Baustein IV: Untersuchungsdesigns qualitativer Forschung

Dieser Baustein IV zeigt verschiedene Untersuchungsdesigns der qualitativen Sozial­forschung auf. Ziel ist es, zu verstehen, unter welchen Designüberlegungen verschiedene Erhebungs- und Auswertungsmethoden der qualitativen Forschung eingesetzt und mit­einander kombiniert werden können. Vorgestellt werden die Grundlagen und Merkmale der Feldforschung, der Einzelfallanalyse, der Delphi-Studie, der Handlungsforschung, des qualitativen Experiments, der qualitativen Evaluationsforschung und des Design-Based Research. Diese Untersuchungsdesigns unterscheiden sich durch ihre Zielsetzung, Ziel­gruppe, bevorzugte Domänen und durch ihren Blickwinkel auf den Forschungsgegen­stand. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, weshalb es sinnvoll ist, verschiedene De­signs als verschiedene „Scheinwerfer" zu begreifen, die jeweils spezifische Besonder­heiten des qualitativen Forschens im Blick haben. Diese Besonderheiten liegen leider nicht immer auf denselben logischen Ebenen, was das Verständnis der unterschiedlichen Designs mitunter erschwert. Es soll vermittelt werden, dass bei qualitativen Designs verschiedenste Erhebungs- und Auswertungsmethoden der qualitativen und der quanti­tativen empirischen Sozialforschung herangezogen und kombiniert werden können.

IV: 1. Feldforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Die Feldforschung ist eine empirische Forschungsmethodik, unter der die systematische Erforschung von Kulturen oder Gruppen in deren natürlichen Lebensraum verstanden wird. Sie ist primär deskriptiv (=beschreibend); das bedeutet, dass detaillierte Informationen über die Verhältnisse in der Umwelt gesammelt und untersucht werden. Darüber hinaus wird bei der Feldforschung darauf geachtet, den Blick­winkel der Untersuchung auf die Gesamtheit der Lebensverhältnisse zu richten und den Gesamtzusammenhang bzw. die bestehenden Be­ziehungen zu betrachten.

Entstehung

Die Feldforschung wird hauptsächlich in Disziplinen wie der Anthropo­logie, der Ethnologie und der Soziologie betrieben. Ihren Ursprung hat die Feldforschung in der Ethnologie. Ausschlaggebend bei der Entwicklung der Feldforschung waren die Studien von Malinowski Anfang des 19. Jahrhundert, gefolgt von den Impulsen aus der Chicagoer Schule von Park um 1920/30 (Bortz & Döring, 1995)1.

Merkmale

Im Gegensatz zur Laborforschung, die eine künstliche Umgebung nur für Untersuchungszwecke schafft, ist es das Hauptanliegen der Feldforschung, die natürliche Umgebung der Probanden zu belassen und lediglich ihr Verhalten und ihre Äußerungen festzuhalten. Das bedeutet, dass die Feldforschung im Lebensraum der Probanden, also im Feld, erfolgt und sich der Forscher in die natürliche Umwelt der Probanden integrieren muss. Dabei soll der natürliche Lebensablauf der Probanden so wenig wie möglich durch den Forscher beein­trächtigt werden. Daneben ist die Intersubjektivität ein weiteres Merk­mal der Feldforschung. Der Forscher muss darauf achten, die zu beobachtenden Personen möglichst neutral zu betrachten. Um diese Vorgehensweise zu gewährleisten ist eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Identität im Feld und die Schärfung des Bewusstseins über die eigene kulturelle Herkunft und kulturelle Vorurteile notwendig.

Methoden in der Feldforschung

Die Feldforschung bedient sich einer Vielzahl von Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung. Das Material kann sowohl durch informelle und formelle Befragung von Probanden als auch durch teilnehmende Beobachtung oder nonreaktive Methoden  zusam­mengetragen werden (Bortz & Döring, 1995). Unter dem Begriff non­reaktive Methode versteht man nach Bortz und Döring (1995) „Da­tenerhebungsmethoden, die keinerlei Einfluss auf die untersuchten Personen, Ereignisse oder Prozesse ausüben, weil a) die Datener­hebung nicht bemerkt wird oder b) nur Verhaltensspuren betrachtet werden" (Bortz & Döring, 1995, S.301). Die gängigste Methode ist die teilnehmende Beobachtung. Als ein Merkmal dieser Methode werden das Notieren und das Festhalten von Beobachtungen, Gedanken und typischen Merkmalen verstanden. Vorteil der teilnehmenden Beobach­tung ist, dass die Ergebnisse nicht durch den Einsatz von Erhebungs­instrumenten verzerrt werden (Mayring, 2002)2. Bei der Feldforschung existieren nach Bortz und Döring (1995) fünf Arbeitsschritte, die bei der Durchführung beachtet werden müssen.

 

  1. 1. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Umsetzungshinweise

Planung

Den ersten Schritt in der Feldforschung bilden Planung und Vorberei­tung. Hierbei geht es um die Eingrenzung des Untersuchungsbereiches und die Generierung von Forschungsfragen. Obwohl die Forschungs­fragen eine tragende Rolle bei der qualitativen Forschung spielen,

werden sie nach Flick (2002)1 bei der Darstellung der Methoden meist vernachlässigt. Aufgrund der offenen Untersuchungsform können bei der Feldforschung die Forschungsfragen auch während der laufenden Studie geändert werden. Des Weiteren muss sich der Forschende in der Phase der Planung eingehende Gedanken über eine Zugangsmöglichkeit zum Feld machen. Es ist wichtig, dass der Forschende eine sinnvolle Rolle in der zu beobachtenden Gruppe einnimmt. Davon hängt ein großer Teil des Erfolges der Forschung ab, da die zugewiesene Position des Forschers im Feld ausschlaggebend ist, welche Informationen der Forscher erhält und welche nicht (Flick, 2002).

Feldeinstieg

Nach Planung und Vorbereitung der Studie muss ein Kontakt zum Feld hergestellt werden. Es wird zwischen offenem, halboffenem und ge­schlossenem Zugang zum Feld unterschieden (Bortz & Döring, 1995)2:

  • Unter offenem Feldzugang versteht man Orte wie beispielsweise Bahnhöfe oder Straßen,
  • unter halboffenem Feldzugang z.B. Institute oder Schulen und
  • unter geschlossenem Feldzugang Wohnzimmer oder Therapie­räume.

Der Einstieg in die zu erforschende Umwelt kann bei offenem oder halboffenem Feldzugang durch Vertiefung bereits bestehender Alltags­kontakte oder durch Teilnahme an Aktivitäten geschehen. Bei ge­schlossenen Feldern muss auf Vermittler aus der zu erforschenden Umwelt zurückgegriffen werden. Diese Art der verdeckten Feldfor­schung und die dadurch entstehende Täuschung der Probanden wird von einigen Forschern als unethisch kritisiert; es sollte also in jedem Fall geklärt werden, ob eine verdeckte Forschung stichhaltig legiti­miert werden kann (Flick, 2002).

Handeln im Feld

Nachdem der Forscher den Zugang zum Feld gefunden hat, folgt das Handeln im Feld. Der Forscher muss sich nun primär auf den Zugang zu Einzelpersonen konzentrieren. Hierzu ist es notwendig, dass er sein bestehendes soziales Netz im Feld erweitert und weitere Beziehungen aufbaut (Flick, 2002).

Datenerhebung

Während der Feldtätigkeit sammelt der Forscher Material im Sinne der Datenerhebung. Das Grundprinzip bei der Datenerhebung ist, dass sie zunächst breit gestreut erfolgt und dann zunehmend auf Einzelaspekte fokussiert. Die Datenerhebung wird mit Hilfe von teilnehmenden Beobachtungen, Befragungen und nonreaktiven Methoden durchgeführt.

