Baustein V: Grundzüge qualitativen Forschens

Ziel dieses Bausteins ist es, noch einmal abschließend einen kritischen Blick auf Chancen und Risiken der qualitativen Forschung zu werfen und wichtige Fragen wie die der Validität und der Triangulation noch einmal zu beleuchten (die bereits an anderen Stellen gestreift wurden). Neben den offensichtlichen Vorzügen sollen an dieser Stelle auch die Schwierigkeiten und „Fallen" der qualitativen Sozialforschung angesprochen werden. Des Weiteren soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten der Kombination qualitativer und quantitativer Forschung möglich sind - Kombinationsmöglichkeiten, die deutlich machen, dass ein striktes Gegeneinander zwischen den beiden Forschungsparadigmen nicht sinn­voll ist. Abschließend wird kurz darauf verwiesen, auf welche Weise auch qualitative Forscher auf die neuen Medien (also auf unterstützende Software) zurückgreifen können.

V: 1. Einschätzung qualitativer Forschung

Gibt es „DIE" qualitative Forschung?

Heterogenität qualitativer Forschung

Insbesondere der Baustein II hat mit seinen verschiedenen Untersu­chungsdesigns deutlich gemacht, dass der Begriff „qualitative Sozial­forschung" allenfalls einen kleinen gemeinsamen Nenner für eine Viel­zahl wissenschaftlicher Vorgehensweisen darstellt. Zwar gibt es - wie Baustein I gezeigt hat - immer wieder Versuche, grundlegende Merk­male, Gütekriterien und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung zu formulieren, die insbesondere für eine nachvollziehbare Forschungs­praxis von hohem Wert sind. Allerdings darf dies nicht darüber hin­wegtäuschen, dass die qualitative Forschung eine Vielzahl verschiede­ner Herangehensweisen an die wissenschaftliche Untersuchung von Forschungsfragen umfasst (vgl. Lamnek, 19881; Mruck, 20002): Einige qualitative Verfahren drehen sich um das Ziel, den subjektiv gemein­ten Sinn nachzuvollziehen; hier stehen das Subjekt und seine Deu­tungsmuster und Handlungsmöglichkeiten im Vordergrund. Andere qualitative Verfahren wollen vor allem soziales Handeln und soziale Milieus beschreiben; hier geht es weniger um Interpretation als viel­mehr um den Versuch, Phänomene möglichst detailgetreu zu erfassen und auf diesem Weg auch zu verstehen. Schließlich gibt es qualitative Verfahren (vor allem im Rahmen der objektiven Hermeneutik), die darauf abzielen, deutungs- und handlungsgenerierende Strukturen zu rekonstruieren. Daneben existieren zahlreiche andere Richtungen, die sich unter anderem in den verschiedenen Untersuchungsdesigns quali­tativer Forschung und deren teilweise voneinander abweichenden Zielsetzungen zeigen.

Mangel an einheitlichen Definitionen

Die qualitative Forschung gibt es also nicht. Man muss schon genauer sagen, wovon man spricht, wenn man die qualitative Sozialforschung ins Feld führt. Allerdings: Es gibt ebenso wenig die quantitative For­schung. Für beide Paradigmen findet man keine wirklich einheitliche Definition (Wolf, 1995)3. Folgerichtig sind dichotom formulierte Gegen­überstellungen von quantitativer und qualitativer Forschung zwar ein erster Schritt zur Abgrenzung und zum Verständnis (wie in Baustein I dargestellt), aber letztlich nur wenig für eine differenzierte Auseinan­dersetzung um die Frage nach dem Nutzen quantitativer und qualita­tiver Methoden geeignet. Auf einen knappen Nenner gebracht geht es der quantitativen Forschung um die Untersuchung von Merkmalen, deren Häufigkeiten und korrelative oder kausale Zusammenhänge, wobei vor allem über die Stichprobenwahl eine Verallgemeinerung auf die Grundgesamtheit erfolgt. Demgegenüber (wenn man denn gegen­überstellen will) geht es der qualitativen Forschung um die Untersu­chung von Lebenswelten und Interaktionsprozessen, bei der Verallge­meinerungen auf anderen Wegen als repräsentative Stichprobenzieh­ungen versucht werden (z.B. Treumann, 1986)4.

