V: 1. Einschätzung qualitativer Forschung

Gibt es „DIE" qualitative Forschung?

Heterogenität qualitativer Forschung

Insbesondere der Baustein II hat mit seinen verschiedenen Untersu­chungsdesigns deutlich gemacht, dass der Begriff „qualitative Sozial­forschung" allenfalls einen kleinen gemeinsamen Nenner für eine Viel­zahl wissenschaftlicher Vorgehensweisen darstellt. Zwar gibt es - wie Baustein I gezeigt hat - immer wieder Versuche, grundlegende Merk­male, Gütekriterien und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung zu formulieren, die insbesondere für eine nachvollziehbare Forschungs­praxis von hohem Wert sind. Allerdings darf dies nicht darüber hin­wegtäuschen, dass die qualitative Forschung eine Vielzahl verschiede­ner Herangehensweisen an die wissenschaftliche Untersuchung von Forschungsfragen umfasst (vgl. Lamnek, 19881; Mruck, 20002): Einige qualitative Verfahren drehen sich um das Ziel, den subjektiv gemein­ten Sinn nachzuvollziehen; hier stehen das Subjekt und seine Deu­tungsmuster und Handlungsmöglichkeiten im Vordergrund. Andere qualitative Verfahren wollen vor allem soziales Handeln und soziale Milieus beschreiben; hier geht es weniger um Interpretation als viel­mehr um den Versuch, Phänomene möglichst detailgetreu zu erfassen und auf diesem Weg auch zu verstehen. Schließlich gibt es qualitative Verfahren (vor allem im Rahmen der objektiven Hermeneutik), die darauf abzielen, deutungs- und handlungsgenerierende Strukturen zu rekonstruieren. Daneben existieren zahlreiche andere Richtungen, die sich unter anderem in den verschiedenen Untersuchungsdesigns quali­tativer Forschung und deren teilweise voneinander abweichenden Zielsetzungen zeigen.

Mangel an einheitlichen Definitionen

Die qualitative Forschung gibt es also nicht. Man muss schon genauer sagen, wovon man spricht, wenn man die qualitative Sozialforschung ins Feld führt. Allerdings: Es gibt ebenso wenig die quantitative For­schung. Für beide Paradigmen findet man keine wirklich einheitliche Definition (Wolf, 1995)3. Folgerichtig sind dichotom formulierte Gegen­überstellungen von quantitativer und qualitativer Forschung zwar ein erster Schritt zur Abgrenzung und zum Verständnis (wie in Baustein I dargestellt), aber letztlich nur wenig für eine differenzierte Auseinan­dersetzung um die Frage nach dem Nutzen quantitativer und qualita­tiver Methoden geeignet. Auf einen knappen Nenner gebracht geht es der quantitativen Forschung um die Untersuchung von Merkmalen, deren Häufigkeiten und korrelative oder kausale Zusammenhänge, wobei vor allem über die Stichprobenwahl eine Verallgemeinerung auf die Grundgesamtheit erfolgt. Demgegenüber (wenn man denn gegen­überstellen will) geht es der qualitativen Forschung um die Untersu­chung von Lebenswelten und Interaktionsprozessen, bei der Verallge­meinerungen auf anderen Wegen als repräsentative Stichprobenzieh­ungen versucht werden (z.B. Treumann, 1986)4.

 

  1. 1. Lamnek, S. (1988).  Qualitative Sozialforschung. Bd 1: Methodologie..
  2. 2. Mruck, A. (2000).  Qualitative Sozialforschung in Deutschland.
  3. 3. Wolf, W. (1995).  Qualitative versus quantitative Forschung. (E. König, P. Zedler, Ed.).Bilanz qualitativer Forschung. Bd. I: Grundlagen qualitativer Forschung.. 308-329.
  4. 4. Treumann, K. (1986).  Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung. Mit einem Ausblick auf neuere Jugendstudien. (Heitmeyer, W., Ed.).Interdisziplinäre Jugendforschung. 199-220.