Feldausstieg und Auswertung

Abschließend erfolgen der Ausstieg aus dem Feld, die Auswertung und das Anfertigen des Ergebnisberichts (Protokollierung und Aufberei­tung). Durch die im Feld entstandenen sozialen Verbindungen zu den Probanden kann der Ausstieg problematisch werden. Deswegen wird empfohlen, sich schrittweise aus dem Feld zurückzuziehen. Nach dem Rückzug aus dem Feld erfolgt die Phase der Auswertung des ge­sammelten Materials. Hierbei wird entschieden, welche Materialien miteinander verglichen und mit welchen Verfahren die Texte analy­siert werden. Zum Ende hin folgt noch eine Darstellung der Ergeb­nisse.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Beispiel aus der Feldforschung

Ein bekanntes Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum im Zusam­menhang mit Feldforschung ist die Marienthalstudie (Flick, Kardorff, Keupp, Rosenstiel & Wolff, 1991)1:

  • 1930 führten Paul Laszarsfeld und Marie Jahoda eine Studie über "Die Arbeitslosen von Marienthal" durch. Diese Untersuchung be­schreibt die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit in einem kleinen Dorf in Österreich, das durch die Schließung einer Textilfabrik ex­istenziell betroffen war. Der Kontakt zum Feld gelang den For­schern durch die Teilnahme an politischen Aktivitäten, an Kleider­sammlungsaktionen, einer ärztlichen Sprechstunde und dem Ange­bot von Kursen.
  • Dokumentiert wurden bei der Feldstudie die Lebensgeschichten von 32 Männern und 30 Frauen, die Tagesabläufe von 80 Perso­nen, die Mahlzeiten in 40 Familien über eine Woche hinweg. Be­schrieben wurden Weihnachtsgeschenke von 80 Kleinkindern, Gesprächsthemen und Beschäftigungen in öffentlichen Lokalen und die Anzahl der entliehenen Bücher der öffentlichen Bibliothek.
  • Die Beobachtung erfolgte teil- und nicht-standardisiert, indem lediglich Beobachtungsdimensionen festgelegt wurden. Die mögli­chen Ausprägungen auf diesen Dimensionen wurden im Verlauf der Beobachtung ermittelt. Bei der Studie erfolgte die teilnehmende Beobachtung teilweise offen oder verdeckt. Insgesamt verbrachte die Arbeitsgruppe 120 Tage in Marienthal.

Bekannt wurde die Studie wegen der Vielzahl von angewandten Me­thoden. Sie gilt als richtungweisend für methodische Arbeit im deutschsprachigen Raum, da qualitative und quantitative Methoden der Sozialforschung miteinander kombiniert wurden.

 

  1. 1. Flick, U., Wolff S., Kardorff E., Keupp H., & Rosenstiel L. (1991).  Handbuch Qualitative Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteile

Ein Vorteil der Feldforschung - im Vergleich zur Laborforschung - ist es, auf Grund der natürlichen Umgebung, in der die Beobachtung stattfindet, die gewonnenen Daten besser auf das alltägliche Verhalten von Personen zurück zu übertragen. Da die Daten in der realen Umgebung erhoben werden, lassen sich die Ergebnisse leichter auf den eigentlichen Kontext beziehen als dies bei der Laborforschung der Fall ist. Da der Forscher am untersuchten Geschehen persönlich teilnimmt, kann er eigene Erfahrungen sammeln. Diese Erfahrungen können dem Forscher helfen, die Perspektive des Handelnden besser zu verstehen. Zudem nimmt man an, dass sich Probanden eher spontan, normal (also nicht künstlich) verhalten, wie dies bei Laborunter­suchungen oft der Fall ist.

Probleme beim Handeln im Feld

Da sich der Forscher in eine bestehende Gemeinschaft - z.B. eine fremde Kultur - integrieren und Kontakt zu den Personen knüpfen muss, kann es auch zu Problemen kommen. Dem Forscher muss es gelingen, einerseits das Vertrauen der Probanden zu gewinnen und andererseits die nötige emotionale Distanz zu halten, um die „Inter­subjektivität" zu wahren (Lueger, 2004)1. Problematisch bei einer Feld­studie ist die doppelte „Beobachter- und Teilnehmer"-Rolle des For­schers: Einerseits verschafft sich der Forscher als fremder Beobachter Einblicke in Routinen und Selbstverständlichkeiten, die den Probanden nicht mehr auffallen; andererseits bleiben dem Forscher als fremde Person bestimmte Einblicke verwehrt. Durch das Nichteingreifen in laufende Geschehnisse, beispielsweise bei Straftaten während der Felduntersuchung, kann es nach Bortz und Döring (1995)2 zu einem moralischen Dilemma beim Forschenden kommen.

 

 

  1. 1. Lueger, M. (2004).  Grundlagen qualitativer Feldforschung. Methodologie-Organisation-Materialanalyse..
  2. 2. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Ziel der Feldforschung ist es, das Verhalten und die Äußerungen von Personen festzuhalten, um die alltäglichen sozialen Zusammenhänge zu erforschen. Da die natürliche Umgebung der Probanden belassen werden soll, nimmt der Forscher eine Position im Feld ein. Qualitative Feldforschung bedient sich einer Vielzahl von Methoden der empi­rischen Sozialforschung. Hauptmethode ist die teilnehmende Beo­bachtung, bei der die forschende Person offen oder verdeckt am Ge­schehen teilnimmt und sich in das zu untersuchende Feld integriert.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Patry, J.-L. & Dick, A. (2002). Qualitative Feldforschung. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 71-97). Weinheim: Beltz.

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IV: 2. Handlungsforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Mit Lewins eigenen Worten heißt das: „Die für die soziale Praxis erforderliche Forschung lässt sich am besten als eine Forschung im Dienste sozialer Unternehmungen oder sozialer Technik kennzeichnen. Sie ist eine Art Tat-Forschung (action research), eine vergleichende Erforschung der Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen des sozialen Handelns und eine zu sozialem Handeln führende Forschung. Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervor­bringt, genügt nicht. Das bedeutet keinesfalls, dass die hier verlangte Forschung in irgendeiner Hinsicht weniger wissenschaftlich oder ´niedriger´ sei als die für die reine Wissenschaft auf dem Gebiet der sozialen Erscheinungen nötige. Ich bin geneigt, das Gegenteil für wahr zu halten" (Lewin, 1953, S. 280)1.

Entstehung

Handlungsforschung, Aktionsforschung und Tatforschung sind synony­me Übersetzungen des Begriffs „Action Research", den Kurt Lewin in den 1940er Jahren geprägt hat. Lewin wollte damit eine Wissenschaft begründen, deren Forschungsergebnisse unmittelbaren Nutzen für die Praxis haben. Lewin ging es darum, praxisnahe Hypo­thesen aufzustellen und entsprechend dieser Hypothesen sinnvolle Veränderungen im sozialen Feld (social change) durchzuführen, um dann in längerfristigen Studien die Auswirkungen dieser Verände­rungen zu kontrollieren (Huschke-Rhein, 1991;2 Stangl, 2004)3.

Einsatzfeld

Wirft man einen Blick auf die Anwendungsgebiete der Handlungsfor­schung, so macht es Sinn, die ursprüngliche Utopie dieses For­schungsplans zu betrachten. Eigentliches Anliegen war, dass jegliche Forschung nach dem Prinzip der Handlungsforschung vorgeht, dass es durch einen Zusammenschluss aller Handlungsforschungsprojekte zu einem echten sozialen Fortschritt kommt und dass damit die viel be­klagte Kluft zwischen Theorie und Praxis überwunden wird (Mayring, 2002)4.

Einsatz in der Bildungsforschung

Heute blicken wir in diesem Zusammenhang vor allem auf Projekte zurück, die in der Zeit der Bildungsreform der 1970er Jahre statt­fanden und zum Ziel hatten, in Kooperation mit Lehrern und Schüler neue Lehrpläne und Schulversuche umzusetzen und wissenschaftlich zu begleiten. Als weitere Anwendungsgebiete werden Hochschuldidak­tik, Gruppendynamik, Institutionsberatung, Randgruppenarbeit, Ent­wicklungsarbeit etc. genannt (Mayring, 2002). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass immer dann, wenn an konkreten Praxispro­blemen angesetzt wird, um Veränderungsmöglichkeiten zu erarbeiten, Handlungsforschung möglich ist. Aber auch bei praxisferneren Frage­stellungen lassen sich Elemente von Handlungsforschung sinnvoll einbauen, wie z.B. die Rückmeldung der Ergebnisse an die Betroffe­nen.

 

  1. 1. Lewin, K. (1982).  Forschungsprobleme in der Sozialpsychologie II: Soziales Gleichgewicht und sozialer Wandel im Gruppenleben.. (Graumann, C. F., Ed.).Werkausgabe, Bd. 4., 237 - 290.
  2. 2. Huschke-Rhein, R. (1991).  Systemische Pädagogik, Band II, Qualitative Forschungsmethoden.
  3. 3. Stangl, W. (2004).  Handlungsforschung..
  4. 4. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Ziele & Methoden

Ziele

Handlungsforschung zielt darauf ab, praktisch verändernd in gesell­schaftliche Zusammenhänge einzugreifen. Folgende grundlegenden Charakteristika lassen sich anführen (Stangl, 20041; Mayring, 2002)2:

  • Auswahl und Definition von Forschungsgegenständen entspringen nicht vorrangig aus dem Kontext wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern aus konkreten gesellschaftlichen Bedürfnissen - Hand­lungsforschung setzt direkt an konkreten sozialen Problemen an.
  • Forschung wird verstanden als ein gegenseitiger Lernprozess, der sowohl den Forscher als auch den Untersuchten mit einbezieht.
  • Forschung kann nicht wertfrei betrieben werden, d.h. der Forscher ist kein außenstehender objektiver Beobachter, sondern greift parteilich in den Forschungsprozess ein.
  • Handlungsforschung weist einen engen Praxisbezug auf, wobei Forscher und Untersuchter gemeinsam gesellschaftliche und soziale Probleme lösen. Handlungsforschung verlangt letztlich eine zumindest vorübergehende Aufgabe der grundsätzlichen Distanz zum Forschungsobjekt. Befragte und Beobachtete sind im For­schungsprozess gestaltende Subjekte und zudem gleichberechtigt.
  • Ergebnisse des Forschungsprozesses werden umgesetzt, um die soziale Praxis auf Grundlage der Ergebnisse zu verändern und weiter zu entwickeln.