 

  1. 1. Lamnek, S. (1988).  Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie..
  2. 2. Mruck, A. (2000).  Qualitative Sozialforschung in Deutschland.
  3. 3. Wolf, W. (1995).  Qualitative versus quantitative Forschung. (E. König, P. Zedler, Ed.).Bilanz qualitativer Forschung. Bd. I: Grundlagen qualitativer Forschung.. 308-329.
  4. 4. Treumann, K. (1986).  Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. (Heitmeyer, W., Ed.).Interdisziplinäre Jugendforschung. 199-220.

Nutzen & Grenzen qualitativer Forschung

Nutzen der qualitativen Forschung

Vor diesem Hintergrund ist natürlich auch der Nutzen der qualitativen Forschung nicht mit Pauschalurteilen abzuhandeln: Der Nutzen qualitativer Methoden ergibt sich vor allem mit der Passung der ge­wählten Methoden zum Untersuchungsgegenstand und zu den damit verbundenen wissenschaftlichen Zielen. Durch den Einsatz von quali­tativen Methoden gewinnt Forschung aber in jedem Fall an Offenheit - Offenheit für das untersuchte Phänomen und die daran beteiligten Menschen. Ohne Zweifel kann qualitative Forschung daher Ergebnisse liefern, die näher am Alltag und an drängenden praktischen Fragen orientiert sind als dies bei quantitativen Untersuchungen in der Regel der Fall ist (was man auch als ökologische Validität bezeichnet; s.u.). Damit hängt auch der Vorzug der qualitativen Forschung zusammen, dass der Kontext untersuchter Phänomene nicht ausgeblendet oder kontrolliert, sondern als wichtiger Bestandteil in den Forschungsprozess integriert wird. Auch dies macht die praktische Brauchbarkeit erzielter Ergebnisse im Allgemeinen größer. Positiv hervorzuheben ist zudem die Forderung, das Vorverständnis im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung offen zu legen. Leider aber wird dieses Postulat mitunter nicht eingelöst (Mruck, 2000)1. Dies ist aber nur eines von einer Reihe von Problemen, denn natürlich hat auch die qualitative Forschung mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

Probleme in der qualitativen Forschung

Folgende Probleme und damit auch Grenzen der qualitativen Sozial­forschung lassen sich aus der Literatur

zusammenfassen (z.B. Flick, 20022; Mayring, 19993; Mayring, 20014):

  • Das Scheitern qualitativer Forschung wird zu selten thematisiert: Man erweckt damit den Eindruck, als beruhe die qualitative So­zialforschung auf gesichertem Wissen, was ebenso wenig der Fall ist wie die Behauptung, nur die quantitative Forschung sei in den Sozialwissenschaften angemessen, weil auf gesichertem Wissen fundiert.
  • Anteile der Kunst beim qualitativen Forschen werden bisweilen überbetont (z.B. bei der objektiven Hermeneutik): Damit läuft man Gefahr, einzelne Methoden als nicht oder schlecht erlernbar zu deklarieren, was einer sorgfältigen Forschungspraxis abträglich ist; die Sicherung von Qualitätsstandards wird damit unterlaufen.
  • Die Kritik an der quantitativen Methodologie seitens der qualitati­ven Forschung ist bisweilen einseitig und überzogen (s.o.): Der Vorwurf, quantitative Forschung sei ausschließlich am naturwis­senschaftlichen Paradigma orientiert und würde keine Prozesse untersuchen, ist so nicht richtig und verkennt neue Entwicklungen auch in der quantitativen Forschung.
  • Die bestehenden Gütekriterien und Prinzipien, wie sie in vielen Me­thodenbüchern zur qualitativen Forschung postuliert werden, wer­den nicht immer eingehalten; auch gibt es keinen deutlichen Kon­sens darüber, welche der vielen diskutierten Prinzipien so etwas wie „Kern-Gütekriterien" sind und in jedem Fall eingehalten wer­den müssen: Damit ergibt sich das Problem, dass die Qualität qua­litativer Studien schwankt und bisweilen nicht sichergestellt wird (wovor allerdings auch die quantitative Forschung nicht gefeit ist).

