Baustein III: Auswertungsmethoden

Im letzten Baustein haben Sie verschiedene Erhebungsmethoden der qualitativen Sozialforschung kennengelernt. Um die erhobenen Daten in irgendeiner Form „greifbar" und damit auch analysierbar und interpretierbar zu machen, müssen sie mit adäquaten Methoden ausgewertet werden.Ziel dieses Bausteins ist es deswegen, einen Überblick über unterschiedliche Auswertungsmethoden zu geben. In einem ersten Schritt geht es um die Dokumentation von Daten und deren Funktion sowie um Transkriptionsgrundsätze und Protokollierungstechniken. In einem zweiten Schritt wird die qualitative Inhaltsanalyse dargestellt. Diese kann bei Textmaterial eingesetzt werden und dient zur Interpretation und Erschließung der Bedeutung. Dabei bietet sich ein systematisches Ablaufmodell an. Als alternatives Verfahren wird auf die typologische Analyse eingegangen. Dies ist eine Auswertungsmethode, bei der in umfangreichem Datenmaterial möglichst prägnante Fälle identifiziert und typisiert werden. In einem dritten Schritt wird mit der gegenstandsbezogenen Theoriebildung eine Auswer­tungsmethode präsentiert, bei der eine Überschneidung von Auswertung und Erhebung des Datenmaterials (und somit auch der Theoriebildung) entsteht. Diese Methode verzichtet auf die Einhaltung zeitlicher Abfolgen und sukzessiver Vorgehensweisen. Im Gegensatz dazu werden im letzten Schritt mit den sequenziellen Analysen Auswertungs­methoden vorgestellt, die eine strenge sukzessive Vorgehensweise verlangen und eine Interpretation und Theoriebildung entlang der Struktur des Textes verfolgen.

III: 1. Dokumentation von Daten

Bedeutung der Dokumentation

Nach der Datenerhebung findet vor der eigentlichen Auswertung ein wichtiger Zwischenschritt statt: die Dokumentation und Aufbereitung der Daten. Es handelt sich hier also noch nicht um eine Interpretation oder Auswertung der Daten, sondern lediglich um deren formale Aufbereitung für die eigentliche Analyse. Dabei werden zumeist verbale Daten, aber auch Beobachtungsnotizen, Videoaufzeichnung etc. in Text überführt, wofür es unterschiedliche Vorgehensweisen gibt. Es kommt hier allerdings immer wieder zu Überschneidungen mit vor- und nachgelagerten Phasen des Forschungsprozesses.

Etappen der Dokumentation

Flick (2002)1 unterteilt die Dokumentation in drei Etappen:

  • Aufzeichnung der Daten
  • Aufbereitung (Transkription) der Daten
  • Konstruktion einer „neuen" Realität (durch Verschriftlichung)

Ähnlich geht Mayring (2002, S. 85)2 vor, indem er folgende Themen­kreise unter die Materialaufbereitung subsumiert:

  • Wahl der Darstellungsmittel
  • Protokollierungstechniken
  • Konstruktion deskriptiver Systeme

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Etappe 1 der Dokumentation

Entscheiden, was dokumentiert werden soll

Aufzeichnung der Daten

Bei den aufgezeichneten Daten kommen alle Arten von gewonnenem Erhebungsmaterial in Betracht, also Feldnotizen, Interviewprotokolle, Audio- oder Videoaufzeichnungen sowie sonstige Forschungsdaten. Moderne technische Hilfsmittel, insbesondere akustische und audio­visuelle Aufzeichnungsmöglichkeiten, haben zur optimistischen Annah­me geführt, naturalistische Daten zu gewinnen. Mittlerweile wird dies etwas skeptischer beurteilt, da die natürliche Situation durch die Aufzeichnung beeinflusst wird. Deshalb formuliert Flick eine sog. Sparsamkeitsregel (vgl. Flick, 2002)1:

  • nur aufzeichnen, was für die Forschungsfrage relevant ist,
  • technischen Aufwand theoretisch begründet beschränken,
  • Präsenz der Aufzeichnung minimieren,
  • Untersuchte über Sinn und Zweck möglichst aufklären.

Wahl der Darstellungsmittel

Daneben sind die Darstellungsmittel zu wählen. Entscheidend ist, dass sie gegenstandsangemessen und vielfältig sind (vgl. Mayring, 2002)2. Dabei können Texte zur Fixierung von Äußerungen oder Handlungen, aber auch Tabellen, Bilder und audiovisuelle sowie grafische Darstel­lungen zur Anreicherung des Datenmaterials verwendet werden.

 

 

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Etappe 2 der Dokumentation

Formen der Transkription / Protokollierung

Das klassische Medium der Aufzeichnung in der qualitativen Forschung sind Feldnotizen. Diese werden vom teilnehmenden Forscher möglichst direkt, gelegentlich auch nachträglich, niedergeschrieben, wobei eine einheitliche Notationskonvention, also definierte Regeln für die Notizen, verwendet werden sollte. Da diese Daten selektiv und subjektiv, zuweilen auch künstlich sind, bietet sich eine Anreicherung mit zusätzlichen Kontextinformationen an, indem weiteres Dokumentationsmaterial eingesetzt wird, z.B. Fotos, Diktiergeräte oder auch Forschungstagebücher. Insbesondere letzteres dient zur Reflexion und Relativierung, womit die Feldnotizen kontrastiert bzw. deren subjektive Färbung etwas reduziert werden kann. Daneben kann bei Interviews ein Dokumentationsbogen eingesetzt werden, der allgemeine Situations- und Kontextmerkmale festhält, z.B. Datum, Ort oder Alter und Beruf (vgl. Flick, 2002)1.

Techniken der Protokollierung

Wie im letzten Baustein gezeigt wurde, gibt es aber noch eine ganze weitere Reihe von Erhebungsmethoden, die z.B. zu Materialien in Audio- oder Videoform führen. Um die gewonnen Daten besser analysieren und interpretieren zu können, ist eine Protokollierung des Erhebungsmaterials notwendig. Hierbei können unterschiedliche Techniken angewandt werden:

  • wörtliche Transkription,
  • kommentierte Transkription,
  • zusammenfassendes Protokoll,
  • selektives Protokoll.