Methoden

In Baustein II wurden bereits Methoden der qualitativen Sozial­forschung vorgestellt. Im Rahmen der Handlungsforschung werden vor allem Methoden ausgewählt, die den Grundgedanken der Hand­lungsforschung folgen und verhindern, dass der Forscher die Feldsub­jekte zu seinen Objekten macht und dadurch ein Abhängigkeitsver­hältnis aufbaut (Moser, 1977)3. Für eine Forschungssituation, die durch die Anwesenheit des Forschers im „Feld" gekennzeichnet ist, sind folgende Methoden (Moser, 1977) typisch: qualitative Experimente, strukturierte oder auch unstrukturierte Beobachtung (ggf. auch mit Aufnahmetätigkeit) und Protokolle mit anschließender Auswertung. Ist der Forscher nicht in der Situation anwesend, greifen typischerweise Methoden wie standardisierte oder auch offene Fragebögen, Inter­views und Dokumentenanalysen.

 

  1. 1. Stangl, W. (2004).  Handlungsforschung..
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Moser, H. (1977).  Praxis der Aktionsforschung. Ein Arbeitsbuch. .

Vorgehensweise

Grundsätzlich ist zu betonen, dass sich der Ablauf eines Handlungs­forschungsprojekts streng nach den vorliegenden Praxisgegebenheiten richtet. Zwei Schritte sind zentral: zum einen die Definition des Praxisproblems und zum anderen das Ziel der angestrebten Praxis­veränderung. Die Vorgehensweise zur Zielerreichung im Rahmen von Forschungsprojekten lässt sich nach Moser (1977)1 als zyklisch be­zeichnen, da die einzelnen Phasen des Forschungsprozesses mehrmals durchlaufen werden. Folgende Phasen werden genannt:

Informationssammlung

Informationssammlung ist die Grundlage eines jeden Projekts, denn die Forschenden benötigen Informationen zur Einschätzung des sozialen Feldes, in dem geforscht werden soll. Nach Moser dienen vor allem vier Informationsquellen als Basis der Forschung: Alltagswissen, Betriebswissen, theoretisches Wissen, aber auch systematische Erhe­bungen, die z.B. im Vorfeld eines Projekts durchgeführt werden. Beispielhaft lässt sich folgende Vorgehensweise anführen: „Wir kop­peln z.B. ein Interview mit Intensivbefragungen von einzelnen Personen, erheben sozial-statistische Daten, untersuchen Zeitschriften und Zeitungen, führen Beobachtungen durch usw." (Moser, 1977).

Diskurs

Der Diskurs baut auf der Informationssammlung auf und will daraus Handlungsorientierungen für das vorliegendene Forschungsprojekt ableiten. An dieser Stelle des methodischen Vorgehens zeigt sich auch die besondere Charakteristik der Handlungsforschung, denn im Gegensatz zu vielen anderen Forschungsansätzen geht es nicht allein um „die methodisch geregelte Erhebung und Auswertung von Daten, um zu gesicherten Ergebnissen zu kommen, vielmehr ist ihr Kenn­zeichen die Argumentation im Diskurs" (Moser, 1977).

Handlungsorientierung

Aus den ersten beiden Phasen der Informationssammlung und des Diskurses können sich bereits Erkenntnisse ergeben, die darauf hinweisen, dass ein anderes bzw. modifiziertes Handeln in den untersuchten Situationen nötig wird. Laut Moser (1977) werden solche erarbeiteten Neuorientierungen als „richtig" und notwendig erachtet und umgehend in der Forschungssituation umgesetzt; sie können jedoch jederzeit angepasst werden, wenn sich im weiteren Projektverlauf neue Perspektiven ergeben, die wiederum Anlass für neue Informations- und Diskursphasen bieten.

Handeln im sozialen Feld

Im konkreten Handeln bzw. bei der Intervention im sozialen Feld ver­suchen Forscher und Betroffene, die erarbeiteten Handlungsorientie­rungen zu realisieren. Der zyklische Aspekt des Modells gewährleistet jedoch, dass sich die Praxis schließlich nicht verselbständigt, sondern immer wieder hinterfragt wird, ob ein gegenseitiger Bezug von Theorie und Praxis als Prinzip der Forschung durchgehalten wird.

Phasen der Feldforschung

  1. 1. Moser, H. (1977).  Methoden der Aktionsforschung. Eine Einführung. .

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Handlungsforschung setzt an Fragestellungen aus der Praxis an und will durch die jeweiligen Forschungsvorhaben nachhaltige Verbesse­rungen für die Praxis erreichen. Handlungsforschung versteht sich als gegenseitiger Lernprozess, an dem Forscher und Betroffene aktiv und gleichberechtigt beteiligt sind. Es gibt viele Forschungssituationen, in denen der Forscher selbst im Forschungsumfeld anwesend ist und zumindest vorübergehend die grundsätzliche Distanz zum Forschungs­objekt aufgibt. Handlungsforschungsprojekte finden sich vor allem zur Zeit der Bildungsreform der 1970er Jahre. Oft wurden hier gemeinsam mit Schülern und Lehrern Projekte gestartet, um in Schulversuchen den pädagogischen Alltag zu verbessern.

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IV: 3. Evaluationsforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Evaluation ist viel mehr als Erfolgskontrolle. Evaluieren bedeutet Entdecken, den verborgenen Wert eines Programms, einer Metho­de oder eines Lernergebnisses wahrnehmen. Evaluieren bedeutet auch Benennen, aus der Vielzahl möglicher Variablen dem We­sentlichen einen Namen geben. Evaluation nimmt einen Wert wahr und gibt einem Wert Wirksamkeit. Evaluation beschreibt Qualität, erschafft Qualität und vermag sie zu legitimieren" (Wesseler, 1999, S. 736)1. Solche Zitate dürfen nicht darüber hinwegtäu­schen, dass es nach wie vor keinen Konsens darüber gibt, was Evaluation heißt, umfasst und leisten kann. Wörtlich übersetzt meint Evaluation schlichtweg Bewertung - letztlich etwas Alltäg­liches, denn vor jeder Entscheidung müssen wir Handlungsalter­nativen bewerten. Im Rahmen der Wissenschaft freilich ist mit Evaluation weniger das intuitive Bewerten gemeint, sondern der systematische und geplante Einsatz verschiedener Modelle, Stra­tegien und Methoden der Bewertung.

Unterschiede bei Definitionen

Evaluation stellt ein eigenständiges wissenschaftliches (multidis­ziplinäres) Feld dar und besitzt eigene Inhalte (das Bewerten) sowie eine eigene innere Logik (Baumgartner, 1999)2. Allerdings wird der Begriff der Evaluation relativ unterschiedlich gebraucht:

  1. Evaluation als angewandte Sozialforschung,
  2. Evaluation als Verbesserung praktischer Maßnahmen,
  3. Evaluation als Bewertung.

Das spiegelt sich auch in verschiedenen Definitionen wieder.

1. Evaluation als angewandte Sozialforschung

„Evaluation ist die systematische Anwendung sozialwissenschaft­licher Forschungsmethoden zur Beurteilung des Konzepts, des Designs, der Umsetzung und des Nutzens sozialer Interventions­programme. Evaluatoren nutzen sozialwissenschaftliche For­schungsmethoden, um die Art und Weise, in der Gesundheits-, Bildungs- und andere soziale Interventionsmaßnahmen durchge­führt werden, zu beurteilen und zu verbessern, angefangen bei der Planungsphase bis hin zur Entwicklung und Umsetzung eines Programms" (Wottawa, 2001, S. 650)3.