Scheinbare Probleme

Der qualitativen Forschung einen Mangel an Objektivität, Reliabilität und Validität vorzuwerfen und damit die Wissenschaftlichkeit qualita­tiver Verfahren generell in Frage zu stellen, ist nicht dafür geeignet, sich mit tatsächlichen Problemen der qualitativen Forschung (wie oben kurz skizziert) kritisch auseinander zu setzen. Denn Objektivität, Reliabilität und Validität (im Sinne der quantitativen Forschung) sind Gütekriterien, gegen die sich die qualitative Forschung explizit wendet (z.B. Mruck, 2000):

  • Qualitative Forscher halten Objektivität für unangemessen, weil sie ihre eigene Subjektivität nicht als Störvariable betrachten, sondern für den Verstehensprozesse nutzen.
  • Reliabilität (Genauigkeit und damit verbundener Wiederholbarkeit) wird von qualitativen Forschern ebenfalls zurückgewiesen, weil jede Untersuchungssituation als einzigartiges Ereignis verstanden und auch als solches behandelt wird.
  • Die Validität schließlich spielt in der qualitativen Forschung durch­aus eine Rolle - nur wird sie anders (vor allem nicht messtech­nisch) definiert als im quantitativen Paradigma: Es geht hier um die Frage, ob die Konstruktionen des Forschers in den Konstruktio­nen der Untersuchten wirklich begründet sind. Qualitative Forscher bemühen sich - wenn sie „state of the art" arbeiten - also durch­aus um die Gültigkeit ihrer Interpretationen und Verallgemeine­rungen.

 

  1. 1. Mruck, A. (2000).  Qualitative Sozialforschung in Deutschland.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.
  3. 3. Mayring, P. (1999).  Zum Verhältnis qualitativer und quantitativer Analyse. . (Bolscho, D., Michelsen, G., Ed.).Methoden der Umweltbildungsforschung.
  4. 4. Mayring, P. (2001).  Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse..

Qualität qualitativer Forschung

Qualitative Forschungsansätze sind - wie hier noch einmal wiederholt wurde - heterogen, sodass es nicht immer leicht ist, die Qualität dieser Art von Forschung sicherzustellen - allen Gütekriterien und Prinzipien (wie sie in Baustein I beschrieben sind) zum Trotz. Wichtig zur Qualitätssicherung in der qualitativen Sozialforschung ist es, die Wahl qualitativer Methoden bewusst und begründet zu treffen, oder mit anderen Worten: auf die Indikation qualitativer Forschung zu achten (Flick, 2002)1. Es ist also stets zu prüfen, ob qualitative Designs und Methoden (a) für den jeweiligen Gegenstandsbereich, (b) für die jeweilige Fragestellung und (c) für die jeweilige Zielgruppe auch wirklich geeignet sind. In vielen Studien - qualitativen wie quantitativen Untersuchungen - wird genau diese Frage der Indikation zu wenig beachtet. Flick (2002, S. 400ff.) empfiehlt einige „Daumen­regeln und Schlüsselfragen von Forschungsschritten und -methoden", die ein reflektiertes Arbeiten gerade auch in der qualitativen For­schung fördern. Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Es ist genau zu überlegen, ob quantitativ oder qualitativ geforscht werden sollte; die Gründe sind offen zu legen.
  • Die Zielsetzung, das eigene (Forscher-)Interesse und der theoreti­sche Hintergrund dieses Interesses hinter der Forschung sind zu reflektieren.
  • Die Wahl eines Untersuchungsdesigns sollte gut überlegt getroffen werden; eine sorgfältige Planung, bei der auch die verfügbaren Ressourcen mit einzukalkulieren sind, ist unerlässlich.
  • Wichtig ist eine gut begründete Auswahl und Zusammensetzung der untersuchten Zielgruppe (das sog. Sampling).
  • Da qualitative Forschung der Rolle des Forschers eine große Bedeutung beimisst, sind die Beziehungen des Forschers im Feld zu klären und offen zu legen.
  • Die Vor- und Nachteile eingesetzter Erhebungsmethoden und de­ren Passung zum Gegenstand, zur Frage und zur Zielgruppe sind genauestens abzuwägen.
  • Dasselbe gilt für eingesetzte Aufbereitungs- und Auswertungs­methoden.
  • Auch die Art der Darstellung der Ergebnisse muss wohl überlegt sein. Dabei sind der Zweck und die Zielgruppe einer Berichter­stattung im Auge zu behalten.