Insgesamt ist wichtig, das richtige Maß zwischen Aufwand, Detailliert­heit und Übersichtlichkeit der Transkription zu finden. Dabei sollte der Transkriptionsprozess handhabbar sowie das Resultat les- und inter­pretierbar sein (vgl. Flick, 2002)2. Im Folgenden werden unterschiedliche Transkriptionsvarianten im Detail dargestellt:

Wörtliche Transkription

Wenn Erhebungsmaterial ausführlich ausgewertet werden soll, so bietet sich eine wörtliche Transkription an, bei der eine vollständige Textfassung erstellt wird. Hierbei können unterschiedliche Verfahrens­weisen angewendet werden. So bietet das internationale phonetische Alphabet die Möglichkeit, Sprachfeinheiten wie Klangfärbungen abzu­bilden. Etwas weniger detailliert ist die literarische Umschrift, bei der Dialekt im gebräuchlichen Alphabet wiedergegeben wird. Am häufigs­ten wird die Übertragung in normales Schriftdeutsch gewählt, bei der u.a. Satzbaufehler bereinigt und der Stil geglättet werden. Zwar werden bei den ersten beiden Varianten die reichhaltigen Kontextinformationen weitestgehend beibehalten, der damit verbundene Aufwand aber ist sehr hoch, zudem leiden die Lesbarkeit und die weitere Bearbeitbarkeit (vgl. Mayring, 2002)3.

Kommentierte Transkription

In der kommentierten Transkription werden über das Wortprotokoll hinaus zusätzliche Detailinformationen mit aufgenommen. So können etwa Sprachauffälligkeiten wie Pausen, Betonungen oder Lachen durch Sonderzeichen dargestellt werden. Auch hier geht der Gewinn an Zu­satzinformationen zulasten der Lesbarkeit. Deshalb ist es auch alter­nativ möglich, in einer Spalte neben dem Protokoll Kommentare nach vorher festgelegten Kriterien niederzuschreiben (vgl. Mayring, 2002)4.

Zusammenfassendes Protokoll

Stehen bei der Auswertung weniger der konkrete Sprachkontext als vielmehr inhaltlich-thematische Aspekte im Vordergrund, so kann ein zusammenfassendes Protokoll erstellt werden. Des Weiteren kann es auch bei einer nicht anders zu bewältigenden Materialfülle eingesetzt werden. In einer systematischen Reduzierung wird das Allgemeinheits­niveau zunächst vereinheitlicht und dann der Abstraktionsgrad schritt­weise angehoben (vgl. Mayring, 2002)5. Nach Mayring ist hierbei fol­gendes Ablaufmodell für eine zusammenfassende Inhaltsanalyse denkbar (Mayring, 2002, S. 96)6:

Dokumentation von Daten Zusammenfassung

Selektives Protokoll

Vergleichbare Überlegungen stehen hinter dem selektiven Protokoll. Dieses macht vor allem dann Sinn, wenn eine große Materialfülle be­schränkt werden muss und überflüssige sowie abschweifende Passagen übergangen werden können. Hierzu sind genaue Auswahlkriterien festzulegen, um bei der selektiven Protokollierung nur die interessie­renden Aspekte herauszufiltern (vgl. Mayring, 2002)7.

Konstruktion deskriptiver Systeme

Die Konstruktion deskriptiver Systeme reicht bereits am weitesten in den Bereich der Auswertung hinein. Konstruktion deskriptiver Systeme meint die Einteilung des aufbereiteten Datenmaterials in verschiedene Kategorien anhand der zugrunde liegenden theoretischen Vorüberlegungen. Das Material wird also entsprechenden Oberbe­griffen zugeordnet und damit für die nachfolgende Auswertung vorstrukturiert. Dabei besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Empirie, denn: einerseits werden Kategorien theoriege­leitet entwickelt, gleichzeitig kann es im Verlauf der Datenaufbereitung notwendig werden, neue Kategorien zu entwickeln, die in den theoretischen Überlegungen nicht berücksichtigt waren (vgl. Mayring, 2002)8. In einer schematischen Darstellung ergibt sich folgendes Ablaufmodell (Mayring, 2002, S. 102)9:

Dokumentation Konstruktion deskriptiver Systeme

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  5. 5. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  6. 6. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  7. 7. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  8. 8. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  9. 9. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Etappe 3 der Dokumentation

Verschriftlichung führt zu neuer Realität

Zuletzt sei nochmals betont, dass durch die Verschriftlichung, so detailliert sie auch sein mag, eine andere Version des Geschehens entsteht. Zum einen wird der flüchtige und vergängliche Charakter der Beobachtungssituation in der Fixierung aufgelöst. Zum anderen können Prozesse und Strukturen zugänglich gemacht werden, die in alltäglichen Situationen unbemerkt ablaufen; somit können „neue" Realitäten geschaffen werden. Letztendlich führt dies in einer radikalen Position zu der Annahme, dass sich Interpretationen lediglich auf den Text, nicht auf die darin abgebildete Situation beziehen dürfen. Diesem Dilemma kann begegnet werden, indem möglichst vielfältiges und umfassendes Erhebungsmaterial gewonnen sowie dokumentiert wird.

 

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Um das gewonnene Datenmaterial auszuwerten, muss es zuvor doku­mentiert und fixiert werden. Dabei kommen unterschiedliche Protokol­lierungstechniken zum Einsatz, die verschiedene Schwerpunkte bei der Verschriftlichung des Ausgangsmaterials setzen. Zusätzlich sind schon bei der Erhebung der Daten Überlegungen anzustellen, welche Daten wie festgehalten werden; es sind also Darstellungsmittel und Aufzeich­nungsmodi theoretisch begründet auszuwählen.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (5. Auflage). Weinheim und Basel: Beltz.
    (Seiten 85-103: Ein sehr gut gegliedertes und leicht verständliches Kapitel. Der Autor führt viele Beispiele an und fasst wesentliche Inhalte in übersichtlichen Infofeldern zusammen).
  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung - Eine Einführung (6. Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. (Seiten 243-256: Dieses Kapitel bietet einen umfangreichen Überblick über die Thematik und ist relativ leicht zugänglich. Hierbei werden etwas seltener Beispiele zur Veranschaulichung eingesetzt).

 

 

III: 2. Qualitative Inhaltsanalyse

Allgemeine Informationen

Entstehung

In den USA wurde zur Erforschung der Massenmedien als kommunika­tionswissenschaftliche Technik die Inhaltsanalyse entwickelt. Bald jedoch wurde Kritik an deren Ergebnissen geübt, da zu wenig auf den Kontext von Textelementen, latente Sinnstrukturen, markante Einzel­fälle oder nicht Genanntes eingegangen wurde, weshalb eine quali­tative Ausformung entstand (vgl. Mayring, 2002)1.

Einsatzfeld

Die qualitative Inhaltsanalyse kann einerseits zur Interpretation von Forschungsmaterial eingesetzt werden, andererseits gleichzeitig als Entscheidungsgrundlage für weitere Datenerhebungen dienen. Deshalb ist das Vorgehen im qualitativen Forschungsprozess auch mehr ver­zahnt und weniger linear als im quantitativen Vorgehen. Die Interpretation von Texten ist in zwei Zielrichtungen denkbar: sie kann zur Ausweitung wie auch zur Verdichtung von Textmaterial dienen (vgl. Flick, 2002)2. Insgesamt sind manifeste Kommunikationsinhalte, also explizite und bewusste Äußerungen sowie subjektive Sichtweisen, häufig der Untersuchungsgegenstand - zumeist in der Form von Textmaterial. Dabei unterscheidet Lamnek (1993)3 zwei Ausprägungen:

  1. die eher an der quantitativen Vorgehensweise orientierte Technik, bei der systematisch und sukzessiv mit einem Kategorieschema ge­arbeitet wird, und
  2. eine weiter gefasste Auswahlstrategie, bei der keine vorher festge­legten Analysekriterien verwendet werden.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Lamnek, S. (1993).  Band I: Methodologie. Qualitative Sozialforschung.