2. Evaluation als Verbesserung praktischer Maßnahmen

„Evaluation ist die systematische und zielgerichtete Sammlung, Analyse und Bewertung von Daten zur Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle. Sie gilt der Beurteilung von Planung, Entwick­lung, Gestaltung und Einsatz von Bildungsangeboten bzw. ein­zelnen Maßnahmen dieser Angebote (Methoden, Medien, Pro­gramme, Programmteile) unter den Aspekten von Qualität, Funk­tionalität, Wirkungen, Effizienz und Nutzen" (Tergan, 2000, S. 23)4. In dieser Definition von Evaluation steht das Ziel der Verbesserung praktischer Maßnahmen im Vordergrund.

3. Evaluation als Bewertung

„Die Evaluation hat immer dann ihren Zweck erfüllt, wenn sie die Diskussion um die ´beste´ Maßnahme oderdie ´optimale´ Gestal­tung versachlicht und damit auf eine rationale Grundlage gestellt hat, auf der schließlich auch ein angemessenes Qualitätskonzept aufgebaut werden kann" (Wottawa, 2001, S. 673). Das Beste zu finden, setzt Bewertung voraus, sodass wir hier die oben genannte Aufgabe der Evaluation als Bewertung wiederfinden.

Evaluation und Evaluationsforschung

Hilfreich ist es deshalb, zwischen Evaluation und Evaluationsfor­schung zu unterscheiden:

  • Evaluation als Prozess der Beurteilung eines Produktes, Prozesses oder Programms (auch ohne systematische Verfah­ren und datengestützte Beweise) und
  • Evaluationsforschung als explizite Verwendung von wissen­schaftlichen Forschungsmethoden und -techniken zum Zweck der Durchführung einer Bewertung, wobei der Schwerpunkt auf dem Beweis eines Wertes bzw. Nutzens liegt (vgl. Bortz & Döring, 1995)5.

 

  1. 1. Wesseler, M. (1999).  Evaluation und Evaluationsforschung.. (Tippelt, R., Ed.).Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung..
  2. 2. Baumgartner, P. (1999).  Evaluation mediengestützten Lernens. Theorie – Logik – Modelle. (Kindt, M., Ed.).Projektevaluation in der Lehre – Multimedia in Hochschulen zeigt Profil(e) .
  3. 3. Wottawa, H. (2001).  Evaluation.. (Krapp, A, Weidenmann, B., Ed.).Pädagogische Psychologie. Ein Lehrbuch.. 674-465.
  4. 4. Tergan, S. - O. (2000).  Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick.. (P. Schenkl, Tergan, S.-O., A. Lottmann, Ed.).Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evaluationsmethoden auf dem Prüfstand . 22-49.
  5. 5. Bortz, J., & Döring N. (1995).  Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler.

Funktionen, Modelle & Methoden

Funktionen der Evaluation

Ein zentrales Merkmal, das Evaluation und Evaluationsforschung von anderen wissenschaftlichen Aktivitäten unterscheidet ist, dass Bewertungen nicht vermieden, sondern sogar angestrebt werden. Die  Funktionen des Bewertens wiederum lassen sich wie folgt zusammenfassen (Wesseler, 19991, Tergan, 20002):

  • Geht es um Rechfertigung/Legitimierung liegt eine strategisch-politische Funktion der Evaluation vor: Hier ist Evaluation nach außen gerichtet; man will den Sinn und Nutzen eines Bildungsprogramms, Mediums, Projekts etc. gegenüber An­wendern, Institutionen oder generell gegenüber der Öffent­lichkeit begründen.
  • Geht es um Verbesserung/Optimierung hat man es mit einer Erkenntnis- oder Prüffunktion zu tun: Hier ist Evaluation eher nach innen gerichtet; man will Erkenntnisse über die Effekte eines Mediums, Programms, Projekts etc. generieren, das Wis­sen darüber erweitern und/oder die Wirksamkeit überprüfen, um entsprechende Verbesserungen vornehmen oder verlangen zu können.
  • Geht es um Überwachung/Kontrolle kann man von einer Entscheidungsfunktion sprechen: Hier geht es darum, etwa Schwachstellen eines Programms, eines Mediums etc. aufzu­decken und/oder auf der Basis von Evaluationsergebnissen zwischen verschiedenen Alternativen entscheiden zu können.

Verschiedene Evaluationsmodelle

  • Betrachtet man die Herkunft des Evaluators/der Evaluatoren, sind Selbstevaluationen (hier ist der Evaluator auch Gestalter der Maßnahmen) von Fremdevaluationen (hier kommt der Evaluator von Außen) zu unterscheiden.
  • Betrachtet man den Gegenstand der Evaluation, lassen sich die Prozessevaluation (evaluiert werden Planungs- oder Entwick­lungsprozesse oder Vorgehensweisen) und die Produktevalua­tion (evaluiert wird ein entwickeltes Produkt oder Teile davon) gegenüberstellen.
  • Sehr häufig nimmt man auch eine zeitliche Differenzierung vor: Von einer summativen Evaluation spricht man dann, wenn die Evaluation nach Abschluss einer Maßnahme erfolgt; eine formative Evaluation liegt vor, wenn die Evaluation während der Abwicklung einer Maßnahme erfolgt.

Methoden

Evaluationsforschung bedient sich einer Vielzahl wissenschaftlicher Methoden der quantitativen und qualitativen empirischen Sozialforschung. Hieraus ergeben sich Überschneidungen mit anderen Strategien, denn Evaluationsforschung greift auf keine spezifisch eigenen Methoden zurück. Es können im Prinzip alle Erhebungsmethoden eingesetzt werden, wie sie sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Forschung genutzt werden. Evaluationsmethoden zur Erhebung von Daten und Informationen werden üblicherweise in folgende Kategorien eingeteilt: Dokumentenanalyse, Befragung, Beobachtung, Test und empirische Untersuchung (Tergan, 2000).

 

 

  1. 1. Wesseler, M. (1999).  Evaluation und Evaluationsforschung.. (Tippelt, R., Ed.).Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung..
  2. 2. Tergan, S. - O. (2000).  Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick.. (P. Schenkl, Tergan, S.-O., A. Lottmann, Ed.).Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evaluationsmethoden auf dem Prüfstand . 22-49.

Einsatzfelder

Innerhalb der Evaluationsforschung werden in der Regel folgende Evaluationsfelder unterschieden: Kontext (einschließlich Ziele), Input (im Sinne von Ressourcen), Prozess (bzw. die Qualität des Prozesses) und Wirkungen (gegliedert nach „Output" und „Out­come") (Wesseler, 19991; Tergan, 20002):

Kontext

Zum Kontext gehören die soziokulturellen Rahmenbedingungen dessen, was evaluiert wird, die politischen Strömungen des aktu­ellen zeitlichen Rahmens, die Kultur der Institution, in der eva­luiert wird etc. Dazu kommen noch die Ziele und die Projekt­konzeption zur Zielerreichung. Das Evaluationsfeld „Kontext- und Zielevaluation" gehört in die Planungsphase eines Evaluations­vorhabens.

Input

Unter den Input subsumiert man die vorhandenen materiellen, personellen, finanziellen Ressourcen, die Merkmale und Voraus­setzungen seitens der Nutzer/ Rezipienten/ Lernenden etc. ebenso wie seitens der Verantwortlichen/Produzenten/Lehrenden etc. Auch das Evaluationsfeld „Ressourcenevaluation" gehört in die Planungsphase eines Evaluationsvorhabens.

Prozess

Zum Prozess zählen eingesetzte Medien und Methoden, Lern- und Arbeitsformen, bestehende oder sich entwickelnde Beziehungen, alle Formen von Interventionen etc., deren Qualität beurteilt werden soll. Das Evaluationsfeld „Qualitätsevaluation" hat seinen Platz in der Entwicklungsphase eines Evaluationsvorhabens.

Wirkungen

Mit Wirkungen können sowohl die unmittelbaren Ergebnisse (Output) als auch längerfristige Folgen (Outcome) gemeint sein:

  • Der Output bezeichnet die angestrebten wie auch nicht-in­tendierten Ergebnisse, die sich unmittelbar nach der Inter­vention beobachten lassen. Dies können Lernergebnisse, Ver­haltens- oder Einstellungsänderungen, aber auch institutionelle Resultate sein.
  • Der Outcome (auch: impact) meint die Wirkungen im Sinne längerfristiger Folgen (versus unmittelbarer Ergebnisse): Gemeint sind individuelle Auswirkungen (z.B. Lerntransfer) sowie soziale, kulturelle oder politische Folgen.