 

  1. 1. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Validität qualitativer Forschung

Der Validitätsbegriff

Da die Zweifel an der Gültigkeit von Forschung im Allgemeinen sowie von Forschungsinstrumenten und Forschungsergebnissen im Besonde­ren tief ins „Herz" eines jeden Wissenschaftlers treffen, soll der Validi­tätsbegriff an der Stelle noch einmal reflektiert werden: Der Begriff „Validität" (vom Lat. „validus: stark, wirksam, gesund) sagt - einfach gesprochen - aus, dass man als Forscher das erfassen sollte, was man auch erfassen will bzw. zu erfassen vorgibt (und nicht etwas anderes). Man unterscheidet vor allem die externe Validität von der internen Validität und der Konstrukt-Validität - eine Unterscheidung, die aus der quantitativen Forschung kommt:

  1. Externe Validität meint die Übereinstimmung zwischen dem unter­suchten Gegenstand und dem Gegenstand, über den man Aus­sagen machen will, was entscheidend ist für die Generalisierbarkeit der Ergebnisse. Fragen der externen Validität sind auch für die qualitative Forschung relevant.
  2. Interne Validität liegt vor, wenn es (meist bei Experimenten) ge­lingt, die Störvariablen (also diejenigen Variablen, die man nicht untersuchen will) zu kontrollieren. Die so definierte interne Validi­tät spielt in der qualitativen Forschung keine Rolle.
  3. Konstrukt-Validität schließlich bezieht sich auf die Gültigkeit eines eingesetzten Instruments (und damit auf die bekannte exempla­rische Frage, ob ein Intelligenztest wirklich Intelligenz misst). Die messtheoretische Auslegung dieses Validitätsbegriffs ist für die qualitative Forschung nicht wichtig. Dass aber auch qualitative Er­hebungsverfahren Gültigkeit für den untersuchten Gegenstand oder die untersuchten Menschen haben müssen, dürfte außer Frage stehen.

Validierung in der qualitativen Forschung

In der qualitativen Forschung geht es weniger um die Gültigkeit von Messungen und Messinstrumenten als vielmehr um die Gültigkeit von Interpretationen, damit aber auch um die Gültigkeit von Verallgemei­nerungen und durchaus auch (s.o.) um die Gültigkeit von eingesetzten Methoden. Eine große Rolle spielt die in der quantitativen Forschung wenig thematisierte ökologische Validität, die die Übereinstimmung der Untersuchungsbedingungen mit den natürlichen Umweltbedingun­gen der untersuchten Personen oder Phänomene meint. Unterschieden werden mehrere Verfahren zur Feststellung von Validität, was man als Validierung bezeichnet. Validierung zielt in der qualitativen Forschung darauf ab, einen Konsens herzustellen; typische Verfahren sind:

  1. Konsensuelle Validierung: Konsensherstellung zwischen verschie­denen Forschern beim Auswerten.
  2. Kommunikative Validierung: Konsensherstellung zwischen For­schern und „Beforschten" im Feld.
  3. Argumentative Validierung: Konsensherstellung zwischen For­schern und außenstehenden Personen.

 

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Qualitative Sozialforschung ist letztlich ein „Sammelbegriff" für eine Vielzahl verschiedener Verfahren, deren Beurteilung von daher nicht pauschal ausfallen kann. Ebenso verbieten sich für differenziertere Auseinandersetzungen mit der qualitativen Forschung dichotom for­mulierte Gegenüberstellungen mit der quantitativen Forschung. Letzt­lich mangelt es in beiden Forschungsparadigmen an einheitlichen Defi­nitionen. Neben Vorteilen wie Offenheit, Gegenstandsnähe und prak­tischer Relevanz der Ergebnisse gibt es in der qualitativen Forschung auch Probleme. Mangelnde Wissenschaftlichkeit aber ist ein Vorwurf seitens der quantitativen Forschung, der ebenso abzulehnen ist wie die generelle Verunglimpfung der quantitativen Forschung. Insbeson­dere am Begriff der Validität kann man deutlich machen, dass beide Forschungsparadigmen um Wissenschaftlichkeit bemüht sind, dass sie dies aber mit verschiedenen Verfahren und mit unterschiedlicher Zielsetzung tun.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Flick, U. (2002). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek: Rohwolt. (Diese - auch für diese E-Learning-Veranstaltung empfohlene - Be­gleitlektüre kann in ihrer forschungslogischen Strukturierung der Inhalte zur qualitativen Sozialforschung die Inhalte in der vorliegen­den Lernumgebung sehr gut ergänzen.)