Ablaufmodell nach Mayring

Im Folgenden soll das Ablaufmodell von Mayring näher dargestellt wer­den, welches auf eine Reduktion des Ausgangsmaterials angelegt ist und sich dementsprechend auch für große Materialmengen eignet. Somit ist dieses Vorgehen weniger zur explorativ-interpretativen Er­schließung geeignet, sondern eher zur systematischen Textbearbei­tung, indem schrittweise mit theoriegeleiteten als auch am Material entwickelten Kategorien gearbeitet wird (vgl. Mayring, 2002)1. Das Ab­laufmodell nach Mayring ist während eines Forschungsprojektes ent­standen, als Protokolle offener Interviews bearbeitet wurden. Dabei wird in neun Stufen vorgegangen, um das Ausgangsmaterial durch zergliedernde Kategorien analytisch zu fassen, wodurch der Einzelfall „zu einer Sammlung von Merkmalsausprägungen" (Lamnek, 1993, S. 207)2 wird.

Stufen der qualitativen Inhaltsanalyse

Die einzelnen Stufen der qualitativen Inhaltsanalyse sind (Mayring, 1989 zitiert nach Lamnek, 1993, S. 217)3:

  • Festlegung des Materials: Welches Material wird analysiert? Z.B. nur relevante Interviewabschnitte.
  • Analyse der Entstehungssituation: Wie ist die Situation zu kenn­zeichnen? Z.B. Auflistung anwesender Personen oder Betrachtung des soziokulturellen Rahmens.
  • Formale Charakterisierung des Materials: In welcher Form liegt das Material vor? Z.B. als wörtliche Transkription.
  • Richtung der Analyse: Worauf soll sich der Interpretationsfokus richten? Z.B. eher kognitive oder eher emotionale Aspekte be­trachten.
  • Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung: Nach welcher Forschungsfrage wird das Material untersucht?
  • Bestimmung der Analysetechnik: Welches Verfahren soll bei der Materialanalyse eingesetzt werden? Z.B. Zusammenfassung, Explikation oder Strukturierung (s.u.).
  • Definition der Analyseeinheit: Welche Kriterien werden bei der Auswahl und Kategorisierung von Textabschnitten angelegt? Dabei legt die Kodiereinheit den kleinsten und die Kontexteinheit den größten Materialbestandteil fest, welche noch in eine Kategorie fallen. Schließlich bestimmt die Auswertungseinheit die Abfolge bei der Bearbeitung der Textabschnitte (Flick, 2002, S. 280)4.
  • Analyse des Materials: eigentlicher Analysevorgang, bei dem eine oder mehrere der drei verfügbaren Techniken angewendet wird.
  • Interpretation, um abschließend in Richtung der Hauptfragestellung die einzelnen Fälle zu generalisieren.

Als Schaubild lässt sich dieses Ablaufmodell folgendermaßen dar­stellen, wobei hier zusätzlich als letzter Schritt inhaltsanalytische Gütekriterien auf die erzielten Ergebnisse angewendet werden (Mayring, 1989, S. 49, zitiert nach Lamnek, 1993, S. 217)5:

Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse

Analysetechniken der qualitativen Inhaltsanalyse

Im eigentlichen Analyseprozess können drei unterschiedliche Techni­ken angewendet werden: Zusammenfassung, Explikation und Struktu­rierung.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,
  3. 3. Mayring, P. (1993).  Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (2. Auflage).
  4. 4. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  5. 5. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,

Analysetechnik Zusammenfassung

Der Analyseschritt Zusammenfassung ist vergleichbar mit dem Vorgehen beim zusammenfassenden Protokoll und der gegenstandbe­zogenen Theoriebildung (s.u.). Ziel ist es, „dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, durch Abstraktion ein überschaubares Korpus zu schaffen, das immer noch ein Abbild des Grundmaterials ist" (Mayring, 2002, S. 115)1. In einem reduktiven Prozess wird versucht, zu einer induktiven Kategoriebildung, d.h. mit Hilfe des Materials gebildeter Kategorien, zu gelangen. Vorab jedoch sind deduktiv Selek­tionskriterien und Analyseziele aus der Theorie abzuleiten, um das Abstraktionsniveau und die Kategorisierungsdimension festzulegen. Damit wird das Material zeilenweise durchgearbeitet und entweder bereits bestehenden Kategorien zugeordnet, oder es werden neue entwickelt, indem möglichst Begriffe aus dem Material verwendet werden. Wenn sich ein Kategorienschema herauskristallisiert, so ist in einem zweiten Durchlauf zu überprüfen, ob Überlappungen auftreten. Schließlich kann anhand der gebildeten Kategorien eine Interpretation vorgenommen werden (vgl. Mayring, 2002)2. In einer schematischen Darstellung ergibt sich folgender Ablauf (Mayring, 2002, S. 116)3:

Analysetechnik Zusammenfassung

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Analysetechnik Explikation

Im Gegensatz zur Zusammenfassung geht es bei der Explikation um die Aufhellung unverständlicher, uneinheitlicher oder diskrepanter Passagen, indem weiteres Kontextmaterial mit einbezogen wird, um zu möglichst exakten Bestimmungen der entsprechenden Textstellen zu gelangen. Dabei meint die enge Kontextanalyse das direkte Textumfeld (also andere Textabschnitte), während in der weiten Kon­textanalyse auch zusätzliche Informationen, z.B. über den Autor oder den sozio-kulturellen Entstehungshintergrund, herangezogen werden. Schließlich wird eine explizierende Paraphrase bestimmt, welche in die jeweilige Textstelle eingesetzt wird (vgl. Flick, 2002)1. Daraus ergibt sich folgendes Ablaufmuster (vgl. Mayring, 2002, S. 118)2:

Analysetechnik Explikation

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Analysetechnik Strukturierung

Wie der Name schon sagt, will die strukturierende qualitative Inhalts­analyse aus dem Material eine bestimmte Struktur herausarbeiten. Dabei können unterschiedliche Aspekte im Vordergrund stehen, z.B. formale, inhaltliche, typisierende oder skalierende. Entscheidend ist die exakte Definition der Strukturierungsdimensionen zu einem klaren Kategoriesystem, damit einzelne Textstellen problemlos zuge­ordnet werden können. Dazu kann in drei Schritten vorgegangen werden:

  • Definition der Kategorien, indem genau festgelegt wird, welche Textbestandteile hierunter zu fassen sind.
  • Bereitstellung von Ankerbeispielen, die dies anhand konkreter Textstellen verdeutlichen und prototypische Funktion haben.
  • Festlegen von Kodierregeln, die Festlegen, welche Kategorien in Zweifelsfällen gewählt werden sollen (wenn eine Aussage z.B. mehreren Kategorien zugeordnet werden könnte).