 

 

  1. 1. Wesseler, M. (1999).  Evaluation und Evaluationsforschung.. (Tippelt, R., Ed.).Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung..
  2. 2. Tergan, S. - O. (2000).  Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick.. (P. Schenkl, Tergan, S.-O., A. Lottmann, Ed.).Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evaluationsmethoden auf dem Prüfstand . 22-49.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Evaluationsforschung wurde als Forschungsdesign mit dem pri­mären Ziel der Bewertung vorgestellt. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Beachtung der Konsequenzen einer Bewertung - auch aus ethischer Sicht. Evaluation und Evaluationsforschung können voneinander abgegrenzt werden. In der Praxis aber sind die Grenzen fließend. Eine Besonderheit der Evaluationsforschung liegt darin, dass sie keine eigenen Methoden besitzt, sondern je nach Zielsetzung verschiedene empirische Methoden kombiniert. Evaluationen kann man in verschiedenen Phasen einteilen, wobei der Planungsphase besonderer Bedeutung zukommt. Die wich­tigsten Funktionen einer Evaluation sind Legitimierung, Optimie­rung und Kontrolle.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Tergan, S.-O. (2000). Grundlagen der Evaluation: Ein Überblick. In P. Schenkl, S.-O. Tergan & A. Lottmann (Hrsg.), Qualitätsbe­urteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evalua­tionsmethoden auf dem Prüfstand (S. 22-49). Nürnberg: BW Bildung und Wissen.

Symbol Maus Linktipp

  • Hofhues, S. & Reinmann, G. (2009). 10 Jahre business@school - eine Initiative von The Boston Consulting Group. Eine Evaluationsstudie zu Chancen und Potenzialen der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Schule. Im Auftrag von The Boston Consulting Group. Executive Summary. Augsburg: Universität Augsburg, Institut für Medien und Bildungstechnologie - Medienpädagogik. URL: http://www.imb-uni-augsburg.de/files/b@s-summary.pdf

 

 

 

IV: 4. Qualitatives Experiment

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Untersuchungsanordnungen, die der kontrollierten Überprüfung von Hypothesen dienen und hierzu neben der Experimentalgruppe eine Kontrollgruppe einsetzen, bezeichnet man im Allgemeinen als Experi­mente (Schnell, Hill & Esser, 1992)1. Das Experiment gilt als die Krone der Wissenschaft schlechthin, als die einzige Möglichkeit, Kausalzu­sammenhänge aufzudecken (Mayring, 2002)2. Diese Aussage bezieht sich auf das quantitative Laborexperiment, bei dem alle „Störvaria­blen", die neben der untersuchten abhängigen und unabhängigen Variablen sowie interessierenden Moderatorvariablen kontrolliert wer­den. Vertreter eines qualitativen Ansatzes lehnen Laborexperimente ab, weil eine künstliche Laborsituation nicht ermöglicht, den unter­suchten „Gegenstandsbereich" (Mensch) in seinem Kontext und seiner Individualität zu verstehen (Mayring, 2002), wie es das qualitative Paradigma einfordert.

Entstehung

Qualitative Experimente können auf eine lange Geschichte zurück­blicken. Vorläufer finden sich bei Aristoteles, und auch die natur­wissenschaftliche Entwicklung im 17. und 18. Jahrhundert, hier vor allem bei Galileo und Newton, stützt sich auf qualitative Experimente - genannt sei Newtons Pendelversuch. Das qualitative Experiment als Forschungsdesign ist verwandt mit dem Feldexperiment und dem Krisenexperiment der Ethnomethodologie, einem Verfahren, das ver­sucht, Alltagsinteraktionen zu verunsichern bzw. zu verändern, um deren Basisregeln zu eruieren.

Einsatzfeld

Qualitative Experimente sind immer dann sinnvoll, wenn ein Forscher anhand eines bestimmten Gegenstands dessen Strukturen erschließen will und sich diese Strukturen nicht durch „bloßes Hinsehen" intuitiv erschließen lassen. Dann lassen sich experimentelle Bedingungen schaffen und experimentelle Eingriffe vornehmen, um Schlussfolge­rungen hinsichtlich der Natur des Forschungsgegenstands anzustellen. So kann ein qualitatives Experiment zum Beispiel auch im univer­sitären Umfeld durchgeführt werden, um herauszufinden, welche didaktischen Methoden am besten geeignet sind, um Studenten Inhalte näher zu bringen - im Rahmen eines Experiments könnten dann unterschiedliche Methoden getestet und ausgewertet werden.

 

  1. 1. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Merkmale & Umsetzungshinweise

Merkmale eines qualitativen Experiments

Fraglich ist, ob es auch ein „qualitatives" Experiment geben kann. Mit der positiven Beantwortung dieser Frage hat sich vor allem Kleining (1995)1 auseinandergesetzt - er definiert sinngemäß: Das qualitative Experiment ist ein nach wissenschaftlichen Regeln vorgenommener Eingriff in einen (sozialen) Gegenstand zur Erforschung seiner Struktur und stellt die explorative, heuristische Form des Experiments dar. Der Grundgedanke zum qualitativen Experiment lässt sich folgendermaßen definieren: „Das qualitative Experiment versucht, durch einen kontrollierten, gegenstandsadäquaten Eingriff in den Untersuchungs­bereich unter möglichst natürlichen Bedingungen Veränderungen her­vorzubringen, die Rückschlüsse auf dessen Struktur zulassen" (Klei­ning, 1986 zit. nach Mayring, 2002)2. Wesentlich erscheint hier, dass ein Forschungsgegenstand nicht beliebig und grenzenlos manipuliert und auch nicht im Labor konstruiert wird. Ziel ist es, das Experiment unter möglichst natürlichen, der Situation angemessenen Bedingungen durchzuführen (wie z.B. in der Marienthal-Untersuchungen) (Mayring, 2002)3. Entscheidend ist, dass auch beim qualitativen Experiment Kontrollgruppen vorhanden sein müssen. Im Gegensatz zum „echten" Laborexperiment aber erfolgt die Zuordnung der Probanden zu den Gruppen/Bedingungen nicht zufällig.

Idealtypischer Ablauf

Idealtypisch läuft ein qualitatives Experiment folgendermaßen ab:

  1. Deskription des Gegenstandes: Dieser erste Schritt ist wichtig, denn ohne eine möglichst genaue Beschreibung des Gegenstandes kann ein qualitatives Experiment kaum aussagekräftige Ergebnisse zu dessen Struktur erbringen,
  2. experimenteller Eingriff,
  3. Deskription des Gegenstandes nach dem Eingriff,
  4. Schlussfolgerung auf seine Struktur.

Der zweite und dritte Schritt müssen in der Regel mehrmals durch­laufen werden, bis der vierte möglich wird.

 

  1. 1. Kleinig, G. (1995).  Von der Hermeneutik zur qualitativen Heuristik. Lehrbuch entdeckende Sozialforschung. Band I,
  2. 2. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Mayring, P. (2002).  Einführung in die qualitative Sozialforschung.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Qualitative Experimente sehen von einer künstlichen Laborsituation ab, vielmehr wird Wert darauf gelegt, den Untersuchungsbereich in möglichst natürlichen Bedingungen zu belassen und dort das Experiment durchzuführen. Idealtypisch laufen Experimente in vier Schritten ab: Nach der Beschreibung des Gegenstands folgt der experimentelle Eingriff, der Gegenstand wird erneut beschrieben und daran schließen sich Schlussfolgerungen an, die Rückschlüsse auf die eigentliche Struktur des Gegenstandes ermöglichen sollen. Qualitative Experimente sind immer dann einsetzbar, wenn es um die Analyse von Strukturen verschiedener Gegenstandsbereiche geht, die sich nicht einfach, klar und intuitiv beschreiben und erforschen lassen.

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IV: 5. Design-Based Research

Allgemeine Informationen

Enstehung

Design-Based Research (DBR) entstand im Kontext der Lehr-/Lern­forschung: Die Erforschung von Lehren und Lernen mit quantitativen Methoden (vor allem Experimente und Korrelationsstudien) kommt immer dann an seine Grenzen, wenn zu viele Variablen eine kontrol­lierte Untersuchung nahezu unmöglich machen. DBR ist innerhalb der Lehr-/Lernforschung entstanden, weshalb sich dort auch die meisten Begründungen finden; DBR ist aber nicht auf diese Domäne beschränkt. Ziel von DBR ist es, wissenschaftliche und praktische Maßnahmen miteinander zu verbinden, also z.B. Lernumgebungen zu entwickeln und dabei gleichzeitig einen Fortschritt in der Theoriebildung zu erzielen. Der Begriff „Design" soll zum Ausdruck bringen, dass auch der Akt der Gestaltung und Entwicklung von Maßnahmen - wenn er denn auf der Basis bestehender theoretischer und empirischer Erkenntnisse erfolgt - bereits ein Akt der Wissenschaft ist.