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V: 2. Kombination quantitativer und qualitativer Forschung

Qualitative und quantitative Forschung: ein Gegensatz?

Nach dem bisher Gesagten stellt sich die Frage, warum dennoch so oft suggeriert wird, qualitative und quantitative Forschung stünden einan­der unversöhnlich gegenüber. Nun gibt es in der Tat Unterschiede beider Forschungsparadigmen auf der Ebene der Ontologie (der Lehre vom Seienden), der Epistemologie (der Lehre vom Erkennen der Wirklichkeit) wie auch der Anthropologie mit allen bekannten Folgen für die jeweils herangezogene Methodologie (siehe Baustein I): Den­noch wird zunehmend erkannt, dass sich qualitative und quantitative Vorgehensweisen sowohl in der Erhebung und Auswertung von Daten als auch im Untersuchungsdesign auf unterschiedliche Weise kombi­nieren lassen und damit keineswegs einen unüberbrückbaren Gegen­satz bilden. Im Folgenden soll gezeigt werden auf welchen in der Forschung relevanten Ebenen eine Kombination möglich ist und Sinn macht (von Saldern, 1992;1 vgl. vor allem Mayring, 2001)2.

 

  1. 1. von Saldern, M. (1992).  Qualitative Forschung – quantitative Forschung: Nekrolog auf einen Gegensatz.. Empirische Pädagogik. 6, 377-399.
  2. 2. Mayring, P. (2001).  Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse..

Kombinationsmöglichkeiten auf der technischen Ebene & der Datenebene

Kombinationsmöglichkeiten auf der technischen Ebene

Auf der technischen Ebene gibt es die Möglichkeit, durch den Einsatz von Computersoftware quantitative und qualitative Vorgehensweisen miteinander zu kombinieren, was auch seit vielen Jahren erfolgreich getan wird. Dies macht vor allem dann Sinn, wenn große Daten­mengen in der qualitativen Forschung anfallen (was in vielen qualita­tiven Studien passiert). In solchen Fällen können technische Such-, Navigations-, Bearbeitungs- und Kodierfunktionen wertvolle Dienste leisten; auch statistische Analysen der Kodierungen sind dann mög­lich. Nicht möglich ist allerdings ein Delegieren der Auswertungsarbeit an den Computer; letzterer kann beim qualitativen Forschen nur unterstützend eingesetzt werden.

Kombinationsmöglichkeiten auf der Datenebene

Auf der Ebene der Daten kommt es in der Praxis der qualitativen Sozialforschung bei der Auswertung bereits in vielen Fällen zu einer Kombination qualitativer und quantitativer Analysen: Die qualitative Inhaltsanalyse z.B. postuliert die Bildung von Kategorien, die sich z.B. im Hinblick auf Häufigkeiten analysieren lassen und weitere Vergleiche möglich machen; auch Rangreihen lassen sich auf diese Weise bilden. Es werden also zunächst qualitativ analysierte Daten quantifiziert, um sie im Anschluss daran wieder qualitativ zu interpretieren.

 

Kombinationsmöglichkeiten auf der Designebene

Auf der Ebene des Untersuchungsdesigns gibt es die meisten Möglich­keiten einer Kombination qualitativer und quantitativer Vorgehens­weisen: Zu unterscheiden sind das Vorstudienmodell, das Verallge­meinerungsmodell, das Vertiefungsmodell und das Triangulations­modell.

  1. Am bekanntesten ist das Vorstudienmodell, bei dem eine qualita­tive Studie als Vorstufe im Sinne der Hypothesengenerierung durchgeführt wird; die so gewonnenen Hypothesen werden dann in einer darauf folgenden quantitativen Studie überprüft.
  2. Beim Verallgemeinerungsmodell erfolgt eine qualitative Studie zunächst vollständig (und nicht nur zur Hypothesengewinnung), um anschließend mit quantitativen Methoden zu weiteren Über­prüfungen und Verallgemeinerungen zu gelangen.
  3. Das Vertiefungsmodell kehrt im Vergleich zum Vorstudien- und Verallgemeinerungsmodell die Verfahren um: Im Anschluss an eine quantitative Studie wird zum besseren Verstehen von Hintergrün­den und Kontexteinflüssen eine qualitative Studie durchgeführt.
  4. Die Kombination mit höchster Komplexität auf der Designebene beinhaltet das Triangulationsmodell: Hier wird eine Fragestellung aus verschiedenen Perspektiven mit verschiedenen qualitativen und quantitativen Methoden untersucht.