Damit wird ein Kodierleitfaden erstellt, der im weiteren Verlauf modi­fiziert und erweitert werden kann, um schließlich das Material damit zu strukturieren (Mayring, 2002)1. Zusammengefasst ergibt sich nach­folgendes Ablaufmodell (Mayring, 2002, S. 120)2:

Analysetechnik Strukturierung

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Qualitative Sozialforschung betont den Zugang zur Realität über subjektive Deutungen, über interpretative Prozesse. Sie hat es dabei verstärkt mit verbalem Material zu tun und braucht darauf bezogene Auswertungstechniken. Der größte Vorteil der qualitativen Inhaltsanalyse ist ihre Systematik, das heißt das regelgeleitete, schrittweise Vorgehen nach vorher explizierten Techniken. Die Kernpunkte sind dabei das Arbeiten mit einem Kategoriensystem als Analyseinstrument und das Zerlegen des Materials in Bearbeitungseinheiten. Wo ein solches Verfahren dem Gegenstand angemessen erscheint, führt es im Gegensatz zu einer „freien" Textinterpretation zu entscheidend exakteren Ergebnissen, die auch leichter anhand von Gütekriterien überprüfbar sind. Auch können mit qualitativer Inhaltsanalyse größere Materialmengen bearbeitet werden.

Nachteile

Die qualitative Inhaltsanalyse gilt zuweilen als angreifbar, da eine an­geblich interpretative Beliebigkeit kaum intersubjektiv überprüfbar ist. Eine Möglichkeit, diese Beliebigkeit einzuschränken ist, die Auswertung in sich gegenseitig kontrollierenden Forscherteams vorzunehmen. Zudem wird eine „prinzipielle erkenntnislogische Ähnlichkeit von alltagsweltlichem Fremdverstehen und wissenschaftlich kontrolliertem Nachvollzug postuliert" (Lamnek, 1993, S. 204)1, also eine konträre Position zum quantitativen Ansatz eingenommen. Das Ablaufmodell nach Mayring birgt die Gefahr in sich, dass durch vorschnell gebildete Kategorien inhaltliche Nuancen verloren gehen. Des Weiteren ist ein Nachteil, dass im späteren Verlauf Paraphrasen und nicht der eigentliche Text zur Erklärung verwendet werden (vgl. Flick, 2002)2.

 

  1. 1. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die qualitative Inhaltsanalyse wird hauptsächlich zur Interpretation von Textmaterial eingesetzt. Wird eine systematische Vorgehensweise gewählt, so bietet sich ein von Mayring entwickeltes Ablaufmodell mit neun Stufen an, wobei im eigentlichen Analyseprozess drei unter­schiedliche Techniken angewendet werden können. Diese sind: Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung. Die dabei gewon­nenen Ergebnisse können dann zur Interpretation verwendet werden.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (5. Auflage). Weinheim und Basel: Beltz.
    (Seiten 114-121: In diesem Kapitel stellt der Autor sein Ablaufmodell vor. Anhand vieler übersichtlicher Schaubilder und mithilfe der gut verständlichen Ausführungen ist es leicht nachzuvollziehen).
  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung - Eine Einführung (6. Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. (Seiten 279-283: Der Autor befasst sich mit der Thematik relativ knapp. Er beschreibt die wesentlichen Aspekte und bezieht sich dabei stark auf Mayring, ordnet es aber auch in die allgemeine Methodendiskussion ein).
  • Groeben, N. & Rustemeyer, R. (2002). Inhaltsanalyse. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 233-258). Weinheim: Beltz.

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III: 3. Typologische Analyse

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Ein weiteres Verfahren zur Auswertung von qualitativem Datenma­terial ist die typologische Analyse, die auf ein Konzept des ideal­typischen Verstehens des Soziologen Max Weber zurückgeht. Dabei werden aus größeren Datenmengen typische Aspekte herausgefiltert und näher beleuchtet. Leitidee ist der Ansatz, durch Typenbildung das Material greifbar und handhabbar zu repräsentieren, dabei aber weniger Details zu verlieren als etwa in der Zusammenfassung. Erfolgt dieses Vorgehen gegenstandsadäquat, so sind anschauliche Aussagen zu machen, die auch für einen größeren Gegenstandbereich adaptier­bar sind. Nach Mayring (2002)1 sollte ein vorher festgelegtes Kriterium bestimmen, welche Bestandteile herausgefiltert und detailliert darge­stellt werden, um damit in besonderer Weise das Ausgangsmaterial repräsentieren zu können. Deshalb kommt diese Auswertungsmethode insbesondere dann in Betracht, „wenn in eine Fülle explorativen Ma­terials Ordnung gebracht werden soll, aber auf detaillierte Fallbe­schreibungen nicht verzichtet werden kann" (Mayring, 2002, S. 132)2.

Einsatzfeld

Die typologische Analyse kommt in mehreren Bereichen zum Einsatz. Bevorzugt angewendet wird sie unter anderem in der Lebenswelt­analyse, der Feldforschung, der qualitativen Marktforschung sowie der Gesundheitsforschung. Sie ist vor allem dann erfolgsversprechend, wenn bislang unbekannte Gebiete untersucht werden, um Ansatz­punkte für zukünftige Theoriemodelle und Konzeptionen zu gewinnen. Daneben lassen sich auch typische Verlaufsmuster mit dieser Metho­dik analysieren (vgl. Mayring, 2002)3. Lamneck (1993)4 führt die typologische Analyse im Zusammenhang mit der Biographieforschung an, da dort versucht wird, über den Einzelfall hinausgehende Aussagen zu treffen, indem Gemeinsamkeiten auf der Mikroebene zu soziokulturellen Erkenntnissen im Makrobereich führen können. Dies geschieht in einem zweistufigen Verfahren: Zunächst werden biographische Ereignisse samt deren subjektiver Bedeutung rekonstruiert, um daraus dann Muster zu konstruieren.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Lamnek, S. (1993).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,

Ansätze & Vorgehensweise

Ansätze

Um einen kontrollierten Ablauf zu gewährleisten, sind nach der Be­stimmung von Fragestellung und Material Typisierungsdimension und Typisierungskriterium festzulegen. Die Typisierungsdimension be­stimmt den inhaltlichen Blickwinkel, indem entschieden wird, welche Materialbereiche typisierend untersucht werden sollen (z.B. Einstel­lungen, Emotionen, Lebensweise). Als Typisierungskriterium sind un­terschiedliche Ansätze verfügbar, etwa: Idealtypen, besonders häufige oder seltene aber auch extreme oder theoretisch interessante Fälle. Diese Entscheidungsschritte sind im Übrigen unabhängig davon, ob nun ein idealtypisches oder ein realtypisches Vorgehen gewählt wird. Idealtypisch bedeutet, basierend auf empirischem Material Idealtypen, d.h. Fälle mit markanten Eigenschaften, zu konstruieren. Realtypisch hingegen meint, tatsächliche Fälle als typisch zu identifizieren und detailliert wiederzugeben (vgl. Mayring, 2002).1

