfragen zur Politik getan wird. Entscheidend ist jedoch, dass die Fragen zwar standardisiert, die Antworten jedoch offen sind.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Arten von Fragen

Fragen können nach der Art der Information, die mit ihnen gewonnen werden soll, klassifiziert werden: Einstellungs- oder Meinungsfragen, Überzeugungsfragen, Verhaltensfragen oder Eigenschaftsfragen (vgl. hierzu Schnell, Hill & Esser, 1992, S. 333f)1.

Geschlossene und offene Fragen

Bei der Gestaltung von Fragen kann man grundsätzlich zwei Typen unterscheiden: Die geschlossene Frage (Statement), bei der Antwort­vorgaben vorgesehen sind, und die offene Frage, bei der in eigenen Worten geantwortet werden soll (Bortz & Döring, 1995, S. 194f)2. Auf Fragen mit geschlossenem Antwortformat wird im Weiteren nicht ein­gegangen, weil dies zu quantitativen Daten und statistischen Auswer­tungen führt.

Hybridfragen

Bei Hybridfragen handelt es sich um eine Kombination von offenen und geschlossenen Antwortvorgaben (Schnell, Hill & Esser, 1992, S. 340)3. Nach der Entscheidung für eine Antwort wird nach der Begründung für die Antwort gefragt, z.B.: Gehen Sie gerne ins Kino? Wenn ja, warum?

Direkte und indirekte Fragen

Wichtig bei der Formulierung von Fragen und Statements sind Wort­wahl und Satzbau. Weitere Empfehlungen sind (Stier, 1999, S. 178f)4:

  • Einfach Worte - keine Fachausdrücke (nur wenn nötig), keine Fremdwörter, keine Abkürzungen.
  • Fragen sollten kurz sein.
  • Anpassung an das Sprachniveau der Befragten.
  • Keine Suggestivfragen.
  • Fragen sollten neutral formuliert sein, nicht hypothetisch.
  • Fragen sollten sich auf einen Sachverhalt beziehen (Vermeidung von Mehrdimensionalität).
  • Keine doppelten Verneinungen.
  • Fragen sollten ausbalanciert sein, d.h. positive und negative Ant­wortmöglichkeiten sollten in einer Frage enthalten sein.
  • Eindeutige Worte, d.h. keine Worte verwenden wie: normalerweise, üblicherweise, häufig, oft, gelegentlich, manchmal.
  1. 1. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  4. 4. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Umsetzungshinweise

Das Anschreiben

Das Anschreiben wird unter dem Aspekt gestaltet, dass es für die Be­fragten motivierend wirkt und die Kooperationsbereitschaft erhöht. Die Anforderungen für die Gestaltung eines Anschreibens nach Bortz und Döring (1995, S. 235)1 sind:

  • Instruktion zum Ausfüllen des Fragebogens,
  • Dauer des Ausfüllens,
  • Angabe des letzten Rücksendedatums,
  • Rücksendungsmöglichkeiten,
  • Zusicherung der Anonymität,
  • Dank für die Mitarbeit.

Bereits im Ankündigungsschreiben wird erwähnt, dass der Fragebogen Grundlage für z.B. eine Forschungsarbeit ist. Nach Bortz und Döring (1995, S. 234)2 kann die Beschreibung des Forschungsvorhabens die Rücklaufquote erhöhen.

Gestaltung eines Fragebogens

Das Layout eines Fragebogens kann sich ebenfalls auf die Motivation, einen Fragebogen auszufüllen, auswirken. Zudem ist es wichtig, bereits während der Fragebogenkonstruktion bezüglich der Verortung von Fragen Überlegungen über bestimmte Effekte anzustellen. Empfehlun­gen sind:

  • Layout des Fragebogens (klare Gliederung, Übersichtlichkeit z.B. durch verschiedene Schriftarten) beachten.
  • Fragen zu einem Themenbereich zusammenfassen.
  • Auf die Fragesequenz achten.
  • Auf Ausstrahlungs- und Platzierungseffekte achten.
  • Filterfragen (z.B. „Wenn Sie bei Frage 1 mit ‚Ja' geantwortet haben, fahren Sie bitte mit Frage 5 fort.") einbauen.

Wozu ein Pretest?