Exkurs: Triangulation

Die oben genannte Methodentriangulation ist nur eine von mehreren Formen der Triangulation, die in der qualitativen Sozialforschung be­schrieben werden (angesprochen wurde das Prinzip der Triangulation bereits in Baustein I): Neben Methoden kann man auch verschiedene Datenarten, mehrere Forscher und unterschiedliche theoretische Rich­tungen miteinander kombinieren (Denzin, 19891; vgl. auch Flick, 2002)2

  1. Methoden-Triangulation: Methodologische Kombinationen sind so­wohl innerhalb einer Methode (z.B. verschiedene Subskalen in einem Fragebogen) als auch zwischen Methoden (im Sinne der Kombination etwa von Fragebogen und Interview) möglich.
  2. Daten-Triangulation liegt vor, wenn in einer Untersuchung ver­schiedene Datenquellen (bezogen auf Zeit, Raum und Personen) einbezogen werden.
  3. Forscher-Triangulation liegt vor, wenn mehrere Forscher in ihrer Rolle als Interviewer, Beobachter etc. gemeinsam tätig sind, um subjektive Verzerrungen zu minimieren (was, wie oben gezeigt wurde, ein Verfahren der konsensuellen Validierung ist).
  4. Theorien-Triangulation liegt vor, wenn unterschiedliche theore­tische Sichtweisen bei der Formulierung von Forschungsfragen ebenso wie bei der Erhebung und Interpretation von Daten heran­gezogen werden.

 

  1. 1. Denzin, N. K. (1989).  The research act.
  2. 2. Flick, U. (2002).  Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung.

Kombinationsmöglichkeiten auf der Ablaufebene

Wenn quantitatives und qualitatives Denken innerhalb der gesamten Forschungslogik (also im Ablauf)

kombiniert werden, erhält man nach Mayring (2001)1 die größte Chance, die jeweiligen Vorteile der beiden Forschungstraditionen zu nutzen. Möglich ist eine solche forschungs­logische Integration, indem das bekannte idealtypische Ablaufmodell an einigen Stellen um qualitative Aspekte erweitert wird:

  1. Explikation und Spezifizierung der Fragestellung: Dazu gehören Er­örterungen zur Relevanz und zum Problembezug der Fragestel­lung, Hypothesen oder offenen Forschungsfragen.
  2. Explikation des Theoriehintergrunds: Dazu zählen eine Aufarbei­tung des Stands der Forschung und des bevorzugten Theoriean­satzes und das jeweilige Vorverständnis des Forschers.
  3. Empirische Basis: Damit sind die Beschreibung der Stichprobe oder des Einzelfalls sowie die Beschreibung des Materials und der Mate­rialauswahl gemeint.
  4. Methodischer Ansatz: Aufzuführen sind hier alle Erhebungs-, Auf­bereitungs- und Auswertungsverfahren und eine Begründung der Verfahren, wobei sowohl standardisierte als auch spezifisch für be­stimmte Fälle konstruierte Instrumente möglich sind.
  5. Ergebnisse: Gemeint ist die Darstellung und Zusammenfassung der Ergebnisse sowie ein Rückbezug auf die Hypothesen oder die gestellte Forschungsfrage qualitativer Art.
  6. Schlussfolgerungen: An der Stelle sind Aussagen erforderlich zu den Gütekriterien, zur Relevanz der Ergebnisse sowie zu Möglich­keiten der Verallgemeinerung bzw. zur Begrenzung der Gültigkeit der Ergebnisse.

 

  1. 1. Mayring, P. (2001).  Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse..

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Qualitative und quantitative Forschung lassen sich kombinieren. In­teressante Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich auf der techni­schen Ebene, auf der Datenebene, auf der Designebene und auf der Ablaufebene. Insbesondere die Integration qualitativen und quantita­tiven Denkens und Handelns auf der Ebene von Untersuchungsdesigns und auf der Ebene der Forschungslogik können dem Anspruch nahe kommen, eine möglichst hohe Passung von Strategien und Methoden einerseits und Gegenstandsbereichen und Zielen andererseits zu erreichen. Zentral ist der Begriff der Kombination auch beim Triangu­lationskonzept, das in der qualitativen Forschung eine besondere Rolle spielt: Auch eine Triangulation ist auf verschiedenen Ebenen möglich, nämlich auf der Ebene der Methoden, der Daten, der Forscher und der Theorien.