Vorgehensweise

Wird die typologische Analyse angewendet, so schlägt Mayring fol­gendes Ablaufschema vor (Mayring, 2002, S. 132)2:

Typologische Analyse

Wie bereits weiter oben angeführt, erfolgt nach Wahl der Forschungs­frage und der entsprechenden Materialbestimmung die Typenkons­truktion, indem Typisierungsdimension und -kriterium festgelegt wer­den. In einem zweiten Durchgang werden dann Aspekte aus dem Ma­terial herausgefiltert, die der Typendeskription dienen, wobei dieses Vorgehen mit einzelnen Abschnitten der qualitativen Inhaltsanalyse verzahnt bzw. kombiniert werden kann. Die solcherart gewonnenen Typenbeschreibungen sind abschließend anhand der Forschungsfrage und dem Material rückzuprüfen, um herauszufinden, ob die ange­strebten Kriterien mittels der gefundenen Typendeskriptionen verall­gemeinerbar sind (vgl. Mayring, 2002)3.

Alternative Vorgehensweisen

Eine vergleichbare Zielsetzung wie die typologische Analyse verfolgen die Fallkontrastierung und die Idealtypenbildung. So können verschiedene Fälle gegeneinander kontrastiert werden, sodass am Ende die Besonderheiten einzelner Fälle möglichst klar hervorgehen sollten. Dies erleichtert es dann, systematisch Einzelfälle verstehen zu können. Nach und nach können so übergeordnete Zusammenhänge deutlich werden, sodass schließlich fallübergreifende Einsichten gewonnen werden. Als wesentliche Instrumente kommen der minimale Vergleich ähnlicher Fälle und der maximale Vergleich unterschiedlicher Fälle auf gemeinsame und unterschiedliche Merkmale hin zum Einsatz (vgl. Flick, 2002)4. Bei Lamnek (1993)5 wird die Konstruktion von Typen als Methode der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung dargestellt, der zufolge durch kontrolliertes Fremdverstehen eine kommunikativ erhobene Handlungsfigur mittels Systematisierung in ein Handlungs­muster überführt wird. Beispiele wären z.B. der typische Arbeiter oder das typische Verhalten von Krebskranken.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  5. 5. Lamnek, S. (1993).  Band I: Methodologie. Qualitative Sozialforschung.
AnhangGröße
III_3_Typologische_Analyse.gif6.7 KB

Vor- & Nachteile

Vorteile

Die Konstruktion von Typen eignet sich z.B. gut als Auswertungsmethode, wenn z.B. die Zielsetzung einer Forschungsarbeit ist, Charakteristika verschiedener Personen(gruppen) herauszuarbeiten. Die Methode bietet die Chance, komplexe Alltagsbeobachtungen überschaubar zu machen und zu strukturieren. Gerade in der Marktforschung macht man sich dies bei der Definition von Zielgruppen zu nutze.

Nachteile

In der typologischen Analyse werden Typen konstruiert, die möglichst verallgemeinerbar sein sollten. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass unterschiedliche Abstraktionsgrade denkbar sind. Damit wird das Problem der Generalisierung qualitativer Forschung berührt, denn gerade aus dem engen Kontext- bzw. Einzelfallbezug ergibt diese ihre spezifische Aussagekraft. Dieses Dilemma kann teilweise behoben werden, indem die Aspekte Übertragbarkeit (transferability) und Passung (fittingness) berücksichtigt werden, wenn Erkenntnisse aus einem Kontext in andere Kontexte verallgemeinert werden sollen (vgl. Flick, 2002)1.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die typologische Analyse wird eingesetzt, wenn wesentliche Gesichts­punkte aus umfangreichem Erhebungsmaterial herausgefiltert und diese sowohl übersichtlich als auch detailliert veranschaulicht werden sollen. Dazu sind nach der Festlegung von Fragestellung und Material Typisierungsdimension und -kriterium zu bestimmen, um dann in den rückgekoppelten Materialdurchgängen zur Typenkonstruktion und -deskription zu gelangen.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung; eine Anleitung zu qualitativem Denken (5. Auflage). Weinheim und Basel: Beltz.
    (Seiten 130-133: Recht knapp handelt der Autor die Thematik ab. Dabei beschreibt er leicht verständlich die Grundzüge dieses Verfahrens.)
  • Lamnek, S. (1993). Qualitative Sozialforschung - Band II: Methoden und Techniken (2. Auflage). Weinheim: Psychologie Verlags Union. (Seiten 352-368: Lamnek beschreibt die Konstruktion von Typen sehr ausführlich im Abschnitt zur sozialwissenschaftlichen Bibliographieforschung. Etwas später skizziert er hierbei auch kurz die typologische Analyse.)

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III: 4. Gegenstandsbezogene Theoriebildung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Der Begriff der „gegenstandsbezogenen Theoriebildung" hat sich im deutschsprachigen Raum als Übersetzung für die in den 1950er und 1960er Jahren in der amerikanischen Soziologie entwickelten soge­nannten „Grounded Theory" eingebürgert (vgl. Mayring, 2002)1. Die Me­thodik der Grounded Theory wurde von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss im Rahmen medizinsoziologischer Untersuchungen zum Sterben entwickelt (vgl. Legewie, 2004)2. Als „grounded" wird die entstehende Theorie deshalb bezeichnet, weil alle Interpretationsver­suche stets wieder an das im Forschungsprozess gesammelte Daten­material herangetragen und dadurch präzisiert, d.h. modifiziert oder be­stätigt werden. Durch diesen Prozess der fortwährenden Begründung (grounding) der Interpretationen aus den Daten soll gewährleistet werden, dass die Theorie sich weiterentwickelt und dabei stets einen Bezug zur Empirie aufweist (vgl. Muckel, 2004)3.

Theoretischer Hintergrund

„Die theoretische Grundlage der Grounded Theory ist der Symbolische Interaktionismus. Diese Herkunft findet ihren Niederschlag in der grund­legenden Annahme, dass im Mittelpunkt der Sozialforschung mensch­liches Handeln und menschliche Interaktionen stehen und dass Handeln und Interaktion nicht durch physikalische Umweltreize, sondern durch unsere symbolvermittelten Interpretationen bestimmt werden" (Legewie, 2004, S.12)4.

Einsatzfeld

Das klassische Anwendungsgebiet der „grounded theory" ist die Feldforschung, in die der Forscher, meist durch teilnehmende Beobachtung, selbst involviert ist (Mayring, 2002, S.106)5.