Ein Pretest wird durchgeführt, um die Verständlichkeit, die Eindeutig­keit der Fragen und die Bearbeitungszeit zu prüfen (Mummendey, 1995, S. 62)3. Die Prüfung der Bearbeitungsdauer für den Fragebogen ist insofern von Bedeutung, als davon ausgegangen werden kann, dass die Motivation vermindert wird, wenn die Dauer zum Ausfüllen des Fragebogens 30 Minuten übersteigt (Krauth, 1995, S. 44)4.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  3. 3. Mummendey, H. D. (1995).  Die Fragebogen-Methode. Grundlagen und Anwendung in Persönlichkeits-, Einstellungs- und Selbstkonzeptforschung.
  4. 4. Krauth, J. (1995).  Testkonstruktion und Testtheorie.

Vor- & Nachteile

Allgemeine Vorteile des Fragebogens

Die Vorteile der postalischen Befragung sind bedeutend geringere Er­hebungskosten, die sich vor allem durch den geringeren Personalbe­darf gegenüber dem Interview ergeben (Bortz & Döring, 1995, S. 253, 2571; Stier,1999, S. 1982). Der Organisationsvorteil ist einerseits durch eine zeitlich straffere Planung als beim Interview begründet, ande­rerseits sind aber auch schnelle, flächendeckende Erhebungen möglich, welche bei einer mündlichen Erhebung deutlich mehr Zeit beanspru­chen würden. Hinzu kommt, dass aufwändige Terminabsprachen ent­fallen. Eine erhöhte Freiheit des Befragten wird ermöglicht durch die Zusicherung von Anonymität und durch die Gewährleistung einer zeit­lichen Freiheit bei der Beantwortung der Fragen. Bei schriftlichen Ver­fahren ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Interaktion infolge der Distanz korrekter, „objektiver" und emotionsloser ist. Man könnte schriftlich erhobene Daten daher tendenziell als genauer, reproduzier­barer und bewahrbarer bezeichnen. Sogenannte „Interviewer-Effekte" fallen weg (Stier, 1999, S. 198)3; es müssen „nur" mögliche Manipula­tionen durch die Frage- und Antwortformulierung eliminiert werden. Durch die bereits erwähnte Anonymität des Befragten tendiert dieser zusätzlich dazu, ehrlicher und sorgfältiger zu sein.

Vorteil eines Online-Fragebogens

Der Fragebogen kann so konzipiert werden, dass die Befragten den Fragebogen direkt an ihrem PC durch Mausklick ausfüllen können. Der Vorteil dieser Methode liegt in der schnelleren Bearbeitungszeit und darin, dass die Antworten der Befragten sofort als Text zur Verfügung stehen und bearbeitet werden können. Es entfällt somit die Eingabe der Daten per Hand, wenn der Fragebogen in Papierform vorliegt. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Entzifferung der (Hand-)Schrift entfällt.

Nachteile eines Fragebogens

Das Nachfragen, um z.B. eine Antwort zu vertiefen, ist nicht möglich und wenn, dann nur sehr eingeschränkt z.B. über die Formulierung „wenn ja, warum?" Diese Hybridfragen sind zwar grundsätzlich mög­lich, erzeugen jedoch, wenn sie zu häufig eingesetzt werden, beim Be­fragten mitunter Reaktanzverhalten, das heißt, er weigert sich nach einiger Zeit, diese zu beantworten. Ein Nachteil der postalischen Erhe­bung ist der zudem oft mangelhafte Rücklauf.

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.
  3. 3. Stier, W. (1999).  Empirische Forschungsmethoden.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die schriftliche Befragung hat gegenüber dem mündlichen Interview den Vorteil, dass es vergleichbarer, breiter einsetzbar und kosten­günstiger ist. In der qualitativen Sozialforschung birgt der Begriff „Fragebogen" eine Schwierigkeit, weil er meist mit dem standardi­sierten Interview assoziiert wird, was aber einer quantitativen Vorge­hensweise entspricht. Die Unterscheidung zwischen mündlicher und schriftlicher Befragung innerhalb der qualitativen Sozialforschung liegt also „lediglich" in der Form der Interaktion (bei der schriftlichen Befra­gung normalerweise nicht vorhanden) und in folgenden Punkten: Kos­ten, Möglichkeiten der Erfassung, Überprüfbarkeit, Beeinflussbarkeit, Erfassungstiefe und Freiheit beim Interviewten. Die Art der Fragen sind relativ ähnlich, wobei sie bei der schriftlichen Befragung exakter und besser durchdacht sein müssen, da kein Nachfragen möglich ist. Die Entscheidung, ob eine schriftliche oder mündliche Befragung durchge­führt wird, ist letztendlich von den beiden Hauptfaktoren Kosten und benötigte Interaktions- bzw. Informationstiefe abhängig.