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  • Mayring, P. (2001). Combination and Integration of Qualitative and Quantitative Analysis. Forum Qualitative Sozialforschung, 2(1). URL: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-01/1-01mayring-d.pdf (Gute Zusammenfassung der verschiedenen Möglichkeiten einer Integration quantitativer und qualitativer Vorgehensweisen in der Forschung.)

 

 

V: 3. Einsatz der neuen Medien in der qualitativen Forschung

Bedeutung neuer Medien

Neue technische Möglichkeiten verändern zwar nicht die Kernfragen qualitativen Forschens, sie können jedoch einzelne Schritte im For­schungsprozess beschleunigen und verbessern. Unter neuen Medien sollen hier der Personal Computer, digitale Eingabegeräte und das Internet verstanden werden. Kennzeichnend für unsere Gesellschaft heute ist, dass die fortschreitende Digitalisierung zunehmend mehr Lebensbereiche durchdringt - eben auch die Forschung: neben dem PC und verschiedenen Software-Anwendungen haben digitale Kame­ras, Audio-Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräte oder neue Publika­tionsformate wie Weblogs im Internet Einzug in die Forschung gehal­ten. Die nachfolgenden Ausführungen stellen kurz die Einsatzmöglich­keiten und Trends neuer Medien entlang des Forschungsprozesses dar.

 

Einsatzmöglichkeiten I

Aufzeichnung, Nachbearbeitung und Distribution

In den letzten Jahren stehen dem Forscher immer mehr Aufzeich­nungswerkzeuge für verbale und visuelle Daten zur Verfügung. Di­gitale Audiorecorder, digitale Foto- und Videokameras einschließlich der nachgelagerten Bearbeitungsmöglichkeiten sind nicht nur verfüg­bar, sondern auch zunehmend erschwinglicher geworden. Anders als analoge Medien erlauben digitale Medien auch ohne allzu große tech­nische Kenntnisse, Daten in einer Art aufzuzeichnen, aufzubereiten und nachzubearbeiten, die früher nur Medienprofis erreicht haben. Zur schnellen Weitergabe und gegebenenfalls räumlich verteilten Be­arbeitung von Daten stiftet das Internet großen Nutzen. Mit Ein­schränkungen muss man im Prinzip nur noch bei großen Bilddatenbe­ständen oder Videodatenströmen rechnen.

Rekrutierung von „Untersuchungssubjekten"

Während die Vorteile der neuen Medien für Aufzeichnung, Aufbe­reitung und Nachbearbeitung in der Forschung hinlänglich bekannt sind, wird wenig über die neuen Möglichkeiten diskutiert, auch Ziel­gruppen für Untersuchungen via Internet zu rekrutieren. Eine größere Anzahl von möglichen Untersuchungssubjekten und Interessenten anzusprechen, wird auf diesem Wege sehr effizient. Da diese Personen dann aber auch räumlich verteilt sein können, macht der Online-Weg der Rekrutierung vor allem (bzw. nur dann) Sinn, wenn auch die Datenerhebung größere Online-Anteile vorsieht und das Internet Teil der Forschungsmethode ist.

Datenquelle und Forschungsgegenstand

Das Internet als größtenteils (hyper)textbasiertes Medium kann na­türlich auch selbst als Forschungsgegenstand für qualitative Sozial­forschung dienen. Viele soziale Phänomene wie verteilte Zusammen­arbeit, computerbasierte Kommunikationsprozesse und globale Ver­netzung von Interessensgruppen lassen sich nur oder besonders gut im Internet untersuchen. Dies hängt mit der wachsenden digitalen Durchgängigkeit von Medien bei der Erstellung von Dokumenten zu­sammen (s.o.). Es gibt inzwischen eine Vielzahl digitaler Dienste, die regelmäßiges Publizieren von eigenen Gedanken und Erlebnissen er­möglichen (Weblogs), den öffentlichen Austausch von Bildern unter­stützen (www.flickr.com) und Prozesse der netzgestützten Zusam­menarbeit detailliert protokollieren (Wikis mit dem Vorzeigebeispiel wikipedia.org).