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Legewie, H. (2004).  11. Vorlesung: Qualitative Forschung und der Ansatz der Grounded Theory.
  3. 3. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  4. 4. Legewie, H. (2004).  11. Vorlesung: Qualitative Forschung und der Ansatz der Grounded Theory.
  5. 5. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Vorgehensweise

Die gegenstandsbezogene Theorie lässt die Konzeptbildung während der Datenerhebung bewusst zu und will sie durchsichtig machen. Daten­erhebung und Auswertung finden gleichzeitig statt. Während der Daten­erhebung kristallisiert sich ein theoretischer Bezugsrahmen heraus, der schrittweise verändert und vervollständigt wird (vgl. Mayring, 2002)1. Parallel zum gesamten Forschungsprozess empfiehlt Strauss das Anfer­tigen sog. Memos (Muckel, 2004)2. Stößt der Forscher während der Feldarbeit auf zentrale Aspekte, so soll er stoppen und ein zugehöriges Memo verfassen (vgl. Mayring, 2002)3.

Memos

Memos (allgemein auch als „Erinnerungshilfe" bezeichnet) sind Merkzettel und bilden das zentrale Instrument der gegenstandsbezogenen Theoriebildung (vgl. Mayring, 2002)4. Alle Kodierungs-Bemühungen (siehe theoretisches Kodieren), Forschungsideen, Forschungspläne usw. werden in Form dieser Memos festgehalten und können entsprechend den verschiedenen Interpretations- und Forschungsanstrengungen verschiedene Inhalte haben (weiterführende Fragen, vorläufige Kategorie-Elaborationen, Dimensionen des gerade bearbeiteten Themas, Zusammenfassungen, Literaturexzerpte, Übertragungsphänomene ...) (vgl. Muckel, 2004)5. Im Folgenden ein Ablaufmodell gegenstandsbezogener Theoriebildung (Mayring, 2002, S. 106)6.

Gegenstandsbezogene Theoriebildung

 

  1. 1. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  2. 2. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  5. 5. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  6. 6. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Theoretisches Kodieren

Die erstellten Memos werden anschließend durch theoretisches Kodieren analysiert. „Durch Kodieren werden einer Textstelle - dem Indikator - ein oder mehrere Kodes (Begriffe, Stichwörter, Konzepte) zugeordnet" (Legewie, 2004, S.15)1. Hierbei geht es darum, die Oberbegriffe für die Entwicklung einer Theorie festzustellen: Solange die Bedeutung der Oberbegriffe (Kategorien) für die Theorie ungewiss ist, spricht man von „Codes"; Codes kann man als vorläufige oder kleinere Kategorien, die bestimmte Aspekte der Daten interpretativ abbilden, verstehen (Muckel, 2004)2. Es gibt drei Codier-Arten:

  • Offenes Kodieren
  • Axiales Kodieren
  • Selektives Kodieren

Offenes Kodieren

Beim offenen Kodieren „werden einzelne Phänomene zu Konzepten und Konzepte zu Kategorien zusammengefasst" (Ellinger, 2004, S. 11)3. Die Daten werden also analytisch „aufgeschlüsselt". Für den Anfang wird empfohlen, einzelne, kurze Textpassagen (Zeile für Zeile) auszuwerten. Später können größere Absätze oder ganze Texte kodiert werden. Theo­riegenerierende Fragen werden an den Text gestellt, um über eine einfache Paraphrasierung hinauszukommen. Folgende Fragen sind rele­vant:

  • Was? Worum geht es hier? Welches Phänomen wird angesprochen?
  • Wer? Welche Personen/Akteure sind beteiligt? Welche Rollen spielen sie?
  • Wie? Welche Aspekte des Phänomens werden angesprochen?
  • Wann? Wie lange? Wo? Wie viel? Wie stark?
  • Warum? Welche Begründungen werden gegeben oder lassen sich erschließen?
  • Wozu? In welcher Absicht? Zu welchem Zweck?
  • Womit? Welche Mittel, Taktiken, Strategien werden zum Erreichen des Ziels verwendet?

Hier nutzt der Forscher sein Hintergrundwissen und erarbeitet als Er­gebnis einen Interpretationstext.

Offenes Kodieren

Axiales Kodieren

Das axiale Kodieren dient der Verfeinerung und Differenzierung schon vorhandener Konzepte und verleiht ihnen den Status von Kategorien (Oberbegriffen). Weiter wird eine Kategorie in den Mittelpunkt gestellt, um ein Beziehungsnetz auszuarbeiten. Für die Bildung einer Kategorie ist vor allem die Beziehung zwischen der Achsenkategorie und den damit in Beziehung stehenden Konzepten von zentraler Bedeutung. Der Schritt des axialen Kodierens lässt sich gut mit dem Verfahren des Concept Mapping vergleichen, dass auf die Ausarbeitung von zentralen Kernkate­gorien und Unterkategorien abzielt und seinen Fokus besonders auf die Erstellung eines durchgängigen Beziehungsnetzes zwischen den Katego­rien richtet.

Beim axialen Kodieren „werden Kategorien auf Verbindungen und Unter­schiede hin untersucht" (vgl. Ellinger, 2004)4. Im Prozess des axialen Kodierens werden folgende Beziehungen und Bedingungen analysiert:

  • Zeitliche und räumliche Beziehungen
  • Ursache-Wirkungs-Beziehungen
  • Mittel-Zweck-Beziehungen
  • Kontext und intervenierende Bedingungen

Axiales Kodieren

Selektives Kodieren

„Beim selektiven Kodieren wird eine zentrale Kategorie, die Schlüs­selkategorie, isoliert und in ihren Bezügen und Verflechtungen mit den übrigen Kategorien und Konzepten dargestellt und analysiert" (Ellinger, S.11, 2004)5. Im Codierstadium des selektiven Kodierens agiert der For­scher vor allem als Autor der bis dahin erarbeiteten Kategorien, Code­notizen, Memos, Netzwerke, Diagramme.

Als zentrale Aufgaben rücken folgende Schritte in den Vordergrund:

  • Es wird ein zentrales Phänomen der Analyse festgelegt. Das zentrale Phänomen wird als Kernkategorie bezeichnet. Es wird während der Forschung die ständige Frage nach den im Mittelpunkt stehenden Phänomenen gestellt.
  • Liegen mehrere gut durchgearbeitete Achsenkategorien („Äste einer Map") vor, kann man davon ausgehen, dass das zentrale Phänomen in seinen wesentlichen Aspekten erfasst wurde, was als „theoretische Sättigung" bezeichnet wird. Anderenfalls empfiehlt sich die Rückkehr zu früheren Stadien des Forschungsprozesses.
  • Eine so gewonnene Theorie hängt vom Grad der Verallgemeinerbar­keit ab. Je abstrakter die entwickelten Kategorien (vor allem die Kernkategorie) sind, desto größer wird der Geltungsbereich der Theorie (vgl. Kromrey, 2002)6.