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  • Stier, W. (1999). Empirische Forschungsmethoden (2. verb. Aufl.). Berlin: Springer. (Ab S. 171f sehr gute, übersichtliche Darstellung, was bei einer Frage­bogenkonstruktion zu beachten ist. Leider beziehen sich die Beschrei­bungen vor allem auf quantitativ orientierte Fragebögen.)

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II: 6. Dokumentenanalyse

Allgemeine Informationen

Vorbemerkung

Die Dokumentenanalyse wird auch zu den quantitativen inhaltsana­lytischen Techniken gezählt (vgl. Lamnek, 1995, S. 193)1. Während aber die Dokumentenanalyse vorrangig der Datenerhebung dient und auf alle möglichen Gegenstände (Filme, Texte, Bilder, etc.) angewendet werden kann, ist die Inhaltsanalyse ein Verfahren, das zur Auswertung bereits erhobener Daten (z.B. Transkripten von Interviews) dient.

Gegenstand der Dokumentenanalyse

Gegenstand der Dokumentenanalyse in der qualitativen Forschung sind Bedeutungsträger aller Art, z.B. sprachliche Mitteilungen, Ton- oder Bilddokumente (Filme, Fernsehsendungen, Geschäftsbücher, Ar­beiterbibliothek, Tagebuch, Zeugnisse etc.), aber auch Gegenstände der bildenden Kunst wie Gemälde oder Skulpturen. Hauptanwen­dungsgebiet der Dokumentenanalyse sind Dokumente, die in schrift­licher (oder bildlicher) Form vorliegen und nach bestimmten Kriterien ausgewählt und analysiert werden. Der Forscher erschließt also Ma­terial, das nicht erst durch Datenerhebung gewonnen werden muss; die qualitative Interpretation des Materials ist entscheidend.

  1. 1. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung - Band II.

Umsetzungshinweise

Kriterien für Dokumentenauswahl

Die Kriterien für die Auswahl von Dokumenten, die einer Dokumen­tenanalyse unterzogen werden sollen, sind:

  1. Art des Dokuments: Urkunden, Akten u.ä. sind zuverlässiger als Zeitungsartikel.
  2. Äußere Merkmale: (Erhaltungs-)Zustand und Materialbeschaffen­heit (z.B. noch gut zu lesen, oder schon vergilbt).
  3. Innere Merkmale: Inhalt (schriftlichen Quellen) und Aussagekraft (Gegenstände)
  4. Intendiertheit: Ursprüngliche Funktion des Dokuments (Vertrag, Fälschung, Gebrauchstext etc.).
  5. Gegenstandsnähe: zeitlich, räumlich, sozial (bzgl. Untersuchungs­interesse).
  6. Herkunft (Geschichte des Dokuments): Wo gefunden, woher stammt es, wie ist es überliefert worden?

Interpretierbarkeit und Aussagewert

Die ausgewählten Dokumente müssen Schlüsse auf menschliches Denken, Fühlen, Handeln zulassen, d.h. interpretierbar sein. Zudem ist eine genaue Definition des Ausgangsmaterials in Bezug auf die Fragestellung grundlegend. Der Aussagewert sollte explizit beurteilt werden. Es kann unter Umständen eine quantitative Erschließung bestimmter Anwendungsgebiete sinnvoll sein. Eine Dokumenten­analyse ist dann von Bedeutung, wenn kein direkter Zugang durch Befragen, Messen, Beobachten möglich, aber Material vorhanden ist.