 

Einsatzmöglichkeiten II

Unterstützung in der Erhebungsphase

Bei der Datenerhebung werden neue Medien heute - sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Forschung - vermehrt ein­gesetzt. Beispiele sind: virtuelle Produkttests, Online-Experimente, Online-Befragungen und Online-Gruppendiskussion (Welker, Werner und Scholz, 2005)1. In der Forschungs-Praxis aktuell am häufigsten verbreitet sind strukturierte Online-Befragungen, die effizient quanti­tativ verwertbare Daten (auch in sehr großen Mengen) erzeugen. Aber auch teilstrukturierte und selbst fokussierte, eher offene Befragungen sind online selbstverständlich möglich.

Laufende Forschungsdokumentation

Laptops und kleinere mobile Geräte ermöglichen heute eine zeitnahe Digitalisierung von Feldnotizen und „Memos" gerade in der qualitati­ven Forschung. Neben klassischen Aufzeichnungen dieser Art, lassen sich Feldnotizen und Memos auch öffentlich und auf diesem Wege leicht referenzierbar machen; dies ist vor allem mit Weblogs im Internet möglich: Der Vorteil ist eine kontinuierliche Transparenz über den Forschungsprozess und die Möglichkeit, Fachkontakte zu knüpfen und bereits im Forschungsprozess den wissenschaftlichen Austausch anzu­kurbeln (z.B. im Sinne einer Validierung der Konstruktionen; s.o.)

Unterstützung in der Auswertungsphase

Die Unterstützung der Datenauswertung ist die klassische Domäne des Computers - in der quantitativen wie auch qualitativen Forschung. Mittlerweile sind speziell für die qualitative Forschung eine ganze Rei­he sinnvoller Computerprogramme verfügbar. Sie werden im Engli­schen als QDA (Qualitative Data Analysis) Software oder als CAQDAS (Computer Aided Qualitative Data Analysis) Software bezeichnet. Da­bei allerdings gilt: Genauso wenig wie ein Textverarbeitungsprogramm automatisch einen Artikel schreibt, entwickelt eine solche Software ein Kategoriensystem oder führt die Auswertung quasi automatisch durch. Sie übernimmt allerdings Funktionen, die das Arbeiten erheblich er­leichtern und beschleunigen können, z.B.:

  • das Editieren von Feldnotizen,
  • die Vergabe von Codierungen,
  • die Verwaltung der mit diesen Codierungen verknüpften Textseg­mente,
  • das (Wieder)-Auffinden von Textstellen sowie teilweise auch
  • die Darstellung und Manipulation von Konzept-Netzwerken.

Weitere Funktionen, die man in der Auswertung nutzen kann, sind Al­gorithmen und Programme zum Text-Mining, die die Suche und Ex­traktion von Textstellen und Schlüsselwörtern automatisieren. Diese Werkzeuge sind aber nur bei großen Textmengen sinnvoll und setzen Expertise zur Abstimmung auf den eigenen Anwendungsfall voraus. Nur unter diesen Voraussetzungen lassen sich in der Regel auch die Er­wartungen der Anwender nach Qualitätsverbesserung in der For­schung erfüllen.

Berichtlegung

Der Einsatz des PCs zur Erstellung der Forschungsdokumentation ist heute Standard. Häufig kommen Massenprodukte zur Textverarbei­tung zum Einsatz, manchmal ergänzt durch Zusatzwerkzeuge und Datenexporte aus den oben geschilderten Programmen. Seltener dagegen ist nach wie vor die Verwendung offener, vernetzbarer Doku­mentationsformate basierend auf Internet-Technologien.

 

  1. 1. Welker, M., Werner A., & Scholz J. (2005).  Online-Research. Markt- und Sozialforschung mit dem Internet..

Zusammenfassung & weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Neue Medien und Publikationsformate bieten vielfältige Möglichkeiten zur Unterstützung qualitativer Forschungsprozesse. Sie haben meist Werkzeugcharakter, wie in den klassischen Bereichen Auswertung und Berichtlegung, können aber auch selbst zum Forschungsgegenstand werden. Zwar stehen die technischen Möglichkeiten prinzipiell seit vielen Jahren zur Verfügung; gerade in letzter Zeit aber findet eine zunehmende Nutzung auch von nicht oder kaum technisch vorgebil­deten Anwendergruppen statt, was durch intuitivere Werkzeuge er­möglicht wird.

Symbol Buch Literaturtipp

  • Kuckartz, U. (2007). Einführung in die computergestützte Analyse qualitativer Daten (2. aktualisierte und erw. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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