Beschreibung

Ähnlich wie die Evaluationsforschung nutzt der DBR einen Methoden-Mix, um das Ergebnis einer Maßnahme zu analysieren und zu verbes­sern. Wichtig dabei ist, dass der Kontext, in dem eine Maßnahme zum Einsatz kommt, ebenfalls Gegenstand der Untersu­chung ist, weil man davon ausgeht, das Kontext und Maßnahmen nur zusammen (in ihrer Interaktion) für beobachtbare Ergebnisse verant­wortlich sind. Die besondere Berücksichtigung des Kontexts soll nicht nur zu einem besseren Verständnis einer Maßnahme und deren Imple­mentationsmöglichkeiten führen, sondern zusätzlich zu besseren theo­retischen Erkenntnissen (hier: über Lehren und Lernen) führen. Eine weitere Abgrenzung zur Evaluationsforschung besteht darin, dass DBR über eine reine Perfektion einer Maßnahme hinausgeht; das wissen­schaftliche Erkenntnisinteresse ist also größer. Bevor DBR mit seinen Untersuchungen beginnt, werden die verfügbare Literatur und bekann­ten Erkenntnisse untersucht und auf Lücken geprüft, um den Wert der Forschungsbemühung zu sichern. Dieses theoriegestützte Vorgehen ist ein wichtiger Grund, um DBR von bloßer Evaluation abzugrenzen.

Einsatzfeld

Für das Design-Based Research Collective (2003, S. 8)1 gibt es vier Bereiche, in denen DBR besonders fruchtbar eingesetzt werden kann:

  • Erkundung von Möglichkeiten für neuartige Lern-/Lehrarrange­ments,
  • Entwicklung kontextualisierter Theorien über Lehren und Lernen,
  • Sammlung von Erkenntnissen zur Konstruktion von Gestaltungs­prinzipien,
  • Erhöhung der Innovationsleistung, denn: DBR fördert die Zusam­menarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg und betont die Zusam­menarbeit von Forschern und Praktikern. Diese Partnerschaften, zusammen mit dem Anspruch, Maßnahmen umfassend zu untersuchen und zu gestalten, führen zu einer Vielfalt an Lösungen.

Ähnliche Ansätze

Unter DBR werden ähnliche Forschungsansätze zusammengefasst, die teilweise unterschiedliche Foki haben, aber in ihren wesentlichen Ideen übereinstimmen. Diese Ansätze sind (Wang & Hannafin, 2004, S. 1f)2:

  • Design Experiments
  • Design Research
  • Development research oder Developmental Research
  • Action Research (Aktionsforschung bzw. Handlungsforschung)

 

  1. 1. Collective, T. D. - B. R. (2003).  Design-Based Research: An Emerging Paradigm for Educational Inquiry.. 5-8.
  2. 2. Wang, F., & Hannafin M. J. (2004).  Using design-based research in design and research of technology-enhanced learning environments.. Annual Meeting of the American Educational Research Association.

Merkmale & Umsetzungshinweise

Kernmerkmale von DBR

Das Design-Based Research Collective (2003)1 nennt folgende zentralen  Merkmale von DBR (siehe auch Wang & Hannafin, 2004)2:

  • Die beiden Ziele „Gestaltung von Lernarrangements" und „Entwick­lung von Theorien" sind eng miteinander verknüpft.
  • Entwicklung und Forschung finden zusammen in einem kontinu­ierlichen Kreislauf von Gestaltung, Umsetzung/Durchführung, Über­prüfung und Überarbeitung statt.
  • DBR führt zu Theorien, die Praktikern relevante Folgerungen er­möglichen. Das heißt: Die Ergebnisse der Forschung sollen daran gemessen werden, inwieweit sie für die Praxis von Interesse sind und inwieweit sie die Praxis verbessern können.
  • DBR darf nicht nur Erfolg/Misserfolg einer Maßnahme dokumentie­ren. Sie muss auch klären, wie ein Design in der Praxis wirkt und dabei Interaktionen zwischen Elementen der Maßnahme und des Kontexts berücksichtigen.
  • DBR sieht einen engen Zusammenhang zwischen Kontext und Maß­nahme. Deshalb sollen die Prozesse der Durchführung dokumentiert und mit den Ergebnissen verknüpft werden.

Zyklischer Ablauf

DBR ist eine Forschungsstrategie, die die (pädagogische) Praxis ver­bessern soll. Sie bedient sich eines systematischen und wiederholten, kreislaufförmigen (zyklischen) Einsatzes von Gestaltung (design), Um­setzung/Durchführung meist im Feld (enactment), Überprüfung (ana­lysis) und Überarbeitung (redesign), wobei Forschung und Entwicklung gleichzeitig stattfinden. Sie basiert auf theoriegeleiteter Gestaltung, enger Kooperation mit Praktikern, Arbeit in realen Feldern und führt zu spezifischen (local) Gestaltungsgrundsätzen und verallgemeinerbaren (global) Theorien (vgl. Wang & Hannafin, 2004, S.2). Innerhalb dieses Kreislaufs wird eine Theorie schrittweise aufgestellt und zunehmend ergänzt. Grundlage hierfür sind nicht nur die gesammelten Daten, sondern auch die Erfahrungen aus der Implementation.

Forschungsergebnisse

Der tatsächliche Forschungsprozess, die gewonnenen Erkenntnisse und Abweichungen vom ursprünglichen Forschungsplan werden genau dokumentiert. So können andere Forscher nicht nur nachvollziehen, wie die Erkenntnisse bzw. Innovationen zustande kamen, sondern auch unter welchen Bedingungen. Auch die Gründe, aus denen von einem Forschungsplan abgewichen wurde, sollen als relevante Erkenntnis aufgefasst werden.

 

  1. 1. Collective, T. D. - B. R. (2003).  Design-Based Research: An Emerging Paradigm for Educational Inquiry.. 5-8.
  2. 2. Wang, F., & Hannafin M. J. (2004).  Using design-based research in design and research of technology-enhanced learning environments.. Annual Meeting of the American Educational Research Association.

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Im Vordergrund von DBR steht ursprünglich die theoriegeleitete Ge­staltung von Lernarrangements und die Gewinnung und Verfeinerung sowohl von Gestaltungsprinzipien als auch von Theorien. DBR ist jedoch nicht auf Lernen beschränkt. Ziel ist die Verknüpfung prak­tischer Verbesserungen und verallgemeinerbarer theoretischer Aus­sagen. DBR geht über das Erkenntnisinteresse von Ansätzen wie z.B. der Evaluation hinaus, indem Kontextbezug und Theorieentwicklung betont werden. Dabei sollen zusätzlich zur Beschreibung oder Kontrolle des Kontextes Verflechtungen und Interaktionen erfasst und analysiert werden, um die Wirkung von Maßnahmen besser verstehen zu können. Ähnlich wie bei der Handlungsforschung achtet man im DBR auf eine enge Zusammenarbeit mit Praktikern und auf eine Generierung praktisch relevanten Wissens.

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IV: 6. Einzelfallforschung

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Im Mittelpunkt der Einzelfallforschung steht der einzelne Mensch als Individuum oder eine einzelne soziale Einheit wie eine Gruppe oder eine Organisation. Es handelt sich bei der Einzelfallforschung um einen eigenständigen Forschungsansatz, nicht um eine spezifische

Erhebungstechnik (Lamnek, 1995)1. Einzelfallstudien werden unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten herangezogen: Zum einen dienen sie zur Entwicklung theoretischer Konzepte oder einzelner Hypothe­sen (Hypothesengenerierungs-Modell), zum anderen zur Erkundung des Forschungsfeldes, zur Überprüfung und Verbesserung von For­schungsmethoden sowie zur Vertiefung bereits gewonnener gene­reller Aussagen (Schnell, Hill & Esser, 1992)2.

Entstehung

Die historischen Ursprünge des einzelfallorientierten Denkens gehen bis in die Antike zurück und liegen in der Philosophie, der Theologie und der Rechtswissenschaft (Kraimer, 1995)3. Heutzutage findet man die Einzelfallforschung vor allem in der soziologischen Biographiefor­schung, der Pädagogik und der Psychologie.

Der Begriff „Einzelfall"

Der Begriff „Einzelfall" kann sich auf einzelne Personen oder einzelne soziale Einheiten beziehen:

  • Soziale Einheiten sind mehrere Personen im Sinne von Gruppen, Vereinen, Unternehmen, Kulturen oder ganzen Gesellschaften.
  • Einzelne Personen sind Individuen, beispielsweise mit seltenen Krankheiten oder anderen einzigartigen Merkmalen.

 

 

  1. 1. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung. Die biographische Methode, Bd2. .
  2. 2. Schnell, R., Hill R. B., & Esser E. (1992).  Methoden der empirischen Sozialforscung.
  3. 3. Kraimer, K. (1995).  Die Einzelfallstudie mit Bibliographie zur qualitativen Sozialforschung. (E. König, P. Zedler, Ed.).Bilanz qualitativer Forschung.