Auswertung und Zielsetzung

Die Auswertung der ausgewählten Dokumente erfolgt in der quali­tativen Forschung nicht nach quantitativen Kriterien, wie beispiels­weise der Häufigkeit bestimmter Motive oder einzelner Textelemente, sondern sie orientiert sich am interpretativen Paradigma. So werden die ausgewählten Dokumente nicht anhand eines im voraus definier­ten Kategoriensystems systematisch analysiert, um festgelegte As­pekte aus den Dokumenten herauszufiltern, sondern in Anlehnung an die sozialwissenschaftlich-hermeneutische Paraphrase interpretativ und hermeneutisch gedeutet (Mayring, 1993, S. 82)1. Mischformen qualitativer und quantitativer Herangehensweise an Dokumente sind allerdings auch hier möglich. Entscheidend bei der Auswertung und Deutung des Materials ist das Vorverständnis des Forschers, das sich aus wissenschaftlichen Theorien und empirischen Erkenntnissen ent­wickelt hat. Das Ziel der Dokumentenanalyse liegt im Wesentlichen auf dem Verstehen des Sinns der Dokumente (Kromrey, 1994, S. 169)2.

  1. 1. Mayring, P. (1993).  Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (2. Auflage).
  2. 2. Kromrey, H. (2000).  Empirische Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Die Dokumentenanalyse hat den Vorteil, dass sie eher unproble­matisch (bezogen auf den Aufwand) durchzuführen ist. Die Doku­mentenanalyse erschließt Material, das in klassischen Methoden wie Tests und Verhaltensbeobachtungen nicht erfassbar ist. Die Daten sind bereits vorhanden, müssen nicht mehr erfragt, ertestet etc. werden. Die Dokumentenanalyse zählt somit zu den nonreaktiven Verfahren.

Nachteile

Nachteilig wirkt sich aus, dass der Untersuchungsgegenstand (das Dokument) nicht weiter „befragt" werden kann. Handelt es sich beim Dokument z.B. um Krankheitsdaten einer Personengruppe aus dem Mittelalter, so können Informationslücken, die die Ursachen für die Erkrankung aufdecken würden, nicht durch weitere Befragung er­hoben werden. Hinzu kommt, dass - um bei diesem Beispiel zu blei­ben - die Diagnose in den vorliegenden Dokumenten ungenau oder falsch sein kann.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammen­fassung

In diesem Abschnitt wurde die Dokumentenanalyse als ein qualitati­ves Verfahren vorgestellt, das existierende Dokumente/Gegenstände als Bedeutungsträger erkennt und ihnen damit eine Rolle im For­schungsprozess zuspricht. Dabei stehen, anders als in der quantita­tiven Forschung, interpretative Analysen im Vordergrund. Bei der Aus­wahl von Dokumenten sind bestimmte Kriterien zu beachten. Als non­reaktives Verfahren hat die Dokumentenanalyse einige Vorteile, aber auch den Nachteil, bei Unklarheiten nicht nachhaken zu können.

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II: Exkurs: Störquellen bei reaktiven Erhebungsmethoden

Reaktive Verfahren

Interviews und Gruppendiskussionen sind so genannte reaktive Verfahren, denn: die untersuchten Personen sind direkt mit dem Forscher konfrontiert und reagieren auf seine Anwesenheit. Daraus können sich Störquellen für die Datenerhebung ergeben. Einige dieser Probleme (z.B. soziale Erwünschtheit) treten auch bei der schriftlichen Befragung auf.

Die folgende Grafik nimmt eine grobe Zuordnung der vorgestellten Methoden hinsichtlich ihrer Reaktivität vor. Dies lässt allerdings kein Urteil bezüglich der generellen Qualität einer Methode zu.

Grafik Störquellen

Störquellen

Als die am meisten genannten Antwortverzerrungen gelten die Zustim­mungstendenz und Antworten in Richtung sozialer Erwünschtheit. Wichtige andere Verzerrungseffekte können als Spezialfälle dieser bei­den Effekte verstanden werden.

  • Unter der Zustimmungstendenz wird die Zustimmung zu einer Frage ohne Bezug zum Inhalt der Frage verstanden. Dies kann sich z.B. dadurch zeigen, dass von einem Befragten zwei Fragen mit genau entgegen gesetzten Inhalten mit Ja beantwortet werden.
  • Antworten, die der sozialen Erwünschtheit entsprechen, erfolgen beispielsweise bei Fragen nach Konsum von Suchtmitteln. Häufig verbirgt sich dahinter ein Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, oder der Befragte hat Angst davor, seine wirkliche Meinung unge­schminkt offen zu legen. Die Anwesenheit Dritter kann einen Effekt in diese Richtung beim Befragten auslösen (Schnell, Hill & Esser, 1992, S. 302, S. 363)1.

 

  1. 1. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.