Selektives Kodieren

 

  1. 1. Legewie, H. (2004).  11. Vorlesung: Qualitative Forschung und der Ansatz der Grounded Theory.
  2. 2. Muckel, P. (2004).  Die Grounded Theory in der Tradition der Münsteraner Schule.
  3. 3. Ellinger, S. (2004).  Grounded Theory als methodischer Zugang für Werteforschung in der Lernbehindertenschule.
  4. 4. Ellinger, S. (2004).  Grounded Theory als methodischer Zugang für Werteforschung in der Lernbehindertenschule.
  5. 5. Ellinger, S. (2004).  Grounded Theory als methodischer Zugang für Werteforschung in der Lernbehindertenschule.
  6. 6. Kromrey, H. (2002).  Vorlesung Qualitative Sozialforschung. Materialien zum Download, Folien aus SS2002, 03.07.03.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Im Verfahren der gegenstandsbezogenen Theoriebildung überschneiden sich Datenerhebung und Auswertung, sodass die Theoriebildung in einem dynamischen Prozess stetig verfeinert wird. Memos bilden das zentrale Instrument gegenstandsbezogener Theoriebildung. Im anschließenden Prozess des theoretischen Kodierens werden die erstellten Memos durch drei Codierarten analysiert: Offenes Kodieren (Zusammenfassung von Phänomenen zu Konzepten und Konzepten zu Kategorien), axiales Ko­dieren (Untersuchung der Kategorien auf Verbindungen und Unter­schiede) und selektives Kodieren (Isolierung einer zentralen Kategorie).

Symbol Buch Literaturtipp

  • Mayring, P. (2002): Einführung in die Qualitative Sozialforschung (S. 103-107).
    (Ein leicht verständlicher Abschnitt über die gegenstandsbezogene Theo­riebildung, der den ersten Einstieg in die Thematik erleichtert.)

Symbol Maus Linktipp

 

III: 5. Sequenzielle Analysen

Allgemeine Informationen

Im vorangegangenen Infoblock wurde mit der gegenstandsbezogenen Theoriebildung eine Auswertungsmethode vorgestellt, die sich von der Gestalt des Textes löst, um Aussagen neu in Kategorien zu ordnen und Theorien zu entwickeln. Sequenzielle Analysen hingegen geben der Gestalt des Textes größere Bedeutung (vgl. Flick, 2002)1 und lassen eine Loslösung von der Struktur und zeitlichen Abfolge des Textes nicht zu: Der Forscher darf keine Kenntnisse aus Prozessen ableiten, die im zeitlichen Verlauf des Falles (des Gespräches, der Biographie etc.) später abgelaufenen sind, um Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten etc. der aktu­ellen Textstelle zu klären. Dies darf er deswegen nicht, weil die Handeln­den über diese Kenntnisse im Verlauf auch noch nicht verfügen. Be­deutungen werden demnach sequentiell aufgeschichtet, wobei Bedeu­tungsalternativen sukzessive ausgeschlossen werden (vgl. Flick, 1995)2 Bekannte Beispiele für sequenzielle Auswertungsverfahren sind: Kon­versationsanalyse, Diskursanalyse, narrative Analysen, objektive Herme­neutik (Flick, 2002, S.287)3.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (1995).  Handbuch der qualitativen Sozialforschung: Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen.
  3. 3. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Konversations- & Diskursanalyse

Konversationsanalyse

Die konversationsanalytische Forschung beschränkte sich zunächst auf Alltagsgespräche ohne spezifische Rollenverteilung, wie etwa Telefonate, Klatsch oder Familiengespräche und beschäftigt sich mittlerweile zu­nehmend mit spezifischeren Rollenverteilungen, wie etwa Arzt-Patient-Interaktionen oder Gerichtsverhandlungen, also Gesprächen, die in einem besonderen institutionellen Kontext stehen. Inzwischen wird die Konversationsanalyse auch herangezogen, um schriftsprachliche Texte und Massenmedien oder Gutachten (also Texte im weiteren Sinne) zu analysieren (vgl. Flick, 2002)1.

Diskursanalyse

Aus der Konversationsanalyse haben sich u.a. die Diskursanalyse (zur Analyse psychosozialer Phänomene wie Gedächtnis und Kognition als soziale und diskursive Phänomene) sowie die Gattungsanalyse (Auswei­tung der konversationsanalytischen Vorgehensweisen auf größere Materialeinheiten und Gesprächsformen) entwickelt (vgl. Flick, 2002)2.

Die Diskursanalyse wird hier nur knapp behandelt, da sie häufig in der Literatur als eine Variante der Konversationsanalyse be­schrieben wird: Als Ausgangspunkt der Diskursanalyse wird häufig die Konversationsanalyse genannt, jedoch richtet sich hier der empirische Fokus stärker auf die Praktiken der Kommunikation und Konstruktion von Versionen des Geschehens in Berichten und Darstellungen. Die Analysegebiete reichen von Alltagsgesprächen über Interviews bis hin zu Medienberichten. Theoretischer Hintergrund der Diskursanalyse ist der soziale Konstruktivismus (vgl. Flick, 1995)3.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Flick, U. (1995).  Handbuch der qualitativen Sozialforschung: Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen.

Narrative Analysen

Theoretischer Hintergrund von narrativen Analysen ist die Orientierung an der Analyse subjektiven Sinns, wozu vor allem narrative Interviews als Erhebungsverfahren verwendet werden.

Einsatzfeld

Narrative Analysen befassen sich mit der Auswertung von Texten, die als schriftlich fixierte Ergebnisse aus narrativen Interviews vorliegen. Deren Anwendungsgebiete liegen vorwiegend in der Biographieforschung.

Analyseverfahren

In der Literatur wird zwi­schen zwei narrativen Analyseverfahren unterschieden (vgl. Flick, 1996)1:

  • Analyse narrativer Interviews zur Rekonstruktion von Ereignissen
  • Analyse narrativer Daten als Lebenskonstruktion

Bei der Analyse narrativer Interviews zur Rekonstruktion von Ereignissen geht man davon aus, dass sich das Erzählte auch tatsächlich so ereignet hat. Die Analyse narrativer Daten als Lebenskonstruktionen richtet ihren Fokus auf Konstruktionen von Ereignissen im Alltag und Alltagswissen (Flick, 1996, S.226)2.