Merkmale & Umsetzungshinweise

Bedeutung der Ganzheitlichkeit

Die Einzelfallforschung bemüht sich um eine systematische Unter­suchung von sozialen Tatbeständen.

Die Einzelfallforschung wird herangezogen, um einen ganzheitlichen, realistischen, authentischen und kommunikativen Zugang zur sozialen Umwelt zu schaffen und der Alltagssituation möglichst nahe kommen (Kraimer, 1995)1. Während des gesamten Analyseprozesses soll der Rückgriff auf den Fall in seiner Ganzheit und Komplexität erhalten bleiben, um so zu genaueren und tiefgreifenderen Ergebnissen zu gelangen.

Rekonstruktion von Handlungsmustern

Ein weiteres Ziel besteht darin, einen besseren Einblick in das soziale Zusammenwirken der Gesellschaft zu bekommen. Auf der Grundlage von realen Handlungen will man Handlungsmuster wis­senschaftlich rekonstruieren. Dafür ist es notwendig, detaillierte und genaue Beschreibungen der Struktur einer typischen Situation (z.B. Gesellschafts- oder Organisationsstrukturen) wiederzugeben. Des Weiteren soll die gewonnene Erkenntnis über den Einzelfall hinaus­gehen und generalisierbare Aussagen ermöglichen. Bei der Daten­analyse in Einzelfallanalysen wird die Sequenzanalyse als das grund­legende Prinzip genannt. Ziel der Datenanalyse ist es, die Struktur des Einzelfalls im sequenziellen Ablauf der Reproduktion zu verfol­gen (Flick, Kardorff, Keupp, Rosenstiel & Wolff, 1991)2. Weitere Aus­wertungsverfahren sind z.B. die objektive Hermeneutik, die Konver­sationsanalyse (Kraimer, 1995) oder die Grounded Theory.

Materialien

Untersuchungs-Materialien, die man bei der Einzelfallanalyse ver­wenden kann, sind beispielsweise

Protokolle gesellschaftlicher Sach­verhalte (Fallakten, Memoiren, Nachrufe), Dokumentationen krisen­hafter Verläufe (Krankengeschichten, Anamnesen), belegte Fall- oder Lebensgeschichten (Briefe, Tagebücher, weblog) u.a. (Lamnek, 1995)3.

Methoden

Die Auswahl des zu untersuchenden Falles ergibt sich aus der Fragestellung des Vorhabens. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass möglichst viele Informationen über das Feld gesammelt werden (Flick et al., 1991)4. Um ein facettenreiches Bild zeichnen und Fehler minimieren zu können, wird die Fallstudie üblicherweise multime­thodisch angelegt. In der Einzelfallforschung kann also prinzipiell mit allen Methoden der empirischen Sozialforschung gearbeitet werden (Kraimer, 1995). In der quantitativen Forschung werden eher kon­trollierende Techniken (z.B. standardisierte Interviews) angewandt; in der qualitativen Forschung werden kommunikative und offene Wege (Gruppendiskussion, narratives Interview, Beobachtung) be­vorzugt. In bestimmten Situationen der Einzelfallforschung kommen aber auch quantitative Erhebungs- und Auswertungsmethoden zum Einsatz. Die Methodik der Einzelforschung ist in der Regel wenig oder nicht-standardisiert, da sie an den zu untersuchenden Gegen­stand angepasst werden soll.

 

  1. 1. Kraimer, K. (1995).  Die Einzelfallstudie mit Bibliographie zur qualitativen Sozialforschung. (E. König, P. Zedler, Ed.).Bilanz qualitativer Forschung.
  2. 2. Flick, U., Wolff S., Kardorff E., Keupp H., & Rosenstiel L. (1991).  Handbuch Qualitative Sozialforschung.
  3. 3. Lamnek, S. (1995).  Qualitative Sozialforschung. Die biographische Methode, Bd2. .
  4. 4. Flick, U., Wolff S., Kardorff E., Keupp H., & Rosenstiel L. (1991).  Handbuch Qualitative Sozialforschung.

Vor- & Nachteile

Vorteil

Der Vorteil der qualitativen Einzelfallforschung ist, dass seltene Phänomene (z.B. eine seltene Krankheit) beschrieben und näher ergründet werden können.

Frage der Generalisierbarkeit

Ein Hauptproblem bei der Einzelfallforschung ist die Generalisier­barkeit der Ergebnisse: Denn auch der Einzelfall soll Erkenntnisse liefern, die auf vergleichbare Personen/Gruppen/Gesellschaften übertragbar sind. An einem Einzelfall sollen stellvertretend für ver­gleichbare Personen/Gruppen/Gesellschaften Erkenntnisse gewon­nen werden. Dazu müssen die Lebensverhältnisse und die bestehen­den Beziehungen betrachtet und vermeintlich hervorstechende Ein­zelmerkmale (Dimensionen) oder Eigenschaften eines Falls abstra­hiert werden. Genau da setzen viele Kritikpunkte an. Ein Hauptproblem bei Fallanalysen ist zudem, dass zugrunde gelegte Le­bensgeschichten (im Falle der biografischen Fallanalysen) subjekti­ven Verzerrungen unterworfen sein können.

 

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Ziel der Einzelfallforschung ist es, einen genauen Einblick in das Zu­sammenwirken einer Vielzahl von Faktoren zu bekommen, die „Ganzheit" von Phänomenen zu erfassen und typische Handlungs­strukturen zu rekonstruieren. Zu den Untersuchungsgegenständen einer Einzelfallstudie zählen neben einem einzelnen Individuum auch einzelne Gruppen, Kulturen, Institutionen oder Organisationen. Das Material der Einzelfallstudie sind u.a. Tagebücher oder wichtige Lebensdaten (z.B. bei einer seltenen Krankheit); letztlich aber kann die gesamte Methodik der empirischen Sozialforschung auf einen Einzelfall angewandt werden; im Vordergrund stehen dabei nicht-standardisierte Verfahren.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Kraimer, K. (2002). Einzelfallstudien. In E. König & P. Zedler (Hrsg.), Qualitative Forschung, 2. Aufl. (S. 213-232). Weinheim: Beltz.

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IV: 7. Delphi-Studie

Allgemeine Informationen

Beschreibung

Bei der Delphi-Methode handelt es sich um ein Entscheidungsver­fahren, eine strukturierte Gruppenkommunikation, deren Ziel es ist, aus Einzelbeiträgen der an der Delphi-Studie beteiligten Personen konsensorientierte Lösungen für komplexe Probleme zu erarbeiten. Sie findet besonders dann Anwendung, wenn es um die Einschätzung und Vorhersage von Sachverhalten geht, die nicht direkt abgebildet werden können, da sie nicht aktuell präsent oder real existent sind (z.B. weil sie in der Zukunft oder Vergangenheit liegen). Oft sind kreative Leistungen von Experten unterschiedlichster Fachrichtungen gefragt. Bei den meisten Delphi-Studien liegt der Zeithorizont in der Zukunft (10 oder mehr Jahre). Die Grundidee der Delphi-Methode liegt darin, über mehrere Befragungswellen Expertenmeinungen zu definierten Problemstellungen einzuholen und diese Erkenntnisse z.B. für einen Blick in die Zukunft oder als Entscheidungshilfen zu nutzen (Reinmann-Rothmeier & Mandl, 19981; Häder & Häder, 20002).

Definitionen

Eine einheitliche Definition der Delphi-Methode lässt sich kaum aus­machen. Schon 1975 stellte Sackman bei einer Auswertung von 150 Studien fest, dass es keine anerkannte Arbeitsdefinition für diese Methode gibt (Häder & Häder, 2000). Die Vielfalt ist begründet durch viele unterschiedliche Erwartungen an die Anwendung der Methode. So sehen eine Reihe von Autoren die Delphi-Technik allgemein als „Instrument zur verbesserten Erfassung von Gruppenmeinungen bzw. zur Steuerung der Gruppenkommunikation" an (Häder & Häder, 2000, S. 12). Andere betonen eher das Leistungsvermögen von Delphi-Studien als Methode zur Problemlösung. Häder und Häder (2000) betonen aus heutiger Sicht eine Entwicklung in der Charakte­risierung von Delphi: „Während zunächst die gruppendynamischen Merkmale für die Bestimmung des Wesens von Delphi zentral waren, betonen neuere Bestimmungen stärker den Problemlösungscharakter bzw. den Umgang mit Ungewissheit" (Häder & Häder, 2000, S. 13).