Rekonstruktion von Ereignissen

Die Analyse narrativer Interviews zur Rekonstruktion von Ereignissen  kann in folgende Auswertungsschritte aufgeteilt werden (Heinze, 2001, S.172-176)3:

  1. Formale Textanalyse: Segmentierung nach zeitlicher Abfolge und Aufteilung in Analyseeinheiten.
  2. Strukturelle Beschreibung: Auslegung der einzelnen Segmente, Hin­terfragung ihrer Bedeutungseinheiten.
  3. Gesamtformung: Rekonstruktion der Fallgeschichte, der erlebten Lebensgeschichte.
  4. Wissensanalyse: Einbeziehung der wertenden und theoretischen Se­quenzen, Kontrastierung mit der bisher im Zentrum stehenden Er­zählung.
  5. Kontrastive Vergleichsphase: Kontrastierung mit anderen Lebensge­schichten aus anderen Interviews.
  6. Konstruktion eines theoretischen Modells unter Verwendung sozial­wissenschaftlicher Theoriebestände und Hypothesen.

Lebenskonstruktionen

Hingegen befasst sich die Analyse narrativer Daten als Lebenskonstruktion mit Lebensgeschichten als soziale Konstruktion, die in ihrer konkreten Ausformung auf Mustererzählungen und -lebensgeschichten zurückgreifen, die die jeweilige Kultur anbietet. Eine Interpretation kann wie folgt ablaufen (Flick, 1996, S.225)4:

  1. Transkription des narrativen Interviews,
  2. Darstellung des Textes als eine Einheit,
  3. Unterteilung des Textes in Schlüsseleinheiten der Erfahrung,
  4. sprachliche und interpretative Analyse jeder Einheit,
  5. serielle Entfaltung und Interpretation der Bedeutungen des Textes für die Beteiligten,
  6. Entwicklung einer Arbeitsinterpretation des Textes,
  7. Überprüfung dieser Hypothesen an folgenden Textabschnitten,
  8. Begreifen des Textes als Ganzheit und die Darstellung der verschie­denen Interpretationen, die innerhalb des Textes vorkommen.

 

  1. 1. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..
  2. 2. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..
  3. 3. Heinze, T. (2001).   Qualitative Sozialforschung. Einführung, Methodologie und Forschungspraxis..
  4. 4. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..

Objektive Hermeneutik

"Das Verfahren der objektiven Hermeneutik wurde von U. Oevermann und Mitarbeitern ursprünglich im Rahmen familientherapeutischer und sozialisationssoziologischer Untersuchungen entwickelt" (Oevermann et al. 1979, zitiert nach Lamnek, 1989, S.213)1 und ist vom theoretischen Hintergrund her strukturalistischen Modellen zuzuordnen (vgl. Flick, 1996)2.

Ziel und Besonderheiten

Weiter ist die objektive Hermeneutik ein textanalytisches Verfahren, dessen Ziel es ist, hinter den einzelnen subjektiven Bedeutungsstruk­turen einer Äußerung oder Handlung, die objektiven Bedeutungen, man spricht auch von latenten Sinnstrukturen, festzustellen (vgl. Flick, 2002)3. Ein zentraler Aspekt dieses Analyseverfahrens ist der Einbau von sogenannten Gedankenexperimenten. Der Forscher widmet sich hierzu einer Textstelle (in der eine Handlung aus Sicht des Subjekts beschrie­ben wird) und entwickelt dazu alle denkbaren Bedeutungen der Hand­lung unabhängig vom konkreten Fall. Anschließend wird der konkrete Fall miteinbezogen, um die zutreffende Bedeutung festzustellen. Durch einen späteren Vergleich unterschiedlicher Fälle wird versucht, Schluss­folgerungen allgemeiner Struktureigenschaften von Handlungen zu ge­nerieren (vgl. Mayring, 2002)4.

Einsatzfeld

Das ursprüngliche Anwendungsgebiet der objektiven Hermeneutik war vor allem die Auswertung transkribierter Interviews im Rahmen familien­soziologischer Studien. Im Laufe der Zeit wurde die objektive Hermeneutik auf die Analyse anderer Dokumente aus den Bereichen Kunstwerk und Foto ausgedehnt (vgl. Flick, 2002)5. Dazu gehören u.a. Landschaften, Filme, Bilder und Gemälde, die in Form von Protokollen transkribiert wurden. Aufgrund des aufwändigen Vorgehens (für die Analyse einer Seite ist eine Gruppe von fünf Personen ca. 30 Stunden beschäftigt, um eine 50-seitige Inter­pretation zu schreiben) wird das Verfahren nur für kleinere Material­ausschnitte oder mit erheblichem Ressourceneinsatz verwendet (vgl. Mayring, 2002)6.

Vorgehensweise

In einem ersten Schritt wird eine zentrale Fragestellung festgelegt.  Hier geht es z.B. um die Persönlichkeitsstruktur des Interviewten, die Interaktionsstruktur mit dem Interviewer oder um die Struktur einer Organisation. Die anschließend folgende Grobanalyse befasst sich mit dem Handlungsproblem der Situation und dessen Rahmenbedingungen der Materialgewinnung (handelt es sich z.B. um ein Interview, eine Gruppendiskussion oder eine Therapeut-Patient-Interaktion). Das Kern­stück der Analyse bildet nun die sequentielle Feinanalyse. Hier wird das Material in einzelne Teilstücke zerlegt, dessen Handlungen nacheinander analysiert werden. In diesem Schritt werden mögliche (s.o. Gedanken­experiment) und tatsächliche Bedeutungsgehalte des Materials schritt­weise systematisch verglichen. In der abschließenden Strukturgenera­lisierung werden nun Fälle mit zu Beginn identisch festgelegter Frage­stellung miteinander verglichen und durch Heranziehen weiteren Mate­rials bestätigt (vgl. Mayring, 2002)7. Im Folgenden das Ablaufmodell der objektiven Hermeneutik nach Mayring (2002, S.125)8:

Objektive Hermeneutik

  1. 1. Lamnek, S. (1989).  Band II: Methoden und Techniken. Qualitative Sozialforschung. Band II,
  2. 2. Flick, U. (1996).  Qualitative Forschung. Ein Handbuch..
  3. 3. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  5. 5. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  6. 6. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  7. 7. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  8. 8. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Die in diesem Infoblock vorgestellten Verfahren sequenzieller Auswer­tungsmethoden gehen alle nach einer sukzessiven Vorgehensweise Schritt für Schritt (bzw. Zeile für Zeile) vor: Bei diesen Verfahren ist die Annahme leitend, dass Ordnung Zug um Zug hergestellt wird (Konversa­tionsanalyse), dass Sinn sich im Handlungsvollzug aufschichtet (objekti­ve Hermeneutik) und dass die Gestalt der Erzählung das Erzählte erst in verlässlicher Form zur Darstellung bringt (narrative Analysen).

Symbol Buch Literaturtipp

  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch GmbH. (Das Kapitel über sequenzielle Analysen (S. 287-307) bietet einen gut überschaubaren ersten Einstieg über gängige sequenzielle Auswertungsmethoden an: Konversationsanalyse, Diskursanalyse, narrative Analysen u. objektive Hermeneutik).
  • Reichertz, J. (2002). Die objektive Hermeneutik - Darstellung und Kritik. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 123 - 155). Weinheim: Beltz.

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