Entstehung

Die Delphi-Methode wurde erstmals Anfang der 1950er-Jahre in einer von der Air Force finanzierten RAND (Zusammenführung der Begriffe research und development) Corporation Studie eingesetzt, dort als „Project Delphi" bezeichnet und diente der Landesverteidigungsfor­schung. Im Rahmen von 14 Experimenten nutzte die Corporation die Methode, um mögliche Ziele sowjetischer Angriffe auf die USA abzuschätzen. Bekannt wurde Delphi schließlich durch einen 1964 ebenfalls von der RAND Corporation erarbeiteten „Report on a Long Range Forecasting Study". Das Ziel dieser Studie bestand in einer langfristigen Vorhersage wissenschaftlicher und technischer Entwick­lungen.

Einsatzfeld

Die Anwendbarkeit der Delphi-Methode erstreckt sich auf viele Ge­biete; einige haben sich aber im Lauf der Zeit als „typisch" herausgestellt (Häder & Häder, 2000):

  • Wissenschafts- und Technologie-Entwicklung
  • Bildungswesen (z.B. Hochschulforschung)
  • Tourismus
  • Gesundheitswesen
  • Politik

 

  1. 1. Reinmann-Rothmeier, G., & Mandl H. (1998).  Wissensmanagement. Eine Delphi-Studie. .
  2. 2. Häder, M., & Häder S. (2000).  Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. .

Merkmale & Umsetzungshinweise

Die „Paper-and-pencil version" (Häder & Häder, 2000)1, welche man als klassisches Delphi-Design bezeichnet, verfügt über einige Cha­rakteristika bzw. Stufen, nämlich die Mehrstufigkeit des Delphi-Pro­zesses, die schrittweise Erarbeitung einer tragfähigen Gruppenant­wort, Befragung von Experten und Anonymität der Einzelantworten.

Mehrstufigkeit des Delphi-Prozesses

Per Verwendung formalisierter Fragebogen oder Interviews werden Experten gebeten, mehrfach nacheinander ihr individuelles Urteil unabhängig von dem der anderen Experten zu bilden. In einer ersten Befragungsrunde erhalten die Teilnehmer meist eine oder mehrere offene Fragen zum Thema. Aus den Einzelurteilen der ersten Stufe werden bestimmte Informationen ermittelt, welche die Experten als erste Rückkopplung bzw. Rückmeldung zum Start der zweiten Runde erhalten. Diese Informationen werden dann durch Beantwortung neuer Fragen einer weiteren Bewertung unterzogen. Durch die von der Prozessleitung gesteuerte Rückkopplung haben die Experten immer wieder die Möglichkeit, ihr vorheriges Urteil zu überdenken und Informationen zu berücksichtigen, die der eine oder andere zuvor übersehen oder für nicht wesentlich erachtet hat.

Schrittweise Erarbeitung einer tragfähigen Gruppenantwort

Die Rückkopplung bewirkt, dass die informationellen Ausgangs­situationen der Experten von Stufe zu Stufe immer mehr angeglichen und Unterschiede der Einzelurteile abgebaut werden. Eine Annä­herung der Einzelurteile im Lauf der Befragungsrunden ist zu er­warten, und tatsächlich konnte in den meisten durchgeführten Delphi-Studien eine solche Konvergenz festgestellt werden.

Befragung von Experten

Es liegt in der Natur der Sache, dass Prognosen spekulativen Charak­ter haben. Hinsichtlich der Verlässlichkeit der Prognose muss somit versucht werden, den Anteil der Spekulation insgesamt auf niedrigem Niveau zu halten; deshalb werden nur Experten zu Prognosen aus ihrem Fachgebiet herangezogen (Becker, 1974)2. Zu beachten ist die Anzahl der ausgewählten Experten: Nach Dalkey (1958, zit. nach Becker, 1974)3 nimmt mit zunehmender Gruppengröße sowohl der durchschnittliche Gruppenirrtum ab als auch die Zuverlässigkeit der Gruppenurteile zu. Als Mindestumfang werden hier sieben Experten vorgeschlagen.

Anonymität der Einzelantworten

Wesentlich für die Delphi-Methode ist, dass die Methode keine of­fenen Gruppen-diskussionen kennt - die Mitglieder der Gutachter­gruppe, deren Einzelurteile das Gesamturteil bilden, bleiben unterei­nander anonym und geben ihr jeweiliges Urteil isoliert voneinander ab. Diese Anonymität ist Grundvoraussetzung für erfolgreiches Arbeiten mit der Delphi-Methode, da sie dazu beiträgt, gruppen­konformes Verhalten der Gutachter zu verhindern. Dalkey (1958, zit. nach Becker, 1974) konnte experimentell nachweisen, dass ohne Wahrung der Anonymität das Urteil nach der Diskussion weniger genau ist als der Durchschnitt der Meinungen, welche die Mitglieder der Diskussionsrunde vor der Diskussion vertraten.

 

  1. 1. Häder, M., & Häder S. (2000).  Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. .
  2. 2. Becker, D. (1974).  Analyse der Delphi-Methode und Ansätze zu ihrer optimalen Gestaltung. Dissertation an der Universität Mannheim. .
  3. 3. Becker, D. (1974).  Analyse der Delphi-Methode und Ansätze zu ihrer optimalen Gestaltung. Dissertation an der Universität Mannheim. .

Varianten & aktuelle Bedeutung

Delphi-Konferenz

Neben diesen grundsätzlichen Charakteristika ist zu konstatieren, dass in jüngerer Zeit zahlreiche Varianten eingesetzt werden, die auf ausgewählte Elemente des klassischen Designs zurückgreifen oder andere modifizieren bzw. auslassen. Ein solches Beispiel ist die Delphi-Konferenz.

Bei der Delphi-Konferenz (auch Echtzeit-Delphi genannt) wird das Forschungsteam durch einen Computer ersetzt, der die Einzelbeiträge mit problemspezifischen Auswertungsprogrammen zusammenfasst. Der Vorteil dieser Variante ist, dass sie zu einer erheblichen Zeit- und Kostenersparnis führen kann, wenn die Computer der Konferenz­teilnehmer mit dem „Leitcomputer" vernetzt sind.Sie setzt allerdings voraus, dass das anstehende Problem in hohem Maße formal strukturierbar und am PC umzusetzen ist. Für Problemerkundungen scheint diese Form wenig geeignet.

Aktuelle Bedeutung der Delphi-Studie

Warum das Interesse an Delphi in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen hat, führen Häder und Häder (2000)1 auf vier Aspekte zurück:

  • Weitreichende Entscheidungen in Wirtschaft und Wissenschaft müssen von immer mehr Experten vorbereitet und getragen werden.
  • Experten mit Universalwissen werden seltener. An deren Stelle tritt eine Anzahl hoch spezialisierter Fachleute für einzelne Gebiete (Expertengremien).
  • Zu treffende Entscheidungen werden immer komplizierter und komplexer, auch der Zeithorizont wird wesentlich weiter.
  • Weitreichende Entscheidungen sind oft mit hohen Kosten ver­bunden.

All diese Aspekte lassen sich auf das grundlegende Interesse zu­rückführen, Entscheidungen, die bisher auf unsicherem Wissen ba­sieren, durch die Delphi-Methode zu qualifizieren. Besonders bei komplexen Problemstellungen mit weit in die Zukunft reichendem Prognosecharakter, für die nur bedingt auf objektive Informationen oder Daten zurückgegriffen werden können, ist die Delphi-Methode oft eine der wenigen überhaupt durchführbaren Schätzmethoden.

 

  1. 1. Häder, M., & Häder S. (2000).  Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. .

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Eine Delphi-Studie wird als Entscheidungsverfahren definiert, das versucht, über mehrere Befragungsrunden zukünftige Sachverhalte, Ereignisse oder Problemstellungen einzuschätzen. Mittels anonymen Befragungen werden Experten zum Untersuchungsthema befragt, um schließlich konsensfähige und inhaltlich tragfähige Prognosen errei­chen zu können. Genutzt werden zu Beginn der Untersuchung Frage­bögen mit offenen Fragen, die Ergebnisse der ersten Runde werden jeweils ausgewertet, den Experten rückgemeldet und in die neue Befragungsrunde integriert. In weiteren Runden werden die Fragen konkreter und auch geschlossener, die einzelnen Experten können hier ihre Urteile angesichts der Meinungen anderer immer wieder abwägen und tragen zu einer Herleitung von Prognosen bei. We­sentlich dabei ist die Anonymität der Experten, um gegenseitige Be­einflussung zu vermeiden.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Balzer, L. (2006). "Wie werden Evaluationsprojekte erfolgreich?" - Ergebnisse einer Delphistudie. In W. Böttcher, H.G. Holtappels & M. Brohm (Hrsg.), Evaluation im Bildungswesen - Eine Einführung in Grundlagen und Praxisbeispiele (S.123-135). Weinheim: Juventa.

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